Flusslandschaft mit Ungeheuern
Verfasst: 01.11.2003, 12:49
Vorbemerkung:
Hier mal probeweise und vorsichtig eine Ich-Erzählung mit einem betagten Biologen als Ich-Erzähler. Bitte um Rückmeldungen und Hinweise der kritisch-geneigten Leser.
Flusslandschaft mit Ungeheuern
Religion und Biologie
Wenn man älter wird, dann ist einem die Vergangenheit besonders präsent und manchmal mischen sich auch die Zeitebenen und das kann verwirren oder am eigenen Verstand zweifeln lassen.
Ich denke schon, dass ich klar denken kann, trotz und wegen meiner achtundsechzig Jahre. Und dieser Tagebucheintrag hier am 25.11. 2003 ist nicht so punktuell wie die früheren, er ist eine Art von nüchterner Bestandsaufnahme meiner Position, nein eine Skizze meiner Position. Aber er ist kein Fazit, kein vertiefender Abschluss und er ist nicht nur nüchtern-sachlich, aber so nüchtern wie möglich, auch dort wo es um meine Kindheit, speziell um ein Erlebnis am Main geht.
Ich denke, dass meinem Eintrag Zwischenüberschriften gut tun, sie vermitteln den Eindruck von Ordnung und die brauche ich, auch wenn ich den Zusammenhang der Dinge intellektuell nicht scharf genug fassen kann. Die Gesamtüberschrift „Flusslandschaft mit Ungeheuern“ lässt sich sicher in diesem Sinne verstehen, wenn ich´s mir recht überlege.
Ich bin Biologe, gar kein schlechter, ich stehe noch im schriftlichen Austausch mit Fachautoritäten wie Manfred Hassebrauck oder Karl Grammer. Immer schon war ich fasziniert von der These, dass sich unser menschliches Handeln auf den biologischen Imperativ zurückführen lässt. In uns arbeitet die Software darauf hin, unsere Gene möglichst erfolgreich zu reduplizieren, das ist ein Programm der Evolution, ein Programm aus unserer Ur-Umwelt.
Auch Religion hat einen evolutionären Vorteil. Wer an ein Jenseits nach dem Tod glaubt, kämpft mit weniger Furcht für seinen Stamm und seine Kinder. Ramachandran, Direktor des Center for Brain and Cognition in San Diego, hat faszinierende Beobachtungen über den Zusammenhang von Schläfenlappenaktivitäten und - angeblichen - mystischen Erfahrungen geliefert.
Natürlich sind solche mystischen Erfahrungen kein Beweis für oder gegen die Existenz einer mächtigen Instanz. Aber in meiner Kindheit hatte ich einmal ein solches Erlebnis, das mir nicht aus dem Kopf geht und auf das ich später zurückkommen will.
Ich habe zwei Kinder, Arthur ist Literaturwissenschaftler an der Universität Konstanz, er vertritt die These, deutsche Literatur habe es vor allem mit dem "Weltinnenraum" zu tun, sie zeige gern "vorsprachliche Seelenlagen" und habe sich die Sprache des Pietismus und der Mystik bewahrt.
Er fasziniert mich, wenn er vom jungen Goethe spricht und seinem Entsetzen über das Erdbeben von Lissabon. Ein gütiger Gott, egal ob deistisch oder theistisch, der die Welt verfasst hat, ist dem Frankfurter ab diesem Zeitpunkt eine Vorstellung, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Nein, Welt und menschliches Leben ist nichts anderes als die Selbstoffenbarung eines Erhabenen, eines Ungeheuren, eines Sublimen, das uns mit Fertigkeiten und Anlagen ausstattet und verbraucht.
Wir Biologen haben gelernt, die Welt als ein sich selbst installierendes und entwickelndes Phänomen zu sehen. Es ist unabweisbar, dass jeder Eindruck von Ordnung und Struktur einem langwierigen Experimentieren der Welt mit sich selbst, einem kühlen „trial-and-error“-Verfahren zu verdanken ist.
