... ein Auszug aus meinem Roman
Verfasst: 10.12.2009, 00:54
Ich schlussüberarbeite derzeit mein Manuskript, und dieses Kapitel ist auch eigenständig lesbar ... viel Spaß 
Merde. Manchmal will ich nur ausbrechen. So richtig ausbrechen und nicht nur ein bisschen. Ich weiß, solche Sätze erwartet niemand aus meinem Mund. Ausgerechnet du? Hast du nicht stets einen Kult daraus gemacht, die unmöglichsten Geschichten zu realisieren? Hast du nicht alle Moden und Moralvorstellungen missachtet? Die Spielregeln gedehnt, wo es möglich war? Deine Gefühle solange gekitzelt, bis du wund warst und vor Schmerz nur noch schreien wolltest? Deinen Körper mit extremen Exzessen gegeißelt? Dein Bewusstsein durch die Dschungel der Hysterie geführt, um jenseits der Wüsten der Angst und Erschöpfung die mystischen Zustände zu erreichen, an deren Oasen du dich noch einmal ausruhen konntest für den letzten Weg, zum Rand der Bewusstlosigkeit, zum Ende unserer sinnlich erfahrbaren Welt? Ist Stimulanz nicht dein Lieblingswort? Ausgerechnet du, der König der Gewohnheitsausbrecher, willst aus deinem turbulenten Leben ausbrechen? Aber wo bitteschön willst du noch hin? Ins gänzlich Banale vielleicht?
Es stimmt, ich habe Experimentierfreude bewiesen. Und dank meiner Neugier habe ich heute das Wissen erlangt, das ich stets begehrt habe. Über mich, über die Menschen, über den Lauf der Welt; über die Mechaniken und Treibstoffe, die unser Weltrad in Gang halten. Unter enormen Anstrengungen habe ich meinen Blick geschult, die äußerste Erfahrung war stets meine ultima ratio. Doch die Mühen zahlten sich aus, ich habe mein Ziel erreicht, und das weit vor der Zeit, wenn der Tod anklopft und sogar den dümmsten Idioten im Schnellkurs weise werden lässt: Die Welt liegt splitternackt unter mir, und ich sage euch, sie sieht längst nicht so sexy aus, wie ihr sie euch in euren verdunkelten Schlafzimmern erträumt und erstöhnt. Es tut mir Leid, euch eine liebgewonnene Illusion zu rauben – aber eure Finger liegen völlig grundlos Nacht für Nacht am Abzug eures Geschlechts.
Ja, dieses Wissen ist teuer erkauft. Ein Dreckswissen, um genau zu sein. Warum? Weil es voraussetzt, dass ich mein Schicksal nicht mehr in der Hand habe, kein bisschen. Es ist gemacht. Drei Worte, die für diesen Sachverhalt wirklich ausreichen: Ja, es ist gemacht. Ich bin mir bewusst, dass nur den wenigsten diese Worte gefallen.
Warum?
Weil die Illusionen doch so viel süßer schmecken! Auch für mich selbst ist diese Erkenntnis eine bittere Medizin!
Ich muss seither damit leben, dass man mich als Zyniker oder Provokateur abstempelt; im besten Fall lobt man meine rhetorischen Fähigkeiten …
Das Leben nur gemacht? Du entsetzlicher Fatalist! Ist das nicht unmoralisch? Und undemokratisch! Öffnet es nicht der Beliebigkeit Tür und Tor? Reden sich nicht alle Mörder damit heraus: Ich konnte nicht anders?
Vielleicht sollte ich schweigen. Andererseits spüre ich, dass du dennoch wissen möchtest, wie ich zu diesem seltsamen Schluss gekommen bin! Du bist neugierig, aber ob das gut ist für dich? Nun, ich will es dir nicht verschweigen: Ich lebe in einem großen Gefängnis – und nicht nur ich, wir alle wandern diesen Jakobsweg entlang! Erinnerst du dich noch, was ich dir damals von den Büßern des Mittelalters erzählt habe, die unter der heißen spanischen Sonne ihre Strafe abwandern mussten? Heute ist die ganze Welt solch ein Gefängnis.
