auf Indisch buchstabieren

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riemsche
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auf Indisch buchstabieren

Beitragvon riemsche » 14.11.2006, 01:11

tagebuch einer reise abseits pauschaler erwartungshaltung. vielleicht was für d homepage von Inge, powerfrau und nach meinem solo in goa ab delhi reiseleiterin http://www.einfach-unterwegs.com/ mit definitivem hang zum außergewöhnlichen - perfekt fürn quereinsteiger in sachen kleingruppierung wie meinereiner (:->))
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Dem mitteleuropäischen Besucher öffnet Indien eine völlig neue Dimension an möglichen Definitionen zum Thema Armut. Delhi ist in dieser Hinsicht wohl der Hardcore-Einstieg, vermittelt ein krankes Zerrbild menschlicher Tragödien - zwingt Indien-Neulinge oft schon nach wenigen Stunden auf der Straße kreidebleich wieder zur Rückkehr ins vermeintlich sichere Hotelzimmer. Immer den Blick gerade aus - nach Möglichkeit nicht auf den Boden sehen. Man blickt in tote Augen, deformierte Gesichter, verstümmelte Körper kriechen, robben, liegen überall. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, diese Leute würden nachts von der Straße geholt, unter Drogen gesetzt, in Fabriken fachmännisch zersägt und dann täglich als lebende Opferstöcke an touristischen Hotspots der Stadt deponiert. Mütter in zerlumpten Saris verstecken hinter dreckigen Tüchern Gold in Nase und Ohren, strecken einem mit einer Hand den blanken Hintern ihrer Kleinkinder ins Gesicht (keine Unterwäsche ist gleich arm - angenommenes westliches Denkmuster ?) während die andere in Höhe der Geldgürtel unter verschwitzten Hemden fordernd zuckt. Die Englischkenntnisse der Minderjährigen beschränken sich vorerst altersunabhängig und nach Priorität geordnet auf " 10 Rupies, school-pen und schocolade " . Das formal angehängte "please" kann je nach schauspielerischem Talent mittels Mimik und Tonlage von weinerlich bis agressiv variieren - wobei gut kopierte Markenkleidung und mühsam unterdrücktes Lachen der fast spielerisch vorgetragenen Bettelshow keinen Abbruch tut . Wem gibt man was - und wenn, wieviel ? Dieses Dilemma löst kein Tip im Travelguide, kein gutgemeinter Rat eines Reisebegleiters, auch kein großzügiges Spenderherz (dazu sind es einfach zu viele) sondern jeder individuell für sich. Ist man länger in diesem Land unterwegs trifft man auch auf Kinder, die wie in Pushka reihenweise in dünne Decken gewickelt unter freiem Himmel schlafen und dir - von deinen zu lauten Schritten halbwach und übers ganze Gesicht lächelnd - im Chor ein fröhliches GoodNight auf den Weg ins warme, saubere und gemütliche Gästehaus mitgeben. Ich freue und schäme mich zugleich.
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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon Susanne » 15.11.2006, 22:52

...bist Du sicher, dass Deine Power Reiseleiter Frau nicht arbeitslos wird, bei Deinen Texten? ;-)

Ich bin eher übertrieben positiv stimmende Texte in Bezug auf Reisen gewöhnt. Die meisten Leute wollen doch im Urlaub was tolles erleben und nicht die Zerrbilder menschlicher Tragödien kennenlernen. Ok - vielleicht ist der ein oder andere genau darauf aus, aber der "normale" Reisende...

Ich kenne natürlich die Webseite nicht, für die Du da schreibst.

"
Man blickt in tote Augen, deformierte Gesichter, verstümmelte Körper kriechen, robben, liegen überall. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, diese Leute würden nachts von der Straße geholt, unter Drogen gesetzt, in Fabriken fachmännisch zersägt und dann täglich als lebende Opferstöcke an touristischen Hotspots der Stadt deponiert."

Ey - da fahr ich doch nicht hin... :-D

Wie gesagt, die Webseite, für die Du da schreibst, hat sicher eine Zielgruppe. Dazu würde ich mich aber eher nicht zählen....

