Busmonolog
Verfasst: 22.01.2004, 00:32
Busmonolog
Gestatten Sie mir, mich weiterhin nicht vorzustellen. Sie nesteln an Ihrer Krawatte, während sie warten, bis die Hydraulik der Tür den Weg freigibt, an dieser dezent gestreiften Krawatte, die Sie vor dem Spiegel heute vielleicht eine Spur zu eng gebunden haben.
Es wäre unnötig, mich vorzustellen, denn ich bin die Frau, die Sie ohnehin nie hatten kennen lernen wollen. Nein, ich wohne nicht in einem der hübschen Neubauten, die oben am Hügel - gerade noch in Ihrer Blickweite - errichtet wurden, vor zehn oder elf Monaten, vielleicht sogar deshalb, damit Sie sich jeden Morgen, während Sie zu Ihrem Elfeinhalb-Stunden-Arbeitstag ansetzen, beim Einsteigen in den Bus fragen können, wer verdammt noch mal so gute Karten im Spiel hatte, sich eines dieser Häuser aus hellem Holz und jeder Menge clever integriertem Glas unter den Nagel zu reißen. Nein, natürlich, dort wohne ich nicht, obwohl ich von dort oben komme, jeden Morgen, wenn wir beide den selben Bus nehmen.
Ja, es sind ohne Zweifel an die elfeinhalb Stunden, sie sind eingebrannt in Ihre Sorgenfalten rund um die graugrünen Augen, ein korrekt gerechneter Durchschnittsbetrag, auf zweiundfünfzig Wochen in Ihrem Lebensjahr umgelegt, jawohl, zweiundfünfzig, und nein, ich habe nicht vergessen, dass auch Sie gelegentlich mit leichter Verschämung das soziale Fossil namens bezahlten Urlaub in Anspruch nehmen, aber ich sah keine Veranlassung, den Wert in Anbetracht dieser Tatsache zu ändern, denn, was Sie in Ihrem Urlaub machen, ähnelt dermaßen dem Zeitvertreib, den Sie Arbeit nennen, dass es einer koketten Haarspalterei nahe käme, hier kleinlich zu sein.
Sie setzen sich gerne in eine der hinteren, höher gelagerten Reihen des Niederflurbusses, ja, Sie waren beinahe froh, als dieses Modell endlich auch auf Ihrer Linie eingeführt wurde, die Neuerungen des öffentlichen Verkehrs sollten immerhin nicht gerade Sie und Ihren täglichen Weg von der Peripherie ins Zentrum diskriminieren, ins pulsierende Zentrum, wäre wohl Ihre Wortwahl, vorausgesetzt, Ihnen würde noch ein Hauch metaphorischer Sprachgewandtheit anhaften - längst aber denken und agieren Sie in Begriffen wie Key Account Manager und Corporate Identity. Sie freuen sich vielleicht sogar ein wenig darüber, eine Spur höher als die vordere Hälfte der Busgemeinschaft zu sitzen, auch wenn es längst kein bayrischer Dienstwagen ist, der Sie in Ihren hochgeschossenen Glaskobel geleitet.
Ihre Aktentasche sieht neu aus, obwohl Sie sie wohl bereits zum letzten Weihnachtsfest von Ihrer Frau geschenkt bekommen haben, ganz und gar unverbraucht, diese Tasche, und ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob Sie sie ebenso täglich ihrer Putze hinstellen, wie Sie es mit den maßgefertigten Kalbslederschuhen tun. Oder striegeln Sie sie etwa sogar selbst? Immerhin handelt es sich um einen beinahe sakralen Gegenstand, einem Tabernakel ähnlich, ihr kleiner Park an topmodernen elektronischen Geräten, ihr Leben, ihr Sein oder Nicht-Sein wird darin befördert, und vielleicht gestattet selbst ein die Rationalität als Gebot vor sich hertragender Mann wie Sie sich den kleinen Aberglauben, dass man die Dinge hegen und pflegen muss, um sich gegen einen Raub derselben zu wappnen, um irgendwelche Geister gut zu stimmen, die andernfalls ein mögliches Abhandenkommen herbeiführen könnten.