Doch nur die wenigsten spüren die Ketten. In diesem Riesenknast ist für ausreichend Auslauf und Ablenkung gesorgt. Wieso sollte sich ein Provinzler, der jahrein jahraus in seinem idyllischen Heidi-Dorf lebt, die Welt nicht als unendlich vorstellen? Schon die kleinsten Exkursionen geben ihm das Gefühl grenzenloser Freiheit! Natürlich, auch hier ist die Perspektive entscheidend. Wer wie ich mit Weitwinkel durchs Leben geht, muss in der Verhauskatzung des Menschen die größte Schmach ausmachen. Ich spreche hier nicht von Fernreisen, nein. Ich meine das kritiklose Einnischen in der fixen Kultur, die uns vorgegeben ist. Wir sind Haustiere geworden, haben unsere Instinkte dem Wohlstand geopfert und begnügen uns mit kleinen Streifzügen in die Welt des Abenteuers. Sind eingesperrt in die wohlbeheizte Kultur, werden vom Vater Staat gefüttert und gestreichelt, wir schnurren, wenn die Glotze uns mit ihrem romantischen Lagerfeuer einlullt.
Ich hingegen, der die Angstlust und Glückspanik bis an ihre Grenzen gedehnt hat, spüre die Enge dieser Welt auch heute noch überdeutlich. Das ist mein Schicksal, ich teile es mit all den anderen chronisch Neugierigen, den Exzessjunkies. Nur noch eine Grenzerfahrung scheint diese Klaustrophobie besiegen zu können: Der Tod. Ich gebe zu, die Vorstellung, im Moment des Sterbens alle Grenzen auf einmal aufzuheben, verlockte mich sehr. Aber es war nur ein koketter Gedanke; mein Gefühl hingegen lästerte schon längst über so viel Devotheit und sprach von Kapitulation. Mit Recht! Auch ich fand, dass der Selbstmörder auf der Skala des Extremfühlens nach unten durchbrach. Ich hingegen wollte einen Weg suchen, um noch weiter nach oben durchzubrechen!
Und irgendwann kam ich auf eine Lösung, die mich zufrieden stellte. Ich begann, mich auf das wirklich Andere zu konzentrieren, das, was völlig von der Norm abweicht. Ich habe die absurdesten Selbstversuche gestartet! Eine sehr reizvolle Methode war die Inszenierung des Gegenteils. Das, was ich im Moment für unverzichtbar und richtig hielt – habe ich durch das krasse Gegenteil zerschlagen!
Das mag wie Wahnsinn klingen, doch ich betrieb diesen Wahn mit Kalkül. Ich, der ich japanisches Essen auf den Tod hasse, begann mich mit diesem schrecklichen Zeug bis zum Rand zuzustopfen! Natürlich wurde mir speiübel dabei. Doch irgendwann – nicht möglich! Ich gewöhnte mich an diesen Fraß! Fand es spannend, wie variantenreich die Schlitzaugen dieses qualvolle Essen zubereiten konnten! Merde, wie wunderbar diese Momente des Umklappens sein können, wenn der Ekel sich binnen Millisekunden in Lust verwandelt!
Aber auch mit meinen Mitmenschen verfuhr ich nach diesem Muster. Wenn ich einen Menschen kennen lernte, der mir auf Anhieb sympathisch war und dessen Freundschaft mir erstrebenswert schien – provozierte ich ihn gerne bis aufs Blut, indem ich mir das Gegenteil seiner Überzeugungen zu eigen machte. Ich war neugierig, seine Reaktion zu erfahren! Mochte er mich noch, wenn ich ihm offen widersprach? Was mochte er an mir, meine Meinung, mein Wesen – oder wie ich aussah, mich bewegte, mich anderen Leuten gegenüber verhielt? Wie ging er mit Menschen um, die nicht mit ihm konform gingen? Anschließend schwenkte ich wieder auf seine Linie zurück! Eine Achterbahnfahrt, gewiss. Aber so erlebt man etwas ganz Neues! Man konfrontiert sich so lange mit dem Fremden, bis es vertraut ist.