;-)

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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon riemsche » 15.11.2006, 23:50

servus susanne -
als teaser bestimmt kein appetizer. aber mir wichtig indiz, hinweis darauf, alltäglich hardcore eines old-delhi-bummels nicht automatisch auf nen komplett subkontinent umzulegen und in folge vorzuverurteilen. Inge las des öfteren probe, fand s nicht zwingend farbenprächtig tagebuch ganz in ordnung so.
lGr
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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon Susanne » 15.11.2006, 23:52

Ja, ja - schon klar. Nach Indien reist man auch in der Regel nicht pauschal. ;-)

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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon riemsche » 16.11.2006, 00:14

hast du deine route schon gewählt? ich such bis auf freundlich gesinnt basislager immer d alternative. so alle 2 jahre für 4-5 wochen, eine spirituelle entdeckungsreise, herzlich und besonders. mittlerweile schon mit local familienanschluss.
lGr
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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon Susanne » 16.11.2006, 23:08

...oh, das hast Du vielleicht missverstanden. Ich war noch nie in Indien.

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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon riemsche » 16.11.2006, 23:21

dann solltest du unbedingt einmal hin - eine reise, die off the beaten tracks ein fest für sinne, seele und bauch ist. eine art mehr oder weniger sanfte reduktion westlicher denkweise auf die wirklich notwendigen bedürfnisse, um einfach nur happy zu sein. dann wieder zu hause toppt der kulturschock in vermeintlich vertrauten gefilden den vor ort erwarteten um längen ! interessiert an ein paar bildern ?
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Überall in Indien fällt auf, dass auch an niederste Arbeiten mit schier unerschöpflichem Ideenreichtum, begeisterndem Einsatz und positiver Körpersprache herangegangen wird. Nirgends sonst habe ich stundenlang zugesehen, wie Körperspannung, meditative Versunkenheit zusammen mit rituellen, immer gleichen Bewegungen Strassen, Höfe, Hallen fegte. Keine Ecke wird dabei ausgelassen. Etwas für jemand tun und das augenscheinlich gerne. Tagtägliches Bestreben, der Wunsch sich zu verbessern, jedes Geschäft hat eine andere Vorstellung davon. Ist momentan keine potentielle Kundschaft in Sicht, ist der Verkäufer, der oft auch der Chef ist, nicht untätig - werden so ganz nebenbei geringfügige, aber für den Augenblick entscheidende Änderungen an der Warenauswahl-und Präsentation vorgenommen, Beziehungen zum benachbarten Laden aufgefrischt. Abiz eitel sein sieht gut aus und das reicht für einen kurzen Spiegelcheck. Kleiderordnung, Auftritt, Aussehen, Geruchstest, Frisur, Lächeln, passt. Bei der guten Gelegenheit im Hintergrund auch noch die neueste angesagte Räucherstäbchenduftnote anzutesten, ist aus Erfahrung a verygood idea.

Welch unliebsames Erwachen, wenn einem nach der Rückreise schon die Bedienung im Flughafenrestaurant Frankfurt mit essigsaurer Miene, auf den Tisch geknallten Gläsern und militant forscher Abkassiermethode klar zu verstehen gibt, dass ihr Gäste (die mit satter Urlaubsbräune wahrscheinlich doppelt) ihr Job im Speziellen und Business im Allgemeinen wieder mal extrem am supersize Allerwertesten vorbeigehen.
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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon riemsche » 20.11.2006, 22:14

