Hallo shuya,
ich fange mal basierend auf den recht flüchtig hingekritzelten Notizen, die ich mir dazu gemacht habe, einfach an.
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1. Textauszug
shuya hat geschrieben:der gedanke der mir, lichterloh brennend oder strahlen, lichtsiebe
dass mir kindheit entgegen, die brandung / keiner funktion mehr
bedacht, mit / nichts belehrendes, kein fingerzeig der mutter oder
die weihnachtsgeschenke so offensichtlich auf dem wandschrank versteckt
ein ungeniertes spiel mit meiner neugier, dass mir selbige verleidete
fand ich viel später erst heraus. ich habe erinnerungen an das reh in meiner
küche, fast vergraben, wie es hilflos, in ewige überraschung gefroren
mich anstiert als solle ich es retten vor meinem fleischer von papa
seine messer sind immer scharf, er teilt knochen und gewebe und auf den
brettern, für fleisch die, dass ich allabendlich essen sollte, manchmal fand
ich, er heilte dann los an mir vorbei ins bad, ein stück finger dort, neben
den stolzen messern. ein stück finger vor dem abendessen.
Das fängt ja gleich mal syntaktisch recht quer an. Ich spiele mal ein wenig mit dem Eingang, ordne die Fragmente anders an. Vielleicht kannst du damit ja was anfangen.
"der gedanke, der mir licherloh brennend, - oder strahlen, lichtsiebe -
dass mir kindheit entgegen die brandung / keiner funktion mehr bedacht,
mit ... / nichts belehrendes, kein fingerzeig der mutter war; auch die
weihnachtsgeschenke so offensichtlich auf dem wandschrank versteckt
ein ungeniertes spiel mit meiner neugier, das sie mir später verleidete."
Das ist jetzt etwas geordneter bezüglich Syntax und Interpunktion.
Danach folgt, wie ich finde, ein tolles Bild. Ich bastel etwas weiter:
"imeine erinnerungen an das reh in unserer [wegen familienporträt] küche ...,
fast vergraben, wie es hilflos, in ewige überraschung geforen
mich anstiert [mir gefällt der begriff überhaupt nicht - rein persönlicher Geschmack - wenn du willst einfach "betrachtet" oder "fokussiert" oder " ins Auge fasst"]
[gleiche zeile] als sollte ich es retten vor meinem fleischer von papa.
seine messer sind immer scharf. er teilt knochen und gewebe und auf
den brettern für fleisch, das ich allabendlich essen sollte. manchmal
fand ich - er heilte dann los an mir vorbei ins bad [toll] - ein stück finger dort
neben den stolzen messern, ein stück finger vor dem abendessen."
nur zwischendurch: ich wähle bewusst die zeilenumbrüche und die interpunktion. ich habe kein komma vergessen oder zufällig hinzugefügt. das nur zum verständnis. ich finde es sehr gut, wie du hier über die alltägliche szene die brutalität schilderst, diese gleichsam antizipiert wird.
weiter:
shuya hat geschrieben:vadim hat sich um-
gebracht
Von der Gestaltung passt das, auch, dass es hier so isoliert steht. Inhaltlich fehlem mir natürlich einige Bezüge. Wenn du 'Amras' von Thomas Bernhard kennst (wenn nicht, empfehle ich es), weißt du vielleicht, was ich meine, wenn ich sage, dies hier könnte der Anfang oder Teil von Etwas sein.
shuya hat geschrieben:die pistole, welche er auf fotos immer so stolz in die kamera zeigte,
meine zitternden hände, dass seine liebe zu mir ihn überwältigen könnte
und er abdrückt, kam mir oft. dieses mädchen, ich habe ihren namen irgendwo
aufgeschrieben habe ich, sie schlief mit ihm, ist aber auch tot mittlerweile.