Je mehr Werbung ich für meine neue Methode machte, desto deutlicher wurde mir Selbstquälerei oder Flirt mit dem Wahnsinn vorgeworfen. Kaum einer verstand, dass ich durch das Ablehnen meiner billigen Wünsche oder Abneigungen eine ungeheure Macht verspürte. Ich beherrschte mich, war erhaben über die automatischen Gedanken, die vorschnellen Instinkte, die augenfälligen Ästhetiken.
Wie geil das war!
Entsetzlich geil …
… aber letztlich auch kindisch. Auch diese Methode erschöpfte sich über kurz oder lang. Ich hatte die wichtigsten Vorlieben und Abneigungen dekliniert, war reicher geworden als je zu vor. Aber was sollte ich mit diesem Reichtum anfangen? Erst jetzt wurde mir der Haken an dieser Geschichte so richtig bewusst. Wer das Edle gegen das Schändliche eintauscht, mag glauben, dem Sklaventreiber Schicksal endlich eine lange Nase zu drehen. Beim genaueren Hinsehen aber erschrak ich. Potzblitz! Selbst in meiner Totalopposition hatte ich erneut bloß eine Vorschrift befolgt: Die des Andersmachens und Schicksalsaustricksens.
Und woher konnte ich wissen, ob mir das Schicksal nicht klammheimlich diese schräge Idee des Schicksalsaustricksen eingeflüstert hatte? So ein Schicksal kann schrecklich raffiniert sein und auch gemein, und wie alle eitle Kleingeister achtet es penibel darauf, immer eine Treppenstufe höher zu stehen als man selbst!
Und schon wieder war dieses Leben von fremder Hand vorgeformt worden, schon wieder steckte ich in einem Gefängnis. Oh, ich strampelte wie ein Ertrinkender, wehrte mich mit allen Leibeskräften gegen das Unvermeidbare! Was soll man denn bitteschön von einem Leben halten, in dem alles vorgegeben ist, weil du schön oder hässlich, klug oder dumm, reich oder arm geboren bist?
… nur Idioten glauben an ihre Freiheit!
Irgendwann hatte ich schließlich das Prinzip kapiert: Der eigene Wille ist nicht der Schlüssel, der dich aus deinem Gefängnis befreien kann – er ist das Schloss, das dich einsperrt! Er macht dich zum Gott deiner selbst. Mit neuem Elan versuchte ich nun, diesen Willen zu vernichten. Ja, ich wollte diese heilige Kuh des Individualismus schlachten! Das demokratische Urgestein zerschlagen! Indem ich das strikte Gegenteil meines Willens ausführte, hatte ich nur opponiert – das Schicksal hingegen hatte sich über diese Einfalt fast totgelacht! Nein, um die Heiligkeit des Lebens wirklich in Reinform genießen zu können, war ein noch subtilerer Winkelzug vonnöten. Die Tyrannei des Geistes (und des Geistes der Menschheit, ihrer Moral) zu stürzen, das war die große Herausforderung.
Und hier stehe ich heute. Ich habe mich mit meinem Schicksal ausgesöhnt – habe ich kapituliert? Nein. Ich bin guter Dinge, auf diesem Weg endlich das Gefängnis sprengen zu können. Wie? Indem ich meine Zukunft auswürfle. Mich zum Zufallsautomaten mache, brutal und kompromisslos dem Diktat des Würfels unterwerfe … weil das endlich die Freiheit darstellt, die ich akzeptieren kann. Eine Freiheit von den eigenen Wünschen, Gedanken, Ambitionen, Strategien: Jedes Denken ist hier überflüssig! Ich habe dieses ewige Abwägen und Optimieren satt, es erschöpft mich.