Vagatorbeach in Nordgoa am frühen Vormittag. Fotoshooting für eine deutsche Modezeitschrift. Ein Kameramann, der über veraltetes Equipment flucht. Sein Assistent, der sich mit einem riesigen Sonnensegel im Nacken in der steifen Brise verbissen gegen den drohenden Segelflug wehrt. Ein Fashionberater im lila Jacket, der unter schnalzenden Kommentaren umstehender Inder immer was in Brusthöhe des Models zu fingern hat, obwohl es da ohnehin nicht viel zu verstecken gibt. Viel zu fummeln hat auch die Stylistin - immer ist eine Haarsträhne nicht dort wo sie sein soll, glänzt plötzlich die Nase statt der Augen und schon staubts aus der Puderdose. Das Model -extra aus den Staaten eingeflogen- wirkt übergroß, unterernährt und in allen Belangen blasser als die quirlige Strandverkäuferin. Die folgt den Hektikern auf Schritt und Tritt, steht nie direkt behindernd im Weg und transponiert ihren Singsang an Anpreissprüchlein in hypnotischen Halbtonschritten die FünfTonleiter rauf und runter.
Die Aufraggeberin selbst, bewaffnet mit dickem Notizblock und in steter Diskussion mit dem Lilamann liebäugelt mit einem Hundebaby vom Strandcafe als Sekoidee: "its sooo sweet – its perfekt, isnt it ?" Dem krebsroten Helfer, der ob all der Schlepperei in mittlerweile praller Mittagssonne den Kleiderständer voller Sommerfähnchen jetzt schon zum wiederholten Male demonstrativ vehement in den Sand setzt, scheints egal zu sein. Nach zwei Stunden diskutiert das Team erste brauchbare Abzüge und die knappe Terminsituation. Noch ist kein Katalog fertig. Ob sich Kosten und Nerven für diesen ThreeDayJump rechnen, kommt noch erschwerend hinzu. Das bunte Indermädel hingegen jubelt den Modefuzzis durch sanft nervende Präsenz bei immer weniger Gegenwehr in diesen paar Stunden ein ganze Kollektion von beautiful Tüchern, very cheap Halsketten, good prize Armbändern, nice Fußketttchen plus einem looking good Wandbehang zum extra unverschämten Mal-Zehn-Ausrufpreis unter. Thats business!
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Kamelmarkt in Pushkar, 6.30 Sonnenaufgang. Ein englisches Kamerateam sperrt den Bereich um einen Riesenhaufen Kamelfutter samt archaischer Steinwaage für möglichst chillige Fotos klotzig schwarzer Designermöbel. Diese werden im Minutentakt abgestaubt, stehen im Morgenlicht wie Monolithen, bedrohlicher Kontrast zur der, sie umgebenden Wüstenlandschaft. Neugierige Nomaden, hungrige Kamele, interessierte Adabeis und den Werkverkehr dabei im richtigen Moment aus Gegenlicht und Panoramabild zu halten, lässt die Männer hinter den Stativen zur allgemeinen Erheiterung irgendwann fast Amok laufen.

Ein paar Meter weiter legen wild zerfetzte Ledersandalen eine wohl durchdachte Spur von Vergänglichkeit bis zu einem geräumigen Bretterverschlag. Dort schneidert ein Schuster vor der rauchenden, Tee trinkenden, in allen Dialekten kommunizierenden, vorübergehend barfüßigen Kundschaft im Akkord neue Fußbekleidung. Die Produktion strapazierfähiger Unikate geht ihm sehr professionell, mächtig rasant und dennoch locker entspannt plaudernd von der Hand. Reisenden jeglicher Herkunft, Konfession und Schuhgröße wird so auf die Unmissverständliche vermittelt, wie und wo man nach einem Gewaltmarsch razfaz zu neuen Tretern kommt. In der lockeren Warteschlange mangelt es nicht an Gesprächsstoff und Erdnüsse zum Knabbern, frisch geröstet oder aus dem Dampfkessel, gibts um die Ecke.
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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon Susanne » 20.11.2006, 23:03

dann solltest du unbedingt einmal hin - eine reise, die off the beaten tracks ein fest für sinne, seele und bauch ist. eine art mehr oder weniger sanfte reduktion westlicher denkweise auf die wirklich nowendigen bedürfnisse, um einfach nur happy zu sein. dann wieder zu hause topt der kulturschock in vermeintlich vertrauten gefilden den unten um längen ! interessiert an ein paar bildern ?


upps- jetzt aber schnell:

Na.... gucken wir mal, wie Dein Buchstabieren so weitergeht... ;-)

Ohne Quatsch - Indien hat mich nie wirklich gereizt. Nun, mit Kleinkind noch weniger. Ist doch eher was für ungebundene vagabundierende kinderlose Weltenerkundler.
;-)

Wir reisen sehr gerne und sehr viel. Auch mit Kind. Es gibt so gewisse Ziele, die mich nie interessiert haben. Zu Indien stehe ich eher neutral muss ich sagen.
Wir sind beide Taucher, was auch immer einen grossen Einfluss auf unsere Reiseziele hat.