Eine helfende Hand, eine überlegene gütige Instanz, eine sorgende Vaterfigur, ein jenseitiger Alliierter, der mit uns Menschen etwas Besonderes vorhat, all dies dürfte Illusion sein, hilfreiche Illusion für die Angst des Menschen, aber auch in Verzweiflung stürzend, wenn man auf solches hofft und es nicht aufscheint.
Nordfriedhof
Cornelia hat nach einem Au-pair-Aufenthalt in London einen Psychologen geheiratet, der etwa zwanzig Jahre älter ist als sie. Ich lebe in München in einer Eigentumswohnung im sechsten Stock. Bei Föhn sieht man die Alpen, der Petuelring führt an der Wohnanlage vorbei, seit einem Jahr ist ein Tunnel fertig. Der Lärm ist weg und erste Grünflächen sind dort, wo früher die breite Straße zu der Autobahn München-Nürnberg vorbeiführte.
Eine Haushälterin habe ich, die untertags drei Stunden bei mir arbeitet, sie hält die Wäsche sauber, kauft ein, kocht mir. Sie darf meinen Schreibtisch nicht aufräumen, meine zwei Computer staube ich hin und wieder selber ab. Auf meinem Nachttischchen liegt eine Erzählung von Arno Schmidt, „Seelandschaft mit Poccahontas“. Manche Stellen habe ich mir angestrichen, diese hier auch: „Warum komm´ ei´m Lehrer jetzt so furchbar albern vor?“: „Weil man jetzt ihr formelhaftes, dabei dünkelvolles Wesen unbefangen überblickt.“
Meine Frau ist vor zwanzig Jahren gestorben, manchmal besuche ich sie auf dem Nordfriedhof. Dort gibt es einen Grabstein in der Nähe meiner Frau. Er ist mir aufgefallen, weil er ein etwas ominöses Zitat enthält, auf dem Sockel steht folgendes: "Da war nicht bloß das Bewusstsein, dass da etwas ist, vielmehr das bestürzende Gewahrsein von etwas unaussprechlich Gutem. Und nachdem es verschwunden war, beharrte die Erinnerung darauf, die Erfahrung von etwas Realem gemacht zu haben. Alles andere mag ein Traum sein, dieses nicht. William James."
Ich kann nicht sagen, dass das Alter Depressionen abmildert. Die körperliche Hinfälligkeit trägt nicht dazu bei. Ich liege oft in der Nacht wach, dann versuche ich meinen Herzschlag zu beruhigen, indem ich die Hand an die Halsschlagader führe und sie presse. Meistens hat dieser Griff Erfolg. Gezeigt hat ihn mir einmal die Großmutter, sie hatte ein nervöses Herz und meinte zu mir, ich sollte mich nicht beunruhigen, wenn ich so etwas geerbt hätte. Das Herzrasen, das sich manchmal einstellt, lasse sich so beherrschen.
Großmutter
Die Großmutter ist vor fünfzig Jahren gestorben, sie war eine breite, behäbige Frau, in Budweis geboren hatte sie ihren deutschen Mann dort in einem Gasthaus kennengelernt, wo man am Abend tanzte: "Hudba" hieß das. Mein Großvater konnte tschechisch, sein Vater hatte ein Gasthaus in Budweis, in dem Deutsche und Tschechen ihr Bier tranken, zwar an getrennten Tischen, aber immerhin unter der gleichen verräucherten Holzdecke.
Als der älteste der drei Brüder die Wirtschaft erbte, war Großvater nach Frankfurt gezogen, weil es dort Verwandte gab, die eine Zeitung herausgaben, den Bockenheimer Boten. Dort versuchte er sich mit einigem Erfolg als Lokalreporter, war Mitglied der Büchergilde Gutenberg, wählte die Sozialdemokraten, solange es sie noch gab und hatte drei oder vier Bände von Egon Erwin Kisch auf seinem Schreibtisch stehen.
