über hühnchen
Verfasst: 14.04.2007, 19:45
Tina
Immer wieder fallen meine langen blonden Haare in den Schweiß eines Brathähnchenens. Mich wundert, daß ich die Kundschaft noch nicht verjagt habe. Wie oft haben sie schon einzelne Haare von den gebräunten Schlegeln picken müssen? Aber eigentlich muß ich mir keine Gedanken machen. Ich stehe an einem Highway. Das ist Laufkundschaft, die ich bediene. Ich habe mich schon oft gefragt, was das für ein Leben ist, mein Leben. Ich wollte es nach Hollywood schaffen, aber ich habe nur ständig diesen Brathähnchenduft in meinen Klamotten. Und die Männer, es sind fast ausschließlich Männer, LKW-Fahrer sind nicht gerade eine Augenweide. Wenn sie ihre fetten Ranzen an meinen Hähnchenwagen schieben, weiß ich oft nicht, was widerlicher ist, die Männer oder die Hähnchen. Ich habe noch keinen Mann getroffen, der es mir machen könnte. Dabei suche ich doch nur nach dem Einen, der meine Oberweite würdigt.
Claudia
Ich bin von Europa nach New York geflogen. Mich schimpft man jetzt hier Aupair. Die Kinder sind nicht so reizend. Es ist eine kleine aufmüpfige Schar, die nur ihr Ego kennt. Am Anfang ist mir die Kleine mal gleich mit dem Fahrrad weggefahren und verschwunden. Ich hatte leider die Mutter schon informiert. Vor lauter Aufregung hat sie mich ständig angerufen. Es gäbe ja so viele Kinder, die in den USA verschwinden. Die Milchtüten, auf denen die gesuchten Kinder abgebildet wären, sprächen Bände. Gefunden wurde die Kleine im Basement bei dem Portier. Vielleicht sind Kinder ja so. Ich glaube ich war auch so ähnlich. Damals, vor knapp 5 Jahren. Vielleicht bin ich auch noch zu jung für diesen Job, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines, ich möchte zeichnen und malen lernen. Ich will Künstler werden. Daß ich gut aussehe schert mich einen Dreck.
Arne
Ständig diese Schüsse im Rücken. Eigentlich müsste ich wissen, sie kommen vom Fernseher. Aber ich spüre sie leiblich. Verfolgt fühle ich mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Ich habe mal so einen Wisch bei der Scientology in der Fußgängerzone unterschrieben. Seitdem höre ich seltsame Stimmen, die irgendwie aus dem OFF kommen und ganz metallisch klingen. Wenn jemand mit mir redet, weiß ich oft nicht, ob das in meinem Kopf ist oder ob die Worte von der Person mir gegenüber kommen. Ich starre dann immer auf den Mund der Person. Wenn er sich bewegt, dann weiß ich aha, der scheint mir irgendetwas mitteilen zu wollen. Ich höre dann aber gar nicht zu, sondern konzentriere mich auf die Stimmen im Kopf. Deshalb sage ich so wenig. Ich glaube, ich bin sehr einsam.
Tina
Wenn ich heimkomme, schmeiße ich die stinkenden Klamotten auf den Boden und steige in die Dusche. Manchmal mache ich es mir mit dem Duschkopf, besonders nach so einem Tag, an dem ich wegen meiner großen Oberweite öfters angemacht wurde. Und dann denke ich mir, wo bleibt mein amerikanischer Traum? Wann werde ich wohl entdeckt werden? Meistens fängt meine Mutter, während meiner Duschorgie an zu zetern, wann ich endlich zum Essen komme. Am liebsten würde ich dann ewig unter der Dusche bleiben, da ich ihr vor Fett triefendes Zeug hasse. Und manchmal wünschte ich mir, mein Papa wäre noch da. Dann würde die Alte nicht immer um mich herumschleichen. Mein Papa ist abgehauen, als ich noch ein Baby war. Aber sowas ist ja in der Zwischenzeit stinknormal.
Claudia
Jedesmal pinkelt die Kleine auf dem Weg zum Bus in die Hosen und jedesmal muß ich ihr diese schrecklich stinkende Strumpfhose vom Leib zerren, damit das Prinzesschen beim Geräteturnen unter ihren Genossen nicht stinkt. Ich kann mir beim Ausziehen nicht die Nase zuhalten, da sie das der Mama erzählen würde. Kinder sind schrecklich. Ich will niemals ein Kind haben. Die Mama ist in der Filmbranche, der Papa ist Architekt und sie können sich so ein richtig tolles Appartment auf der Upper East Side leisten. Leider nur im Basement. Deshalb wuselt es dort auch nachts vor Kakkerlakken, wenn man das Licht anmacht. Widerlich. Mein Zimmer ist der Durchgang zum Kinderzimmer. Ich finde hier keine Ruhe. Deshalb klaue ich mir auch jeden Abend eine Flasche Wein und ein Päckchen Erdnüße. Das lenkt mich ab. Ich werde nicht auf mich selbst zurückgeworfen.
Arne
Neulich war ich wieder in der Fußgängerzone und habe sie nochmal gesehen. Sie waren ganz dunkel gekleidet. Ich bin von ihnen abgerückt und habe mich in ein Eck gestellt. Zuerst begann ich, ganz leise eine Melodie in moll zu summen, als ob ich mich beruhigen wollte. Die Leute schauten schon ganz komisch. Aber was scherten mich die Leute? Und vielleicht gerade deshalb hob ich an: Ich begann, so laut zu singen, als ob ein ganzes Orchester in meinem Kopf tobte. Ich fühlte mich richtig toll da auf dem Präsentierteller. Aber dann kam einer der Dunkelgekleideten und hat mir einen Penny hingeschmißen. Ich habe aufgehört zu singen, bin wie in Panik heimgerannt, habe mich in meinem Zimmer verbarrikadiert und mir die Decke über die Ohren gezogen. Ich habe mir geschworen. Ich will hier nie wieder raus.
Tina
Als ich heute morgen wieder so einen widerlich geilen Blick kassiert habe, fragte ich den Typ:
„Und, findest mich wohl sexy oder?“
Während ich fragte, habe ich meine knallrot geschminkten Lippen geschürzt und ein bißchen meine Zungenspitze ausgefahren. Er starrte mich an, als ob ich nicht von diesem Planet sei. Schließlich habe ich mir die Lippen geleckt und dabei auf sein Ding gestarrt. Ich schwöre, es war ganz dick geschwollen. Er hatte da eine richtige Kanonenkugel in der Hose. Mit hochrotem Kopf hat er mir das Geld hingelegt, hat sich umgedreht und ist gegangen. Er hat sich nochmal umgedreht. Da hab ich ihm mit dem vor Fett triefenden Geschirrtuch hinterher gewunken.
Ich habe diesen Test noch mehrmals bei anderen stinkenden Bierbäuchen wiederholt. Es gab auch manche, die sich trauten mir zu sagen, daß sie mich supergeil und sexy fänden. Also, ich verdiene hier ja nicht viel. Am Abend fragte ich mich, ob ich meine Kurven nicht lohnender anlegen könnte.
Claudia
An den langweiligen Abenden habe ich Arne seitenlange Briefe geschrieben. Ich finde es schon sehr seltsam, daß er mir nicht zurückschreibt. Unser einmonatiger Urlaub nach dem Abi in Griechenland steht noch vor mir, als ob es gestern gewesen wäre. Und jetzt sitze ich hier mit dem Telefonhörer in der Hand und weiß nicht, ob ich es mir leisten kann, ihn anzurufen. Als Aupair verdient man ja nicht viel. Es reicht gerade für das Nötigste. Schließlich gebe ich mir ein Ruck und wähle. Es müßte jetzt eigentlich eine humane Zeit in Deutschland sein. tutututut. Ich lasse es ewig lange klingeln, bis doch jemand abhebt. Ich schreie fast in den Hörer:
„Arne, bist du das? Warum schreibst du mir nicht?“
Eine weibliche etwas ältere Stimme antwortet:
„Arne ist nicht ansprechbar.“
„Sind Sie die Mutter von Arne?“
„Ja“
„Was ist mit Arne?“
Ich weiß es nicht, es geht seit Tagen so. Er kommt nicht mehr aus seinem Zimmer. Die Türe ist verriegelt.“
„Hä? Nicht mal zum Esssen?“
„Nein, jedesmal, wenn ich mit dem Essen vor der Tür stehe und ihn frage, ob er keinen Hunger hätte, antwortet er, er habe keinen Hunger und keine Zeit zum Essen.“
„Ich muß jetzt Schluß machen, sonst wird es zu teuer. Ich würde die Tür eintreten! Tschüß!“
Ich starre das Telefon an wie ein neugeborener Koalabär. Irgendetwas ist seltsam, sehr seltsam.
Arne
Ich habe mein gesamtes Zimmer nach Wanzen abgesucht. Die gesamten Möbel habe ich auseinandergenommen. Die Briefe von Tina durchsucht. Sie könnte ja auch eine von denen sein. Die alten Stofftiere habe ich aufgerissen und das Innere nach Außen gestülpt. Meine Mutter habe ich auch im Verdacht. Sie könnte ja schon damals, als ich noch Baby war...
Ich habe dann tatsächlich etwas gefunden, das nach einer Wanze aussah. Hinter der Schrankwand. Es sah eigentlich aus wie ein abgerissenes Teil eines Kopfhörers. Aber ich bin mir jetzt im Moment sicher, daß es eine Wanze ist. Ich bin erleichtert, daß ich sie letztendlich doch noch gefunden habe. Natürlich werfe ich sie jetzt im Moment auf die Straße. Dann wird Ruhe einkehren. Ich werde die Fenster mit Kartonagen verkleiden, damit sie mich nicht mehr beobachten können und dann endlich werde ich frei sein, an meinem Konzept zu schreiben, wie ich die Welt vor diesem Übel, diesen schwarzgekleideten Scientologen retten kann.
...wenn meine Mutter bloß nicht ständig mit dem Essen nerven würde!
Tina
Seit gestern arbeite ich als Stripperin. Die hellbraunen Haare habe ich platinblond gefärbt. Wenn ich tanze, ist mein Schmollmund knallrot geschminkt und ich trage schwarze Netzstrümpfe zu dem spitzenbesetzten Panty. Ich habe gestern 300 Dollar Trinkgeld kassiert. Es wird doch! Und heute bin ich so richtig in Angriffslaune. Zu meinem gestrigen Outfit habe ich mich noch zusätzlich mit falschen langen dunklen Wimpern geschmückt. Ich warte jetzt hinter dem Vorhang auf meinen Auftritt. Ich prüfe nochmal, ob meine Brüste auch gut sitzen. Das Mieder presst sie richtig nach oben und ich denke, es ist ein geiler Anblick für mein Publikum. Endlich hebt sich der Vorhang, die Musik und die Lichter gehen an. Ich stolziere in meinen hohen Hacken auf die Bühne. Zuerst zeige ich ihnen nur meinen Rücken. Sie johlen! Angefeuert durch ihre Rufe drehe ich mich langsam im Takt der Musik herum. Im Publikum sitzt ein alter Mann im Rollstuhl und trinkt Champagner. Er prostet mir zu. Langsam, während ich mein Mieder ausziehe, gehe ich auf ihn zu. Er scheint zu sabbern und ich denke mir, das ist Daddy! Ich setze mich auf seinen Schoß und ziehe mir bedächtig die Strümpfe von den Beinen. Seine knochige alte mit Leberflecken übersäte Hand streicht über meine nackte weiße Haut und es kribbelt mir wie nie. Es ist schon fast Leichenschändung, was ich hier betreibe. Der Kerl ist bestimmt schon fast 90 Jahre alt. Er drückt mir ein Glas Champagner in die Hand und wir prosten uns zu. Seine alten gelben Augen tragen Tränen. Gerührt drücke ich ihm einen Kuß auf die faltigen Wangen. Er schiebt mir eine 500-Dollar-Note zu. Jetzt aber wieder schnell ab auf die Bühne!
