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Augenblicke [..]

Verfasst: 08.09.2003, 19:13
von vogel
Hallo ! Letzten Freitag hab ich 'nen Deutschtest geschrieben zum Thema "fiktionale Texte". Dabei kam dann auch diese folgende Kurzgeschichte dran. U.a. sollte der Text weiter geschrieben werden ... Innerhalb von 30min sollte der gesamte Test bewältigt werden; ihr könnt euch sicher vorstellen, dass das zu Ende der Kurzgeschichte schreiben der reinste Urlaub war :-( ... Naja, heute hab ich den Test dann wiederbekommen und jetzt wollt ich mal wissen, was ihr von meinem Ende haltet.


Walter Helmut Fritz : Augenblicke

Kaum stand sie vor dem Spiegel im Badezimmer, um sich herzurichten, als ihre Mutter aus dem Zimmer nebenan zu ihr hereinkam, unter dem Vorwand, sie wolle sich nur die Hände waschen.
Also doch! Wie immer, wie fast immer.
Elsas Mund krampfte sich zusammen. Ihre Finger spannten sich. Ihre Augen wurden schmal. Ruhig bleiben!
Sie hatte darauf gewartet, dass ihre Mutter auch dieses Mal hereinkommen würde, voller Behutsamkeit, mit jener scheinbaren Zurückhaltung, die durch ihre Aufdringlichkeit die Nerven freilegt. Sie hatte - behext, entsetzt, gepeinigt - darauf gewartet, weil sie sich davor fürchtete.
- Komm, ich mach dir Platz, sagte sie zu ihrer Mutter und lächelte ihr zu.
- Nein, bleib nur hier, ich bin gleich so weit, antwortete die Mutter und lächelte.
- Aber es ist doch so eng, sagte Elsa, und ging rasch hinaus, über den Flur, in ihr Zimmer. Sie behielt einige Augenblicke länger als nötig die Klinke in der Hand wie um die Tür mit Gewalt zuzuhalten. Sie ging auf und ab, von der Tür zum Fenster, vom Fenster zur Tür. Vorsichtig öffnete ihre Mutter. Ich bin schon fertig, sagte sie. [...]


Elsa nickte freundlich und begab sich wieder Richtung Bad. Behutsam schloss sie die Tür. Ihre Finger lagen lange auf der Klinke und die Anspannung wich ein wenig der Erleichterung.
Sie ging zum Spiegel und begann sich die Haare zu machen. Sie seufzte erleichtert als jede Strähne endlich an ihrem Platz war. Ihre Augen betrachteten nochmals alles kritisch im Spiegel, und sie begab sich auf den Weg zur Küche. Als ihre Finger die Küchentür berührten, durchfuhr sie wieder diese Anspannung, diese verzweifelte Anspannung, die nur darauf wartete, das sie sich entladen könne. Mit einem Ruck stieß sie die Tür auf - ihre Mutter stand an der Küchentheke und schnitt die Brötchen auf.
- Möchtest du eines ?, fragte ihre Mutter, während beide sich an den Tisch setzten. Elsa nickte nur.
- Möchtest du Kaffee oder Tee ? Elsa nickte wieder nur, sie blickte auf ihr Brötchen und wünschte sich, dass es doch schon 5 nach wäre. Sie drückte ein Loch in ihr Brötchen, immer tiefer glitt ihr Finger - das Brötchen zerbrach. Elsa blickte auf die Küchenuhr; 10 vor.
- Mutti, sagte sie während sie vom Tisch aufstand, ich gehe. Ich muss noch etwas erledigen bevor ich zum Unterricht gehe.
- Aber du hast doch noch gar nichts gegessen, Kind !
Ihre Mutter blickte sie verwirrt an, aber Elsa ging in den Flur und zog sich an. Mit einem Knall fiel die Tür zu ...

Re: Augenblicke [..]

Verfasst: 19.09.2003, 01:32
von gelbsucht
Hallo kleinervogel,

muss sagen, dass mir deine Fortsetzung ganz gut gefällt. Es ist ja auch wirklich eine Fortsetzung, da du es schaffst dich in die Vorgabe hineinzudenken und die bestehende Spannung zwischen den beiden Personen auch noch auszubauen. Nur zwei Kritikpunkte:
a.) das mit den Klinken, mit der Anspannung, wenn sie die Klinke anfasst, ist vielleicht etwas breitgetreten – zumindest nach meinem Geschmack.
b.) den Schluss finde ich etwas übertrieben ... eine knallende Tür passt einfach nicht zum Rest. Die Spannung des Textes entsteht ja gerade durch diese aufgesetzte Freundlichkeit, das Vorbeireden aneinander und die unterschwellige Aggression.