Er bekam eine Anstellung in einer kleinen fränkischen Tageszeitung, in einer Kleinstadt am Main. Dort zogen die Großeltern hin, auch um in der Nähe ihrer Tochter und ihrer zwei Enkel zu sein. Außerdem gab es bei Egon Erwin Kisch einen Bericht über einen mittelalterlichen Klosterabt namens Johannes Butzbach, der als Student aus der Stadt am Main nach Prag und von dort wieder nach Franken zurückgewandert war.
Mein Vater wurde 1940 eingezogen und fiel in Frankreich. Meine Erinnerungen an ihn waren schwach, sein Bart kratzte in der Früh. Und jetzt stand seine Fotographie in einem silbernen Rahmen auf dem Nachtkästchen meiner Mutter.
Meine Mutter liebte mich sehr, allerdings nur, bis ich in die Pubertät kam. Eine sehr schwierige Frau. Sie mochte die Stadt nicht, die vielen Fachwerkhäuser gingen ihr auf die Nerven, der rote Sandstein auch. Als sie hörte, dass man früher die Zierbalken in den Häusern mit Ochsenblut bestrichen hatte, war ihr Urteil über die Stadt und ihre Bewohner endgültig.
1945 an einem Apriltag knallte es und die rote Sandsteinbrücke, die über den Main führte, lag in Trümmern. Ein paar Irrsinnige hatten die Zündeinrichtungen aktiviert, um die anrückenden Amerikaner zu stoppen.
Großmutter verstand sich auf das Leben, sie machte frischen Eierlikör aus Schnaps und aufgeschlagenen Eiern. Falls die Amerikaner über eine Pontonbrücke kamen und wütend in die Häuser eindrangen, wollte sie ihnen einige "Stamperln" anbieten. Und falls die Russen nachkommen sollten, würde sie halt noch ein paar Hühner schlachten, die jetzt im Garten herumliefen. Irgendwoher hatte sie immer sehr gutes, abgehangenes Rindfleisch.
Am Sonntag gab es oft Sauerbraten in Rahmsoße, dazu Serviettenknödel, es schmeckte noch besser als am Samstag. Das musste an den Kräutern liegen, die sie am Main sammelte, zum Trocknen auslegte und die ihr Aroma über Nacht in der Soße entfalteten. Gern sang sie bei dieser Arbeit, eines ihrer Lieder ist mir im Gedächtnis geblieben.
Ja, du Land in weiter Ferne,
Ganz verhüllt sind deine Sterne,
Ferne ist der Kindheit Licht,
Und auf schwarzen Eulenschwingen
Fällt die Traurigkeit mich an
will mir durch die Schläfe dringen.
O, was hab ich nur getan?
Die Großmutter sang die Zeilen, man könnte sagen "inbrünstig", manchmal weinte sie sogar ein wenig dabei, aber dann wiederholte sie die Strophe und sie tippte im Takt den zuhörenden Enkel in den Bauchnabel, der bei ihr "pupik" hieß. Und der Junge sollte eine getrocknete Wacholderbeere zerbeißen und dann den Finger in die Sahne tunken, die man für die "svickova" brauchte.
Auch heute noch ist es so, dass der Kontrast der beiden Aromen sich nicht beißt, vielmehr - manchmal zelebriere ich so die Erinnerung an meine Großmutter - schmeckt Sahne auf eine Weise, dass es eine Wonne ist.
