II. Vergeltung, Verhaftung und Anklage
Bislang geschehen: ich verbrenne Liebesromane auf meinem Grill, der an der Grenze zur Nachbarin steht, der ehemalige Bibliothekarin der Stadt. Diese mache ich für meinen Mißerfolg bei Frauen verantwortlich.
Es trommelt an meiner Schlafzimmertür. Ich fahre hoch, denke an den Nebenmieter: „Ist denn der verrückt geworden?“ Die Schläge an die Tür wiederholen sich, verstärkt und so laut, dass ich befürchte, die Tür würde gleich ins Zimmer fallen und mich darunter erschlagen. „Brennt’s denn?“, schreie ich im Spaß. Dies drückt aus: muss denn soviel Lärm, Druck und Eile sein? Bloß ein Allgemeinplatz halt, sollte man meinen. Stattdessen ernte ich noch bitteren Ärger damit.
Vor mir stehen zwei dunkle Gestalten im Gegenlicht, Kriminalbeamte, die sich ohne Umschweife, von wegen, sie sind verhaftet und jede Aussage, die sie treffen, könnte gegen sie und im Namen des rechtstaatlichen Rechtstaates und so, auf mich stürzen, mir schmerzhaft die Arme auf den Rücken verschränken, als würde es wirklich brennen und Gefahr wäre im Verzug. Dann schleppen sie mich die Treppen hinunter, aus der Haustüre, ein Bild, das sich mir schmerzhaft einprägt, der Nachbar wegen. Was bekommen sie zu sehen: mich, abgeschleppt werdend auf diese Weise von der Polizei! Sagt mir, was würdet ihr über mich denken?
Indessen grinsen die Nachbarn frech: wir haben es schon immer gewusst - und ich habe keinerlei Ahnung, weswegen ich ihre Prophetie hiermit bestätige. Weswegen die Nachbarn grinsen, weiß ich schon. Dieser deswegen, weil er immer Scherereien wegen des Autoparkplatzes macht - könnte er doch seinen Caravan vor seiner eigenen Haustür abstellen; der direkt gegenüber, der nicht den geringsten Grund gegen mich haben kann, aber wohl gegen jedermann, je mehr, je stärker er von der gesellschaftlichen Norm abweicht, zumal einen unverheirateten, nicht mehr ganz so jungen Mann wie unsereiner. Dieser unbescholtene, freundliche Junggeselle ohne Familienanhang! Jetzt haben sie ihn endlich!
Merkwürdig, die Szene ist grell beleuchtet hier. Das Flutlicht vom nahen Fußballfeld scheint direkt auf mich, so dass ich blinzle und, was eine natürliche, aber mir verwehrte Reaktion ist, die Augen mit den Händen zuzuhalten, die Hände der Polizisten gleichen Schraubstöcken, kneife ich verbissen die Augen zu.
Haben die doofen Fußballer wohl ihre Lichtflutanlage nicht auf ihr Feld, sondern auf meine Haus gedreht!? Quatsch, aber woher rührt dann der Lichtschein? „Brennt es hier irgendwo?“, stoße ich wieder ahnungslos aus. Übrigens auch diese Aussage wird mir später wieder aufs Butterbrot geschmiert werden und als weiteres verdächtiges Indiz gewertet: „Hat hartnäckig auf das „Brennen“ herumgeritten“.
Ein Beamte neben mir schreit es aus seinem verdrucksten Maul heraus: „Tun Sie nicht so ahnungslos. Sie wissen das haargenau!“
Was soll ich nur wissen? Das einzige, was hier gewiss scheint, ist, dass ich wie ein gemeiner Verbrecher hinter Schloss und Riegel gebracht werden soll. Das war es also! Ulkig, kommt es mir noch an, nicht wissend, wie gesagt, in welcher Gefahr ich schwebe. Natürlich so, schließlich fühle ich mich noch unschuldig. Dieses „ulkig“ wäre mir bestimmt im Mund stecken geblieben, wenn ich Wahrsager wäre.
