Häusergrau
Verfasst: 18.08.2003, 12:54
Ähm, bitte um bösartige Kritik
(in Text eierts an ziemlich vielen Stellen und vielleicht kann mir wer sagen, wo genau):
Häusergrau
Die Stadt ist grau. Wenn wir den Blick heben, nach oben, können wir vielleicht, an sehr sonnigen Tagen, ein winziges, ganz winziges Tüpfelchen Azurblau sehen. Die Häuser sind himmelhoch, staubgrau und verdammt eckig. Jedes einzelne von ihnen hat Tausende und Abertausende und Nochmalsabertausende von Wohnungen, die wenigsten davon benutzt. Kaum ein Haus ist überhaupt bewohnt, jedes dieser Wohnhäuser eine Stadt für sich. Es gibt sieben oder acht von diesen Gebäuden, in denen Menschen leben, eng aneinander gedrängt in der Mitte der wolkenhohen Wüste aus Beton, eine Stadt aus Städten in der Stadt, sozusagen. Rundherum noch viele Häuser, leere Häuser, ein paar Tausend, in denen nur noch Ungeziefer haust, Zehntausend, die selbst den Wanzen zu ungastlich sind.
Die Bewohner geben sich den Anschein von Leben und Farbe. Zerschlissene, immer wieder gewaschene und nachgefärbte Tücher hängen an den Wänden, mit Mustern aus den verschiedensten Modeepochen- Herzchen und Blümchen, schlichtes Karo und mit feinen Strichen gezeichnete Drachen mit aufgerissenen Mäulern, nackte Frauen, junge Dinger, wie sie auch auf den wenigen noch erhaltenen Werbeplakaten zu sehen sind. Die Plakate werden liebevoll in Stand gehalten, Relikte aus einer anderen Zeit, das einzige, was überhaupt in Stand gehalten wird, weil alle wissen, das keine neuen mehr kommen werden. Es sind auch ein oder zwei Plakate mit alten Frauen da, die verrunzelte Haut hängt ihnen in schlaffen Falten von den Hüften, die Höfe der Brüste fast grau, Leberflecken um die halb geschlossenen Augen. Die Zunge zwischen die Zähne geklemmt, die Beine mit den Krampfadern in einer lockenden Geste überschlagen, räkeln sie sich vor neongelben Hintergrund. Das Schönheitsideal des Alters war nur eine kurze Episode, die Plakate sind trotzdem noch immer da. Weil es eben keine anderen gibt. Niemand stößt sich daran, sie finden es ein bisschen befremdlich, aber die Dinger waren ja schon da, als sie kamen und außerdemistdasjaegalundsoweiterundsofort. Irgendwo muss es wohl noch Sex geben, denn es werden immer noch Kinder geboren, ist wohl aber auf einen freudlosen Zeitvertreib reduziert, irgendwann zwischen dem Abendessen und dem Schlafengehen. Es wird eigentlich nicht darüber gesprochen. Nicht, weil es ein Tabuthema wäre- es interessiert bloß keinen.
Versorgt wird die Stadt auf eine sehr eigentümliche Art. In unregelmäßigen Abständen finden in der Außenwelt Wahlen statt, von denen die Innenstädter natürlich nichts wissen. Sie wissen aber sehr wohl, dass in unregelmäßigen Abständen riesige Vögel, die wie Metall glänzen, über ihr Gebiet fliegen und Säcke mit einem grauen Pulver abwerfen. Das Pulver ergibt, zusammen mit dem Wasser aus einem der drei immer noch funktionierenden Wasserhähne, einen nahrhaften, geschmacklosen Brei. Gleichzeitig mit den Säcken regnet es auch kleine Zettelchen, mit einem Kreis darauf. Die Aufgabe der Einwohner besteht nun darin, die Zettel einzusammeln, ein Kreuz in den Kreis zu zeichnen (wobei der einzige noch vorhandene Kugelschreiber von Hand zu Hand geht) und diese Zettelchen dann auf dem Dach des höchsten Hauses zu platzieren. Am nächsten Morgen sind sie dann verschwunden.
Es gibt mehrere Typen von Menschen.
Hausfrauen gibt es in allen Variationen: es gibt die blassen Dürren, immer im Minirock, der immer schreiend bunte Farben hat, zuviel Lippenstift, Pferdezähnen. Die haben besonders lange Hälse, um zu den Nachbarn hinüberzuschaun, wo es sowieso nichts zu sehen gibt, und viel zu schrille, hohe Stimmen, die in den Ohren weh tun und den Wunsch wecken, die Sprecherin zu ermorden. Sie verkünden, was sie besser machen würden, wenn sie in der Situation der Nachbarn wären- auch wenn sie sich in haargenau der selben Lage befinden. Die haben meist auch einen Ehemann, bullige Typen mit fettigem Haar und kurzen Namen, damit ihre Frauen sie noch mehr verkürzen können, zu Kosenamen, die ohne jede Zärtlichkeit formuliert sind, einfach weil es der Mann ist. Diese Namen enden fast immer mit einem i. Auch Kinder sind da, ein oder zwei, meist vollkommen verzogen. Schlimm ist es, wenn zwei Exemplare dieses Typs von Frau nebeneinander wohnen. Dann wird der Nachwuchs schon mit dem Nachbarskind verglichen, wenn die Nabenschnur gerade erst durchgeschnitten ist, die Nachgeburt sich noch im Leib der Mutter befindet und das Kind noch rot verschmiert von Blut und Schleim ist. Von den Nachwehen noch geschüttelt, schon ruft die, die gerade geboren hat, in die Nachbarwohnung hinüber, der Kleine habe schon sein erstes Wort gesagt. Von drüben hört man dann auch einen ersten Schrei, weil diese Frauen immer gleichzeitig schwanger werden, um ja der anderen keinen Vorteil zu lassen. Dann rennen die stolzen Väter hin und her um die Kinder zu vergleichen und nicht selten sind so Neugeborene schon vertauscht worden, noch ehe man sie das erste Mal gewaschen hat.