Burnus
Anfang Juni 1945, ich war zehn Jahre alt, saß ich in Trümmern der gesprengten Brücke am Main und schaute zum anderen Ufer hinüber, wo eine zerbombte Lokomotive stand. Die Großmutter hatte in ihr großes Taschentuch vier Knoten geknüpft und mir das Tuch auf den Kopf gelegt. Sie hatte mir über die Wange gestreichelt, hatte "krasnei kluk, krasnei burnus" gemurmelt und war dann in die Wiese weggetaucht, um Kamillenblüten im Korb zu sammeln, die man später auf der Terrasse zum Trocknen auf einem Tuch auslegen würde.
Ein Burnus! Noch heute hat dieses Wort etwas, das meine Nüchternheit beiseite schiebt. Ich hatte einen Burnus wie ein Araber. Als Araber durchquerte man die Wüste und kannte die geheimen Wasserstellen und die grünen Oasen. "Kara ben Nemsi" war mir ein Begriff, der Großvater hatte mir die grünen Karl-May-Bände geschenkt, auf einem Umschlagbild schauten zwei glühende Augen unter einem Burnus hervor.
Hier die Oase am Main hatte flaschengrünes Riedgras und ein Steilufer und einen morschen Holzsteg, der bei der Detonation seltsamerweise nicht getroffen wurde. Auf dem musste man seine Schritte vorsichtig setzen. Und dort drüben erhob sich die dicke Weide, genauso kannte ich sie aus dem Märchenbuch mit den Holzschnitten von Sigrid Funkel. In der Weide saßen zwei Hexen und schüttelten ihre schilfgelben Haare, verwundert oder höhnisch. Besser man schaute nicht hin. Auch nicht auf die schwarze Lokomotive. Lauter Ungeheuer.
Ich nahm einen dürren Ast, betrat vorsichtig die Bretter des Holzstegs und ging an seinem Ende in die Hocke, dann auf die Knie. Ich besah lange mein Spiegelbild, berührte dann mit dem Ast das geknotete Tuch im Wasser und das Gesicht. Blinkende Punkte sprangen über den Spiegel. Unter den Knien bewegte es sich leise: der Fluss tätschelte schmatzend das Ufer und alle Konturen ringsum schienen sich aufzulösen.
Ich glaube noch sehr genau zu wissen, dass ich in diesem Moment das Gleichgewicht verlor oder dass es mich verloren gab. Und dass es mir nichts ausmachte, nichts ausmachen würde, in den silbernen Spiegel des Flusses einzutauchen.
Noch genauer, es war so, wie es manchmal in der Nacht bei mir abläuft. Das Herz rast, dann stockt es und dann ist keine Angst mehr da, es ist sehr ruhig und sehr warm. Dann kommt der Atem wieder zurück. Aber es ist eine Phase, von der ich hoffe, dass sie dem Tod vorausgeht. Denn dann ist er wohl nicht schrecklich. Mein zwei Jahre jüngerer Bruder hat etwas ähnliches erzählt: er wäre einmal beinahe ertrunken, in knietiefem Wasser hatte ihn ein Welle umgeworfen und er lag mit dem Gesicht am Grund. Als man ihn alarmiert herauszog, wehrte er sich gegen die Rettung. Tröstlich. Im Fluss eintauchen, im Fluss aufgehen.
Kurz bevor ich kippen würde, spürte ich, dass etwas hinter mir stand, etwas streichelte über die Flaumhaare in meinem Nacken, es streichelte über den Hinterkopf, es zupfte an einem Knoten des Burnus. Wahrscheinlich lächelte es. Am besten, man stand auf, hielt aber den Nacken gebeugt, damit die Liebkosungen des Unsichtbaren nicht aufhörten. Und man atmete ganz ruhig und man schloss die Augen, solange das Unsichtbare, das Erhabene zu spüren war.
Als ich die Augen öffnete, fasste ich nach dem Burnus. Er war nicht verrutscht. Eine der beiden Baumhexen saß nicht weit von mir, sah mich an und schien auf etwas zu warten. Sie schüttelte ihre schilfgelben Haare, als ich aufstand und über den Steg zur Großmutter zurückging. Sie war noch nicht da, die Zeit des Flusses.