Du runzelst die Stirn? Ich weiß, du fragst dich, wieso ausgerechnet der Würfel das Schicksal besiegen können soll? Doch der Würfel hat eine wunderbare Eigenschaft: Er kann den Willen auslöschen. Jener Wille, den alle als den großen Zampano verehren, ist für mich die gemeinste Geißel der Menschheit! Dieses Phantom inszeniert das Gaukelspiel, welches die Menschheit seit ihren Anfängen im Holozän hypnotisiert. Aber wie wäre es, statt der Kalkulation die Diskalkulation, statt der Berechenbarkeit unseres Lebens einmal die Unberechenbarkeit zu wagen? Sich wie Proteus mal in eine Wolke, mal in ein Feuer, mal in ein Tier zu verwandeln? Denk nur, wie viele neue Erfahrungen sich dadurch ergeben?!
Was hieltest du von diesem Spiel: Dass ein anderer Mensch eine Zeitlang für dich alle wichtigen Entscheidungen trifft? Wenn du ihm vertrauen kannst – wärst du unter seiner Führung dann nicht wahrhaftig frei? Würde dann nicht die Unbeschwertheit deiner Kinderzeit zurückkehren? Liegt in der idealen Hingabe nicht die größtmögliche Unabhängigkeit? Du hättest den Blick frei für die wesentlichen Dinge. Müsstest dich nicht zergrämen mit dem ewigen Abwägen und Auswerten, könntest dir die Manöverkritik sparen, wenn die Geschichte schlecht lief. Und auch die Reue oder Pein nach einer falschen Entscheidung bliebe dir erspart, du könntest dich ganz auf deine Seele, dein Fühlen konzentrieren!
Ich jedenfalls bin froh, meine neue Lebensrichtung gefunden zu haben: Ich will ein Roboter sein, der Seele hat – denn das hat es auf Erden noch nicht gegeben.

Merde. Manchmal will ich nur ausbrechen. So richtig ausbrechen und nicht nur ein bisschen. Ich weiß, solche Sätze erwartet niemand aus meinem Mund. Ausgerechnet du? Hast du nicht stets einen Kult daraus gemacht, die unmöglichsten Geschichten zu realisieren? Hast du nicht alle Moden und Moralvorstellungen missachtet? Die Spielregeln gedehnt, wo es möglich war? Deine Gefühle solange gekitzelt, bis du wund warst und vor Schmerz nur noch schreien wolltest? Deinen Körper mit extremen Exzessen gegeißelt? Dein Bewusstsein durch die Dschungel der Hysterie geführt, um jenseits der Wüsten der Angst und Erschöpfung die mystischen Zustände zu erreichen, an deren Oasen du dich noch einmal ausruhen konntest für den letzten Weg, zum Rand der Bewusstlosigkeit, zum Ende unserer sinnlich erfahrbaren Welt? Ist Stimulanz nicht dein Lieblingswort? Ausgerechnet du, der König der Gewohnheitsausbrecher, willst aus deinem turbulenten Leben ausbrechen? Aber wo bitteschön willst du noch hin? Ins gänzlich Banale vielleicht?
Es stimmt, ich habe Experimentierfreude bewiesen. Und dank meiner Neugier habe ich heute das Wissen erlangt, das ich stets begehrt habe. Über mich, über die Menschen, über den Lauf der Welt; über die Mechaniken und Treibstoffe, die unser Weltrad in Gang halten. Unter enormen Anstrengungen habe ich meinen Blick geschult, die äußerste Erfahrung war stets meine ultima ratio. Doch die Mühen zahlten sich aus, ich habe mein Ziel erreicht, und das weit vor der Zeit, wenn der Tod anklopft und sogar den dümmsten Idioten im Schnellkurs weise werden lässt: Die Welt liegt splitternackt unter mir, und ich sage euch, sie sieht längst nicht so sexy aus, wie ihr sie euch in euren verdunkelten Schlafzimmern erträumt und erstöhnt. Es tut mir Leid, euch eine liebgewonnene Illusion zu rauben – aber eure Finger liegen völlig grundlos Nacht für Nacht am Abzug eures Geschlechts.