Dann gibt es da die Dicken. Sie haben dir Form einer Birne, das Gesäß in der Größe eines
VW-Käfers. Sie haben rot gefärbtes Haar, pflaumfarbenen Lippenstift und einen Schmollmund.
Sie gehen mit einer riesigen Handtasche die Straßen und die Gänge auf und ab, bei einer anderen Tätigkeit wurden sie nie beobachtet. Mehr gibt es zu ihnen nicht zu sagen.
Die Steigerung der Dicken sind die Furien. Ihr Haar ist nicht mehr rot, sondern giftig orange und die dünnen Strähnchen, die kaum noch reichen, die Kopfhaut zu verstecken, werden mit diversen Mittelchen derart aufgebauscht, dass es aussieht, als würde roter Nebel die kugelrunden Schädel umwabern. Die Falten sind regelrechte Schluchten, trotz der Unmengen von Fett, die die Haut unterpolstern. Nun wenige von ihnen können noch aus eigener Kraft gehen, längst ist ihr enormes Körpergewicht zu viel für die Elefantenbeine geworden. Sie lassen sich von Dienern herumtragen, denn sie sind reich. Auch wenn niemand weiß woher sie diesen Reichtum beziehen. Geschweige denn, woraus er besteht. Geld gibt es schon lange keines mehr, es wird nicht getauscht, weil die anderen ja auch nichts haben, was man haben will und von dem grauen Pulver ist für jeden genug da.
Eine andere, sympathischere Art der Hausfrauen sind die Fleißigen Mütter. Eine schar immer frisch gewaschener Kinder, eine winzige Wohnung und unermesslich starke Arme zeichnen sie aus. Sie waschen Wäsche, waschen die Kinder, füttern ihren Ehemann, über den sich nichts Genaueres sagen lässt, nähen und kochen und finden nebenbei noch Zeit, sich hin und wieder mit ihren Freundinnen auf eine Partie Karten zu treffen. Bei diesen geheimen Séancen, bei denen Kinder über zwei Jahren und Ehemänner nicht zugelassen sind, werden, so behaupten jedenfalls Gerüchte, Unmengen einer „Kafe“ genannten schwarzen Flüssigkeit konsumiert. Woher die Frauen diesen „Kafe“ beziehen, ist jedoch unbekannt.
Die Schüchternen sind die letzte Gattung der Hausfrauen, die hier näher behandelt werden soll. Immer wieder sind sie zu beobachten, wie sie ihre Kinder in abenteuerlichen kinderwagenähnlichen Konstruktionen, die nur noch durch Hoffnung zusammengehalten werden, spazieren fahren. Sie tragen gerne schreiend bunte Tücher und fürchterlichen Ethnoschmuck, um davon abzulenken, wie sehr sie sich doch vor der großen Welt fürchten.
Die Männer unterscheiden sich weniger durch ihr Aussehen als durch ihre Tätigkeiten. Zwar reicht auch bei ihnen die optische Palette von bleich zu tomatenrot, von klapperdürr über bierbebaucht zu krötenfett und von kahl über ein paar quer über die Glatze gekämmten Haaren bis hin zur Elvistolle, aber die Erscheinungsform ist nicht mit dem Menschenschlag gekoppelt.
Es gibt da die Beamten, die ihre Tage damit verbringen, in einem eigens dafür eingerichteten Raum zu schlafen, um dann hundemüde zurückzukehren. Es gibt die Straßenkehrer, die den Dreck auf den Straßen methodisch umverteilen. Es gibt die Ärzte, die bei Erkrankungen wissend mit den Kopf nicken und ein paar unverständliche Wörter brummen, was sowohl die Patienten als auch die Ärzte selbst beruhigt. Es gibt die Lehrer, das sind die, die in der Enge der Stadt wahnsinnig geworden sind und jedes Kind, das ihnen über den Weg läuft, anbrüllen. Man zieht es vor, sie aus dem Verkehr zu ziehen, um die Kinder nicht zu verängstigen. Es gibt die Polizisten, die hauptsächlich dafür zuständig sind, durchgedrehte Lehrer unschädlich zu machen. Die Polizisten setzten sich aus den wenigen verbliebenen Gewehrbesitzern zusammen. Und es gibt Arbeitslose, die eigentlich auch nichts anderes tun als der Rest.
