Zu Dessau
Verfasst: 22.11.2003, 02:48
Dessau, das ist auch der Stadtpark mit der rötlichen Stele und den Blumen und der vergilbenden Schleife: „Der Bundeskanzler Gerhard Schröder“. Dessau, das ist auch ein Polizeihund, der im Transportabteil eines Peterwagen-Kombis durch ein Schutzgitter hindurch bellt. Das ist auch das rot-weiße schmale Flatterband, das die Stelle umgrenzt. Und das ist die Doppelstreife, die seit dem Mord an dem Mosambikaner Alberto Adriano langsam durch den Park geht. Hier werden sicher keine rechtsradikalen Grünschnäbel einen weiteren Schwarzen ermorden, hier sicher nicht.
Wilhelm Müller, als steinernes Standbild im Stadtpark vertreten, schaut streng, doch vergeistigt in die Ferne. Wüssten wir von seinen Gedichten ohne die Vertonungen durch Schuberts „Winterreise“?
„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“
Fremd: ich lande auf einem Hinterhof, kenne mich nicht aus und will zurück zur Straße. Einen älteren Herrn, der gerade aus seinem Auto steigt, frage ich nach dem rechten Weg. Zwar ist er sehr freundlich und weist mir mit geometrischen Gesten die Richtung: Da vorne links, aber dann sagt er: „Da kommen Sie denn auf die Wilhelm-Pieck-Straße.“ Sagt er, hält inne, besinnt sich, sagt: „Oder - Ka-va-lierstraße.“
So heißt sie jetzt nämlich, seine Heimat. Auch meine? Ist Deutschland meine Heimat? Dieses Deutschland, das einig sein soll? Heimat, das ist ein Unterschied zum Zuhausesein. Mal rauskommen aus der Mühle seines Berufes, das ist schön, aber mit dem Stummwerden in unbekannten Gegenden in unbekannten Städten kommt ein Hauch Demut und schlägt sich auf dem Luxus nieder, einfach ein Auto zu mieten und herumzufahren.
Fremd zieh ich wieder aus. Wo die Nacht verbringen? Roßlau liegt Dessau auf der anderen Elbseite gegenüber, dort gibt es das Hotel Astra. Es hat noch ein Zimmer frei, wie ich auf telefonische Anfrage erfahre. Indem ich die heikle Tiefgarageneinfahrt bewältige, ist es wie ein Heimkommen. An der Rezeption liegt die Anmeldung mit korrekten Angaben in Mädchenschrift auf dem Tresen, als hätte ich kein anderer Ich sein können und obwohl ich mich nicht erinnern kann, am Mobiltelefon meinen Namen hinreichend deutlich genannt zu haben. Ich bin kein anderer. Einbrennen da, wo man zuhause ist. Eingebrannt sein da, wo man sich heimisch fühlt. Eingekocht der eigene Akzent, fremdgewürzt die Sprache, die man hier spricht. Ich fahre hier dem Versäumnis hinterher, die DDR zu Lebzeiten gekannt zu haben. Ich stolpere durch eine zertrümmerte Geschichte.
Wilhelm Müller, als steinernes Standbild im Stadtpark vertreten, schaut streng, doch vergeistigt in die Ferne. Wüssten wir von seinen Gedichten ohne die Vertonungen durch Schuberts „Winterreise“?
„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“
Fremd: ich lande auf einem Hinterhof, kenne mich nicht aus und will zurück zur Straße. Einen älteren Herrn, der gerade aus seinem Auto steigt, frage ich nach dem rechten Weg. Zwar ist er sehr freundlich und weist mir mit geometrischen Gesten die Richtung: Da vorne links, aber dann sagt er: „Da kommen Sie denn auf die Wilhelm-Pieck-Straße.“ Sagt er, hält inne, besinnt sich, sagt: „Oder - Ka-va-lierstraße.“
So heißt sie jetzt nämlich, seine Heimat. Auch meine? Ist Deutschland meine Heimat? Dieses Deutschland, das einig sein soll? Heimat, das ist ein Unterschied zum Zuhausesein. Mal rauskommen aus der Mühle seines Berufes, das ist schön, aber mit dem Stummwerden in unbekannten Gegenden in unbekannten Städten kommt ein Hauch Demut und schlägt sich auf dem Luxus nieder, einfach ein Auto zu mieten und herumzufahren.
Fremd zieh ich wieder aus. Wo die Nacht verbringen? Roßlau liegt Dessau auf der anderen Elbseite gegenüber, dort gibt es das Hotel Astra. Es hat noch ein Zimmer frei, wie ich auf telefonische Anfrage erfahre. Indem ich die heikle Tiefgarageneinfahrt bewältige, ist es wie ein Heimkommen. An der Rezeption liegt die Anmeldung mit korrekten Angaben in Mädchenschrift auf dem Tresen, als hätte ich kein anderer Ich sein können und obwohl ich mich nicht erinnern kann, am Mobiltelefon meinen Namen hinreichend deutlich genannt zu haben. Ich bin kein anderer. Einbrennen da, wo man zuhause ist. Eingebrannt sein da, wo man sich heimisch fühlt. Eingekocht der eigene Akzent, fremdgewürzt die Sprache, die man hier spricht. Ich fahre hier dem Versäumnis hinterher, die DDR zu Lebzeiten gekannt zu haben. Ich stolpere durch eine zertrümmerte Geschichte.