Ok. Amors Flügelschlag

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Auf Eulen Schwingen
Sphinx
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Ok. Amors Flügelschlag

Beitragvon Auf Eulen Schwingen » 19.10.2003, 16:22

Salute allerseits, bin neu.

Vielleicht hat jemand Lust in die folgende Ich-Erzählung reinzugucken?

Ereigniskette ist situiert in Main-Franken, was ja nicht unbedingt eine Empfehlung sein mag. Wer trotzdem ... Kommentare würden mich freuen.

Ok. Amors Flügelschlag

"Was Lyrisches, was Poetisches", hatte Kentucky-Rezzo in der Pause auf dem Schulhof gefordert, er wollte einen Text von mir, für die Schülerzeitung. Ich soll einfach im Tagebuch drauflosschreiben. Alltag. Anskizzieren. "Aus den langweiligsten Situationen der langweiligsten Leute entwickelt sich die Poesie." "Wie witzig", sagte ich. "Nö", meinte er, "probier´s doch. Vielleicht ein Gedicht, vielleicht eine short story?" "Ok", sagte ich, "mal gucken."

Nach der Schule - Freitagnachmittag - ging´s zum Aldi, wollte einen Kentucky Bourbon Whiskey kaufen. Rezzo sagt, der inspiriert ihn, da schreiben sich seine Sachen für die Schülerzeitung wie von selbst. Da liebt er sich dann wohl noch mehr als sonst. Er fährt den Computer runter, macht in seinem Zimmer ein Feuer, tanzt darum herum, singt "loved" und die Nachbarn klopfen an die Wände den Rhythmus. Rezzo, der Große. Aber er ist wirklich groß. Er kam auf die Idee, eine Schülerzeitung ins Netz zu stellen, so eine Art aktuelle Zeitung mit Forum, die Redakteure schreiben, wenn sie inspiriert sind. Und die Leser schreiben Leserbriefe, wenn sie beim Lesen inspiriert werden, bloß dass kaum einer schreibt.

Also beim Aldi guckte mich die Kassiererin an, kaum älter als ich, ich guckte sie an. „Du bist schon über sechzehn? Alkohol an Jugendliche ist nicht drin.“ „Du kennst mich doch vom Sehen. Du gehst öfters mit Maya zum Da Toni. Ich bin Sven. Sven Rappe. In der Kollegstufe, K 13, neunzehn Jahre. Willste meinen Ausweis sehen?“ „Klar kenne ich Dich, Rappe, aber ich will deinen Ausweis trotzdem sehen. So erwachsen schaust Du gar nicht aus. Außerdem, Du glaubst gar nicht, wieviel Babyfaces, wieviel Krümelkekse von fünfzehn oder sechzehn hier Alkohol holen wollen. Wollen bei ihrer Freundin angeben, wenn sie überhaupt eine haben. Sollen halt ein bisschen mehr in Romantik machen. Kommt nicht schlecht. Sind sie aber wohl zu blöd zu.“ „Oh", sagte ich abschätzig, "diese Vorgartenzwerge“, zeigte ihr meinen Ausweis und zog mit meiner Flasche in der Plastik-Tüte ab.

Und ich dachte, nö, die Jungs kaufen keinen Alkohol, um sich wichtig zu machen bei Mädchen. Die trinken das bei sich zuhause. Allein. Oder mit Kumpels. Und sie wünschen sich eine Freundin und romantisch genug wären wir oder sie. Aber es ist schwer mit den Mädchen. Und so Verkäuferinnen-Sprüche, die nerven gewaltig. Dann setzte ich mich also rezzo-artig an den Computer, vor mir das Tagebuch für Handschriftliches, ein Glas in meiner Reichweite, gefüllt mit 1 ccm Whiskey und 5 ccm Selters, dachte an alle Jungs von fünfzehn, sechzehn, die von Leuten wie der jungen Kassiererin kontrolliert werden und dann belämmert davonlaufen. Und die Muttis an der Kasse gucken ihnen nach, wie sie rot um die Ohren sind. Au weia. Und ich dachte an mich, der ich schon lange nicht mehr sechzehn bin.