Claudia
Ich putze nun bei einem Künstler in Chinatown, um mein Gehalt aufzubessern. Schließlich will ich auch mal ins Palladium, um mal Andy Warhol oder einen anderen Star zu treffen. Ich bin nicht besonders gründlich, denn immer wieder fallen meine Blicke auf seine comicstyligen Gemälde. Er sagte mir, er sei Illustrator bei dem New Yorker. Da mußte ich meinen Hut ziehen. Im Moment habe ich noch nicht viel an Kunstwerken zusammengebracht wegen der Erdnüße und der Flasche Wein am Abend. Irgendwie kann ich mich nicht so richtig konzentrieren. Ich könnte ja tagsüber arbeiten, aber da will ich New York erkunden. Was habe ich mir schon die Hacken auf der Fifth Avenue, der Lexington Avenue und am Rande des Central Parks abgelaufen? All diese schimmernden Läden mit den Markenklamotten und dazwischen die Penner mit ihren Einkaufswägen, die Plastiktüten zu sammeln scheinen. Wenn sie mir nach einem Penny hinterherschreien, versuche ich sie zu ignorieren. Ich bin ja selber nur eine kleine Null, die nichts zu geben hat.
Der Künstler in Chinatown meinte, ich sehe gut aus und ob ich nicht ein Portfolio für eine Modellkarriere zusammenstellen wolle. Ich guckte ihn an wie ein Kamel. Warum um himmelswillen Modell? Ich wollte Künstler werden. Schließlich willigte ich ein. Er würde sich um einen Fotografen und das Outfit bemühen. Welchen Weg würde mein Leben gehen?
Arne
Mein Kopf wird oft so leicht, wenn ich an meinem Computer sitze und schreibe. Schreiben ist eine Droge wie Cocaine. Seit einigen Tagen wage ich mich wieder zum Essen heraus, da ich so Hunger hatte. Mein Essens-Kreislauf scheint sich viel schneller zu bewegen als früher. Als ob ich von einer geheimen Brennstoffzelle angeschoben würde. Im Spiegel sehe ich aus wie ein Gespenst, da ich so viel abgenommen habe. Ich weiß, die Scientologen haben mir ein Chip implantiert, damit ich soviel abnehme. Sie wollen mich aushungern, bis ich eine Leiche bin. Ich habe schon meinen ganzen Körper nachts unter der Bettdecke nach dem Chip abgesucht. Als mein Penis eine Verhärtung zeigte, wußte ich, dort haben sie ihn plaziert. Aber ich traue mich nicht zum Arzt. Das wäre vielleicht eine Bloßstellung. Wenn jetzt mein Penis in Stellung geht, denke ich an irgendetwas Abtörnendes, wie zum Beispiel meine Mutter. Das zügelt den Appetit. Ich stelle sie mir dann immer vor, wie sie versoffen in einem abgewetzten Bademantel durch die Wohnung wankt und dann gibt sich das schon. Den Gedanken an Claudia schiebe ich immer weiter weg. Sie ist nicht von meiner Welt.
Tina
Nach dem Auftritt sitze ich in der kleinen Garderobe des Ladens beim Abschminken, als es plötzlich an der Türe klopft. Verwundert öffne ich und vor mir sitzt der alte Herr. Er grinst mit seinem glatten Schädel wie ein Neugeborenes. Kinder und Greise haben doch eine frappierende Ähnlichkeit. Er lädt mich ein, mit ihm in sein Haus zu kommen. Da er mir gefällt, stimme ich zu. Ich vertrete mir die Füße auf dem Parkplatz, während ich auf sein Auto warte. Mir fallen fast die Augen aus den Höhlen, als eine riesig lange schwarze Limousine mit Chauffeur vorfährt. Während der Fahrt trinken wir wieder Champagner. Er erzählt, daß er nach dem Tod seiner Frau keine Freude mehr am Leben hatte. Aber als er mich gesehen hätte, wäre sein Herz seit langem mal wieder am Hüpfen gewesen. Ich streiche ihm über seinen kahlen Kopf und gebe ihm einen Kuß auf die Wange. Er nimmt meine Hand und streichelt sie. Während der ganzen Fahrt habe ich nicht auf die Umgebung geachtet, als die Limousine plötzlich ein gewaltiges Eisentor erreicht und sich langsam automatisch öffnet. Wir fahren durch einen riesigen Park mit uralten hohen Bäumen, bis der Blick auf ein kleines Schloß freiliegt. Wie in einem alten schwarz-weiß-Film öffnet eine Bedienstete, gekleidet mit einem gestärkten weißen Schürzchen. In dem Moment frage ich mich, in welchem Roman ich gelandet bin. Sollte das das Glück sein, das ich mir immer erträumt hatte? Nachdem er mir alle Zimmer in seinem Schloß gezeigt hat, schenkt er uns in seiner Bibliothek einen Scotch ein. Ich trinke gierig, um meine Aufregung zu übertünchen. An diesem Abend regnet es Scotch und je besoffener wir beide werden, desto freizügiger werden die Gespräche. Er spricht von meiner Brustvergrößerung, und meiner darauffolgenden Karriere in Hochglanzmagazinen. Gegen Ende, als ich mich kaum mehr auf den Beinen halten kann, fährt er mit seinem Rollstuhl ganz aufgeregt hin und her. Und schließlich presst er den Satz doch heraus. Er möchte mich mit einer Frau im Bett sehen und dabei zuschauen. Ich lache, knutsche ihn auf den Mund und sage: „Das wirst du alles noch haben, mein Schatz!“ Daß ich von dem Besitzer des Brathähnchengrills schwanger bin, verschweige ich in dem Moment.
Claudia
Alles steht bereit zum Fotoshooting. Ein Fotograf und ein Visagist haben sich bei dem Illustrator eingefunden. Zuerst schmiert mir der Visagist pfundweise Make-Up auf die Haut. Ich komme mir vor, als ob ich zwei Häute hätte. Am liebsten würde ich mir diese ganze Kleisterparade sofort wieder herunterwaschen! Als er fertig ist, erkenne ich mich kaum selber wieder. Das soll ich sein? Dieses Püppchen da? Der Illustrator kommt mit einer alten abgewetzten schwarzen Lederjacke an. Die sollte ich anziehen ohne etwas darunter. Widerwillig ziehe ich mich aus und die Jacke an. Ich lehne dann aufgestützt auf eine Negerstatue vor einer Graffiti-Wand. So fotografiert er mich dann bestimmt hundertmal, während ich schwitze unter dem pfundweise aufgetragenen Make-Up. Die nächste Einstellung sind Portraits. Ich trage ein altes T-Shirt, das am Kragen bewußt so zurechtgeschnitten wurde, daß die Fransen zu sehen sind. Ich heule fast. Ich will doch Künstlerin werden. Während des gesamten Shootings haben der Illustrator, der Fotograf und der Visagist sich einen hinter die Binde gegossen. Sie lallen schon fast und dann passiert das Unausweichliche. Sie fordern ihren Lohn. Sie schmeißen mich auf das Bett in der kleinen Loft und dann kommt jeder mal dran. Der Illustrator von hinten. Der Fotograf von vorne und der Visagist schiebt mir seinen Schwanz in den Mund, so daß ich fast kotze. Sie entschuldigen sich danach und ich ziehe meinen Schwanz ein, den ich nicht habe. Geschändet laufe ich völlig verwirrt durch die blinkenden Straßen. Eine 18-jährige mit den ersten negativen Erfahrungen in ihrem Leben. Sie wollten Spaß und sie haben mich nicht ernst genommen. Ich war das kleine Arschloch für sie. Und so muß ich das sehen. Ich stehe an der 42nd Street außer Atem. Hier stehen die richtigen Nutten. Ich frage, ob ich mich heute zur Nutte gemacht habe. Ich denke an die zärtlichen unbeholfenen Umarmungen von Arne und habe richtig Sehnsucht. Wie lange halte ich es hier noch aus? Ich muß zurück zu Arne.
Arne
Ich habe mich in einer Wattewolke mit guter Musik eingehüllt, während meine Mutter besoffen durch die Wohnung krakeelt. Sie ist so ein Ekel. Ich kann sie nicht mehr anschauen. Schon morgens trinkt sie ihren fahlen Prosecco. Ungekühlt! Nachmittags ist es am schlimmsten, wenn sie sich die Whisky-Flasche schnappt. So oft torkelt sie in mein Zimmer und schreit, ich sei ein Nichtnutz, ein auf-der-Tasche-Lieger. Dabei hat sie in ihrem Leben doch auch nichts auf die Reihe gebracht. Wir leben von der Sozialhilfe. Und hinter uns steht die Scientology und will uns die Türen einrennen. Daß ich hier in meinem Zimmer endlich mal etwas Sinnvolles fabriziere, will sie nicht einsehen. Ich rede ja auch gar nicht mehr darüber, was ich mache. Ich tippe und tippe und glaube es wird richtig gut. Ich plane einen großen Auftritt, aber den will ich nicht verraten.
Tina
Ich erwache mit einem zertrümmerten Schädel neben dem alten Herr in seinem Schloßbett. Das ist Fenster geöffnet und die Vögel veranstalten ein Hupkonzert, das mich in dem Moment nur nervt. Gib mir noch ein paar Stündchen Schlaf, damit ich nicht so durch die Welt torkeln muß! Zwischen uns liegen zwei geleerte Scotch-Flaschen. Das schlimmste ist, ich kann mich nicht erinnern, was wir in dem Bett des alten Herrn getrieben haben. Ich weiß nur noch, daß er versprochen hat, mich in New York zu heiraten. Soweit ich mich erinnere, habe ich „ja“ gelallt. Ich frage mich, ob ich es ihm mit seinen 90 Jahren noch besorgt habe. Und dann hüpfe ich im Geiste, obwohl der Kopf dröhnt. Ich wäre abgesichert für mein Leben, hätte alles Geld der Welt, denn er hat mir gestanden, er sei Millardär. Das ist mein amerikanischer Traum und plötzlich bin ich hellwach. Ich setze mich aufrecht. Dir Brüste kugeln mir über die Bettdecke. Ich bin nackt. Anscheinend habe ich es ihm doch besorgt. Ich beuge mich zu ihm, spüre seinen schlechten altersbedingten und alkoholisierten Atem. Er schnarcht und hat gelbe Zähne. Ob er wohl schon jemals etwas von Zahnreinigung gehört hat? Vielleicht hat er ja auch ein Gebiß, aber das wird doch nicht gelb. Ich schiebe all diese Gedanken weg und wiege mich in meiner Zukunft, die von nun an von Geld und Erotik geprägt sein wird. Schließlich ist Geld auch ein Mittel, das die Erotik macht. Ich setze mich auf ihn, schaukle ganz langsam und er erwacht aus seinem Dämmerzustand.
Claudia
Ich bin durch ganz New York wie eine Irre gerannt. Von Chinatown bis zur Upper East Side. Ich hätte mich in die U-Bahn setzen können, aber ich hatte keinen klaren Gedanken. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange dieser Spaziergang dauerte. Ich wollte nur eines laufen, weglaufen. Ich torkelte gegen einen Penner und schmiß ihm den Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten um. Noch heute hallt sein empörtes Geschrei in meinem Hirn. Am liebsten hätte ich ihn abgeknallt, für das was mir angetan wurde. Ich rannte in einen sehr gut aussehenden Herrn in einem teuren, dunklen Anzug. Bei dem Aufprall fiel ihm sein Hut vom Kopf. Ich habe ihn nicht aufgehoben, den Herrn habe ich keines Blickes mehr gewürdigt. Ich rannte. Gegen zehn Uhr abends war ich in meinem armseligen Zuhause. Die Eltern schauten mich betreten an. Ich hätte das Abendessen vorbereiten sollen. In dem Moment hatte ich nur einen Gedanken: die Dusche. Ich sprach kurz ein Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch. Das Wort Shower hatten sie dann doch verstanden. Und dann stand ich endlich darunter, um mir die ganze Scham abzuwaschen. Eine geschlagene Stunde rauschte das Wasser über mich hinweg und es war immer noch nicht genug. Wem konnte ich das erzählen, was mir passiert war? Für mein Leben würde ich schweigen wie ein Grab. Trotzdem, echt komisch, ich glaube immer noch an das Gute im Menschen.
