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Heimat

Verfasst: 03.05.2003, 15:14
von le tob
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Heimat ist kein alltäglicher Begriff. Vielmehr ein Ausdruck eines Eindrucks den man kennt, gleichzeitig liebt und deshalb schützt. Und dieser Eindruck nimmt mit der Entfernung zur persönlichen Lokalität des Ausdrucks zu. Das führt, je weiter man sich entfernt, zu oft ganz merkwürdigen Nebenwirkungen.
Zum Beispiel halten Italiener es nicht aus im Ausland auf ihre Pannini-Espressi-Recreations- Einheiten zu verzichten. Da soll es schon vorgekommen sein, dass eine Squadra -Azzura Nationalmannschaft neben Trainern und Masseuren, einen eigenen Typen mitschickt, der seine Brötchen damit verdient, eben diese herzurichten.
Bei den Österreichern definiert sich das Gefühl heimatlich geliebtes im Ausland zu schützen dadurch, die dort ansässige Gastronomie durch die Bestellung von Wiener Schnitzel zu zwingen, die richtige Zubereitung zu lernen. Gefälligst.
Gefallen findet er dafür keines wenn sich Ausländer in Österreich kleine gastronomische Zellen aufbauen, um ihre Nebenwirkungen auszukurieren. Eigentlich unverständlich, denn Wahlurlaub und Wahlheimat unterscheiden sich oft extrem. Nicht nur gastronomisch. Sondern auch von den Wahlmöglichkeiten.
Heimat ist auch ein politischer Begriff. Immer wieder lächeln uns Volksvertreter von Plakaten, die damit werben, regionale Flecken von Sentimentalität zu kennen, zu lieben und zu schützen. Und da sind hohe Gehälter absolut gerechtfertigt, denn die schaffen das ohne überhaupt weggefahren zu sein. Sprich Placebo. Da ist der kleine Mann schon authentischer. Der spart, verreist und steht dann so auf Heimat, das er alles Fremde abmontiert.
Die Wirtschaft ist alles anderes als schwer von Begriff. Wenn man mit Wirtschaftlern über Heimat spricht und das Glück hat das es dunkel ist, sieht man in ihren Augen die Eurozeichen blinken. Da ist ein Leben ohne Lederhosen, Grillfest, Schürzenjäger, Ausflugsfahrten, Foldern, Videos und Forcher ein Horrorszenario. Sparpakete hin und her. Das wäre nicht abzufedern. Von Konjunktur gar nicht zu sprechen.
Begriffsstützig sind allerdings die, die stolz sind auf ihre vertrauten Flecken sind. Das ist nämlich paradox : Die sind stolz auf etwas zufällig „erborenes“ und wollen das auch noch um jeden Preis beschützen. Preise gibt am Schützenfest und dort dann gleich erster Kontakt mit der Waffe. Schneller als man glaubt wird verteidigt. Gefährlich.
Gefahr besteht weniger im Urlaub. Denn da ist das Heimweh ein kleiner Selbstbetrug. Da kennen sich die Psychologen besser aus . Aber klar ist, man will nicht nach Hause fahren und darum redet man sich Heimweh ein. Obwohl es egal wäre ob man der Alltag 50 oder 49 Wochen dauert. Aber es ist einfach leichter heimzufahren wegen Heimweh als wegen der Arbeit.
Eine gewisse Magie kann man der Heimat auch nicht absprechen. Da gibt es Leute die ihr halbes Leben im Ausland verbringen und steinreich sind. Und irgendwann checken sie wieder daheim ein und geben ihr ganzes Geld für Sinnlosigkeiten aus, die hier noch sinnloser sind als irgendwo anders. Da fragt man sich warum? Eben Magie. Back to the roots.
Apropos Wurzel. Zieht man aus dem allen die Wurzel kommt nichts heraus. Das liegt aber nicht an negativen Zahlen oder so. Sondern daran, dass man Heimat nicht wirklich fassen kann. Keine Empirie. Keine Statistik. Keine Zahlen. Keine Wurzel. Heimat also entzieht sich rationaler Messbarkeit. Darum regieren die Emotionen. Und das es nicht zu emotionell werden darf versteht sich von selbst. Oder?

Re: Heimat

Verfasst: 04.05.2003, 12:02
von Hamburger
Hallo le tob!

Deinen Reflexionen über die Heimat
kann ich nur sehr bedingt zustimmen. Dem ersten Absatz und dem letzten Absatz stimme ich uneingeschränkt zu. Der letzte Satz im letzten Absatz hat mich gar, auch wenn ich bezweifle ob das so beabsichtigt war, an die "Nationalstolz-Debatte" im vorletzten Jahr erinnert. Was haben wir in Deutschland nicht, grösstenteils zu emotional, darüber diskutiert, ob wir stolz auf unser Land sein können und was "deutsche Leitkultur" sei. Jeder Politiker und sonstige Diskutant brachte seine persönlichen Empfindungen ein, fast ohne dass darüber gesprochen wurde, worauf man eigentlich stolz sein solle und worauf nicht, was unser Land ausmache und was nicht, was davon gut sei und was nicht. Auch in dieser Debatte war Heimat
zusammen mit Vaterland ein viel gebrauchter Begriff.

