Der Tod der Kritikerin - Mörderisch 6. Teil

In diesem Forum kann sich jeder mit seinem Text der Kritik des Publikums stellen. Selbstverständlich auf eigene Gefahr ...
Pentzw
Pegasos
Beiträge: 1063
Registriert: 11.04.2011, 19:59

Der Tod der Kritikerin - Mörderisch 6. Teil

Beitragvon Pentzw » 23.11.2011, 18:03

Der Kommissar rief es laut aus: „Wie gehen wir nur vor, was machen wir jetzt? Leute, lasst euch verdammt einmal schnell etwas einfallen!“
Blätterrascheln entstand, nein –rauschen bei mindestens orkanartigen Windböen der Stärke acht, bis Kommissar Strobl mit einemmal hell auflachte: „Leute, ich habe eine grandiose Idee! Wie wir uns eine Menge Arbeit sparen können!“
Seine Kollegen verfielen bereits in Begeisterung ob der Idee von einer Idee oder der bloßen Aussicht auf eine solche, so verzweifelt waren sie angesichts dessen, dass sie hätten Hunderttausende von zweitrangigen Schriftstellern befragen müssen. Es wurde auch Zeit, dass die Wende eintrat und ein Hoffnungsschimmer am Ende des Tunnels zu erblicken war.
„Habt ihr einmal daran gedacht: der Mörder ist mit ziemlich Wahrscheinlichkeit derjenige, den unsere Kritikerin am übelsten mitgespielt hatte, nicht wahr!“
Die Mitarbeiter nickten und dachten, na ja das löst auch nicht unser Problem, das da heißt, wie vermeide ich das Lesen uninteressanter Dinge wie literarische Ergüsse.
„Genau! Höchstwahrscheinlich zumindest“, schränkte schon wieder dieser Spielverderber von einem Kommissar ein, was aber seine Kollegen mittlerweile nicht mehr erschütterte. „Wenn man die individuelle Sensibilität eines sehr sensiblen Autoren außer Acht lässt.“ Ja, das wissen wir schon, dachte so mancher. Komm endlich zur Sache, Chef.
„Aber in diesem Fall müssen wir das. Wir können erst einmal mit dem übel ramponiertesten Schriftsteller anfangen, dann sehen wir ja weiter.“
Gemurmel entstand.
Das war jetzt die Idee gewesen? Dass man nicht mehr so viel Arbeit hätte? Nein!
Es war zum Verzweifeln! Sie würden lesen müssen, lesen, lesen.
Aufseufzen hier und dort natürlich.
Der Kommissar lächelte sardonisch, weil er hier Gedanken lesen konnte und genau wusste, wie seinen Leuten zumute war. Aber mit dem Besten, mit dem Clou an der ganzen Sache würde er jetzt erst herausrücken.
„Natürlich müssen wir gezielt und selektiv vorgehen, keine Frage.“ Das haute natürlich die Profis auch nicht um, hatten sie diese Ausdrücke doch schon einmal gehört.
„Aber wie denn?“, entfuhr es einer gequälten Seele.
Jetzt würde es kommen, dachte sich der Kommissar freudig.
„Wir machen es wie eine Internet-Suchmachine; indem wir nur die übelsten Ausdrücke scannen. Ich will hier keine nennen an dieser Stelle, das könnt ihr selbst am besten!“
„Na, na, Chef!“, entkam es sogar einem. Klar, denn das war jetzt alles andere als fair vom ihm. Was hielt er denn eigentlich von ihnen?
„Aber Leute!“, versuchte er zu beschwichtigen. „Natürlich nur hinsichtlich bestimmter Reizwörter, die den Genitalbereich, nein, nein.“ Er lachte über seinen Versprecher. „Das natürlich tangiert keinen Autoren wirklich. Aber das, was seinen Kopf im weitestem Sinne..., äh, was wollt ich wieder sagen, ja genau, halt seine Intelligenz, Kreativität und Phantasie anbelangt, danach müssen wir recherchieren. Und wen es am schlimmsten getroffen hat, der könnte es wahrscheinlich gewesen sein. So meine Hypothese.“
Die Kriminaler nickten, während sie gar nicht mehr auf das Fremdwort hier achteten, so in Fleisch und Blut war es ihnen schon übergegangen. Die neue Methode des Chefs zeigte erste Wirkung hin zu mehr Professionalität dieser ohnehin schon erstaunlichen Profis.
„Okay, gut, so könnte es gehen...“, kam es zaghaft aus der linken Ecke. „Lasst es uns versuchen...“, kam es gleichfalls verhalten rechts des Kommissars.
Dieser machte jetzt Nägel mit Köpfen: „ Also, ich schlage vor, wir beginnen mit einem brainstorming. Müller, du schreibst mit.“
„Ist gut, Chef!“
„Und ihr, ihr lässt jetzt einfach einmal euerer Phantasie freien Lauf und nennt Schimpfwörter, die sich auf das wichtigste Organ des Menschen beziehen. Das dürfte Euch doch wohl nicht so schwer fallen. Also ran Männer!“
Tatsächlich, wie aus der Pistole geschossen, kamen die Reizwörter hervor. Müller hatte wahrhaft viel zu Schreiben. Na, endlich einmal ein Lichtblick. Jetzt hatte man endlich etwas, was Hand und Fuß besaß.