alles in allem bleibt nicht mehr viel von ihnen übrig ausser ein paar anekdoten
von bukowski und kerouac, die ich in sentimentalen barkbankbesäufnissen
vor mir herschiebe, wie unerledigte aufgaben. glaube ich fest an das was
ich mich selbst nenne, eine identifikation von mir weg zur marke hin einem
sozialisierten branding. meine angst vor gegenwärtigkeit
das profil zu verlieren
ich mache mich - extern - zu einem gemüse
oder woher rührt dieser mangel an dramatik, den ich in der gegenwart verspüre
dass alles auf gerade einmal die nötigsten emotionen reduziert und im vergleich
zu einem kinobesuch so ausgekühlt wirkt. in meiner wohnung zieht es,
ich zünde mir eine zigarette an um den winter zu vertreiben, ein gängiges ritual
welches ich so selbstverständlich betreibe, dass ich es fast schon gar nicht
mehr wahrnehme. dass mir auch alles so unbeholfen aus dem mund fallen muss
dieses rinnsal an worten, so sorgsam zurückgekämpft, nie oder nein, selten
aber sorgfältig ausfomuliert. wie ermüdend ich auf mich wirke, mit diesem
verquerulantem selbstbild von weltschmerz auf dem rücken.
mein herz hat ein leck und es rinnen wahllos teilhaftigkeiten oder halbwahr-
heiten in meinen magen. klavki sagte, bevor er starb sagte oliver,
mein geist ist ein magen.
tropfen welche ich in ihre bestandteile seziere, neurotisch oder euphorisch
auf der suche nach einer weltformel, die mir das alles erklärt, wie man
die konstruktion fallen lässt, nicht irgendwie sondern einfach ist, bis man
keine festen eigenschaften mehr hat, nur gegenwärtige und dass alles nur jetzt
passiert. weil ich vor jahren eine tür, eine echt, öffnete und der geruch
von verbranntem menschenfleisch wieder da war und alles tagelang so latent
danach roch, dass ich nichts mehr essen konnte ohne zu kotzen oder laura
die sagte, ich liebe dich, das heisst ich liebe dich und nicht ich will dich
dass mir das alles so scheisse nah ging, dass ich aus reflex schon wie betäubt
war. ich erinnere mich an einen keller im krieg und dass der krieg öffnungs
zeiten hatte und um achtzehn uhr war die straße leer und die schweine kamen
überall waren da schweine, und in deutschland tauben überall, dunkel und hell
irgendetwas mit einer melone war da noch und affen die mich angreifen, ein
kleiner weisser tiger mit dem ich mich kabbele und der film reisst im kino
stille weicht raunen, unerwartetes beeindruckt, EINE LANDMINE er führt mich
da war auch nichts dabei: der zug hielt an und fuhr nicht mehr weiter.
irgendwie war man dann da drin, nicht? das kann immer mal passieren: der zug
hält an und.. fährt nicht mehr weiter.
Hier wird es dann doch etwas spezifiziert, der Vadim und die Erinnerungen an ihn, ohne in allerdings über das eigene Bewusstsein hinaus (das des Ich-Erzählers) zu charakterisieren. Wieder etwas basteln:
"die pistole, welche er auf fotos immer so stolz in die kamera zeigte,
meine zitternden hände, dass seine liebe zu mir ihn überwältigen könnte
und er abdrückt, kamen mir oft, auch dieses mädchen - ich habe ihren namen
irgendwo aufgeschrieben-, das mit ihm schlief, aber auch tot ist
mittlerweile. alles in allem bleibt nicht viel von ihnen übrig
außer ein paar anekdoten von bukowski und kerouac,
die ich in sentimentalen [gefällt mir nicht, würde ich einfach streichen] parkbankbesäufnissen
[gleiche zeile] vor mir herschiebe wie unerledigte aufgaben"
jetzt kommt ein teil, den ich streichen würde:
"glaube ich fest ... zu verlieren"
das ist mir zuviel an reflexion, zuviel an innerem input. mir verlässt das hier zu stark die gestaltungsebene. ich würde erst wieder hier einsteigen.
"unerledigte aufgaben
wie ein gemüse, zu dem ich mich extern mache. da ist ein mangel
an gegenwärtiger dramatik, [wieder aus oben genannten gründen gekürzt]
[gleiche zeile] gespürt. in meiner wohnung zieht es.
eine zigarette soll den winter vertreiben, zum beispiel, auch nur eines
der rituale. [wieder etwas vom ich weg. und das rauchen als teilaspekt gekennzeichnet. etwas banales als pars pro toto. daher das "zum beispiel", das ich hier eingefügt habe. dann wieder stark gekürzt. gleiche gründe

.]