Eine eigene, geschlechtunspezifische, Gattung sind die Sithies. So nennt man die Jugendlichen im geschätzten Alter von zehn bis zwanzig, die als einzige (neben den Lehrern vielleicht) die ganze Widerwärtigkeit der Situation erkannt haben. Sie betäuben sich deshalb mit einem Stoff, den sie, wenn man den Gerüchten, der einzigen verfügbaren Informationsquelle glaubt, aus einem Schimmelpilz gewinnen, der irgendwo in einem Keller wächst. Diesen Stoff nennen sie Sith. Er wird intravenös gespritzt und bewirkt einen Traumzustand, der tagelang anhält.
So kauern sie dann irgendwo im Schatten zwischen zwei Häusern, die Augen verschleiert und träumen von einer Welt voll Farbe. Ihre Haut ist so blass, das sie fast durchscheinend wirkt, sie sind erbärmlich mager, dass sie Skeletten mehr gleichen als Menschen. Ihre Unterarme sind überzogen von roten, oft entzündeten Flecken. Die Spritzen, die sie verwenden, werden von Sithiegeneration zur nächsten weitergegeben, die Nadeln schartig und rostig und reißen die Haut beim Hineinstechen auf. Es gibt kaum Sithies, die älter als Einundzwanzig oder Zweiundzwanzig werden. Zwar ist der Sith selbst nicht tödlich, aber das Erwachen wird von Mal zu Mal unerträglicher und sie sehen von Mal zu Mal die Realität klarer, bis sie sich schließlich an diese Traumwelt klammern und nicht mehr loslassen, bis ihr Körper zuletzt verdurstet oder verhungert. Sie legen erstaunlicherweise ungeheuren Wert auf Sauberkeit und verabscheuen den Staub der Straßen. Angeblich sind sie auch die letzten in der moribunden Stadt in der Stadt, die zu etwas wie Liebe oder Trauer fähig sind. Deshalb ziehen es viele Kinder, wenn sie in das Alter kommen, in dem sie anfangen ihre Welt zu verstehen, vor, zu den Sithies zu gehen.
„Habt ihr gehört?“, flüstern sie.
„Wir haben gehört.“, antworten sie. „Haben alles gehört.“
Die Leute nicken wissend, murmeln: „Unerhört, unerhört...“
„Aber ich finde...“, beginnt eine Frau mittleren Alters. Ihr dünnes Haar, an den Wurzeln schon weiß, trägt sie in einem lockeren Knoten, verziert mit einer Kette aus grellrosa Plastikperlen, an der Hüfte hält sie einen kleinen Buben, zwei Jahre alt vielleicht. Sie befindet sich gerade im Übergangsstadium von einer Schüchternen zu einer Fleißigen Mutter. Alle sehen sie böse an. Sie schluckt.
„...es eigentlich...“, die Blicke werden stechender „...ganz unerhört, ja.“ endet sie schließlich lahm und schaut etwas beschämt zu Boden. Was sie eigentlich sagen wollte, zählt nicht. Alle nicken zustimmend.
Ein Passant, ein zufällig Dazugekommener, kann sich darauf keinen Reim machen.
„Was ist unerhört?“, fragen wir durch den Mund dieses Passanten.
Die Leute sind vollkommen verstört. Man erzählt, jemand sei draußen gewesen, draußen aus der Stadt, vorbei an den Tausenden von verlassenen Häuser. Draußen. Und soeben zurückgekehrt, einen Rucksack mit Proviant dabei und ein Leuchten in den Augen.
Nun steht er auf einer Kreuzung und spricht den Menschen von Farbe. Von Nahrung, die etwas hat, dass er „Geshmak“ nennt. Von Tieren. Tieren, die nur vier Beine haben und Fell. Fell, das weich ist wie Tuch. Von Männern und Frauen, die Lesen und Lachen und Schreiben und Singen. Von Malern spricht er, von Menschen die fähig sind, „Greatiwitet“, wie er es nennt, zu entfalten und selbst Dinge, schöne Dinge, nützliche Dinge, zu erschaffen. Er nennt die geliebten, in Ehren gehaltenen Werbeplakate ordinär und veraltet, manche gar obszön! Schönere gäbe es draußen. Die Luft wäre anders, draußen. Das Leben wäre um so viel besser, draußen.
Sagt er.
Die Sithies hören ihm gebannt zu, die Schüchternen sind noch etwas unschlüssig und die Lehrer lachen und kreischen und sabbern und deuten mit den Fingern auf ihn, als wäre er der Messias.
Alle anderen sind empört:
„So eine Frechheit, sich einzumischen, in unser Leben! Wir müssen unsere Kinder schützten!“, krähen die Dürren.
„Ein dahergelaufener Wichtigtuer, ein Tagedieb.“ brummen die Fleißigen Mütter verstimmt.
Die Fetten sind zu empört, um sich zu äußern und schniefen nur höchst ungehalten.
„Hält uns hart arbeitendes Volk von der Arbeit ab.“, gähnt ein Beamter.
„Per definitionem eine nicht zu unterschätzende Gefährdung der öffentlichen Gesundheit.“, kommentiert ein Arzt kühl.
„Einsperren, aufknüpfen!“ rufen Polizisten unisono.
Und diesen Ruf nehmen die Anderen, die bisher noch nichts gesagt haben, weil ihnen nichts eingefallen ist, dankbar auf. Er ist nämlich schön kurz und leicht zu merken.