Bei der nächsten Sitzung mussten die recherchierten Kriminaler allerdings ein großes Dilemma einräumen. Fast alle Autoren nämlich waren von der Kritikerin in vernichtender Art und Weise behandelt worden, nämlich allesamt total vernichtend. Die Kritikerin hatte auch nicht mit Schimpfwörtern gespart, bei keinem. Bei fast jedem hat sie zudem einen Superlativ angewendet. Das war schon verheerend und traurig zugleich. Beinahe verloren die Kriminaler das Mitleid, das das Opfer noch immer umgab ob seiner grausamen Hinrichtung.
Der Kommissar sah rot und blies seine Wut aus: „Au Backe, dann müssen wir halt die schlechtesten Autoren suchen, weil die ja meist am empfindlichsten reagieren!“
Meier-Wilhelm-Kaiser äußerte ein Ja-Aber, indem er dazu meinte: „Da ist sicherlich etwas dran! Aber leider geht das nicht!“
„Warum?“, entgegnete der Kommissar.
„Weil wir keine Literaturkritiker sind.“
„Na eben!“, meinte der Kommissar.
„Von daher haben wir den unvoreingenommensten Blick dafür und erkennen am ehesten den schlechtesten Schreiberling.“

Ich glaube, hier können wir getrost die Teamsitzung des Kommissars verlassen, denn es ist zu befürchten, dass diese Profis sich noch öfter als uns lieb ist, im Kreise gedreht haben werden...
Trotz allem, es ist schon schade, nun wissen wir natürlich nicht, wie es die Profis noch zustandegebracht hätten, den wahren Mörder zu fassen. Setzen wir voraus, dass es ihnen über kurz oder lang gelungen wäre, auf welche Art und Weise auch immer.
Aber Tatsache war, dass sich der Mörder selbst stellte, so dass den Ermittlern diese Genugtuung leider nicht widerfahren war.
Ja, der Mörder, von seinen Zweifeln, Gewissensbissen und Ängsten geplagt, stellte sich schließlich und endlich dem Kommissar.