Arne
Heute morgen, als noch alles dunkel war, habe ich hinter die Kartonagen auf die Straße geschaut. Sie stehen da immer noch mit ihren Handys und unterhalten sich über mich. Ich war versucht, etwas auf die Straße zu schreien. Stattdessen habe ich den Computer angemacht und beschrieben, was die da unten machen. Mehrere gutgekleideten Herren tauschten kleine Dinge aus. Ich bin mir sicher, es ist eine neue Information für einen Chip, der implantiert werden soll. Wahrscheinlich in mich. Aber an mich kommen sie nicht mehr heran. Als ich gerade den letzten Absatz tippte, tat es einen Riesenschlag nebenan. Wahrscheinlich sind sie in die Wohnung eingedrungen. Ich werde jetzt ein Weilchen nicht mehr aus meinem Zimmer hinausgehen. In Panik, sie könnten kommen, habe ich meinen Schrank vor die Türe gerückt. Ich habe mich mit Lebensmitteln eingedeckt. Eine Weile kann ich hier überleben.
Claudia
Es hat mich zwei Wochen gekostet, um wieder einigermaßen auf den Beinen zu stehen. Die Putzstelle habe ich endgültig gestrichen. Eine Freundin hat mich heute abend ins Palladium eingeladen. Als wir in der Schlange stehen, sehe ich wie ein Weißhäuptiger der Laden verläßt. Meine Freundin flüstert mir ehrfurchtsvoll zu: das war Andy Warhol. Ich recke nochmal den Kopf, aber da sehe ich schon seine Gestalt davonreiten. Wahrscheinlich bin ich immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Dementsprechend mißmutig betrete ich dann auch den Laden. Was ist schon ein Abend ohne Andy? Zuerst schaue ich mir die Toiletten an. Dort kleben tausende von bunten Comicgestalten. Ich komme mir wie in einem Film vor. Ich will auch einmal solche Comics gestalten.
Meine Freundin ist wie vom Erdboden verschwunden. Ich suche sie auch nicht richtig, ich bin nur fast glücklich von Floor zu Floor zu schleichen. 10mal die Lichter auf der Treppe begutachten. Irgendwo stehenzubleiben, um kurz die Highsociety von New York zu sehen. Einmal denke ich, den gutaussehenden Herrn zu sehen, in den ich an dem Chaos-Abend gerannt bin. Schnell drehe ich mich aber weg und schiebe den Gedanken weg: es gibt tausende, die ihm gleichsehen. Er ist austauschbar wie ein kleines Streichholz.
Später stehe ich an der Bar und immer wieder fixiert mich so eine mollige Blondine. Ich starre auf ihre ausladende Brust. Komische Mama-Gedanken kommen mir dabei. Am liebsten würde ich ausreißen, aber seltsamerweise bleibe ich und beginne mit ihr zu flirten. Obwohl sie gräßliches Zeug in einem schrecklichen Mid-West-Slang lallt, fühle ich mich gut bei ihr. Wahrscheinlich hängt das mit meinem schrecklichen Erlebnis zusammen. Bei einer Frau kann mir nichts passieren. Sie kann mich nicht penetrieren. Sie beginnt immer wilder, mit mir zu flirten. Gesteht, daß sie im vierten Monat schwanger ist von einem Typ, den sie gar nicht wollte. Erzählt wirres Zeug von einem alten Schloß, in das sie mich mitnehmen will. Sie hat mir schon drei Drinks bezahlt und da denke ich, warum nicht. Warum es nicht einmal mit einer Frau versuchen?
Arne
Nach zwei Wochen riecht mein Zimmer nach Scheiße und Urin. Ich halte den Gestank nicht mehr aus. Es gibt nur eins, raus hier. Das Pamphlet ist fertig und ich kann jetzt endlich nach Bonn fahren. Ich schiebe den Schrank von der Türe weg. Als ich die Klinke heruntergedrückt habe, kommt mir noch ein üblerer Geruch entgegen. Es stinkt nach Aas. Vorsichtig tappe ich in das Schlafzimmer meiner Mutter. Ich habe mich bislang nicht gewundert, daß sie nicht mehr an meiner Tür gerüttelt hat. Und plötzlich verstehe ich es. Ihr Kopf liegt in einer Blutlache. Sofort denke ich an einen Übergriff der Scientology. Das war also der Lärm an dem Morgen vor zwei Wochen. Sie sind hier eingedrungen und haben meine Mutter überwältigt. In dem Moment ist meine Mutter ein Held. Sie hat ihren Kopf für mich hingehalten. Ich gehe zu ihr. In ihrer Hand hält sie noch im Todeskrampf eine Schnapsflasche. Ich hebe ihren Kopf. Eine Made kriecht aus ihrem Mund. Liebevoll wische ich ihr das eklige Tier vom Leib. Doch dann stehe ich in Panik auf. Ich weiß, jetzt muß ich endgültig weg hier. Meine Stunden sind gezählt.
Tina
Ich habe eine Frau im Palladium für die Hochzeitsnacht aufgegabelt. Der alte Herr hat sich schließlich nichts sehnlicher gewünscht, als zuzusehen, wie ich mit einer Frau Sex habe. Sie schläft jetzt vollgepumpt von den Drinks, die ich ihr bezahlt habe, an meine Schulter gelehnt, während wir mit dem Taxi in Richtung Schlößchen fahren. Sie sieht aus wie ein Fotomodell, trotz ihrer Protest-Kleidung. Ein rasanter strohblonder Kurzhaarschnitt und eine verratzte schwarze Motorradjacke krönen ihr Aussehen. Ich bin gespannt, was der alte Herr sagt, wenn ich mit ihr einlaufe.
Als wir angelangt sind, versuche ich sie wachzurütteln. Mit leicht torkelndem Kopf wird sie schließlich wach. Ich helfe ihr aus dem Taxi. Sie scheint einen Zentner zu wiegen, als ich sie auf meinen roten Stöckelschuhen wackelnd, zu stützen versuche. Ständig lallt sie: Ich bin müde, will nach Hause. Aber ich schleppe sie ins Haus und langsam gehen wir die ausladende Treppe nach oben in Richtung Schlafzimmer. Ich habe dem alten Herr gesagt, daß ich ihm ein Zeichen geben werde, wenn wir mittendrin sind, damit mein Opfer sich nicht gleich am Anfang davonstiehlt. Der Plan ist, daß ich dreimal mit einer leeren Flasche auf den Boden haue. Ich lege sie ins Bett und beginne sie auszuziehen. Sie ist willenlos wie ein toter Fisch. In dem Zustand könnte ich wahrscheinlich alles mit ihr anstellen. Als sie nichts mehr auf dem Leib hat, beginne ich, ihre Scham zu lecken. Sie stöhnt leicht und windet ihren Kopf hin und her. Kurz blitzt ihre Zunge durch ihre Lippen. Ich arbeite mich mit Küssen über ihre Brust zu ihren Lippen vor und schließe ihren großen Mund mit einem langen schweren Kuss. Langsam beginne ich mich, selbst auszuziehen und als ich nackt bin, schlage ich mit der leeren Gin Tonic-Flasche dreimal auf den Boden.
Arne
Ich sitze im Zug und kontrolliere ständig, ob ich das Geld, das ich unter dem Bett im Schlafzimmer meiner Mutter gefunden habe, noch bei mir trage. Auf dem Bahnhof bin ich auf das nach Pisse stinkende Klo gegangen und habe es gezählt. Es sind ungefähr 60.000 DM. Ein Stricher haute mich nach Heroin an. Achselzuckend schaute ich zu, wie er mir seine durchstochenen Arme zeigte. Ich hatte kein Heroin. Ich hätte ihm meinen Kopf schenken können, denn der ist voll mit Heroin.
Ich frage mich jetzt, wie sie soviel Geld als Sozialhilfeempfängerin sparen konnte. Und warum haben die Scientologen nicht nach dem Geld gesucht? Ständig steht mir das vertrocknete Blut, in dem meine Mutter lag, im Gedächtnis. Den Gedanke an die Made versuche ich ständig wegzuschieben, aber es gelingt mir nicht so recht. Wenn ich meine Augen in dem Geratter des Zuges schließe, kriechen Riesenmaden über meinen Körper und versuchen, mich zu verschlingen. Ich hatte vor, das Pamphlet nocheinmal während der Zugfahrt durchzugehen, aber daran ist nicht zu denken. Immer wieder schweifen meine Gedanken zu Riesenmaden.
Claudia
Ich will meine Augen nicht öffnen. Alles dreht sich. Und über mir ein Leib, der mich zu verschlingen droht. Ich bin gefangen in einer klebrigen Venusfliegenfalle, die gleich zuschnappen und mich verdauen wird. Was wird mit meinem Körper, der zu Saft wird? Ich will schreien, doch da verschließt mir eine Zunge den Mund. Energisch drehe ich den Kopf weg, öffne die Augen und mir starrt das Objektiv einer Kamera entgegen. Dicke Finger verschließen meine Augen und ich verharre in dieser Stellung, wehre mich nicht mehr. Meine Brüste werden geknetet, meine Vagina wird gespreizt und ich spüre etwas in meiner Höhle. Minutenlanges Auf und Ab bis es mir kommt und ich einen kleinen spitzen Schrei ausstoße. Plötzlich wach, wälze ich den dicken Körper von mir und setze mich auf. Ein alter Mann im Rollstuhl hält die Kamera. Entsetzt schaue ich ihn an. Was will er? Dieser alte geile Sack? Panisch suche ich nach meiner Kleidung. Ziehe mich hastig an und gehe auf den Alten zu. Energisch reiße ich ihm die Videokamera aus der Hand, hau ihm eine runter und dann noch ein letzter Blick auf das Zimmer, das zerwühlte Bett, die hübsche ausladende Blondine. Dann bin ich auch schon draußen und suche meinen Weg aus diesem Labyrinth von Schloß. Vor der Tür lache ich hysterisch in mich hinein. Das eben konnte doch nicht wahr sein! Was für eine perverse Gesellschaft. Im selben Moment beschließe ich, abzureisen, zurück nach Europa, Deutschland, zurück zu Arne. Die Videokamera mit der Kassette werde ich mitnehmen als Souvenir.
Arne
Ich stehe vor dem Bundestag mit meinen Blättern in der Hand. Es stürmt und sie rascheln ganz aufgeregt. Meine Handgelenke schmerzen so, als ob ich etwas verloren hätte. Wahrscheinlich mein Hirn an eine fremde Gottheit. Ein Krankenwagen mit schallendem Martinshorn fährt vorüber. Suchen sie mich? Bin ich denn nicht wichtig? Ich halte das ganze System in meinen Händen. Ich habe mit beiden Seiten verhandelt, dem KGB und der CIA. Ich bin die Verbindung, der Schlüssel und das, was ich in den Händen halte, ist wertvoller als alles Vermögen dieser Welt. Noch in Gedanken gehe ich die Treppe hoch. Niemand hält mich auf und ich schreite weiter zum Herzen des Geschehens. Langsam öffne ich die Türe und da sitzen sie, die Abgeordneten. Ich könnte auf sie hinunterspucken wie ein alter Römer im Amphietheater bei Brot und Spielen. Jemand, den ich nicht kenne, hält gerade eine langweilige Rede. Ich beuge mich über das Geländer und versuche, in ihre Gesichter zu schauen. Ich bin doch wichtig. Ich drehe hier am Rad. Ich bin der, den ihr immer gesucht habt. Und plötzlich wenden sich mir alle Gesichter zu. Ich bin das Herz des Geschehens. Ja! Und dann regnet es plötzlich Blätter. Wie kleine Leichname segeln meine dicht beschriebenen Blätter auf die Köpfe der Abgeordneten, schließen sie weg, unter eine Decke - wie Schnee.
Tina
Nachdem dieses kleine freche Biest mit der Videokamera abgehauen ist, schauen wir uns befremdet an. Was nun? Die Hochzeitsnacht vermasselt, das Video mit der Erinnerung geklaut. Plötzlich fängt mein frischgebackener Ehemann an, etwas blöde zu kichern. Zuerst starre ich ihn an wie einen Geist, dann stimme ich mit ein, bis mein Kichern in einem lauthalsen Lachen endet. Ich setze mich auf seinen Schoß und küße seinen nach Schnaps stinkendes altes Maul. Während ich ihm das Glied massiere, überlege ich mir, ob er wohl noch die Geburt des Bastards erleben wird, ob ich es ihm gestehen soll, daß ich schwanger bin von dem Brathähnchengrillbesitzer. Aufeinmal überkommt mich der Hunger nach so einem richtig fettigen Brathähnchen und während ich nun an seinem Teil lutsche, könnte ich glatt hineinbeißen. Sein Ding ist labberig wie ein gekochter Spargel. Er hat zu viel gesoffen. Also lasse ich von ihm ab, stelle mich vor den Spiegel, massiere meine Brüste und stecke mir dann die Hand unten rein, bis ich komme. Mein Schrei schreckt ihn von seinem Nickerchen auf. Beleidigt, daß er mir nicht zugeschaut hat, gehe ich in den Küchentrakt und suche nach Brathähnchen.