Dabei sieht er so unscheinbar aus, der Mann, der die Gemüter derart erregt. Er ist vielleicht sechzig Jahre alt, er war noch fast ein Kind, als er damals aus der Stadt aufgebrochen ist, und hat schneeweißes Haar. Seine Unterarme zeigen Narben von einer Vergangenheit als Sithie- er ist wohl der erste seiner Art, der dieses Alter erreicht hat. Er trägt einen Dreitagebart, irgendwann auf seiner Reise durch die verlassene Stadt hat er die Zeit gefunden, sich zu rasieren.
Seine Haut ist haselnussbraun und das Gesicht wettergegerbt und freundlich. Ungläubig reißt er jetzt die Augen auf, als die Menschen, die er in eine bessere Welt führen wollte, Hand an ihn legen und mit eiligst von den Wänden gerissenen bunten Tüchern verschnüren wie ein Paket.
Man besinnt sich darauf, dass man ja zivilisiert ist. Ihm wird ein Prozess gemacht. Die Ärzte der Stadt stellen die Geschworenen, ein Beamter mimt, mit einem jahrhundertealten Schafsfell, gespendet von einer Fleißigen Mutter, die es als Spieldecke für die Kinder von ihrer Mutter geerbt hat, den Richter. Verteidigung und Staatsanwalt sind der Einfachheit halber ein und dieselbe Person, der arbeistlose Ehemann einer Dürren. Seine Frau nennt ihn Hubi, wohl ein Verkürzung von Hubert. Eine Fette und Hubis Ehefrau sind die Schöffen. Die Polizisten stehen rund um den Angeklagten, der nun völlig verwirrt zu Boden starrt, um eine eventuelle Flucht zu verhindern. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass er es schafft, den dicken Kokon aus Tüchern, mit denen man ihn gefesselt hat, zu sprengen und sich dann durch mehr als dreihundert Menschen zu kämpfen, denn die gesamte Stadt sieht zu. Sie sitzen auf dem Boden der Kreuzung, viele löffeln, weil es gerade Mittag ist, ihren grauen Brei und beobachten gespannt, was nun passieren wird.
Irgendwo in der letzten Reihe hockt wohl auch ein Engel, der zufällig an einer Wolke falsch abgebogen ist, glättet die Federn seiner Flügel und behält mit den himmelblauen Augen, farblich bestens zum goldenen Haar abgestimmt, den Angeklagtem im Visier. Er plaudert nebenbei mit seiner Sitznachbarin, einer Dürren und bietet ihr etwas von seinem Popcorn an.
Vorne hält Hubi einen Monolog, stellt sich selbst in der Rolle des Staatsanwalts Fragen, denen er dann mit erstaunlichem Geschick ausweicht. Nach etwa zwei Stunden wendet er sich zu den Geschworenen um, die sich nicht beraten, bevor einer von ihnen den Mund öffnet, um das Urteil zu verkünden.
In diesem Moment, diesem hauchfeinen Augenblick zwischen Stille und dem Wort SCHULDIG, tritt ein Sithie aus der Menge. Vielmehr schlurft er aus der Menge, den Kopf eingezogen, total verängstigt. Trotzdem bringt er den Mut auf, die Stimme zu heben.
„Und was ist, wenn er recht hat?“ fragt er. Das lange, strähnige Haar verbirgt das bleiche Gesicht des Sithies, so das niemand den Ausdruck von Trotz in seinen Zügen sehen kann. Er klingt demütig, fast kleinlaut. Als niemand ihm antwortet, hebt er den Kopf und wiederholt seine Frage, dieses Mal lauter.
Wieder ignoriert man ihn. Der Sithie zuckt die Schultern, wirft seinen Freunden, die ihn, verborgen in der Menge, bang beobachten, einen bedauernden Blick zu, holt tief Luft und brüllt mit einer Lautstärke, die man einem solchen Strichmännchen kaum zugetraut hätte, den Richter an.
„Und. Was. Wenn. Er. Recht. Hat. !“
Die Polizei führt ihn ab. Zwei packen ihn an den Schulter und schleifen ihn um die Ecke. Die Bewegungen des jungen Mannes sind schleppend. Er steht unter Sith, sonst hätte er nie den Mut aufgebracht, sich zu Wort zu melden. Sehr zur Befriedigung der Menge hört man kurz darauf einen Schuss.
„Sehen Sie, so muss man das machen.“, sagt die Dürre zum Engel. Der nickt geistesabwesend und kaut an seinem Wolkenpopcorn.
Sie haben ihn aufgehängt, am Abend, den alten Mann. Und sie sind weggegangen, bevor er tot war. In der Nacht hat ihn jemand dann abgenommen, auch, bevor er tot war.
Am nächsten Tag gibt es in der ganzen Stadt keinen Sithies mehr, alle sind sie weggegangen und haben auch die meisten Kinder mitgenommen, haben sie des Nachts aus ihren Bettchen gestohlen. Sogar ein paar von den Schüchternen sind mitgegangen. Die Lehrer haben sich allesamt die Pulsadern aufgeschnitten.
Die Leute jammern ein bisschen, weil die Kinder nicht mehr da sind, dann sagen die Frauen: „Auch recht, weniger Arbeit.“
„Das lichtscheue Gesindel wird uns nicht fehlen.“ sagen die Männer.