So sitze ich morgen für morgen hinter Ihnen. Gerne in der letzten Reihe, denn meine Beine tun mir weh und ich spüre die Zehen in den Pumps nicht mehr. Ihr Haaransatz im Nacken ist mir vertraut wie der weniger anderer Menschen in meinem Leben. Während in Ihrem Kopf schon die Bilanzzahlen des letzten Quartals Reih und Glied einnehmen, blinzle ich durch die schmierige Glasscheibe und koste die morgendliche Klarheit aus, die sich in meinem Kopf breit macht. Mein Unterleib fühlt sich hingegen taub an, und wartet nur mehr darauf, dass ich ihn wasche. Und ich freu mich schon so auf die wenigen Stunden, in denen ich in traumlosem Schlaf versinken kann, während Sie in E-Mails Statistiken rund um den Globus jagen. Wenn meine Tochter nachmittags aus der Schule kommt, wird sie mir Tee kochen. Sie wird sich an das Fußende meines Bettes setzen, die Beine im Schneidersitz übereinander legen und sich ein, zwei Soaps reinziehen.
Wenn Sie spätabends den Weg herauf nehmen, bin ich längst wieder hier. Die Laternen sind an, und der Sekt liegt auf Eis. Mein Blick streift die Lichter, die die Stadt unter uns breitet wie einen Teppich aus gefallenen Sternen. Nur einen Schritt weit weg leuchten sie, fast unschuldig hell, doch liefe ich darüber, so würden sie doch nur meine Fußsohlen zerschneiden. Ich habe Narben genug. Sie ahnen davon nichts, während Sie mit der Cuvée im Glas dann den Flatscreen anstarren.
Und doch... eines Nachts, nachdem Ihre Frau einmal zu oft über Migräne geklagt, Ihr Partner Sie bei der letzten Prämienrunde ausgestochen oder Ihr Sohn Sie zum ersten Mal Arschloch geheißen haben wird, werden auch Sie an meiner unscheinbaren Tür klingeln, um einen kleinen Teil davon in mir abzuladen. Aber sie werden mich nicht erkennen, sie haben mich im Bus nie gesehen, denn mein Platz liegt hinter den Grenzen ihres Sichtfeldes. Sie haben verlernt, den Kopf zu drehen, einem Menschen wie mir in die Augen zu sehen und ich komme in Ihrer Welt zuletzt nur als Erzählstimme einer Geschichte vor, die zu schreiben sich am Ende niemand die Mühe machen wird.
Gestatten Sie mir, mich weiterhin nicht vorzustellen. Sie nesteln an Ihrer Krawatte, während sie warten, bis die Hydraulik der Tür den Weg freigibt, an dieser dezent gestreiften Krawatte, die Sie vor dem Spiegel heute vielleicht eine Spur zu eng gebunden haben.
Es wäre unnötig, mich vorzustellen, denn ich bin die Frau, die Sie ohnehin nie hatten kennen lernen wollen. Nein, ich wohne nicht in einem der hübschen Neubauten, die oben am Hügel - gerade noch in Ihrer Blickweite - errichtet wurden, vor zehn oder elf Monaten, vielleicht sogar deshalb, damit Sie sich jeden Morgen, während Sie zu Ihrem Elfeinhalb-Stunden-Arbeitstag ansetzen, beim Einsteigen in den Bus fragen können, wer verdammt noch mal so gute Karten im Spiel hatte, sich eines dieser Häuser aus hellem Holz und jeder Menge clever integriertem Glas unter den Nagel zu reißen. Nein, natürlich, dort wohne ich nicht, obwohl ich von dort oben komme, jeden Morgen, wenn wir beide den selben Bus nehmen.
Ja, es sind ohne Zweifel an die elfeinhalb Stunden, sie sind eingebrannt in Ihre Sorgenfalten rund um die graugrünen Augen, ein korrekt gerechneter Durchschnittsbetrag, auf zweiundfünfzig Wochen in Ihrem Lebensjahr umgelegt, jawohl, zweiundfünfzig, und nein, ich habe nicht vergessen, dass auch Sie gelegentlich mit leichter Verschämung das soziale Fossil namens bezahlten Urlaub in Anspruch nehmen, aber ich sah keine Veranlassung, den Wert in Anbetracht dieser Tatsache zu ändern, denn, was Sie in Ihrem Urlaub machen, ähnelt dermaßen dem Zeitvertreib, den Sie Arbeit nennen, dass es einer koketten Haarspalterei nahe käme, hier kleinlich zu sein.