Was die Reduktion auf die wirklich notwendigen Bedürfnisse betrifft, so kann man dies in vielen Ländern dieser Erde und sogar zu Hause erfahren. Ach was red ich denn... ;-)

Nun denn - lesen wir weiter!

Susanne
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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon Susanne » 21.11.2006, 23:11

Hallo Kasparov,

ab dem Part:

"Überall in Indien fällt auf, dass auch an niederste Arbeiten mit großem Ideenreichtum, begeisterndem Einsatz und positiver Körpersprache -ja fast rituellen Bewegungsabläufen- herangegangen wird.Jede(r) hat immer etwas für jemand zu tun und macht dies für jede(n) ersichtlich gerne."

etc.pp...

wird es für mich interessant in Bezug auf dieses spezielle Land Indien. Alles, was darüber steht, habe ich in anderen Ländern genauso erlebt - für mich also nicht massgeblich charakterisierend. Strandverkäufer, Kamele, Models - gibts vielerorts. (grrr.... - werd nie vergessen, dass mein Mann mal auf den Malediven neben einem blonden Fotomodell unter der Palme posen musste, bzw. durfte, und er noch mächtig stolz auf die Fotos ist, die ich gerne in den Müll werfen würde. ;-) Ich war schon ein wenig schadenfroh, als die Dame am nächsten Tag wegen Durchfall (hat das Essen nicht vertragen) im Bett lag. Hö, hö, ...dumm gelaufen... ;-) )

Sehr schön, das Beispiel am Flughafen Frankfurt. Die "Servicewüste" Deutschland. Stimmt aber auch nicht immer. Ist schon fast ein bisschen klischeehaft.

Im Moment fehlt mir noch ein bisschen die Verzauberung. Begeistere mich. Was ist wirklich dran, an Indien? Wieso lohnt es sich, das Land und die Menschen kennenzulernen? Bisher ist der Funke bei mir noch nicht übergesprungen. Viele Worte um wenig Kern - für mich im Moment.

Aber bis Z haste ja noch Zeit. ;-)

Liebe Grüsse,
Susanne

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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon riemsche » 22.11.2006, 20:38

servus susanne -
zauber = bauchgefühl ? hab s selbst erlebt, nicht allzU gern so gesehen - vielleicht deshalb etwas weniger vom hachisdatschön und mehr vom thats it! stimme dir zu, indien-feeling ist was ambiente und gutes essen anlangt nach_machbar. schmeckt aber direkt vor ort besser, als aus m wok im trauten heim. wenn dinge geschehen, an orten wo man noch nie war, mit leuten die man bis dahin noch nicht kannte - sind sie dann nicht was völlig anders, besonderes und mit ner universum-doku zur primeTime nie und nimmer zu vergleichen?
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Wenn Einheimische zum gemütlichen Sit-in laden -und das passiert dir in Indien alle Nase lang- wenn sie dann dafür hart bespannte Holzbetten ins Freie stellen, Familie Nachbarn und Freunde im Kreis um dich versammeln und viel von dir wissen wollen - dann wird er serviert. Ist man länger als fünf Minuten in einem Geschäft, dauert das Feilschen um ein edles Stück ein bisserl länger, ist das Warenangebot mit dem dich der Verkäufer überhäuft so umfangreich, dass du beinahe darunter begraben wirst - für ihn ist immer noch ein Plätzchen neben dir frei. An jeder Straßenecke brodelt er in riesigen Töpfen, Händler mit tragbaren Rundgestellen bringen ihn unter die Leute in den Marktgassen. Sein Duft vermischt mit dem von Räucherstäbchen, dampfenden mit Gemüsebrei gefüllten Teigtaschen, süßlichem Wasserpfeifentabak und Kameldung in lodernden Feuern vor Nomadenzelten dominiert die geschäftigen Morgenstunden.