Claudia
Zurück in Deutschland ist mein erster Gang zu Arne. Leider finde ich ihn nicht in seiner Wohnung auf. Seine Mutter öffnet mir. Leicht erschreckt nehme ich etwas Abstand. Ich sehe sie zum ersten Mal. Sie trägt nachmittags um 14.00 Uhr einen geblümten Morgenrock, hat Lockenwickler im Haar und ist im Gesicht aufgedunsen wie eine Qualle. Als ich näher trete, rieche ich ihre Schnapsfahne. Sie bittet mich trotz ihres seltsamen Aufzugs hinein. Die Wohnung ist ein einziger Chaoshaufen, überall leere Flaschen, der Dreck steht auf den Böden und der Müll steht gesammelt in einer Ecke in der Küche und genauso stinkt es auch. Nach verwesten Essensresten, Alkohol und Zigaretten. In jenem Moment frage ich mich, ob hier nicht auch Ratten aus den Löchern kriechen oder sich Maden und Ameisen in der Wohnung verbreiten. Ich wundere mich, daß sie sich nicht schämt und würde ihr am liebsten die Lockenwickler aus dem Haar reißen.
„Wo ist Arne?“ frage ich agressiv mit einer gewissen Abscheu.
„Er ist mit meinem Geld abgehauen. Keine Ahnung.“ lallt sie
„Darf ich sein Zimmer sehen?“
„Ja, warum nicht, kommen Sie.“
Während sie in dem Türrahmen steht, schaue ich mich in Arnes Zimmer um. Es scheint in dem Zustand zu sein, in dem er es verlassen hat. Die Fenster sind mit Kartonagen verklebt. Alle Schubladen sind aufgerissen und der Inhalt auf dem Boden verteilt. In einer Ecke finde ich angeschimmelte Essensreste. In dem ganzen Raum stinkt es nach Scheiße und Urin. Er muß sich nicht mehr nach draußen auf das Klo getraut haben. Er hatte sein Geschäft in einen Eimer erledigt. Der PC ist noch an. Ich setze mich trotz des Gestanks hin und beginne, das geöffnete Dokument zu lesen. Ich ärgere mich über den Anfang und scrolle zum Ende: Dort steht: Bestimmungsort: Bonn.
Arne
Mann war das toll, eh Mann. Ich wurde mit einer Polizeieskorte abgeführt und die hat mich in einen Hochsicherheitstrakt geschafft. Sie wollten mich in Sicherheit wissen. So haben sie es gesagt. Ist ja schließlich kein Pappenstiel als Geheimagent zu funktionieren. Ich frage mich bloß, wie ich von hier aus weiter agieren soll. Ist ja alles vergittert und ich kann nicht raus. Lauter Sicherheitstüren und so richtig Stacheldraht, da wo mal Fenster waren. Moment mal, nee Fenster gibt es hier gar nicht. Ist eher so wie in einem Tunnel. Unter der Erde. Die Leute hier sind echt abgespaced, die laufen im Kreis und geben grunzende Geräusche von sich. Manche schreien und mehrmals habe ich schon mitgeschrien. Also, ein Schönheitssalon ist ein Scheißdreck dagegen. Ich habe schon angefangen, mir Löcher in die Jeans zu schneiden, damit ich aussehe wie die. Irgendwie will ich auch dazugehören, aber ich habe das Gefühl, die akzeptieren mich nicht so recht. Ich bin mir totsicher, die alle sind totgestellte Geheimagenten.
Tina
Seit letzter Woche bin ich auf der Titelseite eines der bekanntesten Sexmagazine in den USA mit nackten Brüsten zu sehen. Mein Gott, was bin ich stolz, meine prallen Dinger, an jedem Kiosk, an dem ich vorbeilaufe, anzuschauen. Der alte Herr hat mir den Job vermittelt und ich war ihm so dankbar, daß ich ihm letzte Nacht gestand, daß ich schwanger sei. Er hat nur seinen Schildkrötenhals hin- und hergedreht und dann mit dem Kopf genickt. Gesagt hat er nichts. Es war so, als ob ich jetzt einen Freibrief hätte, mit anderen Männern zu vögeln. Natürlich bin ich auch gleich mit dem Fotografen im Bett gelandet. Wie wild ist er auf meinem schwangeren Bauch herumgerobbt. Er weiß ja nicht, daß ich schwanger bin. Komischerweise hatte ich nach dem Sex keinen Abgang. Das fischige kleine Brathähnchen-Ding scheint in mir festzusitzen wie ein Fels im Meer. Ich bin jetzt im fünften Monat und kann es kaum erwarten bis es herausrobbt, damit ich es sogleich strangulieren kann, wenn es einen Ton von sich gibt. Schließlich will ich weiter Karriere machen in Hochglanzmagazinen. Ein Säugling wäre meinem Erfolg nur abträglich.
Claudia
Ich habe mir in Bonn die Füße wund gelaufen, um nach Arne zu suchen. Zuerst war ich bei der Polizei. Fünf Stunden habe ich mich dort mit dem Polizeibeamten unterhalten. Er hat nichts, keine Eintragung auf Straffälligkeit im Computer gefunden. In einer billigen Pension ging ich dann pennen. Nachts bin ich immer wieder aufgewacht von dem Ticken der Heizung im Zimmer. Es war so, als ob mein letztes Stündlein tickte. Völlig gerädert klapperte ich daraufhin die Krankenhäuser in Bonn ab. Nichts. Niemand hatte etwas von Arne gehört oder gesehen. Nach dem letzten Krankenhausbesuch verspürte ich solch eine Wut auf die Mutter von Arne, daß ich am liebsten in unseren Heimatort zurückgefahren wäre, um dort das Haus von Arnes Mutter anzuzünden. Stattdessen ging ich nochmal in die Pension. Ich habe mir da eine Flasche Wein reingekippt. Geschlafen habe ich bis exakt halb sechs und bin erwacht von dem Ticken. Nichts hielt mich mehr im Bett. Ich mußte eine Großfahndung beginnen. Während ich durch die Stadt lief, überlegte ich mir: „Wo könnte ein Irrer sein?“ Plötzlich blieb ich wie angewurzelt vor einem Kiosk stehen: „Im Bundestag regnete es einen Roman.“ Ich kaufte mir die Bildzeitung und setzte mich in ein Café. Ich schaute immer wieder das Bild an. War das Arne oder nicht? Er trug einen roten Bart. Als wir zusammen waren, hatte er sich immer frisch rasiert. Und warum war sein Bart rot, während seine Haare blond waren? Es könnte etwas mit dieser Verwahrlosung in seinem Heimathaus zu tun haben, daß er sich plötzlich nicht mehr rasierte. Ich stand auf und schnappte mir eine Straßenbahn. Ich war auf seiner Fährte.
Ich stehe jetzt vor einem Maschendrahtzaun wie bei einem Gefängnis und muß an die RAF-Inhaftierten in Stammheim denken. Vor mir ein Glashäuschen und dort schaue ich in die Augen eines bunt geschminkten Mannes. Zuerst denke ich Transvestit und dann egal, da mußt du jetzt durch.
„Ich will zu Arne Feige.“
„Station 5b2“ kommt es nach kurzem Suchen aus einer bewußt kehligen Stimme.
„Aber Sie müssen sich ausweisen. Sind Sie eine Angehörige?“
Ich zeige brav meinen Ausweis.
„Ja, die Kusine.“ Er läßt mich durch.
Mein Herz hüpft. Ich bedanke mich, artig wie ich bin und laufe durch einen verwahrlosten Park. Männer in Bademänteln mit nikotingelben Fingern ziehen gierig an ihren Zigaretten. Frauen mit aufgelösten Frisuren irren schreiend ziellos durch das Gelände. Ich komme mir vor wie in einem vor Millionen Jahren verlassenen Paradiesgarten, der vor kurzem mit Figuren aus der Hölle bestückt wurde. Ich tue so, als ob es mir gut geht und laufe hastig weiter. Drehe mich auch nicht um. „Nein, ich will das jetzt nicht sehen.“
Auf der Station finde ich Arne vor einem alten schiefen kleinen nicht funktionierenden Tischkicker. Immer wieder wirft er den Ball in das Fußballfeld. Aber der Ball fällt nach zweimal Spielerdrehen wieder auf den Balkon, da der kleine Tischkicker nur auf drei Beinen steht. Er macht komische Bewegungen, als ob er einen Stock verschluckt hätte.
Ich rufe: „Arne! Erkennst du mich?“
Er antwortet mit lahmer Zunge, als ob er eine Flasche Schnaps gesoffen hätte: „Was willst du denn hier? Zieh Leine! Das ist kein Spaß hier.“
Tina
Ich liege schweißgebadet in einem Bett, in einer Klinik für Gebärende. Es ist Nacht und ich kann nicht schlafen, da ich Herzklopfen habe. Nach 12 Stunden Wehen kam das Fischlein zur Welt. Es ist ein Junge mit einem echten Pimmel. Ich wollte ihn auch gar nicht in einem Blumentopf verscharren oder in der Gefriertruhe verstecken. Er ist einfach süß, wenn er wie ein Vampirchen an meinem Turbobusen herumnuckelt. Ich habe so viel Milch, daß ich gleich einen ganzen Liter abpumpen mußte. Ich könnte Drillinge oder Vierlinge ernähren. Was bin ich stolz!
Der alte Herr hat mich in der Klinik besucht und hat geguckt wie ein greises Großväterchen, als er den Kleinen gesehen hat. Er war auch ganz hin und weg.
Nur jetzt liege ich hier und kann nicht schlafen vor lauter Aufregung. An Sex ist hier im Krankenhaus ja nicht zu denken. Ich hätte so einen im weißen Kittel überfallen können, aber die gucken ja immer so arrogant, als ob die Gott wären. Ich glaube, ich mache es mir jetzt selber. Vielleicht finde ich ja dann etwas Schlaf.
Claudia
Ich stehe mit Arne auf dem Balkon des Raucherzimmers. Immer wieder klopft er auf das Eisenrohr. Er raucht wie ein Schlot. Eine nach der anderen. Er hat vorher nie geraucht. Wir schweigen uns an. Aber es ist kein gemeinsames Schweigen. Vielmehr ist es so, als ob jeder vor einem Abgrund der Einsamkeit steht. Am liebsten würde ich zu ihm gehen, ihn halten, ihn umarmen, aber er hat mir den Rücken zugekehrt. In jenem Moment muß ich an ein Gürteltier denken. So eines mit einem eisernen Panzer, an das man nicht herankommt. Als ich ihn anspreche, antwortet er nur mit dem Klopfen auf das Rohr. Er hat vorher erwähnt, er mache das, um die inneren Stimmen zum Schweigen zu bringen. Langsam spüre ich, wie mir das Wasser in den Augen zusammenläuft und dann kullern sie, die Tränen. Ich fasse ihn am Arm und reisse ihn herum, damit er mich anschaut. Aber er sieht die Tränen nicht. Sein Blick geht ins Leere.
„Arne, was haben sie mit dir gemacht? Das ist kein Ort für dich.“
Lange antwortet er nicht. Und ich weiß nicht, ob er meine Tränen sieht.
Schließlich presst er lallend heraus:
„Ich muß hier sein. Draußen bin ich nicht sicher. Sie suchen nach mir.“
„Aber wer, wer sucht nach dir?“
„Der KGB, die CIA und die Scientology.“
Ich schaue ihn schief an. Vor Schreck sind mir die Tränen versiegt. Wie soll man mit solch einer Antwort umgehen? Ich drehe mich um und gehe in das Raucherzimmer. Dort sitzen mehrere Patienten, die gedrehte Zigaretten wie blöde rauchen. Plötzlich steht einer auf und ruft:
„Alle wurden abgemetzelt! Meine gesamte Familie!“
Die Augen sind weiß, in Panik, weit aufgerissen.
Ich gehe hinaus und sammle mich. Ich will einen Arzt sprechen. Das kann kein Mensch aushalten. Das ist schlimmer als die Vergewaltigung, die mir widerfahren ist und schlimmer als das Erlebnis mit der Sexblondine.