Und dann vergessen sie die Außenwelt bis zum nächsten Wahltag.
(in Text eierts an ziemlich vielen Stellen und vielleicht kann mir wer sagen, wo genau):
Häusergrau
Die Stadt ist grau. Wenn wir den Blick heben, nach oben, können wir vielleicht, an sehr sonnigen Tagen, ein winziges, ganz winziges Tüpfelchen Azurblau sehen. Die Häuser sind himmelhoch, staubgrau und verdammt eckig. Jedes einzelne von ihnen hat Tausende und Abertausende und Nochmalsabertausende von Wohnungen, die wenigsten davon benutzt. Kaum ein Haus ist überhaupt bewohnt, jedes dieser Wohnhäuser eine Stadt für sich. Es gibt sieben oder acht von diesen Gebäuden, in denen Menschen leben, eng aneinander gedrängt in der Mitte der wolkenhohen Wüste aus Beton, eine Stadt aus Städten in der Stadt, sozusagen. Rundherum noch viele Häuser, leere Häuser, ein paar Tausend, in denen nur noch Ungeziefer haust, Zehntausend, die selbst den Wanzen zu ungastlich sind.
Die Bewohner geben sich den Anschein von Leben und Farbe. Zerschlissene, immer wieder gewaschene und nachgefärbte Tücher hängen an den Wänden, mit Mustern aus den verschiedensten Modeepochen- Herzchen und Blümchen, schlichtes Karo und mit feinen Strichen gezeichnete Drachen mit aufgerissenen Mäulern, nackte Frauen, junge Dinger, wie sie auch auf den wenigen noch erhaltenen Werbeplakaten zu sehen sind. Die Plakate werden liebevoll in Stand gehalten, Relikte aus einer anderen Zeit, das einzige, was überhaupt in Stand gehalten wird, weil alle wissen, das keine neuen mehr kommen werden. Es sind auch ein oder zwei Plakate mit alten Frauen da, die verrunzelte Haut hängt ihnen in schlaffen Falten von den Hüften, die Höfe der Brüste fast grau, Leberflecken um die halb geschlossenen Augen. Die Zunge zwischen die Zähne geklemmt, die Beine mit den Krampfadern in einer lockenden Geste überschlagen, räkeln sie sich vor neongelben Hintergrund. Das Schönheitsideal des Alters war nur eine kurze Episode, die Plakate sind trotzdem noch immer da. Weil es eben keine anderen gibt. Niemand stößt sich daran, sie finden es ein bisschen befremdlich, aber die Dinger waren ja schon da, als sie kamen und außerdemistdasjaegalundsoweiterundsofort. Irgendwo muss es wohl noch Sex geben, denn es werden immer noch Kinder geboren, ist wohl aber auf einen freudlosen Zeitvertreib reduziert, irgendwann zwischen dem Abendessen und dem Schlafengehen. Es wird eigentlich nicht darüber gesprochen. Nicht, weil es ein Tabuthema wäre- es interessiert bloß keinen.
Versorgt wird die Stadt auf eine sehr eigentümliche Art. In unregelmäßigen Abständen finden in der Außenwelt Wahlen statt, von denen die Innenstädter natürlich nichts wissen. Sie wissen aber sehr wohl, dass in unregelmäßigen Abständen riesige Vögel, die wie Metall glänzen, über ihr Gebiet fliegen und Säcke mit einem grauen Pulver abwerfen. Das Pulver ergibt, zusammen mit dem Wasser aus einem der drei immer noch funktionierenden Wasserhähne, einen nahrhaften, geschmacklosen Brei. Gleichzeitig mit den Säcken regnet es auch kleine Zettelchen, mit einem Kreis darauf. Die Aufgabe der Einwohner besteht nun darin, die Zettel einzusammeln, ein Kreuz in den Kreis zu zeichnen (wobei der einzige noch vorhandene Kugelschreiber von Hand zu Hand geht) und diese Zettelchen dann auf dem Dach des höchsten Hauses zu platzieren. Am nächsten Morgen sind sie dann verschwunden.
Es gibt mehrere Typen von Menschen.
Hausfrauen gibt es in allen Variationen: es gibt die blassen Dürren, immer im Minirock, der immer schreiend bunte Farben hat, zuviel Lippenstift, Pferdezähnen. Die haben besonders lange Hälse, um zu den Nachbarn hinüberzuschaun, wo es sowieso nichts zu sehen gibt, und viel zu schrille, hohe Stimmen, die in den Ohren weh tun und den Wunsch wecken, die Sprecherin zu ermorden. Sie verkünden, was sie besser machen würden, wenn sie in der Situation der Nachbarn wären- auch wenn sie sich in haargenau der selben Lage befinden. Die haben meist auch einen Ehemann, bullige Typen mit fettigem Haar und kurzen Namen, damit ihre Frauen sie noch mehr verkürzen können, zu Kosenamen, die ohne jede Zärtlichkeit formuliert sind, einfach weil es der Mann ist. Diese Namen enden fast immer mit einem i. Auch Kinder sind da, ein oder zwei, meist vollkommen verzogen. Schlimm ist es, wenn zwei Exemplare dieses Typs von Frau nebeneinander wohnen. Dann wird der Nachwuchs schon mit dem Nachbarskind verglichen, wenn die Nabenschnur gerade erst durchgeschnitten ist, die Nachgeburt sich noch im Leib der Mutter befindet und das Kind noch rot verschmiert von Blut und Schleim ist. Von den Nachwehen noch geschüttelt, schon ruft die, die gerade geboren hat, in die Nachbarwohnung hinüber, der Kleine habe schon sein erstes Wort gesagt. Von drüben hört man dann auch einen ersten Schrei, weil diese Frauen immer gleichzeitig schwanger werden, um ja der anderen keinen Vorteil zu lassen. Dann rennen die stolzen Väter hin und her um die Kinder zu vergleichen und nicht selten sind so Neugeborene schon vertauscht worden, noch ehe man sie das erste Mal gewaschen hat.