;-) gelb :-)

Re: Augenblicke [..]

Verfasst: 23.09.2003, 21:39
von vogel
Hallo gelb !

Hm, hab ich zur Kenntnis genommen, danke, und ich habs Versucht zu ändern (Was mir nicht gerade leicht gefallen ist ...). Und irgendwie bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dieses Türknallen vielleicht gerade diese Spannung ausmacht. Vielleicht weil sich die Spannung entläd ... Das Klinken : hast du irgendwie recht ...
ABer das Türknallen, es zeigt ja eigentlich, dass Elsa ihre Angespanntheit nicht mehr aushält : sie geht früher als sonst los und knallt dann die Tür.
Aber würde man die Tür nicht knallen lassen, wäre es weiter am Orginal dran (was ich natürlich nicht kannte als ich den Text schrieb ..); denn dort beliebt das Prob auch ungelöst und Elsas Stimmung wird ziemlich quälend, eine Wut die sie hat, aber nicht los wird ... ICh mag die Geschichte ..

Liebe Grüße
kleinervogel

Re: Augenblicke [..]

Verfasst: 23.09.2003, 21:40
von vogel
neues Ende // 2



Elsa nickte freundlich und begab sich wieder Richtung Bad. Behutsam schloss sie die Tür. Ihre Finger ruhten etwas länger als normalerweise auf der Klinke und die Anspannung wich ein wenig der Erleichterung.
Sie ging zum Spiegel und begann sich die Haare zu machen. Sie seufzte erleichtert als jede Strähne endlich an ihrem Platz war. Ihre Augen betrachteten nochmals alles kritisch im Spiegel, und sie begab sich auf den Weg zur Küche. Als ihre Finger die Küchentür berührten, durchfuhr sie wieder diese Anspannung, die nur darauf wartete, das sie sich entladen könne. Mit einem kurzen Ruck stieß sie die Tür auf - ihre Mutter stand an der Küchentheke und schnitt die Brötchen auf.
- Möchtest du eines ?, fragte ihre Mutter, während beide sich an den Tisch setzten. Elsa nickte nur.
- Möchtest du Kaffee oder Tee ? Elsa nickte wieder nur, sie blickte auf ihr Brötchen und wünschte sich, dass es doch schon 5 nach wäre. Sie drückte ein Loch in ihr Brötchen, immer tiefer glitt ihr Finger - das Brötchen zerbrach. Elsa blickte auf die Küchenuhr; 10 vor.
- Mutti, sagte sie während sie vom Tisch aufstand, ich gehe. Ich muss noch etwas erledigen bevor ich zum Unterricht gehe.
- Aber du hast doch noch gar nichts gegessen, Kind !
Ihre Mutter blickte sie verwirrt an, aber Elsa ging in den Flur und zog sich an. Ihre Mutter betrat kurz nach ihr den Flur und wollte noch etwas rufen, doch sie verstummte; noch bevor die Tür leise ins Schloss gefallen war ...

Re: Augenblicke [..]

Verfasst: 04.10.2003, 00:16
von gelbsucht
Hallo kleinervogel,

was das Ende angeht, habe ich mich geirrt. Du hast Recht, die erste Variante des Endes ist wirklich besser!

Aber mir ist noch was anderes aufgefallen, was ich an deiner Fortsetzung kritisierenswürdig gefunden habe:
... und die Anspannung wich ein wenig der Erleichterung.
Sie ging zum Spiegel und begann sich die Haare zu machen. Sie seufzte erleichtert als jede Strähne endlich an ihrem Platz war. Ihre Augen betrachteten nochmals alles kritisch im Spiegel, und sie begab sich auf den Weg zur Küche. Als ihre Finger die Küchentür berührten, durchfuhr sie wieder diese Anspannung, die nur darauf wartete, das sie sich entladen könne.

Also erst einmal stören mich die sprachlichen Wiederholungen. Außerdem ist mir dieses Hin und Her von Anspannung und Erleichterung ein bisschen suspekt. Das wirkt nervös. Erst ist sie angespannt, dann erleichtert, dann gleich noch mal erleichtert und danach wieder angespannt. Ich finde auf diese Erleichterungsphasen solltest du ohnehin verzichten. Sie passen nicht in die Geschichte. Versuch die Anspannung, die aufgeladene Stimmung noch zu steigern ... und dann schreib bitte nicht einfach: sie war wieder angespannt, sondern erzähl es! Ich bin überzeugt du kennst den Unterschied. Die Szene in der Küche z.B. ist dir super gelungen, dort beschreibst du wunderbar die angespannte, unterschwellig aggressive Atmosphäre.

;-) gelb :-)