Bei der Beschreibung der Nebenwirkungen kann ich dir aber nicht mehr so uneingeschränkt zustimmen. Was alles bei den Italienern oder den Österreichern so oder so ist - letztlich sind das Stigmatisierungen, die du da aus dem Hut ziehst. Eine ironische Distanz zu diesen ist nur ansatzweise zu erkennen, zum Beispiel bei der Verwendung des Wortes "Gefälligst" Ende des dritten Absatzes. Deshalb gehe ich davon aus, dass du diese Stigmatisierungen so meinst, wie sie da stehen. (Am Besten hätte ich es gefunden, wenn du auch mal diejenigen beschrieben hättest, die sich "Weltbürger" oder "Europäer" nennen und auf einen Begriff wie "Heimat" pfeifen)
Ich, obwohl ich Deutscher bin, und damit schon per Defintion spiessig :-D
stellte bei meiner 6monatigen Brasilien-Reise vor drei Jahren so ziemlich genau das Gegenteil des von dir beschriebenen Typus dar. Ich wollte die brasilianische Kultur erkunden und möglichst weit weg von der Heimat sein - nicht nur körperlich. Aber nicht weil ich mein Land nicht lieben würde oder weil es mir nicht gelang mir Heimweh einzureden, sondern weil ich Lust hatte auf etwas Neues, Anderes, mir Vollkommen Fremdartiges.
Ich glaube, ich bin da keine Ausnahme. Ich habe meine kulturellen Wurzeln im Ausland zwar nicht verleugnet, aber ich habe auch nicht ständig versucht mich ihrer zu erinnern und sie zu pflegen, so wie die Italiener und Österreicher in deinen Beispielen.
Das mit den Volksvertretern fand ich wiederum sehr scharfsinnig und treffend, die Plattitüde vom "kleinen Mann" weniger, weil sehr klischeehaft, dito die Eurozeichen in den Augen der Wirtschaftler.

Bevor ich hier den ganzen Text seziere (ich merke das ich schon wieder dabei bin) sage ich: Diese Reflexionen sind ein wenig zu unausgegoren, um mir rundum zu gefallen.

Dennoch eine interessante Thematik, die du dir ausgesucht hast, über die es sich auf jeden Fall zu schreiben lohnt.

MFG,

Hamburger

Re: Heimat

Verfasst: 06.05.2003, 13:43
von le tob
Vielen Dank für deine Kritik!
Das mit den Stigmatisierungen habe ich mehr als einen Spiegel gemeint,den ich vielen von den österreichischen Lignano Urlaubern vorhalten will, die eben nicht mit dieser Offenheit in die Fremde fahren wie du nach Brasilien.Das ist das Problem
Das mit den Italinern beruht eher auf einer meiner erfahrungen von Weltmeisterschften,wo die wirklich aufgekocht haben ( muss natürlich sagen, dass ich auch eingeladen wurde,und es als Italien Fan genossen habe)
EineErklärung noch zum Schluß aus der österreichischen Innenpolitik. Als " kleiner MAnn" bezeichnet sich unser lieber Jörg HAider selber. Er istabereben so klein,dass er alle zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten abmontieren willUnd genau dasist für mich der Ausdruck eines falschen HEimatgefühls.
Ich habe eine überarbeitete VErsion meinesTExtes. wenn du Interesse hast kann ich ihn rein stellen. Sonst will ich das Forum nicht unnötig nerven.
Also noch einmal vielen Dank für deine kritik le tob

Re: Heimat

Verfasst: 06.05.2003, 15:29
von Hamburger
Hallo le tob!

Das Forum nerven? Quatsch, wir freuen uns doch über jeden Eintrag. Also immer her mit der überarbeiteten Version - ich habe Interesse.
Danke auch für deine Erklärungen. Das Problem, das ich darin sehe, ist
folgendes: Der Text trifft manche allgemeingültige Aussagen, die aber nur aus deinem speziellen Erfahrungshorizont heraus Gültigkeit besitzen.
Manche Leser wissen entweder bestimmte Sachverhalte nicht (zum Beispiel habe ich keine Ahnung von der österreichischen Innenpolitik) oder haben einen anderen Erfahrungshorizont (zum Beispiel ich mit Brasilien).
Daher müsste dein Text etwas spezifischer sein, spezifischere Aussagen treffen - bei Haider beispielsweise durch deutlichere Hinweise für den in der österreichischen Innenpolitik Unkundigen, bei den Völkern durch gezielte Eingrenzung der Gruppen (österreichische Ligano-Urlauber).

Aber nun habe ich schon wieder der überarbeiteten ersion vorgegriffen, sorry. Also - ich bin gespannt und werde mich nach der Lektüre dieser Vesion auf jeden Fall wieder äußern.

P.S.: Dass Haider die zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten abmontieren will zeigt die ganze Kleingeistigkeit dieses Kleingeistes. Aber, so wie ich es mitbekommen habe, bei der letzten Wahl ist die FPÖ ja deutlich geschrumpft. Steht eigentlich Kärnten nach wie vor hinter Haider oder mehren sich dort die kritischen Stimmen gegen den Landeshauptmann?