[gleiche zeile] mein herz ist ein leck und es rinnen wahllos teilhaftigkeitein oder halbwahr-
heiten in meinen magen, und [wieder bewusst] klavski sagte, bevor er starb sagte oliver,
"mein geist ist mein magen." tropfen,
welche ich in ihre bestandteile seziere auf der suche nach einer formel,
die mir erklärt, wie man die konstruktion fallen lässt,
bis man keine festen eigenschaften mehr hat, nur gegenwärtige und
bis alles nur jetzt passiert, [ich brauche wohl nicht immer drauf aufmerksam machen. du siehst ja, wo ich gekürzt habe]
[gleiche zeile] weil ich vor jahren eine tür, eine echte, öffnete und der geruch [jetzt kommt die für mich großartigste wendung. wieder gehts vom alltäglichen ins abscheuliche, vom kleinen ins ganze, ein ganzes der vergangenheit, dass die gegenwart des ich-erzählers überschattet.]
von verbranntem menschenfleisch wieder da war, und alles tagelang so latent [vielleicht "penetrant"]
danach roch, dass ich nichts mehr essen konnte, ohne zu kotzen oder laura,
die sagte, "ich liebe dich", was nicht heißt "ich will dich",
nachdem mir das alles so nah ging, dass meine reflexe
mich betäubten. ich erinnere einen keller im krieg und dass der krieg öffnungs
zeiten hatte [großartig], und um achtzehn uhr die straße leer war, und die schweine kamen.
überall waren da schweine und in deutschland tauben überall, dunkel und hell.
irgendetwas mit einer melone war da noch und mit affen, die mich angreifen,
einem kleinen, weißen tiger, mit dem ich mich kabbele [gefällt mir auch irgend wie nicht, vielleicht: "mit dem ich raufe"]
[gleiche zeile] , einem film, der im kino reißt.
stille weicht raunen. unerwartetes beeindruckt. [ich kann mich noch nicht entscheiden, aber ich glaube, präsens ist hier passend]
[gleiche zeile] EINE LANDMINE ... er führt mich,
da war auch nichts dabei: mein zug hielt an und fuhr nicht mehr weiter.
irgendwie war man dann da drin, nicht? das kann immer mal passieren:
der zug hält an und ... fährt nicht mehr weiter."
ich finde, das wäre ein sehr guter schluss. zum folgenden:
shuya hat geschrieben:WE ARE SORRY; THERE IS WAR OUTSIDE; FIGHTING; THIS TRAIN CAN NOT GO ON
PLEASE LEAVE IMMEDEATLY.
was das so? habe ich englisch sprechen können, mit fünf sechs oder vier ich
kann mich nicht erinnern wann oder wo das war. schwer einzuschätzen
(ob ich in meinem drang mich auszudrücken eher for- oder demoliere.
dieses gewaltpotential dass zu einer art kreativer energie wird ich habe
angst es einzubüssen wenn ich mich nur mal damit auseinandersetze also eine
so mächtige und beeindruckende besonderheit zu verlieren nicht mehr vielgesp
alten zu sein dann farblos und unwahrnehmbar bis ich verschwinde dass das
prisma, welches mich zerreisst notwendig sei, zum erhalt meiner selbst.)
um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht, warum hier plötzlich englisch angezeigt wird. ich muss mir hier eine geschichte basteln, mir einen flüchtling aus deutschland nach amerika beispielsweise vorstellen. ich würde das wohl eher weglassen. ich glaube, der offene schluss vorher lässt den text gewinnen, weil er unterschiedliche assoziationen auslöst. der abschließenden reflexion bedarf es nicht unbedingt, glaube ich.
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soweit erstmal. demnächst mehr.
das noch: diesen auszug finde ich zusammen mit nr. 3 am stärksten. besonders begeistert mich hier die verknüpfung von alltag mit außeralltag, von vertrautem mit grausamkeit.
lg
hginsomnia