München 25.11. 2003, nachts
Hier mal probeweise und vorsichtig eine Ich-Erzählung mit einem betagten Biologen als Ich-Erzähler. Bitte um Rückmeldungen und Hinweise der kritisch-geneigten Leser.
Flusslandschaft mit Ungeheuern
Religion und Biologie
Wenn man älter wird, dann ist einem die Vergangenheit besonders präsent und manchmal mischen sich auch die Zeitebenen und das kann verwirren oder am eigenen Verstand zweifeln lassen.
Ich denke schon, dass ich klar denken kann, trotz und wegen meiner achtundsechzig Jahre. Und dieser Tagebucheintrag hier am 25.11. 2003 ist nicht so punktuell wie die früheren, er ist eine Art von nüchterner Bestandsaufnahme meiner Position, nein eine Skizze meiner Position. Aber er ist kein Fazit, kein vertiefender Abschluss und er ist nicht nur nüchtern-sachlich, aber so nüchtern wie möglich, auch dort wo es um meine Kindheit, speziell um ein Erlebnis am Main geht.
Ich denke, dass meinem Eintrag Zwischenüberschriften gut tun, sie vermitteln den Eindruck von Ordnung und die brauche ich, auch wenn ich den Zusammenhang der Dinge intellektuell nicht scharf genug fassen kann. Die Gesamtüberschrift „Flusslandschaft mit Ungeheuern“ lässt sich sicher in diesem Sinne verstehen, wenn ich´s mir recht überlege.
Ich bin Biologe, gar kein schlechter, ich stehe noch im schriftlichen Austausch mit Fachautoritäten wie Manfred Hassebrauck oder Karl Grammer. Immer schon war ich fasziniert von der These, dass sich unser menschliches Handeln auf den biologischen Imperativ zurückführen lässt. In uns arbeitet die Software darauf hin, unsere Gene möglichst erfolgreich zu reduplizieren, das ist ein Programm der Evolution, ein Programm aus unserer Ur-Umwelt.
Auch Religion hat einen evolutionären Vorteil. Wer an ein Jenseits nach dem Tod glaubt, kämpft mit weniger Furcht für seinen Stamm und seine Kinder. Ramachandran, Direktor des Center for Brain and Cognition in San Diego, hat faszinierende Beobachtungen über den Zusammenhang von Schläfenlappenaktivitäten und - angeblichen - mystischen Erfahrungen geliefert.
Natürlich sind solche mystischen Erfahrungen kein Beweis für oder gegen die Existenz einer mächtigen Instanz. Aber in meiner Kindheit hatte ich einmal ein solches Erlebnis, das mir nicht aus dem Kopf geht und auf das ich später zurückkommen will.
Ich habe zwei Kinder, Arthur ist Literaturwissenschaftler an der Universität Konstanz, er vertritt die These, deutsche Literatur habe es vor allem mit dem "Weltinnenraum" zu tun, sie zeige gern "vorsprachliche Seelenlagen" und habe sich die Sprache des Pietismus und der Mystik bewahrt.
Er fasziniert mich, wenn er vom jungen Goethe spricht und seinem Entsetzen über das Erdbeben von Lissabon. Ein gütiger Gott, egal ob deistisch oder theistisch, der die Welt verfasst hat, ist dem Frankfurter ab diesem Zeitpunkt eine Vorstellung, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Nein, Welt und menschliches Leben ist nichts anderes als die Selbstoffenbarung eines Erhabenen, eines Ungeheuren, eines Sublimen, das uns mit Fertigkeiten und Anlagen ausstattet und verbraucht.
Wir Biologen haben gelernt, die Welt als ein sich selbst installierendes und entwickelndes Phänomen zu sehen. Es ist unabweisbar, dass jeder Eindruck von Ordnung und Struktur einem langwierigen Experimentieren der Welt mit sich selbst, einem kühlen „trial-and-error“-Verfahren zu verdanken ist.