(wird fortgesetzt, weiß noch nicht, wie lange der text wird)
Immer wieder fallen meine langen blonden Haare in den Schweiß eines Brathähnchenens. Mich wundert, daß ich die Kundschaft noch nicht verjagt habe. Wie oft haben sie schon einzelne Haare von den gebräunten Schlegeln picken müssen? Aber eigentlich muß ich mir keine Gedanken machen. Ich stehe an einem Highway. Das ist Laufkundschaft, die ich bediene. Ich habe mich schon oft gefragt, was das für ein Leben ist, mein Leben. Ich wollte es nach Hollywood schaffen, aber ich habe nur ständig diesen Brathähnchenduft in meinen Klamotten. Und die Männer, es sind fast ausschließlich Männer, LKW-Fahrer sind nicht gerade eine Augenweide. Wenn sie ihre fetten Ranzen an meinen Hähnchenwagen schieben, weiß ich oft nicht, was widerlicher ist, die Männer oder die Hähnchen. Ich habe noch keinen Mann getroffen, der es mir machen könnte. Dabei suche ich doch nur nach dem Einen, der meine Oberweite würdigt.
Claudia
Ich bin von Europa nach New York geflogen. Mich schimpft man jetzt hier Aupair. Die Kinder sind nicht so reizend. Es ist eine kleine aufmüpfige Schar, die nur ihr Ego kennt. Am Anfang ist mir die Kleine mal gleich mit dem Fahrrad weggefahren und verschwunden. Ich hatte leider die Mutter schon informiert. Vor lauter Aufregung hat sie mich ständig angerufen. Es gäbe ja so viele Kinder, die in den USA verschwinden. Die Milchtüten, auf denen die gesuchten Kinder abgebildet wären, sprächen Bände. Gefunden wurde die Kleine im Basement bei dem Portier. Vielleicht sind Kinder ja so. Ich glaube ich war auch so ähnlich. Damals, vor knapp 5 Jahren. Vielleicht bin ich auch noch zu jung für diesen Job, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines, ich möchte zeichnen und malen lernen. Ich will Künstler werden. Daß ich gut aussehe schert mich einen Dreck.
Arne
Ständig diese Schüsse im Rücken. Eigentlich müsste ich wissen, sie kommen vom Fernseher. Aber ich spüre sie leiblich. Verfolgt fühle ich mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Ich habe mal so einen Wisch bei der Scientology in der Fußgängerzone unterschrieben. Seitdem höre ich seltsame Stimmen, die irgendwie aus dem OFF kommen und ganz metallisch klingen. Wenn jemand mit mir redet, weiß ich oft nicht, ob das in meinem Kopf ist oder ob die Worte von der Person mir gegenüber kommen. Ich starre dann immer auf den Mund der Person. Wenn er sich bewegt, dann weiß ich aha, der scheint mir irgendetwas mitteilen zu wollen. Ich höre dann aber gar nicht zu, sondern konzentriere mich auf die Stimmen im Kopf. Deshalb sage ich so wenig. Ich glaube, ich bin sehr einsam.
Tina
Wenn ich heimkomme, schmeiße ich die stinkenden Klamotten auf den Boden und steige in die Dusche. Manchmal mache ich es mir mit dem Duschkopf, besonders nach so einem Tag, an dem ich wegen meiner großen Oberweite öfters angemacht wurde. Und dann denke ich mir, wo bleibt mein amerikanischer Traum? Wann werde ich wohl entdeckt werden? Meistens fängt meine Mutter, während meiner Duschorgie an zu zetern, wann ich endlich zum Essen komme. Am liebsten würde ich dann ewig unter der Dusche bleiben, da ich ihr vor Fett triefendes Zeug hasse. Und manchmal wünschte ich mir, mein Papa wäre noch da. Dann würde die Alte nicht immer um mich herumschleichen. Mein Papa ist abgehauen, als ich noch ein Baby war. Aber sowas ist ja in der Zwischenzeit stinknormal.
Claudia
Jedesmal pinkelt die Kleine auf dem Weg zum Bus in die Hosen und jedesmal muß ich ihr diese schrecklich stinkende Strumpfhose vom Leib zerren, damit das Prinzesschen beim Geräteturnen unter ihren Genossen nicht stinkt. Ich kann mir beim Ausziehen nicht die Nase zuhalten, da sie das der Mama erzählen würde. Kinder sind schrecklich. Ich will niemals ein Kind haben. Die Mama ist in der Filmbranche, der Papa ist Architekt und sie können sich so ein richtig tolles Appartment auf der Upper East Side leisten. Leider nur im Basement. Deshalb wuselt es dort auch nachts vor Kakkerlakken, wenn man das Licht anmacht. Widerlich. Mein Zimmer ist der Durchgang zum Kinderzimmer. Ich finde hier keine Ruhe. Deshalb klaue ich mir auch jeden Abend eine Flasche Wein und ein Päckchen Erdnüße. Das lenkt mich ab. Ich werde nicht auf mich selbst zurückgeworfen.
Arne
Neulich war ich wieder in der Fußgängerzone und habe sie nochmal gesehen. Sie waren ganz dunkel gekleidet. Ich bin von ihnen abgerückt und habe mich in ein Eck gestellt. Zuerst begann ich, ganz leise eine Melodie in moll zu summen, als ob ich mich beruhigen wollte. Die Leute schauten schon ganz komisch. Aber was scherten mich die Leute? Und vielleicht gerade deshalb hob ich an: Ich begann, so laut zu singen, als ob ein ganzes Orchester in meinem Kopf tobte. Ich fühlte mich richtig toll da auf dem Präsentierteller. Aber dann kam einer der Dunkelgekleideten und hat mir einen Penny hingeschmißen. Ich habe aufgehört zu singen, bin wie in Panik heimgerannt, habe mich in meinem Zimmer verbarrikadiert und mir die Decke über die Ohren gezogen. Ich habe mir geschworen. Ich will hier nie wieder raus.
Tina
Als ich heute morgen wieder so einen widerlich geilen Blick kassiert habe, fragte ich den Typ:
„Und, findest mich wohl sexy oder?“
Während ich fragte, habe ich meine knallrot geschminkten Lippen geschürzt und ein bißchen meine Zungenspitze ausgefahren. Er starrte mich an, als ob ich nicht von diesem Planet sei. Schließlich habe ich mir die Lippen geleckt und dabei auf sein Ding gestarrt. Ich schwöre, es war ganz dick geschwollen. Er hatte da eine richtige Kanonenkugel in der Hose. Mit hochrotem Kopf hat er mir das Geld hingelegt, hat sich umgedreht und ist gegangen. Er hat sich nochmal umgedreht. Da hab ich ihm mit dem vor Fett triefenden Geschirrtuch hinterher gewunken.
Ich habe diesen Test noch mehrmals bei anderen stinkenden Bierbäuchen wiederholt. Es gab auch manche, die sich trauten mir zu sagen, daß sie mich supergeil und sexy fänden. Also, ich verdiene hier ja nicht viel. Am Abend fragte ich mich, ob ich meine Kurven nicht lohnender anlegen könnte.
Claudia
An den langweiligen Abenden habe ich Arne seitenlange Briefe geschrieben. Ich finde es schon sehr seltsam, daß er mir nicht zurückschreibt. Unser einmonatiger Urlaub nach dem Abi in Griechenland steht noch vor mir, als ob es gestern gewesen wäre. Und jetzt sitze ich hier mit dem Telefonhörer in der Hand und weiß nicht, ob ich es mir leisten kann, ihn anzurufen. Als Aupair verdient man ja nicht viel. Es reicht gerade für das Nötigste. Schließlich gebe ich mir ein Ruck und wähle. Es müßte jetzt eigentlich eine humane Zeit in Deutschland sein. tutututut. Ich lasse es ewig lange klingeln, bis doch jemand abhebt. Ich schreie fast in den Hörer:
„Arne, bist du das? Warum schreibst du mir nicht?“
Eine weibliche etwas ältere Stimme antwortet:
„Arne ist nicht ansprechbar.“
„Sind Sie die Mutter von Arne?“
„Ja“
„Was ist mit Arne?“
Ich weiß es nicht, es geht seit Tagen so. Er kommt nicht mehr aus seinem Zimmer. Die Türe ist verriegelt.“
„Hä? Nicht mal zum Esssen?“
„Nein, jedesmal, wenn ich mit dem Essen vor der Tür stehe und ihn frage, ob er keinen Hunger hätte, antwortet er, er habe keinen Hunger und keine Zeit zum Essen.“
„Ich muß jetzt Schluß machen, sonst wird es zu teuer. Ich würde die Tür eintreten! Tschüß!“
Ich starre das Telefon an wie ein neugeborener Koalabär. Irgendetwas ist seltsam, sehr seltsam.
Arne
Ich habe mein gesamtes Zimmer nach Wanzen abgesucht. Die gesamten Möbel habe ich auseinandergenommen. Die Briefe von Tina durchsucht. Sie könnte ja auch eine von denen sein. Die alten Stofftiere habe ich aufgerissen und das Innere nach Außen gestülpt. Meine Mutter habe ich auch im Verdacht. Sie könnte ja schon damals, als ich noch Baby war...
Ich habe dann tatsächlich etwas gefunden, das nach einer Wanze aussah. Hinter der Schrankwand. Es sah eigentlich aus wie ein abgerissenes Teil eines Kopfhörers. Aber ich bin mir jetzt im Moment sicher, daß es eine Wanze ist. Ich bin erleichtert, daß ich sie letztendlich doch noch gefunden habe. Natürlich werfe ich sie jetzt im Moment auf die Straße. Dann wird Ruhe einkehren. Ich werde die Fenster mit Kartonagen verkleiden, damit sie mich nicht mehr beobachten können und dann endlich werde ich frei sein, an meinem Konzept zu schreiben, wie ich die Welt vor diesem Übel, diesen schwarzgekleideten Scientologen retten kann.
...wenn meine Mutter bloß nicht ständig mit dem Essen nerven würde!
Tina
Seit gestern arbeite ich als Stripperin. Die hellbraunen Haare habe ich platinblond gefärbt. Wenn ich tanze, ist mein Schmollmund knallrot geschminkt und ich trage schwarze Netzstrümpfe zu dem spitzenbesetzten Panty. Ich habe gestern 300 Dollar Trinkgeld kassiert. Es wird doch! Und heute bin ich so richtig in Angriffslaune. Zu meinem gestrigen Outfit habe ich mich noch zusätzlich mit falschen langen dunklen Wimpern geschmückt. Ich warte jetzt hinter dem Vorhang auf meinen Auftritt. Ich prüfe nochmal, ob meine Brüste auch gut sitzen. Das Mieder presst sie richtig nach oben und ich denke, es ist ein geiler Anblick für mein Publikum. Endlich hebt sich der Vorhang, die Musik und die Lichter gehen an. Ich stolziere in meinen hohen Hacken auf die Bühne. Zuerst zeige ich ihnen nur meinen Rücken. Sie johlen! Angefeuert durch ihre Rufe drehe ich mich langsam im Takt der Musik herum. Im Publikum sitzt ein alter Mann im Rollstuhl und trinkt Champagner. Er prostet mir zu. Langsam, während ich mein Mieder ausziehe, gehe ich auf ihn zu. Er scheint zu sabbern und ich denke mir, das ist Daddy! Ich setze mich auf seinen Schoß und ziehe mir bedächtig die Strümpfe von den Beinen. Seine knochige alte mit Leberflecken übersäte Hand streicht über meine nackte weiße Haut und es kribbelt mir wie nie. Es ist schon fast Leichenschändung, was ich hier betreibe. Der Kerl ist bestimmt schon fast 90 Jahre alt. Er drückt mir ein Glas Champagner in die Hand und wir prosten uns zu. Seine alten gelben Augen tragen Tränen. Gerührt drücke ich ihm einen Kuß auf die faltigen Wangen. Er schiebt mir eine 500-Dollar-Note zu. Jetzt aber wieder schnell ab auf die Bühne!