Und dann habe ich für sie und mich einen Text, einen Song gedichtet, richtig mit Papier und Feder, Rhythmus und Reim, Clemens Brentano, der alte Freiherr Eichendorff, - brauchte eine Stunde dazu. Spricht uns Jungmännern aus der Seele oder jedenfalls mir, könnte auch Jungfrauen anmachen. Dann stellte ich das alles ins Rezzo-Netz. In die Abteilung "Mindblowing Poems". Überschrift: "Sterne, dünn glitzernd" ...

Sterne, dünn glitzernd

Ich blicke in die weite Ferne,
am Himmel glitzern dünn die Sterne,
Ganz solo sitze ich am Main.
Mag uns wer? Ich glaube: nein.

Und auf schwarzen Eulenschwingen
fällt die Traurigkeit mich an
will mir in die Schläfe dringen.
Fluch Dir, Vogel, bist kein Wahn!

O Du, der diese Zeilen liest,
Und schwarze Wesen vor Dir siehst ...
Du fühlst mit mir, liebst Klagerufe?
Dein Lächeln stellt mich auf die Hufe!

Sven Rappe


Danach holte ich mir die herbe Szene mit der Aldi-Frau vor die Augen, die Jungs mit den roten Ohren tauchten auf. Und dann schaute ich mir eine halbe Stunde die Strophen auf dem Bildschirm an: lyrisches Ich melancholisch am Main. Eulenvogelattacke auf seinen Kopf, macht das lyrische Ich ganz fertig, in der dritten Strophe Kontaktversuch mit Leser. Wenn der vielleicht lächelt, kommt man wieder auf die Beine. Anders als Rezzo trinke ich fast keinen Alkohol, und wenn, dann nur wenig, weil´s sonst nicht mehr schmeckt. Aber ein Glas neben dem Computer, ein paar Eiswürfel klickern lassen und das Kopfkino läuft, du kannst durch die Zimmerwände nach außen sehen, wie sie dort sitzen, die paar, die im Internet surfen und unsere Zeitung anklicken. Mundwinkel nach unten, die Augenbrauen nach oben gezogen.

Maya könnte das lesen, die anderen steigen spätestens bei der zweiten Strophe aus. Aber Maya, die aus dem Leistungskurs Deutsch, die ganz gut aussieht, die über meine Jokes lachen kann, intelligent wie sie ist, die barocke bis romantische Gedichte gut analysieren kann, also Maya, die liest sowas bis zum Ende und dann nochmal, sie kann sogar in dem Stil schreiben. Neulich im LK war sie auf die Takte von Andreas Gryphius abgefahren: "Dies Leben kömmt mir vor als eine RENNEBAHN/Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem LAUFPLATZ gleiten ..." Der Lehrer hatte Mayas schlaue Phase genutzt, hatte eine kreative Phase angeordnet und wir ließen uns auf den Gryphius-Stil ein. Es wurde sehr lustig. Rezzo schrieb was von Gleitflügen in Kentucky-Phasen. Noch auf dem Klo redeten wir so weiter.

Kreisende Eiswürfel im Glas, ziemlich klein geworden. Ab und zu ein Blick in den Mail-Ordner auf der unteren Leiste meines Bildschirms. Puh, wenn überhaupt von jemandem, dann könnte von Maja eine Antwort kommen, eine ironische in Prosa oder auch eine ironisch-gefühlige im Gedicht.

Und was soll ich sagen? Um 21 Uhr trudelt von Maya ein Text ein:

Hey, Sven,

hier ist Maya. Und ich texte auch gleich mal so, wie Du es dir vorstellst von mir, barock, aber ohne "Rennebahn":

Am Main
(Dem rappenschwarzen Melancholicus zugeeignet)

Am Main, da wächst der Rebensaft,
er wird mit Fleiß gepfleget.
Ach, süß und köstlich wirkt die Kraft
Von Traubenhaut umheget.

Nach Glück ein jeder Mensch verlangt
Wer einsam ist, der fluchet.
Und wo ein Fluch im Netze prangt
verstehst du gleich: man suchet.