Sie setzen sich gerne in eine der hinteren, höher gelagerten Reihen des Niederflurbusses, ja, Sie waren beinahe froh, als dieses Modell endlich auch auf Ihrer Linie eingeführt wurde, die Neuerungen des öffentlichen Verkehrs sollten immerhin nicht gerade Sie und Ihren täglichen Weg von der Peripherie ins Zentrum diskriminieren, ins pulsierende Zentrum, wäre wohl Ihre Wortwahl, vorausgesetzt, Ihnen würde noch ein Hauch metaphorischer Sprachgewandtheit anhaften - längst aber denken und agieren Sie in Begriffen wie Key Account Manager und Corporate Identity. Sie freuen sich vielleicht sogar ein wenig darüber, eine Spur höher als die vordere Hälfte der Busgemeinschaft zu sitzen, auch wenn es längst kein bayrischer Dienstwagen ist, der Sie in Ihren hochgeschossenen Glaskobel geleitet.
Ihre Aktentasche sieht neu aus, obwohl Sie sie wohl bereits zum letzten Weihnachtsfest von Ihrer Frau geschenkt bekommen haben, ganz und gar unverbraucht, diese Tasche, und ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob Sie sie ebenso täglich ihrer Putze hinstellen, wie Sie es mit den maßgefertigten Kalbslederschuhen tun. Oder striegeln Sie sie etwa sogar selbst? Immerhin handelt es sich um einen beinahe sakralen Gegenstand, einem Tabernakel ähnlich, ihr kleiner Park an topmodernen elektronischen Geräten, ihr Leben, ihr Sein oder Nicht-Sein wird darin befördert, und vielleicht gestattet selbst ein die Rationalität als Gebot vor sich hertragender Mann wie Sie sich den kleinen Aberglauben, dass man die Dinge hegen und pflegen muss, um sich gegen einen Raub derselben zu wappnen, um irgendwelche Geister gut zu stimmen, die andernfalls ein mögliches Abhandenkommen herbeiführen könnten.
So sitze ich morgen für morgen hinter Ihnen. Gerne in der letzten Reihe, denn meine Beine tun mir weh und ich spüre die Zehen in den Pumps nicht mehr. Ihr Haaransatz im Nacken ist mir vertraut wie der weniger anderer Menschen in meinem Leben. Während in Ihrem Kopf schon die Bilanzzahlen des letzten Quartals Reih und Glied einnehmen, blinzle ich durch die schmierige Glasscheibe und koste die morgendliche Klarheit aus, die sich in meinem Kopf breit macht. Mein Unterleib fühlt sich hingegen taub an, und wartet nur mehr darauf, dass ich ihn wasche. Und ich freu mich schon so auf die wenigen Stunden, in denen ich in traumlosem Schlaf versinken kann, während Sie in E-Mails Statistiken rund um den Globus jagen. Wenn meine Tochter nachmittags aus der Schule kommt, wird sie mir Tee kochen. Sie wird sich an das Fußende meines Bettes setzen, die Beine im Schneidersitz übereinander legen und sich ein, zwei Soaps reinziehen.
Wenn Sie spätabends den Weg herauf nehmen, bin ich längst wieder hier. Die Laternen sind an, und der Sekt liegt auf Eis. Mein Blick streift die Lichter, die die Stadt unter uns breitet wie einen Teppich aus gefallenen Sternen. Nur einen Schritt weit weg leuchten sie, fast unschuldig hell, doch liefe ich darüber, so würden sie doch nur meine Fußsohlen zerschneiden. Ich habe Narben genug. Sie ahnen davon nichts, während Sie mit der Cuvée im Glas dann den Flatscreen anstarren.
Und doch... eines Nachts, nachdem Ihre Frau einmal zu oft über Migräne geklagt, Ihr Partner Sie bei der letzten Prämienrunde ausgestochen oder Ihr Sohn Sie zum ersten Mal Arschloch geheißen haben wird, werden auch Sie an meiner unscheinbaren Tür klingeln, um einen kleinen Teil davon in mir abzuladen. Aber sie werden mich nicht erkennen, sie haben mich im Bus nie gesehen, denn mein Platz liegt hinter den Grenzen ihres Sichtfeldes. Sie haben verlernt, den Kopf zu drehen, einem Menschen wie mir in die Augen zu sehen und ich komme in Ihrer Welt zuletzt nur als Erzählstimme einer Geschichte vor, die zu schreiben sich am Ende niemand die Mühe machen wird.