Ja, dieses Wissen ist teuer erkauft. Ein Dreckswissen, um genau zu sein. Warum? Weil es voraussetzt, dass ich mein Schicksal nicht mehr in der Hand habe, kein bisschen. Es ist gemacht. Drei Worte, die für diesen Sachverhalt wirklich ausreichen: Ja, es ist gemacht. Ich bin mir bewusst, dass nur den wenigsten diese Worte gefallen.
Warum?
Weil die Illusionen doch so viel süßer schmecken! Auch für mich selbst ist diese Erkenntnis eine bittere Medizin!
Ich muss seither damit leben, dass man mich als Zyniker oder Provokateur abstempelt; im besten Fall lobt man meine rhetorischen Fähigkeiten …
Das Leben nur gemacht? Du entsetzlicher Fatalist! Ist das nicht unmoralisch? Und undemokratisch! Öffnet es nicht der Beliebigkeit Tür und Tor? Reden sich nicht alle Mörder damit heraus: Ich konnte nicht anders?
Vielleicht sollte ich schweigen. Andererseits spüre ich, dass du dennoch wissen möchtest, wie ich zu diesem seltsamen Schluss gekommen bin! Du bist neugierig, aber ob das gut ist für dich? Nun, ich will es dir nicht verschweigen: Ich lebe in einem großen Gefängnis – und nicht nur ich, wir alle wandern diesen Jakobsweg entlang! Erinnerst du dich noch, was ich dir damals von den Büßern des Mittelalters erzählt habe, die unter der heißen spanischen Sonne ihre Strafe abwandern mussten? Heute ist die ganze Welt solch ein Gefängnis.
Doch nur die wenigsten spüren die Ketten. In diesem Riesenknast ist für ausreichend Auslauf und Ablenkung gesorgt. Wieso sollte sich ein Provinzler, der jahrein jahraus in seinem idyllischen Heidi-Dorf lebt, die Welt nicht als unendlich vorstellen? Schon die kleinsten Exkursionen geben ihm das Gefühl grenzenloser Freiheit! Natürlich, auch hier ist die Perspektive entscheidend. Wer wie ich mit Weitwinkel durchs Leben geht, muss in der Verhauskatzung des Menschen die größte Schmach ausmachen. Ich spreche hier nicht von Fernreisen, nein. Ich meine das kritiklose Einnischen in der fixen Kultur, die uns vorgegeben ist. Wir sind Haustiere geworden, haben unsere Instinkte dem Wohlstand geopfert und begnügen uns mit kleinen Streifzügen in die Welt des Abenteuers. Sind eingesperrt in die wohlbeheizte Kultur, werden vom Vater Staat gefüttert und gestreichelt, wir schnurren, wenn die Glotze uns mit ihrem romantischen Lagerfeuer einlullt.
Ich hingegen, der die Angstlust und Glückspanik bis an ihre Grenzen gedehnt hat, spüre die Enge dieser Welt auch heute noch überdeutlich. Das ist mein Schicksal, ich teile es mit all den anderen chronisch Neugierigen, den Exzessjunkies. Nur noch eine Grenzerfahrung scheint diese Klaustrophobie besiegen zu können: Der Tod. Ich gebe zu, die Vorstellung, im Moment des Sterbens alle Grenzen auf einmal aufzuheben, verlockte mich sehr. Aber es war nur ein koketter Gedanke; mein Gefühl hingegen lästerte schon längst über so viel Devotheit und sprach von Kapitulation. Mit Recht! Auch ich fand, dass der Selbstmörder auf der Skala des Extremfühlens nach unten durchbrach. Ich hingegen wollte einen Weg suchen, um noch weiter nach oben durchzubrechen!