Nur simplen "Chai" zu bestellen reicht in Indien noch nicht, um wohlduftenden, mit Ingwer, schwarzem Pfeffer, Zimt, Nelken und noch mehr gewürzten Schwarztee mit eingerührter Milch zu kriegen. Unkundige erhalten dann nur simplen Milchtee, wässrig, von undefinierbarer Farbe und wundern sich, warum der Inder am Nebentisch den Inhalt seines Glases auf die Untertasse schüttet. das Getränk von dort aus lautstark schlürfend zu sich nimmt und dazu eine kleine Schüssel kalten Bohneneintopf mit viel Zwiebeln löffelt. "Local Breakfast" argumentiert Dilip, mein Taxidriver verschmitzt und legt für dieses seltsame Morgenmenü vier Rupies (= 7 Cent) auf den Tisch. Ich berappe für meinen automatenverdächtigen Nescafe das 10fache - es lebe der Heimvorteil.

Um etwas nach Art des Hauses gewürzt zu erhalten, gibt es das Zauberwort "masala". "Masala-Chai please" lautet die Parole, um einen neuen Tag in Indien mit einem heißen Glas der Superlative zu begrüßen. "Masala" ist aber auch - Curry. Wobei die indisch-kulinarische Variante rein gar nichts mit dem immer gleich sattgelben Pulver zu tun hat, das dir der Würstelstandbesitzer zuhause über den grob zerschnippelten Schübling pudert. Jeder Haushalt, jedes Restaurant, jeder Garküchenstand in Indien hat sein Masala-Curry-Geheimrezept und keiner verrät dir die Namen der zig Gewürze seiner Hausmarke oder zu wieviel feinen Anteilen man sie mischt. Obwohl nach längerer Testphase kreuz und quer durch nicht mehr enden wollende Speisekarten irgendwann einzelne Gerichte zu hmmmmFavoriten avancieren, ist jede namentlich gleiche Speise -je nachdem wo eingenommen- immer eine Überraschung. Da verwandelt sich auch mal ein als bisher mediumspicy -fast harmlos- eingestuftes Essen beim nächsten Versuch in ein flammendes Inferno mit Spätzündereffekt. Allerdings - so scharf die Angelegenheit dann auch wird - der Eigengeschmack all der guten Sachen, die da stets knackig und in satten Farben auf dem Teller landen, geht nicht verloren. Ich gebe zu, dass auch mein Rachen des öfteren dem eines reinkarnierten Drachen glich - aber Reis und Naan, leckeres Fladenbrot aus den dicken Lehmöfen plus literweise bottled water erwiesen sich im Extremfall immer noch als die besten Feuerlöscher. Ich musste daher lächeln, als einer meiner Reisekameraden -in den ersten Indientagen von uns noch liebevoll mit "Plain-Rice-Esser" tituliert und seinen Verdauungstrakt sorgsam hütend, dann aber immer mutiger werdend- beim Rückflug fast demonstrativ sein Pfeffersäckchen und das seiner Frau über das typisch europäisch sanft gewürzte Air-India-Menü stülpte. Entzugserscheinungen ??
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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon riemsche » 27.11.2006, 02:04