Dann gibt es da die Dicken. Sie haben dir Form einer Birne, das Gesäß in der Größe eines
VW-Käfers. Sie haben rot gefärbtes Haar, pflaumfarbenen Lippenstift und einen Schmollmund.
Sie gehen mit einer riesigen Handtasche die Straßen und die Gänge auf und ab, bei einer anderen Tätigkeit wurden sie nie beobachtet. Mehr gibt es zu ihnen nicht zu sagen.
Die Steigerung der Dicken sind die Furien. Ihr Haar ist nicht mehr rot, sondern giftig orange und die dünnen Strähnchen, die kaum noch reichen, die Kopfhaut zu verstecken, werden mit diversen Mittelchen derart aufgebauscht, dass es aussieht, als würde roter Nebel die kugelrunden Schädel umwabern. Die Falten sind regelrechte Schluchten, trotz der Unmengen von Fett, die die Haut unterpolstern. Nun wenige von ihnen können noch aus eigener Kraft gehen, längst ist ihr enormes Körpergewicht zu viel für die Elefantenbeine geworden. Sie lassen sich von Dienern herumtragen, denn sie sind reich. Auch wenn niemand weiß woher sie diesen Reichtum beziehen. Geschweige denn, woraus er besteht. Geld gibt es schon lange keines mehr, es wird nicht getauscht, weil die anderen ja auch nichts haben, was man haben will und von dem grauen Pulver ist für jeden genug da.
Eine andere, sympathischere Art der Hausfrauen sind die Fleißigen Mütter. Eine schar immer frisch gewaschener Kinder, eine winzige Wohnung und unermesslich starke Arme zeichnen sie aus. Sie waschen Wäsche, waschen die Kinder, füttern ihren Ehemann, über den sich nichts Genaueres sagen lässt, nähen und kochen und finden nebenbei noch Zeit, sich hin und wieder mit ihren Freundinnen auf eine Partie Karten zu treffen. Bei diesen geheimen Séancen, bei denen Kinder über zwei Jahren und Ehemänner nicht zugelassen sind, werden, so behaupten jedenfalls Gerüchte, Unmengen einer „Kafe“ genannten schwarzen Flüssigkeit konsumiert. Woher die Frauen diesen „Kafe“ beziehen, ist jedoch unbekannt.
Die Schüchternen sind die letzte Gattung der Hausfrauen, die hier näher behandelt werden soll. Immer wieder sind sie zu beobachten, wie sie ihre Kinder in abenteuerlichen kinderwagenähnlichen Konstruktionen, die nur noch durch Hoffnung zusammengehalten werden, spazieren fahren. Sie tragen gerne schreiend bunte Tücher und fürchterlichen Ethnoschmuck, um davon abzulenken, wie sehr sie sich doch vor der großen Welt fürchten.
Die Männer unterscheiden sich weniger durch ihr Aussehen als durch ihre Tätigkeiten. Zwar reicht auch bei ihnen die optische Palette von bleich zu tomatenrot, von klapperdürr über bierbebaucht zu krötenfett und von kahl über ein paar quer über die Glatze gekämmten Haaren bis hin zur Elvistolle, aber die Erscheinungsform ist nicht mit dem Menschenschlag gekoppelt.
Es gibt da die Beamten, die ihre Tage damit verbringen, in einem eigens dafür eingerichteten Raum zu schlafen, um dann hundemüde zurückzukehren. Es gibt die Straßenkehrer, die den Dreck auf den Straßen methodisch umverteilen. Es gibt die Ärzte, die bei Erkrankungen wissend mit den Kopf nicken und ein paar unverständliche Wörter brummen, was sowohl die Patienten als auch die Ärzte selbst beruhigt. Es gibt die Lehrer, das sind die, die in der Enge der Stadt wahnsinnig geworden sind und jedes Kind, das ihnen über den Weg läuft, anbrüllen. Man zieht es vor, sie aus dem Verkehr zu ziehen, um die Kinder nicht zu verängstigen. Es gibt die Polizisten, die hauptsächlich dafür zuständig sind, durchgedrehte Lehrer unschädlich zu machen. Die Polizisten setzten sich aus den wenigen verbliebenen Gewehrbesitzern zusammen. Und es gibt Arbeitslose, die eigentlich auch nichts anderes tun als der Rest.