Hinweg mit dir, du schwarze Nacht,
Dein Flügel wird gestutzet.
Der Fluss, der Sommer, alles lacht.
Alles ist grün geputzet.

Gruß an die Aldi-Tante, die S.!
Seit wann dürfen die da in M.- Nord mit 17 an die Kasse?

maya


Tja, das hat Maya geschrieben, hat sie toll geschrieben. Bin gerührt. Wer so was schreiben kann, der hat Sven Rappe gerührt, Rappes Herz und Hirn gerührt.

O Amor, Gott der Liebenden, gepriesen sei dein Name. Habe bei Maya angerufen. Verflucht. Ist belegt. Dann Handy. Dreimal verfluchte, gerührte Kacke. Handy war aus. Hab an Maya gemailt, dass ich ihr Gedicht zum Küssen finde. Vielleicht ist sie nachher noch auf und liest es. Wenn nicht, spätestens morgen.

Abschluss, Fazit, Ende, total fertig: Jetzt um 0.30 bin ich, Sven vom LK Deutsch und ernstzunehmender Redakteur der Schülerzeitung, voll von zwei Gläsern voller Whiskey ohne Kohlensäure, bin von Amors gefiederter Axt gestreift, beziehungsweise - aber Mayas Gedicht ist schon eine Hammeraxt - von Amors Flügelschlag. Und harre seines Pfeiles. Die Flasche hab ich weggeräumt, damit ich morgen früh keinen Ölkopf habe.

Kentucky-Rezzo, Chief und Meister der Feder, wird staunen über diese Geschichte. Auch wenn sie nichts ist für die Schülerzeitung. Wenn ich sie ihm überhaupt zeige.
aes
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razorback
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Re: Ok. Amors Flügelschlag

Beitragvon razorback » 21.10.2003, 16:44

Moin AES!

Okay, mit dem Aldi Bourbon hast Du mich spontan gewonnen. Ich habe diese völlig stillose Plörre zwar schon vor mehr als einem Jahrzehnt hinter mir gelassen - aber Du weckst ein paar nostalgische Gedanken damit :-D

Dein Text gefällt mir allerdings nicht wegen des Aldi-Bourbons, ich weiss gar nicht genau, warum er mir gefällt. Der Stil, in dem Du schreibst, ist nicht schlecht, allerdings einer, den ich normalerweise nicht mag. Warum gefällt mir Deine Geschichte also... hm... vielleicht komme ich drauf, wenn ich erstmal schreibe, was mir nicht gefallen hat:

1.) Kentucky-Rezzo. Der Name wirkt stark gewollt. Ausserdem ist er beleidigend (siehe oben - Plörre!!!), aber das muss ja nicht schlecht sein. Aber wie gesagt - wirkt irgendwie, wie aus einem 50er Jahre Jugendbuch.

2.) Der Monolog der Kassiererin. Unnatürlich und nicht zum restlichen Stil der Geschichte passend.

Dann gibt es zwei Stellen, die wirklich gut sind - ich weiss nur nicht, ob das Absicht war ;-) :

Maya könnte das lesen, die anderen steigen spätestens bei der zweiten Strophe aus. Aber Maya, die aus dem Leistungskurs Deutsch, die ganz gut aussieht, die über meine Jokes lachen kann, intelligent wie sie ist, die barocke Gedichte mag und sie gut analysieren kann, also Maya, die liest sowas bis zum Ende und dann nochmal, sie kann sogar in dem Stil schreiben.


Jetzt um 0.30 bin ich, Sven vom LK Deutsch und ernstzunehmender Redakteur der Schülerzeitung, voll von zwei Gläsern voller Whiskey ohne Kohlensäure, bin von Amors gefiederter Axt gestreift, beziehungsweise - aber Mayas Gedicht ist schon eine Hammeraxt - von Amors Flügelschlag.


Mit diesen beiden Stellen charakterisierst Du Deinen Helden brillant, der Beweis, dass man auch in einer Erzählung aus der ersten Person den Hauptcharakter sehr gut indirekt beschreiben kann. Besonders an der Beschreibung Mayas merkt man einerseits, dass er verliebt ist und zweitens, was er für grosse Stücke auf sich und seine Dichtkunst hält: "Vielleicht versteht sonst mich keiner, aber die intelligente Maya aus dem Deutsch LK weiss mich zu schätzen." Gut!