Eine helfende Hand, eine überlegene gütige Instanz, eine sorgende Vaterfigur, ein jenseitiger Alliierter, der mit uns Menschen etwas Besonderes vorhat, all dies dürfte Illusion sein, hilfreiche Illusion für die Angst des Menschen, aber auch in Verzweiflung stürzend, wenn man auf solches hofft und es nicht aufscheint.
Nordfriedhof
Cornelia hat nach einem Au-pair-Aufenthalt in London einen Psychologen geheiratet, der etwa zwanzig Jahre älter ist als sie. Ich lebe in München in einer Eigentumswohnung im sechsten Stock. Bei Föhn sieht man die Alpen, der Petuelring führt an der Wohnanlage vorbei, seit einem Jahr ist ein Tunnel fertig. Der Lärm ist weg und erste Grünflächen sind dort, wo früher die breite Straße zu der Autobahn München-Nürnberg vorbeiführte.
Eine Haushälterin habe ich, die untertags drei Stunden bei mir arbeitet, sie hält die Wäsche sauber, kauft ein, kocht mir. Sie darf meinen Schreibtisch nicht aufräumen, meine zwei Computer staube ich hin und wieder selber ab. Auf meinem Nachttischchen liegt eine Erzählung von Arno Schmidt, „Seelandschaft mit Poccahontas“. Manche Stellen habe ich mir angestrichen, diese hier auch: „Warum komm´ ei´m Lehrer jetzt so furchbar albern vor?“: „Weil man jetzt ihr formelhaftes, dabei dünkelvolles Wesen unbefangen überblickt.“
Meine Frau ist vor zwanzig Jahren gestorben, manchmal besuche ich sie auf dem Nordfriedhof. Dort gibt es einen Grabstein in der Nähe meiner Frau. Er ist mir aufgefallen, weil er ein etwas ominöses Zitat enthält, auf dem Sockel steht folgendes: "Da war nicht bloß das Bewusstsein, dass da etwas ist, vielmehr das bestürzende Gewahrsein von etwas unaussprechlich Gutem. Und nachdem es verschwunden war, beharrte die Erinnerung darauf, die Erfahrung von etwas Realem gemacht zu haben. Alles andere mag ein Traum sein, dieses nicht. William James."
Ich kann nicht sagen, dass das Alter Depressionen abmildert. Die körperliche Hinfälligkeit trägt nicht dazu bei. Ich liege oft in der Nacht wach, dann versuche ich meinen Herzschlag zu beruhigen, indem ich die Hand an die Halsschlagader führe und sie presse. Meistens hat dieser Griff Erfolg. Gezeigt hat ihn mir einmal die Großmutter, sie hatte ein nervöses Herz und meinte zu mir, ich sollte mich nicht beunruhigen, wenn ich so etwas geerbt hätte. Das Herzrasen, das sich manchmal einstellt, lasse sich so beherrschen.
Großmutter
Die Großmutter ist vor fünfzig Jahren gestorben, sie war eine breite, behäbige Frau, in Budweis geboren hatte sie ihren deutschen Mann dort in einem Gasthaus kennengelernt, wo man am Abend tanzte: "Hudba" hieß das. Mein Großvater konnte tschechisch, sein Vater hatte ein Gasthaus in Budweis, in dem Deutsche und Tschechen ihr Bier tranken, zwar an getrennten Tischen, aber immerhin unter der gleichen verräucherten Holzdecke.
Als der älteste der drei Brüder die Wirtschaft erbte, war Großvater nach Frankfurt gezogen, weil es dort Verwandte gab, die eine Zeitung herausgaben, den Bockenheimer Boten. Dort versuchte er sich mit einigem Erfolg als Lokalreporter, war Mitglied der Büchergilde Gutenberg, wählte die Sozialdemokraten, solange es sie noch gab und hatte drei oder vier Bände von Egon Erwin Kisch auf seinem Schreibtisch stehen.