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"This is no hotel - this is your home" tönt der Besitzer des kleinen Hotels in Pushkar stolz beim Einchecken - und er meint, was er sagt. Als ich es mir dort irgendwann um 3 Uhr morgens leicht genervt ob dem Geheule liebestoller Nachbarshunde auf der Dachterrasse gemütlich mache, steht plötzlich einer seiner Söhne mit dampfendem Teekessel vor mir. "This drink is for a good sleep" orakelt er grinsend, unterdrückt ein Gähnen und ist auch schon wieder weg, Richtung Bereitschaftsliege neben der Rezeption. Recht hat er - die deftige Mischung aus Lemongrass-Tea mit einheimischen Rum schmeckt wie bester Skihüttenpunsch und biegt mich aber sowas von pronto in die dicken Polster des RiesenRattanstuhls. Trotz gut gemeinter Überdosierung kurz vor Sonnenaufgang ohne Brummschädel aufzuwachen, wandelt oropaxverdächtige Begeisterung für das pausenlose Hare-Hare aus verbeulten Lautsprechern vom Ashram nebenan sanft in GutenmorgenLaune

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In Rajasthans meist 100% vegetarischen Restaurants ist es völlig normal, dass zum Zeitpunkt deiner Bestellung nicht unbedingt alles dafür Erforderliche verfügbar ist. Das quirlige Personal ist darauf eingestellt und hat Beziehungen zu jedermann in Reichweite schneller Füße wenn es darum geht, von irgendwoher eiskaltes Coke oder frische Zutaten aufzutreiben. Mehr Platz für Gäste statt Kühl+Stauraum zu haben funktioniert, wenn man weiß, wie man wo was schnell bekommt und ist eine für alle Beteiligten lukrativ-kommunikative Auslegung gesunder Nachbarschaftshilfe.

Fragst du irgendwen nach dem Weg, zeigt der dir nicht nur die Richtung, sondern begleitet dich nach Möglichkeit dorthin. Bist du dann -zu wissen bedeutet nicht immer dasselbe meinen- immer noch an der falschen Adresse, ist dein stets gut gelaunter Pfadfinder "joking is good for health" schon bemüht, einen Ortskundigeren zu finden. Um Orientierungsläufe dieser Art zu vermeiden, schwingt man sich am besten auf den Rücksitz eines Auto/Motorrad/Tuktuk oder Fahrradtaxis. Was ungeplante, sehr ausgedehnte Stadtrundfahrten trotzdem nicht ausschliesst. Immer die Ruhe bewahren - unvorhergesehene präzise Richtungswechsel wegen ungeschriebener Verkehrsregeln ausbalancieren, dem geheimen Hup-Alphabet auf die Schliche kommen wollen, den nie nervösen, ab und zu etwas laut werdenden aber verdammt konzentrierten Fahrer insgeheim bewundern, experimentelle Wackelbilder vom dich umgebenden und blendend funktionierenden Chaosuniversum Strasse schiessen, erst am definitiv richtigen Zielort aussteigen, trotz massiver Überschreitung der Sollzeit den Tarifpreis um einen Aktivitybonus erhöhen, und lächeln, auch wenn der Hintern weh tut, lächeln.

Eine Zugfahrt von Delhi nach Ajmer dauert mehr als 6 Stunden in der AC-Chair-Klasse, einer schlauen, fast gleich guten aber halb so teuren indische Alternative zur 1. Klasse. Nach Sandelholz und Patchuli duftende NoSmoking-Waggons ähnlich einem IC-Grossraumwagen mit massig Platz für müde Langbeine und SouvenirGepäck. Kaum Europäer unter lauter neugierig netten Einheimischen, die wie ich den Service -Fingerfood, Chai, Wasser, Erfrischungstücher inklusive- plaudernd geniessen. Die WC-Anlagen splitten sich sinnigerweise in "local" und "western" , verzichten bei letzterer Version zum Glück auf stylische Schwingtüren und geben dir beim verstohlenen Blick durch das Plumps+Guckloch das seltsam vertraute Gefühl von absoluter Kontrolle und Balance bei höchstmöglicher Reisegeschwindigkeit. Bevor ichs vergesse - der Fahrpreis, umgerechnet etwa knappe 5 euronen!

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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon Susanne » 29.11.2006, 21:42

Och ja - ich glaub, beim Essen hätte ich dann das nächste Problem.... ;-)
Habs nicht so mit den exotischen Gewürzen. Ich glaube nach drei Tagen würd ich entgegen all meiner Überzeugungen nur noch bei McDonalds essen. ;-) Weils da ja erstaunlicherweise immer gleich schmeckt - egal in welchem Land.