Ich weiss nicht, AES, ob Du selber im Alter Deines Helden bist, es spricht einiges dafür:

Und ich dachte an mich, der ich schon lange nicht mehr sechzehn bin.


Wie alt war Sven? 103? Ach nee... 19... :-D :-D :-D

Solltest Du also ebenfalls so um die 19 sein, gefällt mir vor allem Deine Fähigkeit, Abstand zu nehmen und die eigene Situation mit Ironie zu betrachten.

Sollte ich mich irren, und Du bist älter, dann überrascht Deine Fähigkeit, Dich so unaufdringlich genau in die Gedanken- und Gefühlswelt eines 19jährigen einzufühlen. Ich bezweifle, dass ich das noch so könnte.

Solltest Du am Ende kein Mann sein sondern eine Frau - egal welchen Alters - dann ist Dein Durchblick erschütternd ;-)

Alles in allem - hat Spass gemacht, das zu lesen. Danke!

Razorback

P.S.: Ich habe immer noch nicht herausgefunden, wieso mir die Geschichte letztlich so gut gefällt. Vielleicht ist es, abgesehen von den Punkten, die ich oben gelobt habe, gerade dieser Litanei-Stil, den ich sonst nicht mag. Du setzt ihn durchweg unkitschig, unbombastisch und ein wenig ironisch ein. Die Kombination hat was. Und die Geschichte, die Du erzählst ist gerade, unverschnörkelt udn wirkt authentisch.
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Re: Ok. Amors Flügelschlag

Beitragvon Auf Eulen Schwingen » 21.10.2003, 19:28

Dear razorback,

erstmal Danke fürs genaue Lesen.

Das mit dem unnatürlichen Mono/dialog der Kassiererin scheint mir sehr überlegenswert.

Die ironische Selbstverliebtheit und der leichte Größenwahn des lyrischen Ichs und seine Freude darüber, dass ihn ein intelligentes Mädchen versteht und dass sie auf sein sprach- und gedichtspiel mindestens genausogut einsteigen kann und dass ihn das indirekt charakterisiert und dass er intelligent genug ist, das auch bei sich zu sehen und bei aller Selbstironie, wenn auch vielleicht im Suff, selbsterkennend klar zu genießen, das ist einfach in der Geschichte drin und es ist schön, dass es auffällt und so anspricht.

Dass Du auf Probleme und Beschränkungen des Typus Ich-Erzählung eingehst, ist mehr als überlegenswert, zumal ja hier noch ein Tagebucheintrag vorliegt mit einer sehr geringen Erzähldistanz. Aber: Die Lyrik, die in Prosa eingelegt ist, und das euphorische Ende durchbrechen ein wenig das flache setting des Genres. Und ... "Schokolade zum Frühstück" arbeitet mit ironischen Brüchen und dem Halbgbewusstsein der Hauptfigur, das manchmal die dramatische Ironie seiner Sätze schon zu kapieren scheint. Plenzdorf - das ist nur ein Vergleich, keine Gleichstellung - hat so etwas brillant durchgespielt, der Herr Lehmann vielleicht auch, der Goosen auch und der ..

Was Du mit dem Litanei-Charakter meinst, scheint mir nicht ganz klar.

Sei gegrüßt und für die sensible lecture bedankt
aes
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gelbsucht
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Re: Ok. Amors Flügelschlag

Beitragvon gelbsucht » 22.10.2003, 00:26

Hallo AES,

auch von meiner Seite erst einmal: Herzlich willkommen! Besonders mit deinen beiden Beiträgen zu "Kabale und Liebe" und zu dem Gedicht "Der Panther" hast du sofort meine Aufmerksamkeit erregt. Jemand, der etwas zu sagen hat, jemand der Gedichte liest und analysieren kann und darüber hinaus selbst schreibt, jemand wie dich, können wir in diesem Forum gut gebrauchen. Allerdings wird etwas Zeit vergehen, ehe ich dir auf deine anderen Beiträge antworten kann, da ich sie a.) erst mal verdauen muss und da ich b.) im Augenblick ein ziemlich beschäftigter Mann bin, u.a. arbeite ich gerade an einem etwas verzwickten Update der O livro Webseite. Mit anderen Worten: bitte hab etwas Geduld mit mir!