Claudia
Ich putze nun bei einem Künstler in Chinatown, um mein Gehalt aufzubessern. Schließlich will ich auch mal ins Palladium, um mal Andy Warhol oder einen anderen Star zu treffen. Ich bin nicht besonders gründlich, denn immer wieder fallen meine Blicke auf seine comicstyligen Gemälde. Er sagte mir, er sei Illustrator bei dem New Yorker. Da mußte ich meinen Hut ziehen. Im Moment habe ich noch nicht viel an Kunstwerken zusammengebracht wegen der Erdnüße und der Flasche Wein am Abend. Irgendwie kann ich mich nicht so richtig konzentrieren. Ich könnte ja tagsüber arbeiten, aber da will ich New York erkunden. Was habe ich mir schon die Hacken auf der Fifth Avenue, der Lexington Avenue und am Rande des Central Parks abgelaufen? All diese schimmernden Läden mit den Markenklamotten und dazwischen die Penner mit ihren Einkaufswägen, die Plastiktüten zu sammeln scheinen. Wenn sie mir nach einem Penny hinterherschreien, versuche ich sie zu ignorieren. Ich bin ja selber nur eine kleine Null, die nichts zu geben hat.
Der Künstler in Chinatown meinte, ich sehe gut aus und ob ich nicht ein Portfolio für eine Modellkarriere zusammenstellen wolle. Ich guckte ihn an wie ein Kamel. Warum um himmelswillen Modell? Ich wollte Künstler werden. Schließlich willigte ich ein. Er würde sich um einen Fotografen und das Outfit bemühen. Welchen Weg würde mein Leben gehen?
Arne
Mein Kopf wird oft so leicht, wenn ich an meinem Computer sitze und schreibe. Schreiben ist eine Droge wie Cocaine. Seit einigen Tagen wage ich mich wieder zum Essen heraus, da ich so Hunger hatte. Mein Essens-Kreislauf scheint sich viel schneller zu bewegen als früher. Als ob ich von einer geheimen Brennstoffzelle angeschoben würde. Im Spiegel sehe ich aus wie ein Gespenst, da ich so viel abgenommen habe. Ich weiß, die Scientologen haben mir ein Chip implantiert, damit ich soviel abnehme. Sie wollen mich aushungern, bis ich eine Leiche bin. Ich habe schon meinen ganzen Körper nachts unter der Bettdecke nach dem Chip abgesucht. Als mein Penis eine Verhärtung zeigte, wußte ich, dort haben sie ihn plaziert. Aber ich traue mich nicht zum Arzt. Das wäre vielleicht eine Bloßstellung. Wenn jetzt mein Penis in Stellung geht, denke ich an irgendetwas Abtörnendes, wie zum Beispiel meine Mutter. Das zügelt den Appetit. Ich stelle sie mir dann immer vor, wie sie versoffen in einem abgewetzten Bademantel durch die Wohnung wankt und dann gibt sich das schon. Den Gedanken an Claudia schiebe ich immer weiter weg. Sie ist nicht von meiner Welt.
Tina
Nach dem Auftritt sitze ich in der kleinen Garderobe des Ladens beim Abschminken, als es plötzlich an der Türe klopft. Verwundert öffne ich und vor mir sitzt der alte Herr. Er grinst mit seinem glatten Schädel wie ein Neugeborenes. Kinder und Greise haben doch eine frappierende Ähnlichkeit. Er lädt mich ein, mit ihm in sein Haus zu kommen. Da er mir gefällt, stimme ich zu. Ich vertrete mir die Füße auf dem Parkplatz, während ich auf sein Auto warte. Mir fallen fast die Augen aus den Höhlen, als eine riesig lange schwarze Limousine mit Chauffeur vorfährt. Während der Fahrt trinken wir wieder Champagner. Er erzählt, daß er nach dem Tod seiner Frau keine Freude mehr am Leben hatte. Aber als er mich gesehen hätte, wäre sein Herz seit langem mal wieder am Hüpfen gewesen. Ich streiche ihm über seinen kahlen Kopf und gebe ihm einen Kuß auf die Wange. Er nimmt meine Hand und streichelt sie. Während der ganzen Fahrt habe ich nicht auf die Umgebung geachtet, als die Limousine plötzlich ein gewaltiges Eisentor erreicht und sich langsam automatisch öffnet. Wir fahren durch einen riesigen Park mit uralten hohen Bäumen, bis der Blick auf ein kleines Schloß freiliegt. Wie in einem alten schwarz-weiß-Film öffnet eine Bedienstete, gekleidet mit einem gestärkten weißen Schürzchen. In dem Moment frage ich mich, in welchem Roman ich gelandet bin. Sollte das das Glück sein, das ich mir immer erträumt hatte? Nachdem er mir alle Zimmer in seinem Schloß gezeigt hat, schenkt er uns in seiner Bibliothek einen Scotch ein. Ich trinke gierig, um meine Aufregung zu übertünchen. An diesem Abend regnet es Scotch und je besoffener wir beide werden, desto freizügiger werden die Gespräche. Er spricht von meiner Brustvergrößerung, und meiner darauffolgenden Karriere in Hochglanzmagazinen. Gegen Ende, als ich mich kaum mehr auf den Beinen halten kann, fährt er mit seinem Rollstuhl ganz aufgeregt hin und her. Und schließlich presst er den Satz doch heraus. Er möchte mich mit einer Frau im Bett sehen und dabei zuschauen. Ich lache, knutsche ihn auf den Mund und sage: „Das wirst du alles noch haben, mein Schatz!“ Daß ich von dem Besitzer des Brathähnchengrills schwanger bin, verschweige ich in dem Moment.
Claudia
Alles steht bereit zum Fotoshooting. Ein Fotograf und ein Visagist haben sich bei dem Illustrator eingefunden. Zuerst schmiert mir der Visagist pfundweise Make-Up auf die Haut. Ich komme mir vor, als ob ich zwei Häute hätte. Am liebsten würde ich mir diese ganze Kleisterparade sofort wieder herunterwaschen! Als er fertig ist, erkenne ich mich kaum selber wieder. Das soll ich sein? Dieses Püppchen da? Der Illustrator kommt mit einer alten abgewetzten schwarzen Lederjacke an. Die sollte ich anziehen ohne etwas darunter. Widerwillig ziehe ich mich aus und die Jacke an. Ich lehne dann aufgestützt auf eine Negerstatue vor einer Graffiti-Wand. So fotografiert er mich dann bestimmt hundertmal, während ich schwitze unter dem pfundweise aufgetragenen Make-Up. Die nächste Einstellung sind Portraits. Ich trage ein altes T-Shirt, das am Kragen bewußt so zurechtgeschnitten wurde, daß die Fransen zu sehen sind. Ich heule fast. Ich will doch Künstlerin werden. Während des gesamten Shootings haben der Illustrator, der Fotograf und der Visagist sich einen hinter die Binde gegossen. Sie lallen schon fast und dann passiert das Unausweichliche. Sie fordern ihren Lohn. Sie schmeißen mich auf das Bett in der kleinen Loft und dann kommt jeder mal dran. Der Illustrator von hinten. Der Fotograf von vorne und der Visagist schiebt mir seinen Schwanz in den Mund, so daß ich fast kotze. Sie entschuldigen sich danach und ich ziehe meinen Schwanz ein, den ich nicht habe. Geschändet laufe ich völlig verwirrt durch die blinkenden Straßen. Eine 18-jährige mit den ersten negativen Erfahrungen in ihrem Leben. Sie wollten Spaß und sie haben mich nicht ernst genommen. Ich war das kleine Arschloch für sie. Und so muß ich das sehen. Ich stehe an der 42nd Street außer Atem. Hier stehen die richtigen Nutten. Ich frage, ob ich mich heute zur Nutte gemacht habe. Ich denke an die zärtlichen unbeholfenen Umarmungen von Arne und habe richtig Sehnsucht. Wie lange halte ich es hier noch aus? Ich muß zurück zu Arne.
Arne
Ich habe mich in einer Wattewolke mit guter Musik eingehüllt, während meine Mutter besoffen durch die Wohnung krakeelt. Sie ist so ein Ekel. Ich kann sie nicht mehr anschauen. Schon morgens trinkt sie ihren fahlen Prosecco. Ungekühlt! Nachmittags ist es am schlimmsten, wenn sie sich die Whisky-Flasche schnappt. So oft torkelt sie in mein Zimmer und schreit, ich sei ein Nichtnutz, ein auf-der-Tasche-Lieger. Dabei hat sie in ihrem Leben doch auch nichts auf die Reihe gebracht. Wir leben von der Sozialhilfe. Und hinter uns steht die Scientology und will uns die Türen einrennen. Daß ich hier in meinem Zimmer endlich mal etwas Sinnvolles fabriziere, will sie nicht einsehen. Ich rede ja auch gar nicht mehr darüber, was ich mache. Ich tippe und tippe und glaube es wird richtig gut. Ich plane einen großen Auftritt, aber den will ich nicht verraten.
Tina
Ich erwache mit einem zertrümmerten Schädel neben dem alten Herr in seinem Schloßbett. Das ist Fenster geöffnet und die Vögel veranstalten ein Hupkonzert, das mich in dem Moment nur nervt. Gib mir noch ein paar Stündchen Schlaf, damit ich nicht so durch die Welt torkeln muß! Zwischen uns liegen zwei geleerte Scotch-Flaschen. Das schlimmste ist, ich kann mich nicht erinnern, was wir in dem Bett des alten Herrn getrieben haben. Ich weiß nur noch, daß er versprochen hat, mich in New York zu heiraten. Soweit ich mich erinnere, habe ich „ja“ gelallt. Ich frage mich, ob ich es ihm mit seinen 90 Jahren noch besorgt habe. Und dann hüpfe ich im Geiste, obwohl der Kopf dröhnt. Ich wäre abgesichert für mein Leben, hätte alles Geld der Welt, denn er hat mir gestanden, er sei Millardär. Das ist mein amerikanischer Traum und plötzlich bin ich hellwach. Ich setze mich aufrecht. Dir Brüste kugeln mir über die Bettdecke. Ich bin nackt. Anscheinend habe ich es ihm doch besorgt. Ich beuge mich zu ihm, spüre seinen schlechten altersbedingten und alkoholisierten Atem. Er schnarcht und hat gelbe Zähne. Ob er wohl schon jemals etwas von Zahnreinigung gehört hat? Vielleicht hat er ja auch ein Gebiß, aber das wird doch nicht gelb. Ich schiebe all diese Gedanken weg und wiege mich in meiner Zukunft, die von nun an von Geld und Erotik geprägt sein wird. Schließlich ist Geld auch ein Mittel, das die Erotik macht. Ich setze mich auf ihn, schaukle ganz langsam und er erwacht aus seinem Dämmerzustand.
Claudia
Ich bin durch ganz New York wie eine Irre gerannt. Von Chinatown bis zur Upper East Side. Ich hätte mich in die U-Bahn setzen können, aber ich hatte keinen klaren Gedanken. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange dieser Spaziergang dauerte. Ich wollte nur eines laufen, weglaufen. Ich torkelte gegen einen Penner und schmiß ihm den Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten um. Noch heute hallt sein empörtes Geschrei in meinem Hirn. Am liebsten hätte ich ihn abgeknallt, für das was mir angetan wurde. Ich rannte in einen sehr gut aussehenden Herrn in einem teuren, dunklen Anzug. Bei dem Aufprall fiel ihm sein Hut vom Kopf. Ich habe ihn nicht aufgehoben, den Herrn habe ich keines Blickes mehr gewürdigt. Ich rannte. Gegen zehn Uhr abends war ich in meinem armseligen Zuhause. Die Eltern schauten mich betreten an. Ich hätte das Abendessen vorbereiten sollen. In dem Moment hatte ich nur einen Gedanken: die Dusche. Ich sprach kurz ein Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch. Das Wort Shower hatten sie dann doch verstanden. Und dann stand ich endlich darunter, um mir die ganze Scham abzuwaschen. Eine geschlagene Stunde rauschte das Wasser über mich hinweg und es war immer noch nicht genug. Wem konnte ich das erzählen, was mir passiert war? Für mein Leben würde ich schweigen wie ein Grab. Trotzdem, echt komisch, ich glaube immer noch an das Gute im Menschen.
Arne
Heute morgen, als noch alles dunkel war, habe ich hinter die Kartonagen auf die Straße geschaut. Sie stehen da immer noch mit ihren Handys und unterhalten sich über mich. Ich war versucht, etwas auf die Straße zu schreien. Stattdessen habe ich den Computer angemacht und beschrieben, was die da unten machen. Mehrere gutgekleideten Herren tauschten kleine Dinge aus. Ich bin mir sicher, es ist eine neue Information für einen Chip, der implantiert werden soll. Wahrscheinlich in mich. Aber an mich kommen sie nicht mehr heran. Als ich gerade den letzten Absatz tippte, tat es einen Riesenschlag nebenan. Wahrscheinlich sind sie in die Wohnung eingedrungen. Ich werde jetzt ein Weilchen nicht mehr aus meinem Zimmer hinausgehen. In Panik, sie könnten kommen, habe ich meinen Schrank vor die Türe gerückt. Ich habe mich mit Lebensmitteln eingedeckt. Eine Weile kann ich hier überleben.