Am Trottoir stehend, die Beine gespreizt genauso wie die Arme, die über das Dach des blaulichtleuchtenden Polizeiautos liegen, betastet mich ein Polizist von oben nach unten. Ich frage, weil es mir übertrieben vorkommt: „Muss das sein?“ Der Polizist, dienstfreundlich, rapportiert etwas von wegen sicherheitshalber, nicht Schusswaffe vermutet, aber möglicherweise Küchenmesser oder sonstiger gefahrbedeutender Gegenstand.
Ich sehe aus den Augenwinkel die Nachbarschaft sich zusammenrotten, eine kleine Gruppe über den Gartenzäunen hinweg sich bilden, die direkt zu mir herglotzen. Mein Anblick, den ich abgeben muss so, spricht wohl Bände und bedeutet in ihren Augen nichts anderes als: lebenslänglich schuldig. Ich protestiere innerlich, begehre auf gegen diese unziemliche Behandlung und deren noch unziemlicher Folgen: „Muss das denn wirklich sein?“ Der Polizist antwortet darauf natürlich nicht, fasst es als bloße rhetorische Floskel eines demokratischen Bürgers auf, sehr professionell.
Dass die Nachbarschaft über ihre Grenzen der Gartenzäune zusammenfindet, passiert nur in solchen Dimensionen wie Fußballweltmeisterschaft oder Einbruch, Mord und Totschlag und wie bei mir halt – was ist eigentlich los, verdammt, fährt es mir durch den Kopf. Was ist passiert? Und was habe ich damit zu tun? Habe ich etwas verbrochen? Ich horche kurz in mein Gewissen hinein, finde nichts. Aber ich will jetzt natürlich wissen, wessen Verbrecher, gar triebtätermäßigen Kalibers – unbewusst ausgeführt- bitte nicht das! - man mich verdächtigt.
Statt aber aufzustampfen, zu schreien, beobachte ich fasziniert, wie ein Nachbar, das Alpha-Tier, der informelle Leithammel der Straße hier, zu einem älteren Polizisten hingeht, der etwas abseits vom Geschehen steht, um, scheint’s, einen besseren Überblick zu haben und ein riesiges Funkgerät, größer als jegliches Handy, in Händen hält. Das Handy knistert und scheppert ehrfurchtgebietend.
Alpha-Nachbar und Alpha-Polizist unterhalten sich nun, nicht Gesicht gegen Gesicht, sondern Seite an Seite, um den blaulicht-überstrahlten sowie gleichsam flutlicht-übersäten Schauplatz des außergewöhnlichsten Schauspiels dieser Straße, dieser Gegend, dieses Viertels, seitdem es besteht, wahrscheinlich solange es bestehen wird - gerade dieser Nachbar also ist der Verräter! - besser im Blickfeld haben zu können, demonstrierend, des Nachbars Würde und ungeschriebene Stellung gemäß, dass dieser hier der Ordnungswauwau inkognito sei, ungekürt, offen-hinterhältig, aber umso effektiver. Diese Stellung des Nachbarn, diese faktische, örtliche Stellung neben dem Polizisten illustriert nur zu gut sein Gewicht und seine soziale Position, kurzum sein Prestige. Sein feistes, freudiges Grinsen hin und wieder, zwischen dem allzu ernsten Blick, verkündet entlarvend und bestimmt wieder Willen, nichtsdestotrotz eindeutig und unmissverständlich die Meinung aller: „Bürschen, wurde auch Zeit. Jetzt haben wir dich endlich!“
„Als sie geweckt wurden, gaben die Beamten an, haben sie diese ihre Worte vernommen: „Brennt’s denn?“ Der Beamte schaut wieder von seinem Blatt auf, daraufhin mich mit großen Augen über seine Leserbrille hinweg an. „Ja, habe ich gesagt?“