Deine Geschichte berührt mich. Dein lockerer und amüsanter Erzählstil sagt mir zu. Man wird ja immer gern in Versuchung geführt, Erzähler und Autor miteinander zu identifizieren und zu verwechseln, wenn Inhalt und Handlung einer Story so überzeugend sind. Auch ich bin hier der Versuchung erlegen und schon fast davon überzeugt, dass es diesen Rezzo, diese Schülerzeitung, diese Aldi-Kassiererin und diese Maya wirklich irgendwo gibt. Dieser Gedanke rührt mich. Aber sollte es sie nicht geben, solltest du wirklich so gewitzt sein, das alles erfunden zu haben, versichere ich Dir, das Zeug zu einem verdammt guten Erzähler zu haben! Denn dann bin ich dir auf den Leim gegangen. Bitte verrate in dieser Hinsicht nichts ... ich wäre nur enttäuscht.

Außerdem habe ich eine Schwäche für diese Prosatexte, in die Gedichten eingelassen sind. (Schade, dass Hilbi seine "Kaffeetrinkerin" gelöscht hat.) Die beiden Gedichte sind formschön, inhaltlich berühren sie mich zwar nicht so, aber dieser etwas altmodisch-melancholische Gestus kontrastiert, wie ich finde, den Rest der Erzählung sehr schön, wo es um Aldi-Bourbon, um Deutsch-LKs und die alltäglichen Probleme von 16jährigen Jungs mit dem anderen Geschlecht geht.
Nach der Schule - Freitagnachmittag - ging´s zum Aldi, wollte einen Kentucky Bourbon Whiskey kaufen. Rezzo sagt, der inspiriert ihn, da schreiben sich seine Sachen für die Schülerzeitung wie von selbst. Da liebt er sich dann wohl noch mehr als sonst. Er fährt den Computer runter, macht in seinem Zimmer ein Feuer, tanzt darum herum, singt "loved" und die Nachbarn klopfen an die Wände den Rhythmus. Rezzo, der Große.

Das ist zum Schießen! Eine herrliche Stelle.
Und die Leser schreiben Leserbriefe, wenn sie beim Lesen inspiriert werden, bloß dass kaum einer schreibt.

Kommt mir irgendwie bekannt vor ... woher nur?
Und ich dachte, nö, die Jungs kaufen keinen Alkohol, um sich wichtig zu machen bei Mädchen. Die trinken das bei sich zuhause. Allein. Oder mit Kumpels. Und sie wünschen sich eine Freundin und romantisch genug wären wir oder sie. Aber es ist schwer mit den Mädchen. Und so Verkäuferinnen-Sprüche, die nerven gewaltig. Dann setzte ich mich also rezzo-artig an den Computer, vor mir das Tagebuch für Handschriftliches, ein Glas in meiner Reichweite, gefüllt mit 1 ccm Whiskey und 5 ccm Selters, dachte an alle Jungs von fünfzehn, sechzehn, die von Leuten wie der jungen Kassiererin kontrolliert werden und dann belämmert davonlaufen. Und die Muttis an der Kasse gucken ihnen nach, wie sie rot um die Ohren sind. Au weia.

Hier triffst du einen wunderbaren Ton mit deiner Geschichte. Dieses halb melancholisch-mitleidige, halb ironisch-peinliche – das berührt mich sehr.
Maya würde das lesen, die anderen würden spätestens bei der zweiten Strophe aussteigen. Aber Maya, die aus dem Leistungskurs Deutsch, die ganz gut aussieht, die über meine Jokes lachen kann, intelligent wie sie ist, die barocke Gedichte mag und sie gut analysieren kann, also Maya, die würde das bis zum Ende lesen und dann nochmal lesen, sie kann sogar in dem Stil schreiben. Neulich im LK war sie auf die Takte von Andreas Gryphius abgefahren: "Dies Leben kömmt mir vor als eine RENNEBAHN/Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem LAUFPLATZ gleiten ..."