Und irgendwann kam ich auf eine Lösung, die mich zufrieden stellte. Ich begann, mich auf das wirklich Andere zu konzentrieren, das, was völlig von der Norm abweicht. Ich habe die absurdesten Selbstversuche gestartet! Eine sehr reizvolle Methode war die Inszenierung des Gegenteils. Das, was ich im Moment für unverzichtbar und richtig hielt – habe ich durch das krasse Gegenteil zerschlagen!
Das mag wie Wahnsinn klingen, doch ich betrieb diesen Wahn mit Kalkül. Ich, der ich japanisches Essen auf den Tod hasse, begann mich mit diesem schrecklichen Zeug bis zum Rand zuzustopfen! Natürlich wurde mir speiübel dabei. Doch irgendwann – nicht möglich! Ich gewöhnte mich an diesen Fraß! Fand es spannend, wie variantenreich die Schlitzaugen dieses qualvolle Essen zubereiten konnten! Merde, wie wunderbar diese Momente des Umklappens sein können, wenn der Ekel sich binnen Millisekunden in Lust verwandelt!
Aber auch mit meinen Mitmenschen verfuhr ich nach diesem Muster. Wenn ich einen Menschen kennen lernte, der mir auf Anhieb sympathisch war und dessen Freundschaft mir erstrebenswert schien – provozierte ich ihn gerne bis aufs Blut, indem ich mir das Gegenteil seiner Überzeugungen zu eigen machte. Ich war neugierig, seine Reaktion zu erfahren! Mochte er mich noch, wenn ich ihm offen widersprach? Was mochte er an mir, meine Meinung, mein Wesen – oder wie ich aussah, mich bewegte, mich anderen Leuten gegenüber verhielt? Wie ging er mit Menschen um, die nicht mit ihm konform gingen? Anschließend schwenkte ich wieder auf seine Linie zurück! Eine Achterbahnfahrt, gewiss. Aber so erlebt man etwas ganz Neues! Man konfrontiert sich so lange mit dem Fremden, bis es vertraut ist.
Je mehr Werbung ich für meine neue Methode machte, desto deutlicher wurde mir Selbstquälerei oder Flirt mit dem Wahnsinn vorgeworfen. Kaum einer verstand, dass ich durch das Ablehnen meiner billigen Wünsche oder Abneigungen eine ungeheure Macht verspürte. Ich beherrschte mich, war erhaben über die automatischen Gedanken, die vorschnellen Instinkte, die augenfälligen Ästhetiken.
Wie geil das war!
Entsetzlich geil …
… aber letztlich auch kindisch. Auch diese Methode erschöpfte sich über kurz oder lang. Ich hatte die wichtigsten Vorlieben und Abneigungen dekliniert, war reicher geworden als je zu vor. Aber was sollte ich mit diesem Reichtum anfangen? Erst jetzt wurde mir der Haken an dieser Geschichte so richtig bewusst. Wer das Edle gegen das Schändliche eintauscht, mag glauben, dem Sklaventreiber Schicksal endlich eine lange Nase zu drehen. Beim genaueren Hinsehen aber erschrak ich. Potzblitz! Selbst in meiner Totalopposition hatte ich erneut bloß eine Vorschrift befolgt: Die des Andersmachens und Schicksalsaustricksens.
Und woher konnte ich wissen, ob mir das Schicksal nicht klammheimlich diese schräge Idee des Schicksalsaustricksen eingeflüstert hatte? So ein Schicksal kann schrecklich raffiniert sein und auch gemein, und wie alle eitle Kleingeister achtet es penibel darauf, immer eine Treppenstufe höher zu stehen als man selbst!
Und schon wieder war dieses Leben von fremder Hand vorgeformt worden, schon wieder steckte ich in einem Gefängnis. Oh, ich strampelte wie ein Ertrinkender, wehrte mich mit allen Leibeskräften gegen das Unvermeidbare! Was soll man denn bitteschön von einem Leben halten, in dem alles vorgegeben ist, weil du schön oder hässlich, klug oder dumm, reich oder arm geboren bist?