Claudia
Es hat mich zwei Wochen gekostet, um wieder einigermaßen auf den Beinen zu stehen. Die Putzstelle habe ich endgültig gestrichen. Eine Freundin hat mich heute abend ins Palladium eingeladen. Als wir in der Schlange stehen, sehe ich wie ein Weißhäuptiger der Laden verläßt. Meine Freundin flüstert mir ehrfurchtsvoll zu: das war Andy Warhol. Ich recke nochmal den Kopf, aber da sehe ich schon seine Gestalt davonreiten. Wahrscheinlich bin ich immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Dementsprechend mißmutig betrete ich dann auch den Laden. Was ist schon ein Abend ohne Andy? Zuerst schaue ich mir die Toiletten an. Dort kleben tausende von bunten Comicgestalten. Ich komme mir wie in einem Film vor. Ich will auch einmal solche Comics gestalten.
Meine Freundin ist wie vom Erdboden verschwunden. Ich suche sie auch nicht richtig, ich bin nur fast glücklich von Floor zu Floor zu schleichen. 10mal die Lichter auf der Treppe begutachten. Irgendwo stehenzubleiben, um kurz die Highsociety von New York zu sehen. Einmal denke ich, den gutaussehenden Herrn zu sehen, in den ich an dem Chaos-Abend gerannt bin. Schnell drehe ich mich aber weg und schiebe den Gedanken weg: es gibt tausende, die ihm gleichsehen. Er ist austauschbar wie ein kleines Streichholz.
Später stehe ich an der Bar und immer wieder fixiert mich so eine mollige Blondine. Ich starre auf ihre ausladende Brust. Komische Mama-Gedanken kommen mir dabei. Am liebsten würde ich ausreißen, aber seltsamerweise bleibe ich und beginne mit ihr zu flirten. Obwohl sie gräßliches Zeug in einem schrecklichen Mid-West-Slang lallt, fühle ich mich gut bei ihr. Wahrscheinlich hängt das mit meinem schrecklichen Erlebnis zusammen. Bei einer Frau kann mir nichts passieren. Sie kann mich nicht penetrieren. Sie beginnt immer wilder, mit mir zu flirten. Gesteht, daß sie im vierten Monat schwanger ist von einem Typ, den sie gar nicht wollte. Erzählt wirres Zeug von einem alten Schloß, in das sie mich mitnehmen will. Sie hat mir schon drei Drinks bezahlt und da denke ich, warum nicht. Warum es nicht einmal mit einer Frau versuchen?
Arne
Nach zwei Wochen riecht mein Zimmer nach Scheiße und Urin. Ich halte den Gestank nicht mehr aus. Es gibt nur eins, raus hier. Das Pamphlet ist fertig und ich kann jetzt endlich nach Bonn fahren. Ich schiebe den Schrank von der Türe weg. Als ich die Klinke heruntergedrückt habe, kommt mir noch ein üblerer Geruch entgegen. Es stinkt nach Aas. Vorsichtig tappe ich in das Schlafzimmer meiner Mutter. Ich habe mich bislang nicht gewundert, daß sie nicht mehr an meiner Tür gerüttelt hat. Und plötzlich verstehe ich es. Ihr Kopf liegt in einer Blutlache. Sofort denke ich an einen Übergriff der Scientology. Das war also der Lärm an dem Morgen vor zwei Wochen. Sie sind hier eingedrungen und haben meine Mutter überwältigt. In dem Moment ist meine Mutter ein Held. Sie hat ihren Kopf für mich hingehalten. Ich gehe zu ihr. In ihrer Hand hält sie noch im Todeskrampf eine Schnapsflasche. Ich hebe ihren Kopf. Eine Made kriecht aus ihrem Mund. Liebevoll wische ich ihr das eklige Tier vom Leib. Doch dann stehe ich in Panik auf. Ich weiß, jetzt muß ich endgültig weg hier. Meine Stunden sind gezählt.
Tina
Ich habe eine Frau im Palladium für die Hochzeitsnacht aufgegabelt. Der alte Herr hat sich schließlich nichts sehnlicher gewünscht, als zuzusehen, wie ich mit einer Frau Sex habe. Sie schläft jetzt vollgepumpt von den Drinks, die ich ihr bezahlt habe, an meine Schulter gelehnt, während wir mit dem Taxi in Richtung Schlößchen fahren. Sie sieht aus wie ein Fotomodell, trotz ihrer Protest-Kleidung. Ein rasanter strohblonder Kurzhaarschnitt und eine verratzte schwarze Motorradjacke krönen ihr Aussehen. Ich bin gespannt, was der alte Herr sagt, wenn ich mit ihr einlaufe.
Als wir angelangt sind, versuche ich sie wachzurütteln. Mit leicht torkelndem Kopf wird sie schließlich wach. Ich helfe ihr aus dem Taxi. Sie scheint einen Zentner zu wiegen, als ich sie auf meinen roten Stöckelschuhen wackelnd, zu stützen versuche. Ständig lallt sie: Ich bin müde, will nach Hause. Aber ich schleppe sie ins Haus und langsam gehen wir die ausladende Treppe nach oben in Richtung Schlafzimmer. Ich habe dem alten Herr gesagt, daß ich ihm ein Zeichen geben werde, wenn wir mittendrin sind, damit mein Opfer sich nicht gleich am Anfang davonstiehlt. Der Plan ist, daß ich dreimal mit einer leeren Flasche auf den Boden haue. Ich lege sie ins Bett und beginne sie auszuziehen. Sie ist willenlos wie ein toter Fisch. In dem Zustand könnte ich wahrscheinlich alles mit ihr anstellen. Als sie nichts mehr auf dem Leib hat, beginne ich, ihre Scham zu lecken. Sie stöhnt leicht und windet ihren Kopf hin und her. Kurz blitzt ihre Zunge durch ihre Lippen. Ich arbeite mich mit Küssen über ihre Brust zu ihren Lippen vor und schließe ihren großen Mund mit einem langen schweren Kuss. Langsam beginne ich mich, selbst auszuziehen und als ich nackt bin, schlage ich mit der leeren Gin Tonic-Flasche dreimal auf den Boden.
Arne
Ich sitze im Zug und kontrolliere ständig, ob ich das Geld, das ich unter dem Bett im Schlafzimmer meiner Mutter gefunden habe, noch bei mir trage. Auf dem Bahnhof bin ich auf das nach Pisse stinkende Klo gegangen und habe es gezählt. Es sind ungefähr 60.000 DM. Ein Stricher haute mich nach Heroin an. Achselzuckend schaute ich zu, wie er mir seine durchstochenen Arme zeigte. Ich hatte kein Heroin. Ich hätte ihm meinen Kopf schenken können, denn der ist voll mit Heroin.
Ich frage mich jetzt, wie sie soviel Geld als Sozialhilfeempfängerin sparen konnte. Und warum haben die Scientologen nicht nach dem Geld gesucht? Ständig steht mir das vertrocknete Blut, in dem meine Mutter lag, im Gedächtnis. Den Gedanke an die Made versuche ich ständig wegzuschieben, aber es gelingt mir nicht so recht. Wenn ich meine Augen in dem Geratter des Zuges schließe, kriechen Riesenmaden über meinen Körper und versuchen, mich zu verschlingen. Ich hatte vor, das Pamphlet nocheinmal während der Zugfahrt durchzugehen, aber daran ist nicht zu denken. Immer wieder schweifen meine Gedanken zu Riesenmaden.
Claudia
Ich will meine Augen nicht öffnen. Alles dreht sich. Und über mir ein Leib, der mich zu verschlingen droht. Ich bin gefangen in einer klebrigen Venusfliegenfalle, die gleich zuschnappen und mich verdauen wird. Was wird mit meinem Körper, der zu Saft wird? Ich will schreien, doch da verschließt mir eine Zunge den Mund. Energisch drehe ich den Kopf weg, öffne die Augen und mir starrt das Objektiv einer Kamera entgegen. Dicke Finger verschließen meine Augen und ich verharre in dieser Stellung, wehre mich nicht mehr. Meine Brüste werden geknetet, meine Vagina wird gespreizt und ich spüre etwas in meiner Höhle. Minutenlanges Auf und Ab bis es mir kommt und ich einen kleinen spitzen Schrei ausstoße. Plötzlich wach, wälze ich den dicken Körper von mir und setze mich auf. Ein alter Mann im Rollstuhl hält die Kamera. Entsetzt schaue ich ihn an. Was will er? Dieser alte geile Sack? Panisch suche ich nach meiner Kleidung. Ziehe mich hastig an und gehe auf den Alten zu. Energisch reiße ich ihm die Videokamera aus der Hand, hau ihm eine runter und dann noch ein letzter Blick auf das Zimmer, das zerwühlte Bett, die hübsche ausladende Blondine. Dann bin ich auch schon draußen und suche meinen Weg aus diesem Labyrinth von Schloß. Vor der Tür lache ich hysterisch in mich hinein. Das eben konnte doch nicht wahr sein! Was für eine perverse Gesellschaft. Im selben Moment beschließe ich, abzureisen, zurück nach Europa, Deutschland, zurück zu Arne. Die Videokamera mit der Kassette werde ich mitnehmen als Souvenir.
Arne
Ich stehe vor dem Bundestag mit meinen Blättern in der Hand. Es stürmt und sie rascheln ganz aufgeregt. Meine Handgelenke schmerzen so, als ob ich etwas verloren hätte. Wahrscheinlich mein Hirn an eine fremde Gottheit. Ein Krankenwagen mit schallendem Martinshorn fährt vorüber. Suchen sie mich? Bin ich denn nicht wichtig? Ich halte das ganze System in meinen Händen. Ich habe mit beiden Seiten verhandelt, dem KGB und der CIA. Ich bin die Verbindung, der Schlüssel und das, was ich in den Händen halte, ist wertvoller als alles Vermögen dieser Welt. Noch in Gedanken gehe ich die Treppe hoch. Niemand hält mich auf und ich schreite weiter zum Herzen des Geschehens. Langsam öffne ich die Türe und da sitzen sie, die Abgeordneten. Ich könnte auf sie hinunterspucken wie ein alter Römer im Amphietheater bei Brot und Spielen. Jemand, den ich nicht kenne, hält gerade eine langweilige Rede. Ich beuge mich über das Geländer und versuche, in ihre Gesichter zu schauen. Ich bin doch wichtig. Ich drehe hier am Rad. Ich bin der, den ihr immer gesucht habt. Und plötzlich wenden sich mir alle Gesichter zu. Ich bin das Herz des Geschehens. Ja! Und dann regnet es plötzlich Blätter. Wie kleine Leichname segeln meine dicht beschriebenen Blätter auf die Köpfe der Abgeordneten, schließen sie weg, unter eine Decke - wie Schnee.
Tina
Nachdem dieses kleine freche Biest mit der Videokamera abgehauen ist, schauen wir uns befremdet an. Was nun? Die Hochzeitsnacht vermasselt, das Video mit der Erinnerung geklaut. Plötzlich fängt mein frischgebackener Ehemann an, etwas blöde zu kichern. Zuerst starre ich ihn an wie einen Geist, dann stimme ich mit ein, bis mein Kichern in einem lauthalsen Lachen endet. Ich setze mich auf seinen Schoß und küße seinen nach Schnaps stinkendes altes Maul. Während ich ihm das Glied massiere, überlege ich mir, ob er wohl noch die Geburt des Bastards erleben wird, ob ich es ihm gestehen soll, daß ich schwanger bin von dem Brathähnchengrillbesitzer. Aufeinmal überkommt mich der Hunger nach so einem richtig fettigen Brathähnchen und während ich nun an seinem Teil lutsche, könnte ich glatt hineinbeißen. Sein Ding ist labberig wie ein gekochter Spargel. Er hat zu viel gesoffen. Also lasse ich von ihm ab, stelle mich vor den Spiegel, massiere meine Brüste und stecke mir dann die Hand unten rein, bis ich komme. Mein Schrei schreckt ihn von seinem Nickerchen auf. Beleidigt, daß er mir nicht zugeschaut hat, gehe ich in den Küchentrakt und suche nach Brathähnchen.