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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon riemsche » 02.12.2006, 19:14

Bollywood boomt, jeder in Indien ist Entertainer. Da lässt auch ein Opa vom Land mal den Wasserbüffel stehen, spurtet in seine Hütte, bindet sich blitzschnell den farbenprächtigsten seiner Rajasthani-Turbane, setzt die mannshohe Wasserpfeife unter Dampf und stützt sich auf den verstohlen hustenden Enkel, währen Oma (95) - beide Hände auf den respektvoll geneigten Köpfen ihrer erwachsenen Söhne - breitbeinig und kerzengerade auf einem Schemel daneben sitzt. Stolz und Schalk blitzen in den Augen mit milchblauen, großen Steinen um ihren Hals um die Wette. Die nach ein paar Minuten versammelte Dorfgemeinschaft baut unter viel Geschubse und ohne Berührungsängste übermütig halsbrecherisch wackelige Menschenpyramiden. Als Fotograf ist man ruckzuck umzingelt - erste Bilder auf dem Digi-Display gehen die Runde, werden kritisch beäugt, belacht und dann im Chor der Wunsch "please send me foto" geäußert.

Heilige Männer, gerade eben noch geistig abwesend, meditierend und züchtig verhüllt, reissen sich an den Ghats an Pushkar´s heiligem See zur Überraschung aller schon mal das orange Outfit von trotz hohem Alter begnadet definierten Körpern, stecken ihren Schniedel nach hinten durch die Beine, fixieren das Konstrukt mittels beider Arme und einer dicken Bambusstange hinter dem Rücken und balancieren darauf jedes europäische Schwergewicht, das wissen will, wo der Hammer hängt - von Nachahmungsversuchen in europäischen Schlafzimmern wird dringlich abgeraten. Ähnlich gefährlich wirds für den Hobbykoch beim Versuch daheim den frischen Kingfish wegen einer Fachjury aus hungrigen Zuschauern wie in hiesigen Restaurants mit wirbelnden Riesenmesssern auf haarscharf berechnete Tellergröße zu trimmen. Für Applaus nach dem Schluss mit Tatusch auf Pfannendeckel brauchts im Optimalfall nun mal zehn gesunde Finger. Für den frechen Klick zwar nur einen aber man sollte sich auch da Zeit nehmen. Sogar bei Frauen, die sich anfangs wenig begeistert ruckartig ein Stück Tuch vors Gesicht ziehen, lüftet ein freundliches Gesicht, kleines Kompliment, nettes Um-Erlaubnis-Fragen so manchen Schleier vor Schönheit, die keines Krönchens, keiner Schärpe bedarf. So wird jeder öffentliche Platz, Gehsteig, Hausflur für den höflich aufmerksamen Kavalier zur Privatshow ohne Programm.
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Halil
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Re: auf Indisch buchstabieren

Beitragvon Halil » 03.12.2006, 11:53

Hallo Kasparov,

ich wollte kurz berichten, was für einen Eindruck dein Beitrag "auf Indisch buchstabieren" auf mich gemacht hat.

Ich habe, bei deiner Art zu schreiben, Schwierigkeiten, das dargelegte Sammelsurium an Fakten zu verstehen: Lange Sätze mit viel Informationsgehalt, die scheinbar nicht nach einem bestimmten Ordnungskriterium gebildet werden. Es fehlt die Hauptachse des Erzählens, die mir helfen würde, das aufgetischte Material zu verdauen. Die Folge ist, dass die ganze Darstellung über mein Fassungsvermögen hinausgeht, Ermüdungserscheinungen und "Resignation" auftreten.

Natürlich kann das alles ein subjektiver Eindruck von mir sein. Ich kann nämlich so viel Detailwissen nur entlang des Hauptstrangs einer Erzählung verstehen...

Ich hoffe, dass dir mein persönlicher Eindruck weiterhilft!

Herzliche Grüsse

Halil


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