… nur Idioten glauben an ihre Freiheit!
Irgendwann hatte ich schließlich das Prinzip kapiert: Der eigene Wille ist nicht der Schlüssel, der dich aus deinem Gefängnis befreien kann – er ist das Schloss, das dich einsperrt! Er macht dich zum Gott deiner selbst. Mit neuem Elan versuchte ich nun, diesen Willen zu vernichten. Ja, ich wollte diese heilige Kuh des Individualismus schlachten! Das demokratische Urgestein zerschlagen! Indem ich das strikte Gegenteil meines Willens ausführte, hatte ich nur opponiert – das Schicksal hingegen hatte sich über diese Einfalt fast totgelacht! Nein, um die Heiligkeit des Lebens wirklich in Reinform genießen zu können, war ein noch subtilerer Winkelzug vonnöten. Die Tyrannei des Geistes (und des Geistes der Menschheit, ihrer Moral) zu stürzen, das war die große Herausforderung.
Und hier stehe ich heute. Ich habe mich mit meinem Schicksal ausgesöhnt – habe ich kapituliert? Nein. Ich bin guter Dinge, auf diesem Weg endlich das Gefängnis sprengen zu können. Wie? Indem ich meine Zukunft auswürfle. Mich zum Zufallsautomaten mache, brutal und kompromisslos dem Diktat des Würfels unterwerfe … weil das endlich die Freiheit darstellt, die ich akzeptieren kann. Eine Freiheit von den eigenen Wünschen, Gedanken, Ambitionen, Strategien: Jedes Denken ist hier überflüssig! Ich habe dieses ewige Abwägen und Optimieren satt, es erschöpft mich.
Du runzelst die Stirn? Ich weiß, du fragst dich, wieso ausgerechnet der Würfel das Schicksal besiegen können soll? Doch der Würfel hat eine wunderbare Eigenschaft: Er kann den Willen auslöschen. Jener Wille, den alle als den großen Zampano verehren, ist für mich die gemeinste Geißel der Menschheit! Dieses Phantom inszeniert das Gaukelspiel, welches die Menschheit seit ihren Anfängen im Holozän hypnotisiert. Aber wie wäre es, statt der Kalkulation die Diskalkulation, statt der Berechenbarkeit unseres Lebens einmal die Unberechenbarkeit zu wagen? Sich wie Proteus mal in eine Wolke, mal in ein Feuer, mal in ein Tier zu verwandeln? Denk nur, wie viele neue Erfahrungen sich dadurch ergeben?!
Was hieltest du von diesem Spiel: Dass ein anderer Mensch eine Zeitlang für dich alle wichtigen Entscheidungen trifft? Wenn du ihm vertrauen kannst – wärst du unter seiner Führung dann nicht wahrhaftig frei? Würde dann nicht die Unbeschwertheit deiner Kinderzeit zurückkehren? Liegt in der idealen Hingabe nicht die größtmögliche Unabhängigkeit? Du hättest den Blick frei für die wesentlichen Dinge. Müsstest dich nicht zergrämen mit dem ewigen Abwägen und Auswerten, könntest dir die Manöverkritik sparen, wenn die Geschichte schlecht lief. Und auch die Reue oder Pein nach einer falschen Entscheidung bliebe dir erspart, du könntest dich ganz auf deine Seele, dein Fühlen konzentrieren!
Ich jedenfalls bin froh, meine neue Lebensrichtung gefunden zu haben: Ich will ein Roboter sein, der Seele hat – denn das hat es auf Erden noch nicht gegeben.
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) - Der hat das ja auch gemacht, jedenfalls in "Ausweitung der Kampfzone". Klar darf der Autor das, ich finde es auch schön, wenn das Text-Ich mal anmaßend wird, sich zum Erklärer macht. Warum nicht? Das kennen wir doch alle.