Er bekam eine Anstellung in einer kleinen fränkischen Tageszeitung, in einer Kleinstadt am Main. Dort zogen die Großeltern hin, auch um in der Nähe ihrer Tochter und ihrer zwei Enkel zu sein. Außerdem gab es bei Egon Erwin Kisch einen Bericht über einen mittelalterlichen Klosterabt namens Johannes Butzbach, der als Student aus der Stadt am Main nach Prag und von dort wieder nach Franken zurückgewandert war.
Mein Vater wurde 1940 eingezogen und fiel in Frankreich. Meine Erinnerungen an ihn waren schwach, sein Bart kratzte in der Früh. Und jetzt stand seine Fotographie in einem silbernen Rahmen auf dem Nachtkästchen meiner Mutter.
Meine Mutter liebte mich sehr, allerdings nur, bis ich in die Pubertät kam. Eine sehr schwierige Frau. Sie mochte die Stadt nicht, die vielen Fachwerkhäuser gingen ihr auf die Nerven, der rote Sandstein auch. Als sie hörte, dass man früher die Zierbalken in den Häusern mit Ochsenblut bestrichen hatte, war ihr Urteil über die Stadt und ihre Bewohner endgültig.
1945 an einem Apriltag knallte es und die rote Sandsteinbrücke, die über den Main führte, lag in Trümmern. Ein paar Irrsinnige hatten die Zündeinrichtungen aktiviert, um die anrückenden Amerikaner zu stoppen.
Großmutter verstand sich auf das Leben, sie machte frischen Eierlikör aus Schnaps und aufgeschlagenen Eiern. Falls die Amerikaner über eine Pontonbrücke kamen und wütend in die Häuser eindrangen, wollte sie ihnen einige "Stamperln" anbieten. Und falls die Russen nachkommen sollten, würde sie halt noch ein paar Hühner schlachten, die jetzt im Garten herumliefen. Irgendwoher hatte sie immer sehr gutes, abgehangenes Rindfleisch.
Am Sonntag gab es oft Sauerbraten in Rahmsoße, dazu Serviettenknödel, es schmeckte noch besser als am Samstag. Das musste an den Kräutern liegen, die sie am Main sammelte, zum Trocknen auslegte und die ihr Aroma über Nacht in der Soße entfalteten. Gern sang sie bei dieser Arbeit, eines ihrer Lieder ist mir im Gedächtnis geblieben.
Ja, du Land in weiter Ferne,
Ganz verhüllt sind deine Sterne,
Ferne ist der Kindheit Licht,
Und auf schwarzen Eulenschwingen
Fällt die Traurigkeit mich an
will mir durch die Schläfe dringen.
O, was hab ich nur getan?
Die Großmutter sang die Zeilen, man könnte sagen "inbrünstig", manchmal weinte sie sogar ein wenig dabei, aber dann wiederholte sie die Strophe und sie tippte im Takt den zuhörenden Enkel in den Bauchnabel, der bei ihr "pupik" hieß. Und der Junge sollte eine getrocknete Wacholderbeere zerbeißen und dann den Finger in die Sahne tunken, die man für die "svickova" brauchte.
Auch heute noch ist es so, dass der Kontrast der beiden Aromen sich nicht beißt, vielmehr - manchmal zelebriere ich so die Erinnerung an meine Großmutter - schmeckt Sahne auf eine Weise, dass es eine Wonne ist.
Burnus
Anfang Juni 1945, ich war zehn Jahre alt, saß ich in Trümmern der gesprengten Brücke am Main und schaute zum anderen Ufer hinüber, wo eine zerbombte Lokomotive stand. Die Großmutter hatte in ihr großes Taschentuch vier Knoten geknüpft und mir das Tuch auf den Kopf gelegt. Sie hatte mir über die Wange gestreichelt, hatte "krasnei kluk, krasnei burnus" gemurmelt und war dann in die Wiese weggetaucht, um Kamillenblüten im Korb zu sammeln, die man später auf der Terrasse zum Trocknen auf einem Tuch auslegen würde.
