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Kein Gedicht

Verfasst: 23.06.2003, 21:52
von Hilbi
keine lust zu schreiben


die ratlosigkeit stürzt in mein kleines zimmer
setzt sich auf den einen stuhl
schaut mich kurz an
öffnet das fenster und äfft die stille nach
was ihr niemals gelingt
die stille nachäffen das haben schon andere versucht
all die anderen die jetzt irgendwo sitzen und schweigen

sagen wir es so
es ist heute ein besonderer tag
denn es geschieht nichts von dem ich behaupten könnte
das schreibe ich auf das hat mich wirklich berührt
ein paar hungrige vögelchen die noch nicht wissen dass man auch fliegen kann lassen ihre mutter nicht ruhen bis diese sie satt füttert
erleichtert aufatmet weil noch alle da sind (wie mögen vögel wohl zählen;
schliessen sie die augen und sehen ihre kinder vor sich; öffnen sie
die augen und wenn die sache überein stimmt atmen sie erleichtert auf?)
es ist wenig was geschieht
irgendein rüstiges land hat ein anderes abkassiert
und alle stehen herum und sagen: „ja das ist so man wird sich daran gewöhnen müssen“

übrigens weht der wind und ich habe keine lust etwas zu schreiben
dass ich trotzdem schreibe liegt daran dass ich keine lust habe keine lust zu haben

das zimmer in dem ich sitze ist schwer zu beschreiben
ich habe auch keine lust es zu tun
zu nichts habe ich lust
nicht einmal auf die alten geschichten die schon einrosten
wobei mir die meisten so peinlich sind dass ich sie lieber
nicht erwähne oder es so erzähle als hätte nicht ich es erlebt
sondern ein anderer ein sonderbarer mensch

mit schaudern denk ert an die tage als ihm ein paar pfandflaschwn wichtiger erschienen als ein gespräch über die launen des trinkens
mit schaudern denkt er an die kleinen flaschehälse die in ihn
hereinkrochen und an die deswegen versäumten küsse
vielleicht hätte er die nie bekommen aber ganz sicher wäre er ihnen näher gekommen

die launen der jahre fliegen an ihm vorbei
er möchte ihnen nicht hinterher
er möchte dass nicht noch einmal erleben

Re: Kein Gedicht

Verfasst: 25.06.2003, 13:32
von gelbsucht
Hallo Hilbi,

also das überrascht mich jetzt wirklich. Dass dir irgendwann die Lust zum Schreiben oder die nötige Inspiration fehlen könnte, hätte ich nie für möglich gehalten - bei deinem gewaltigen Output!? Aber aus so einer Krise oder Schreibblockade oder wie immer man es nennen will, noch so einen ehrlichen und eindringlichen Text zu machen, finde ich schon wieder sehr bewundernswert. Mir geistern seit Wochen Ideen und Konzepte im Kopf herum und ich krieg einfach gar nichts zustande und du haust währenddessen ein Gedicht nach dem anderen raus. Aber auch das Gleichnis, dass du hier weiterdenkst, ist mir nur allzu bekannt:
ein paar hungrige vögelchen die noch nicht wissen dass man auch fliegen kann lassen ihre mutter nicht ruhen bis diese sie satt füttert
erleichtert aufatmet weil noch alle da sind

Man das ganze Gedicht klingt verdammt resignierend - hoffentlich verwechsle ich jetzt nicht wieder Autor und Erzähler, wie zuletzt bei "Das Herz schlägt" von Spiderman.

Also, wenn du keine Lust hast zu schreiben, wie wär's mal wieder mit 'nem guten Buch? Einfach die Beine hoch ... und entspannen. Zwanghaftes Schreiben macht ja auch keinen Sinn.

;-) gelb :-)