Eine eigene, geschlechtunspezifische, Gattung sind die Sithies. So nennt man die Jugendlichen im geschätzten Alter von zehn bis zwanzig, die als einzige (neben den Lehrern vielleicht) die ganze Widerwärtigkeit der Situation erkannt haben. Sie betäuben sich deshalb mit einem Stoff, den sie, wenn man den Gerüchten, der einzigen verfügbaren Informationsquelle glaubt, aus einem Schimmelpilz gewinnen, der irgendwo in einem Keller wächst. Diesen Stoff nennen sie Sith. Er wird intravenös gespritzt und bewirkt einen Traumzustand, der tagelang anhält.
So kauern sie dann irgendwo im Schatten zwischen zwei Häusern, die Augen verschleiert und träumen von einer Welt voll Farbe. Ihre Haut ist so blass, das sie fast durchscheinend wirkt, sie sind erbärmlich mager, dass sie Skeletten mehr gleichen als Menschen. Ihre Unterarme sind überzogen von roten, oft entzündeten Flecken. Die Spritzen, die sie verwenden, werden von Sithiegeneration zur nächsten weitergegeben, die Nadeln schartig und rostig und reißen die Haut beim Hineinstechen auf. Es gibt kaum Sithies, die älter als Einundzwanzig oder Zweiundzwanzig werden. Zwar ist der Sith selbst nicht tödlich, aber das Erwachen wird von Mal zu Mal unerträglicher und sie sehen von Mal zu Mal die Realität klarer, bis sie sich schließlich an diese Traumwelt klammern und nicht mehr loslassen, bis ihr Körper zuletzt verdurstet oder verhungert. Sie legen erstaunlicherweise ungeheuren Wert auf Sauberkeit und verabscheuen den Staub der Straßen. Angeblich sind sie auch die letzten in der moribunden Stadt in der Stadt, die zu etwas wie Liebe oder Trauer fähig sind. Deshalb ziehen es viele Kinder, wenn sie in das Alter kommen, in dem sie anfangen ihre Welt zu verstehen, vor, zu den Sithies zu gehen.
„Habt ihr gehört?“, flüstern sie.
„Wir haben gehört.“, antworten sie. „Haben alles gehört.“
Die Leute nicken wissend, murmeln: „Unerhört, unerhört...“
„Aber ich finde...“, beginnt eine Frau mittleren Alters. Ihr dünnes Haar, an den Wurzeln schon weiß, trägt sie in einem lockeren Knoten, verziert mit einer Kette aus grellrosa Plastikperlen, an der Hüfte hält sie einen kleinen Buben, zwei Jahre alt vielleicht. Sie befindet sich gerade im Übergangsstadium von einer Schüchternen zu einer Fleißigen Mutter. Alle sehen sie böse an. Sie schluckt.
„...es eigentlich...“, die Blicke werden stechender „...ganz unerhört, ja.“ endet sie schließlich lahm und schaut etwas beschämt zu Boden. Was sie eigentlich sagen wollte, zählt nicht. Alle nicken zustimmend.
Ein Passant, ein zufällig Dazugekommener, kann sich darauf keinen Reim machen.
„Was ist unerhört?“, fragen wir durch den Mund dieses Passanten.
Die Leute sind vollkommen verstört. Man erzählt, jemand sei draußen gewesen, draußen aus der Stadt, vorbei an den Tausenden von verlassenen Häuser. Draußen. Und soeben zurückgekehrt, einen Rucksack mit Proviant dabei und ein Leuchten in den Augen.
Nun steht er auf einer Kreuzung und spricht den Menschen von Farbe. Von Nahrung, die etwas hat, dass er „Geshmak“ nennt. Von Tieren. Tieren, die nur vier Beine haben und Fell. Fell, das weich ist wie Tuch. Von Männern und Frauen, die Lesen und Lachen und Schreiben und Singen. Von Malern spricht er, von Menschen die fähig sind, „Greatiwitet“, wie er es nennt, zu entfalten und selbst Dinge, schöne Dinge, nützliche Dinge, zu erschaffen. Er nennt die geliebten, in Ehren gehaltenen Werbeplakate ordinär und veraltet, manche gar obszön! Schönere gäbe es draußen. Die Luft wäre anders, draußen. Das Leben wäre um so viel besser, draußen.
Sagt er.
Die Sithies hören ihm gebannt zu, die Schüchternen sind noch etwas unschlüssig und die Lehrer lachen und kreischen und sabbern und deuten mit den Fingern auf ihn, als wäre er der Messias.
Alle anderen sind empört:
„So eine Frechheit, sich einzumischen, in unser Leben! Wir müssen unsere Kinder schützten!“, krähen die Dürren.
„Ein dahergelaufener Wichtigtuer, ein Tagedieb.“ brummen die Fleißigen Mütter verstimmt.
Die Fetten sind zu empört, um sich zu äußern und schniefen nur höchst ungehalten.
„Hält uns hart arbeitendes Volk von der Arbeit ab.“, gähnt ein Beamter.
„Per definitionem eine nicht zu unterschätzende Gefährdung der öffentlichen Gesundheit.“, kommentiert ein Arzt kühl.
„Einsperren, aufknüpfen!“ rufen Polizisten unisono.
Und diesen Ruf nehmen die Anderen, die bisher noch nichts gesagt haben, weil ihnen nichts eingefallen ist, dankbar auf. Er ist nämlich schön kurz und leicht zu merken.