Es ist eigentlich kein richtiger Kritikpunkt. Es widerspricht einfach nur den Erfahrungen, die ich in der Oberstufe gemacht habe. Mädchen in diesem Alter, die auf Gryphius abfahren und barocke Gedichte schreiben, kann ich mir nur schwer vorstellen. Zumindest in meinem Jahrgang gab es kein Mädchen von diesem Schlag, niemanden, der auch nur aus freien Stücken ein Gedicht von Goethe oder Brecht angefasst hätte, obwohl ich sicherlich einigen zutrauen würde – so im nachhinein, gedichtähnliches a la Kelly Family, Take That oder weiß der Teufel was in ihre Tagebücher geschmiert zu haben, doch das kann man ja wohl nicht vergleichen.

;-) gelbe grüße :-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

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Re: Ok. Amors Flügelschlag

Beitragvon Auf Eulen Schwingen » 22.10.2003, 08:45

Grüß Dich, Gelbsucht,

gscheiten Dank für die sensible und präzise und animierende Lektürebeschreibung. Das macht Spaß, so eine Rückmeldung zu lesen.

Die LK-Sache kann schon Mädchen stimulieren, so barocke Sachen zu probieren. Da gab es so Lehrertricks mit dem britischen Krimi-Halb-Helden Smiley, der Barocklyrik mag. Und von Grass das "Treffen in Telgte". Und dann eine ziemlich anregende Schreibschule in den "produktiv-kreativen" Phasen des Unterrichts. Mag zwar eine Mode sein, aber wie so oft, wenn mans gscheit macht, bringt es doch manchmal was.

Salute
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Re: Ok. Amors Flügelschlag

Beitragvon razorback » 22.10.2003, 10:52

Ähm - Moment...

Dass Du auf Probleme und Beschränkungen des Typus Ich-Erzählung eingehst, ist mehr als überlegenswert, zumal ja hier noch ein Tagebucheintrag vorliegt mit einer sehr geringen Erzähldistanz. Aber: Die Lyrik, die in Prosa eingelegt ist, und das euphorische Ende durchbrechen ein wenig das flache setting des Genres.


Du hast meine Bemerkung

(...) der Beweis, dass man auch in einer Erzählung aus der ersten Person den Hauptcharakter sehr gut indirekt beschreiben kann.


hoffentlich nicht so verstanden, dass ich grundsätzlich etwas gegen Texte aus der Ersten Person habe. Im Gegenteil - ich schreibe selbst gerne so. Ich-Erzählungen würde ich auch nicht als Genre bezeichnen, es gibt sie in allen Genres, und es gibt flache ebenso wie grossartige. Was ich sagen wollte war eigentlich nur: Deine Erste-Person-Geschichte ist eine besonders gute. Weil sie - durch die zitierten Textstellen ebenso wie durch Svens Gedicht - Dein LI elegant und unaufdringlich charakterisiert.

Litanei-Stil nenne ich den von Dir gewählten Stil in Ermangelung eines Fachwortes (bin kein Germanist und habe gerade auch keine Lust, Lexica zu wälzen ;-) ). Litanei deshalb, weil Dein Text der ungefilterten Aufzeichnung eines Monologes gleicht:

Und ich dachte, nö, die Jungs kaufen keinen Alkohol, um sich wichtig zu machen bei Mädchen. Die trinken das bei sich zuhause. Allein. Oder mit Kumpels. Und sie wünschen sich eine Freundin und romantisch genug wären wir oder sie.


Man hört Dein LI fast vor sich hin murmeln. Man begegnet diesem Stil im Moment sehr häufig, und ziemlich häufig schlecht. Deine Geschichte hier ist ein rühmlicheres Beispiel. Mir fällt gerade noch ein Text dieser Art ein (nicht ganz so extrem, aber er geht in die Richtung), der mir gefällt: "Betty Blue" von Phillip Djian. "Schokolade zum Frühstück" habe ich (leider, wie ich langsam fürchte) weder gelesen, noch gesehen.

gelbsucht:

Mädchen in diesem Alter, die auf Gryphius abfahren und barocke Gedichte schreiben, kann ich mir nur schwer vorstellen. Zumindest in meinem Jahrgang gab es kein Mädchen von diesem Schlag (...)