Ein Burnus! Noch heute hat dieses Wort etwas, das meine Nüchternheit beiseite schiebt. Ich hatte einen Burnus wie ein Araber. Als Araber durchquerte man die Wüste und kannte die geheimen Wasserstellen und die grünen Oasen. "Kara ben Nemsi" war mir ein Begriff, der Großvater hatte mir die grünen Karl-May-Bände geschenkt, auf einem Umschlagbild schauten zwei glühende Augen unter einem Burnus hervor.
Hier die Oase am Main hatte flaschengrünes Riedgras und ein Steilufer und einen morschen Holzsteg, der bei der Detonation seltsamerweise nicht getroffen wurde. Auf dem musste man seine Schritte vorsichtig setzen. Und dort drüben erhob sich die dicke Weide, genauso kannte ich sie aus dem Märchenbuch mit den Holzschnitten von Sigrid Funkel. In der Weide saßen zwei Hexen und schüttelten ihre schilfgelben Haare, verwundert oder höhnisch. Besser man schaute nicht hin. Auch nicht auf die schwarze Lokomotive. Lauter Ungeheuer.
Ich nahm einen dürren Ast, betrat vorsichtig die Bretter des Holzstegs und ging an seinem Ende in die Hocke, dann auf die Knie. Ich besah lange mein Spiegelbild, berührte dann mit dem Ast das geknotete Tuch im Wasser und das Gesicht. Blinkende Punkte sprangen über den Spiegel. Unter den Knien bewegte es sich leise: der Fluss tätschelte schmatzend das Ufer und alle Konturen ringsum schienen sich aufzulösen.
Ich glaube noch sehr genau zu wissen, dass ich in diesem Moment das Gleichgewicht verlor oder dass es mich verloren gab. Und dass es mir nichts ausmachte, nichts ausmachen würde, in den silbernen Spiegel des Flusses einzutauchen.
Noch genauer, es war so, wie es manchmal in der Nacht bei mir abläuft. Das Herz rast, dann stockt es und dann ist keine Angst mehr da, es ist sehr ruhig und sehr warm. Dann kommt der Atem wieder zurück. Aber es ist eine Phase, von der ich hoffe, dass sie dem Tod vorausgeht. Denn dann ist er wohl nicht schrecklich. Mein zwei Jahre jüngerer Bruder hat etwas ähnliches erzählt: er wäre einmal beinahe ertrunken, in knietiefem Wasser hatte ihn ein Welle umgeworfen und er lag mit dem Gesicht am Grund. Als man ihn alarmiert herauszog, wehrte er sich gegen die Rettung. Tröstlich. Im Fluss eintauchen, im Fluss aufgehen.
Kurz bevor ich kippen würde, spürte ich, dass etwas hinter mir stand, etwas streichelte über die Flaumhaare in meinem Nacken, es streichelte über den Hinterkopf, es zupfte an einem Knoten des Burnus. Wahrscheinlich lächelte es. Am besten, man stand auf, hielt aber den Nacken gebeugt, damit die Liebkosungen des Unsichtbaren nicht aufhörten. Und man atmete ganz ruhig und man schloss die Augen, solange das Unsichtbare, das Erhabene zu spüren war.
Als ich die Augen öffnete, fasste ich nach dem Burnus. Er war nicht verrutscht. Eine der beiden Baumhexen saß nicht weit von mir, sah mich an und schien auf etwas zu warten. Sie schüttelte ihre schilfgelben Haare, als ich aufstand und über den Steg zur Großmutter zurückging. Sie war noch nicht da, die Zeit des Flusses.
München 25.11. 2003, nachts