Dabei sieht er so unscheinbar aus, der Mann, der die Gemüter derart erregt. Er ist vielleicht sechzig Jahre alt, er war noch fast ein Kind, als er damals aus der Stadt aufgebrochen ist, und hat schneeweißes Haar. Seine Unterarme zeigen Narben von einer Vergangenheit als Sithie- er ist wohl der erste seiner Art, der dieses Alter erreicht hat. Er trägt einen Dreitagebart, irgendwann auf seiner Reise durch die verlassene Stadt hat er die Zeit gefunden, sich zu rasieren.
Seine Haut ist haselnussbraun und das Gesicht wettergegerbt und freundlich. Ungläubig reißt er jetzt die Augen auf, als die Menschen, die er in eine bessere Welt führen wollte, Hand an ihn legen und mit eiligst von den Wänden gerissenen bunten Tüchern verschnüren wie ein Paket.
Man besinnt sich darauf, dass man ja zivilisiert ist. Ihm wird ein Prozess gemacht. Die Ärzte der Stadt stellen die Geschworenen, ein Beamter mimt, mit einem jahrhundertealten Schafsfell, gespendet von einer Fleißigen Mutter, die es als Spieldecke für die Kinder von ihrer Mutter geerbt hat, den Richter. Verteidigung und Staatsanwalt sind der Einfachheit halber ein und dieselbe Person, der arbeistlose Ehemann einer Dürren. Seine Frau nennt ihn Hubi, wohl ein Verkürzung von Hubert. Eine Fette und Hubis Ehefrau sind die Schöffen. Die Polizisten stehen rund um den Angeklagten, der nun völlig verwirrt zu Boden starrt, um eine eventuelle Flucht zu verhindern. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass er es schafft, den dicken Kokon aus Tüchern, mit denen man ihn gefesselt hat, zu sprengen und sich dann durch mehr als dreihundert Menschen zu kämpfen, denn die gesamte Stadt sieht zu. Sie sitzen auf dem Boden der Kreuzung, viele löffeln, weil es gerade Mittag ist, ihren grauen Brei und beobachten gespannt, was nun passieren wird.
Irgendwo in der letzten Reihe hockt wohl auch ein Engel, der zufällig an einer Wolke falsch abgebogen ist, glättet die Federn seiner Flügel und behält mit den himmelblauen Augen, farblich bestens zum goldenen Haar abgestimmt, den Angeklagtem im Visier. Er plaudert nebenbei mit seiner Sitznachbarin, einer Dürren und bietet ihr etwas von seinem Popcorn an.
Vorne hält Hubi einen Monolog, stellt sich selbst in der Rolle des Staatsanwalts Fragen, denen er dann mit erstaunlichem Geschick ausweicht. Nach etwa zwei Stunden wendet er sich zu den Geschworenen um, die sich nicht beraten, bevor einer von ihnen den Mund öffnet, um das Urteil zu verkünden.
In diesem Moment, diesem hauchfeinen Augenblick zwischen Stille und dem Wort SCHULDIG, tritt ein Sithie aus der Menge. Vielmehr schlurft er aus der Menge, den Kopf eingezogen, total verängstigt. Trotzdem bringt er den Mut auf, die Stimme zu heben.
„Und was ist, wenn er recht hat?“ fragt er. Das lange, strähnige Haar verbirgt das bleiche Gesicht des Sithies, so das niemand den Ausdruck von Trotz in seinen Zügen sehen kann. Er klingt demütig, fast kleinlaut. Als niemand ihm antwortet, hebt er den Kopf und wiederholt seine Frage, dieses Mal lauter.
Wieder ignoriert man ihn. Der Sithie zuckt die Schultern, wirft seinen Freunden, die ihn, verborgen in der Menge, bang beobachten, einen bedauernden Blick zu, holt tief Luft und brüllt mit einer Lautstärke, die man einem solchen Strichmännchen kaum zugetraut hätte, den Richter an.
„Und. Was. Wenn. Er. Recht. Hat. !“
Die Polizei führt ihn ab. Zwei packen ihn an den Schulter und schleifen ihn um die Ecke. Die Bewegungen des jungen Mannes sind schleppend. Er steht unter Sith, sonst hätte er nie den Mut aufgebracht, sich zu Wort zu melden. Sehr zur Befriedigung der Menge hört man kurz darauf einen Schuss.
„Sehen Sie, so muss man das machen.“, sagt die Dürre zum Engel. Der nickt geistesabwesend und kaut an seinem Wolkenpopcorn.
Sie haben ihn aufgehängt, am Abend, den alten Mann. Und sie sind weggegangen, bevor er tot war. In der Nacht hat ihn jemand dann abgenommen, auch, bevor er tot war.
Am nächsten Tag gibt es in der ganzen Stadt keinen Sithies mehr, alle sind sie weggegangen und haben auch die meisten Kinder mitgenommen, haben sie des Nachts aus ihren Bettchen gestohlen. Sogar ein paar von den Schüchternen sind mitgegangen. Die Lehrer haben sich allesamt die Pulsadern aufgeschnitten.
Die Leute jammern ein bisschen, weil die Kinder nicht mehr da sind, dann sagen die Frauen: „Auch recht, weniger Arbeit.“
„Das lichtscheue Gesindel wird uns nicht fehlen.“ sagen die Männer.
Und dann vergessen sie die Außenwelt bis zum nächsten Wahltag.