Vielleicht haben sie sie Dir nur nicht gezeigt? :-D :-p ;-)
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Re: Ok. Amors Flügelschlag

Beitragvon Auf Eulen Schwingen » 22.10.2003, 18:41

Dear razorback,

alles klar, trotzdem ein paar Takte zur Ich-Erzählung als Textsorte (?).

Ein Ich-Erzähler sehr jungen Alters, der noch dazu aus sehr geringer Erzähldistanz und damit sehr nahe am erzählten Geschehen rückschauend arbeitet, líefert - da sind wir vermutlich einer meinung - einige Probleme, bezogen auf die Wirkung seiner Geschichte beim Leser.

Ein sehr naiver Erzähler kann nur für eine begrenzte Zeit Aufmerksamkeit beanspruchen. Und wenn er private Aufzeichnungen bringt, können die sehr trivial erscheinen.

Bei kurzer Erzähldistanz sollte man also mit der Option der Spontaneität und der Mentalität wuchern. Die Jagd nach Liebe und Anerkennung ist da immer recht ergiebig. Und wenn die Jagd lyrisch über Netz geht, ok.

Die story enthält Elemente, welche mehr zulassen, als sie der Akteur und/oder der Erzähler sieht. Also eine verdeckte Warte für den Leser. Zusätzlich zu der, welche der jugendliche erzähler installiert. Wenn man den Textumfang (Tagebuchaufzeichnungen) kurz hält, passt das besser. So können sich Erzählers verdeckte oder offene Selbstaussagen brechen oder verstärken oder was auch immer.

Der salopp-schnodddrige Sprachstil, der verspielt-stolze in den Lyrikpassagen und die gewisse Euphorie über die kongeniale maya-Lyrik, also diese Stil- oder Code-Ebenen und ihr Wechsel sind dann noch so ein Gewürz, das diese Art der Ich-erzählung genießbar macht, so war es zumindest angelegt.

Jetzt aber genug. Thanks for lecture.
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Re: Ok. Amors Flügelschlag

Beitragvon razorback » 23.10.2003, 13:43

Okay - jetzt hast Du mich vollends verwirrt. WAS willst Du mir sagen??? :-D

Irgendwo glaube ich herausgelesen zu haben (Irrtum meinerseits nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich), dass Du eine Erzählung in der ersten Person mit einer autobiographischen Erzählung verwechselst. Habe ich so nie verbunden. Ich halte es für möglich, dass Deine Geschichte teilweise autobiographisch ist, gehe aber nicht davon aus und will es eigentlich so genau auch gar nicht wissen. Ich meine - selbst wenn Du im Alter Deines LI sein solltest, bedeutet das ja nicht, dass Du das alles auch erlebt hast.

Oder?

Arg verständnislos in den Computer starrend

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Re: Ok. Amors Flügelschlag

Beitragvon Auf Eulen Schwingen » 23.10.2003, 16:12

Dear razorback


Mit diesen beiden Stellen charakterisierst Du Deinen Helden (..), der Beweis, dass man auch in einer Erzählung aus der ersten Person den Hauptcharakter sehr gut indirekt beschreiben kann.


In dieser Bemerkung steckt als Prämisse, dass es bestimmte Einwände gegen den Ich-Erzähler (natürlich als fiktive Instanz) gibt, die etwas mit den Erzähloptionen zu tun haben, welche diese Konstruktion besitzt.

Dass Du diese einwände nicht teilst, ist schon klar. Immerhin ist deutlich, dass die naive Verwendung eines Ich-erzählers wenig Material für indirekte oder implizite Selbstcharakterisierungen bieten kann. Aber eben nicht muss. Und dass man diese Flachheit de facto manchen Ich-Erzählungen vorwerfen kann.

Bin offensichtlich mit meinem vorigen Posting ins Fachsimpeln geraten und dabei in ein Aneinandervorbeireden gerutscht. Scusi für Logorhööee.

Und salute
aes
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