Claudia
Zurück in Deutschland ist mein erster Gang zu Arne. Leider finde ich ihn nicht in seiner Wohnung auf. Seine Mutter öffnet mir. Leicht erschreckt nehme ich etwas Abstand. Ich sehe sie zum ersten Mal. Sie trägt nachmittags um 14.00 Uhr einen geblümten Morgenrock, hat Lockenwickler im Haar und ist im Gesicht aufgedunsen wie eine Qualle. Als ich näher trete, rieche ich ihre Schnapsfahne. Sie bittet mich trotz ihres seltsamen Aufzugs hinein. Die Wohnung ist ein einziger Chaoshaufen, überall leere Flaschen, der Dreck steht auf den Böden und der Müll steht gesammelt in einer Ecke in der Küche und genauso stinkt es auch. Nach verwesten Essensresten, Alkohol und Zigaretten. In jenem Moment frage ich mich, ob hier nicht auch Ratten aus den Löchern kriechen oder sich Maden und Ameisen in der Wohnung verbreiten. Ich wundere mich, daß sie sich nicht schämt und würde ihr am liebsten die Lockenwickler aus dem Haar reißen.
„Wo ist Arne?“ frage ich agressiv mit einer gewissen Abscheu.
„Er ist mit meinem Geld abgehauen. Keine Ahnung.“ lallt sie
„Darf ich sein Zimmer sehen?“
„Ja, warum nicht, kommen Sie.“
Während sie in dem Türrahmen steht, schaue ich mich in Arnes Zimmer um. Es scheint in dem Zustand zu sein, in dem er es verlassen hat. Die Fenster sind mit Kartonagen verklebt. Alle Schubladen sind aufgerissen und der Inhalt auf dem Boden verteilt. In einer Ecke finde ich angeschimmelte Essensreste. In dem ganzen Raum stinkt es nach Scheiße und Urin. Er muß sich nicht mehr nach draußen auf das Klo getraut haben. Er hatte sein Geschäft in einen Eimer erledigt. Der PC ist noch an. Ich setze mich trotz des Gestanks hin und beginne, das geöffnete Dokument zu lesen. Ich ärgere mich über den Anfang und scrolle zum Ende: Dort steht: Bestimmungsort: Bonn.
Arne
Mann war das toll, eh Mann. Ich wurde mit einer Polizeieskorte abgeführt und die hat mich in einen Hochsicherheitstrakt geschafft. Sie wollten mich in Sicherheit wissen. So haben sie es gesagt. Ist ja schließlich kein Pappenstiel als Geheimagent zu funktionieren. Ich frage mich bloß, wie ich von hier aus weiter agieren soll. Ist ja alles vergittert und ich kann nicht raus. Lauter Sicherheitstüren und so richtig Stacheldraht, da wo mal Fenster waren. Moment mal, nee Fenster gibt es hier gar nicht. Ist eher so wie in einem Tunnel. Unter der Erde. Die Leute hier sind echt abgespaced, die laufen im Kreis und geben grunzende Geräusche von sich. Manche schreien und mehrmals habe ich schon mitgeschrien. Also, ein Schönheitssalon ist ein Scheißdreck dagegen. Ich habe schon angefangen, mir Löcher in die Jeans zu schneiden, damit ich aussehe wie die. Irgendwie will ich auch dazugehören, aber ich habe das Gefühl, die akzeptieren mich nicht so recht. Ich bin mir totsicher, die alle sind totgestellte Geheimagenten.
Tina
Seit letzter Woche bin ich auf der Titelseite eines der bekanntesten Sexmagazine in den USA mit nackten Brüsten zu sehen. Mein Gott, was bin ich stolz, meine prallen Dinger, an jedem Kiosk, an dem ich vorbeilaufe, anzuschauen. Der alte Herr hat mir den Job vermittelt und ich war ihm so dankbar, daß ich ihm letzte Nacht gestand, daß ich schwanger sei. Er hat nur seinen Schildkrötenhals hin- und hergedreht und dann mit dem Kopf genickt. Gesagt hat er nichts. Es war so, als ob ich jetzt einen Freibrief hätte, mit anderen Männern zu vögeln. Natürlich bin ich auch gleich mit dem Fotografen im Bett gelandet. Wie wild ist er auf meinem schwangeren Bauch herumgerobbt. Er weiß ja nicht, daß ich schwanger bin. Komischerweise hatte ich nach dem Sex keinen Abgang. Das fischige kleine Brathähnchen-Ding scheint in mir festzusitzen wie ein Fels im Meer. Ich bin jetzt im fünften Monat und kann es kaum erwarten bis es herausrobbt, damit ich es sogleich strangulieren kann, wenn es einen Ton von sich gibt. Schließlich will ich weiter Karriere machen in Hochglanzmagazinen. Ein Säugling wäre meinem Erfolg nur abträglich.
Claudia
Ich habe mir in Bonn die Füße wund gelaufen, um nach Arne zu suchen. Zuerst war ich bei der Polizei. Fünf Stunden habe ich mich dort mit dem Polizeibeamten unterhalten. Er hat nichts, keine Eintragung auf Straffälligkeit im Computer gefunden. In einer billigen Pension ging ich dann pennen. Nachts bin ich immer wieder aufgewacht von dem Ticken der Heizung im Zimmer. Es war so, als ob mein letztes Stündlein tickte. Völlig gerädert klapperte ich daraufhin die Krankenhäuser in Bonn ab. Nichts. Niemand hatte etwas von Arne gehört oder gesehen. Nach dem letzten Krankenhausbesuch verspürte ich solch eine Wut auf die Mutter von Arne, daß ich am liebsten in unseren Heimatort zurückgefahren wäre, um dort das Haus von Arnes Mutter anzuzünden. Stattdessen ging ich nochmal in die Pension. Ich habe mir da eine Flasche Wein reingekippt. Geschlafen habe ich bis exakt halb sechs und bin erwacht von dem Ticken. Nichts hielt mich mehr im Bett. Ich mußte eine Großfahndung beginnen. Während ich durch die Stadt lief, überlegte ich mir: „Wo könnte ein Irrer sein?“ Plötzlich blieb ich wie angewurzelt vor einem Kiosk stehen: „Im Bundestag regnete es einen Roman.“ Ich kaufte mir die Bildzeitung und setzte mich in ein Café. Ich schaute immer wieder das Bild an. War das Arne oder nicht? Er trug einen roten Bart. Als wir zusammen waren, hatte er sich immer frisch rasiert. Und warum war sein Bart rot, während seine Haare blond waren? Es könnte etwas mit dieser Verwahrlosung in seinem Heimathaus zu tun haben, daß er sich plötzlich nicht mehr rasierte. Ich stand auf und schnappte mir eine Straßenbahn. Ich war auf seiner Fährte.
Ich stehe jetzt vor einem Maschendrahtzaun wie bei einem Gefängnis und muß an die RAF-Inhaftierten in Stammheim denken. Vor mir ein Glashäuschen und dort schaue ich in die Augen eines bunt geschminkten Mannes. Zuerst denke ich Transvestit und dann egal, da mußt du jetzt durch.
„Ich will zu Arne Feige.“
„Station 5b2“ kommt es nach kurzem Suchen aus einer bewußt kehligen Stimme.
„Aber Sie müssen sich ausweisen. Sind Sie eine Angehörige?“
Ich zeige brav meinen Ausweis.
„Ja, die Kusine.“ Er läßt mich durch.
Mein Herz hüpft. Ich bedanke mich, artig wie ich bin und laufe durch einen verwahrlosten Park. Männer in Bademänteln mit nikotingelben Fingern ziehen gierig an ihren Zigaretten. Frauen mit aufgelösten Frisuren irren schreiend ziellos durch das Gelände. Ich komme mir vor wie in einem vor Millionen Jahren verlassenen Paradiesgarten, der vor kurzem mit Figuren aus der Hölle bestückt wurde. Ich tue so, als ob es mir gut geht und laufe hastig weiter. Drehe mich auch nicht um. „Nein, ich will das jetzt nicht sehen.“
Auf der Station finde ich Arne vor einem alten schiefen kleinen nicht funktionierenden Tischkicker. Immer wieder wirft er den Ball in das Fußballfeld. Aber der Ball fällt nach zweimal Spielerdrehen wieder auf den Balkon, da der kleine Tischkicker nur auf drei Beinen steht. Er macht komische Bewegungen, als ob er einen Stock verschluckt hätte.
Ich rufe: „Arne! Erkennst du mich?“
Er antwortet mit lahmer Zunge, als ob er eine Flasche Schnaps gesoffen hätte: „Was willst du denn hier? Zieh Leine! Das ist kein Spaß hier.“
Tina
Ich liege schweißgebadet in einem Bett, in einer Klinik für Gebärende. Es ist Nacht und ich kann nicht schlafen, da ich Herzklopfen habe. Nach 12 Stunden Wehen kam das Fischlein zur Welt. Es ist ein Junge mit einem echten Pimmel. Ich wollte ihn auch gar nicht in einem Blumentopf verscharren oder in der Gefriertruhe verstecken. Er ist einfach süß, wenn er wie ein Vampirchen an meinem Turbobusen herumnuckelt. Ich habe so viel Milch, daß ich gleich einen ganzen Liter abpumpen mußte. Ich könnte Drillinge oder Vierlinge ernähren. Was bin ich stolz!
Der alte Herr hat mich in der Klinik besucht und hat geguckt wie ein greises Großväterchen, als er den Kleinen gesehen hat. Er war auch ganz hin und weg.
Nur jetzt liege ich hier und kann nicht schlafen vor lauter Aufregung. An Sex ist hier im Krankenhaus ja nicht zu denken. Ich hätte so einen im weißen Kittel überfallen können, aber die gucken ja immer so arrogant, als ob die Gott wären. Ich glaube, ich mache es mir jetzt selber. Vielleicht finde ich ja dann etwas Schlaf.
Claudia
Ich stehe mit Arne auf dem Balkon des Raucherzimmers. Immer wieder klopft er auf das Eisenrohr. Er raucht wie ein Schlot. Eine nach der anderen. Er hat vorher nie geraucht. Wir schweigen uns an. Aber es ist kein gemeinsames Schweigen. Vielmehr ist es so, als ob jeder vor einem Abgrund der Einsamkeit steht. Am liebsten würde ich zu ihm gehen, ihn halten, ihn umarmen, aber er hat mir den Rücken zugekehrt. In jenem Moment muß ich an ein Gürteltier denken. So eines mit einem eisernen Panzer, an das man nicht herankommt. Als ich ihn anspreche, antwortet er nur mit dem Klopfen auf das Rohr. Er hat vorher erwähnt, er mache das, um die inneren Stimmen zum Schweigen zu bringen. Langsam spüre ich, wie mir das Wasser in den Augen zusammenläuft und dann kullern sie, die Tränen. Ich fasse ihn am Arm und reisse ihn herum, damit er mich anschaut. Aber er sieht die Tränen nicht. Sein Blick geht ins Leere.
„Arne, was haben sie mit dir gemacht? Das ist kein Ort für dich.“
Lange antwortet er nicht. Und ich weiß nicht, ob er meine Tränen sieht.
Schließlich presst er lallend heraus:
„Ich muß hier sein. Draußen bin ich nicht sicher. Sie suchen nach mir.“
„Aber wer, wer sucht nach dir?“
„Der KGB, die CIA und die Scientology.“
Ich schaue ihn schief an. Vor Schreck sind mir die Tränen versiegt. Wie soll man mit solch einer Antwort umgehen? Ich drehe mich um und gehe in das Raucherzimmer. Dort sitzen mehrere Patienten, die gedrehte Zigaretten wie blöde rauchen. Plötzlich steht einer auf und ruft:
„Alle wurden abgemetzelt! Meine gesamte Familie!“
Die Augen sind weiß, in Panik, weit aufgerissen.
Ich gehe hinaus und sammle mich. Ich will einen Arzt sprechen. Das kann kein Mensch aushalten. Das ist schlimmer als die Vergewaltigung, die mir widerfahren ist und schlimmer als das Erlebnis mit der Sexblondine.
(wird fortgesetzt, weiß noch nicht, wie lange der text wird)