„Sie behaupten doch, die Nachbarin nicht absichtlich dem Feuer anverantwortet zu haben? Aber dieser Satz legt nahe, sie könnten davon etwas geahnt haben. Haben Sie vielleicht das Feuer leichtsinnigerweise nahe an den Garten der Nachbarin gelegt, um einen Brand in Kauf zu nehmen?“
„Niemals!“
„Nun, davon muss ich nun ausgehen. Nur ein glaubwürdiger anderer Gesichtspunkt könnte diese These verneinen. Haben Sie eine?“
„Ähm, wie meinen Sie das?“
„Nun, in welchem Verhältnis, ähm, in welcher Beziehung sind Sie zur Nachbarin gestanden?“
„Beziehung!“
„Ja, Herrgott’s...“ Ein bisschen unprofessionell für einen Ermittlungsbeamten, nicht wahr? Er beherrscht sich aber schnell wieder. „Nun, mein Herr. Ums klipp und klar zu sagen. Sie stehen hier auf der Anklagebank, verstehen Sie. Und Sie müssen jetzt glaubhaft beweisen, dass Sie nichts gegen die Nachbarin gehabt haben...“
Ich lache auf: „Gegen die alte Dame? Ich etwas gehabt haben, wo denken Sie hin. Was hätte ich denn gegen diese schon haben können?...“
Der Beamte: „Unterbrechen Sie mich nicht!“ Schon fährt er seinen Jähzornsausbruch wieder zurück: „Wenn ich etwas ausführen möchte... Also, Sie müssen nun glaubhaft darlegen, dass Sie, wenn nicht in einem einvernehmlichen, so doch neutralen Nachbarschaftsverhältnis zur alten Bibliothekarin gelebt haben. Hat es Streit gegeben, zum Beispiel?“
Ich schnappe nach Luft, mir schwant, was auf mich zukommt. Ich japse jetzt sogar richtiggehend nach frischer Luft wie ein an Land beworfener Fisch bei dem Gedanken an die Konsequenzen und Folgen.
Der Beamte merkt jedoch nichts über meinen klaustrophobischen Zustand und fährt ahnungslos fort, in der gehabten Weise zu dozieren über ein gutes oder schlechtes Verhältnis zur Frau Nachbarin bzw. welcher Beweise und Gründe ich für die eine oder andere Richtung der Beziehung als Nachbar ins Felde führen kann.
Plötzlich empfinde ich den Pullover als zu eng. Ich dehne ihn etwas aus.
Mir wird mulmig zumute. Welche Indizien des verheerenden Brandes mögen wohl darauf hinweisen, dass ich die gute Matrone absichtlich, leichtsinnigerweise oder fahrlässigerweise, darauf wird’s bei der Strafzumessung ankommen, in Gefahr gebracht habe?
Des weiteren wird es wichtig für die Ermittlungsbehörden sein hinsichtlich der lückenlosen Anklage gegen mich: welches Motiv verleitete mich zu diesem barbarischen Akt, eine alte Frau sozusagen den Flammen zu übergeben? Würden die Beamten, fährt es mir durch den Kopf, bei mir einen Hass auf die Nachbarin feststellen können, das Motiv der Tat, dann, dann würde es in der Tat um mich geschehen sein. Dabei denke ich wutentbrannt: habe ich nicht schon genug gelitten mit meinen verkorksten Beziehungen zu Frauen? Muss ich deswegen auch noch das kostbarste, was es für einen Menschen wie mich gibt, meine Freiheit opfern? Lebenslang eingesperrt werden, wo ich doch schon bislang, bis zum heutigen Tage, in einem gewissen Sinne vom weiblichen Geschlecht in den Bann geschlagen, in Besitz genommen und ins Gefängnis eines nicht eigenständig denkenden Menschen gesperrt worden bin, welchem einem Leben hinter Gittern gleichkommt!?
Brennt, Bücher, brennt! – Beizende Liebesgeschichte II. Teil
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