So kam er ins Kommissariat. Vor ihm saßen alle Ermittler. Der geständige Mörder versuchte mehr schlecht als recht die Gründe zu erläutern, weswegen er sich gestellt hatte und es dauerte einige Zeit, bis man sie ihm abnahm. Zunächst ging man von einem Wichtigtuer, von einem Public-Relation-Gag eines durch und durch erfolglosen Schriftstellers aus. Doch was blieb der Untersuchungskommission schließlich übrig: sie musste diese Version eines Mordes glauben. Spuren wurden nicht gefunden, sprich die einschlagenden Beweise im Indizienbereich eben nicht und Zeugen des Mordes gab es auch nicht, es war ziemlich schwierig für den Mörder, das Motiv glaubhaft darzulegen. Schließlich war er ja nicht der einzige, der von dieser Kritikern „schlecht“ behandelt worden war. Im Grunde eben nicht schlechter als andere auch. Das war die nackte, beschämende Tatsache.
Jedenfalls der Mörder, wenigstens derjenige, der sich als diesem ausgab, brachte viel Überredungskunst, Fanatismus und Feuer, um seine Botschaft glaubhaft an die Männer zu bringen.
Sicherlich, es wirkte echt, dieser Eindruck, da ihm allen Anschein nach ein Stein vom Herzen gefallen schien, nachdem er gestanden hatte. Es war lächerlich, aber er behauptete glattweg, dies Angelegenheit, dieses Geständnis erfülle ihn jetzt mehr, verschaffe ihm mehr Erleichterung als der Mord selbst. Als sehr sensibler Mensch verabscheue er diese Tat sogar, besonders diese entwürdigende Art und Weise, nach der die Kritikerin hatte hingerichtet werden müssen. Die einzige Befriedung könne er also nur aus dem Umstand des Todes der Kritikerin ziehen. Aber, wie gesagt, dieses Geständnis hier und heute, das, das war ihm schier die totale...
Der Autor rang nach Worten.
Die Ermittler schauten sich insgeheim erstaunt an. Das muss man sich einmal vorstellen, ein Schriftsteller, dem die Worte fehlten? Zwar sagte er noch „Genugtuung“, verriss dieses Wort aber schnell wieder, suchte nach einem neuen, fand im zweiten Moment auch keines, und ließ es dann doch auf sich beruhen.
Einer fragte noch, warum aber die Kritikerin auf derartig bestialische Weise hatte umgebracht werden müssen? Hätte nicht eine sanftere, humanere Vorgehensweise auch ihren Zweck erfüllt?
„Aber, was erwarten Sie? Was erwartet die Welt? Ich bin schließlich Schriftsteller, gehöre zur Zunft der Künstler, da muss man auf die Symbolik bei seiner Handlung achten! Und je phantastischer, unglaubwürdiger und symbolträchtiger, um so besser!“
Wir sowie die Beamten denken dabei an den Federkiel, der in die Stirn gerammt und gebohrt worden war. Und natürlich an das Brimborium darum herum, Blumen, Kerzen, Badwanne und und und.
Der Mörder atmete nach gestandener Tat zwar befreit ein und aus. Aber glauben wollte ihm trotzdem keiner, außer, ja außer der Kommissar, der bekannt war für seine vertrackte Logik zur Erkennung von Mördern. Dessen Vertrauen war sogar unumwunden und rückhaltslos. Warum? Na klar, er als Beinahe-Autor, Mensch mit einschlägigen schriftstellerischen Erfahrungen, natürlich!
So fragte der Kommissar: „Aber musste es denn gleich Mord sein?“
Aha, das schien ihm doch zu weit gegangen zu sein, trotzdem er selbst einmal eine herbe Abfuhr, wie wir wissen, von seinem Deutschlehrer erfahren musste.
Erstaunlicherweise blieb ihm der Mörder die Antwort schuldig und zog sich in ein merkwürdiges Schweigen zurück. Aber Schriftsteller halt!
Warum er es selbst nicht einem Menschen wie dem Kommissar erklären konnte oder wollte, der in einer kurzen Phase seines Lebens selber geschrieben hatte, wusste der Autor selbst auch nicht.
Er wusste sowieso und generell überhaupt nicht, wer ihn verstand, schien er den Eindruck zu machen. Letztlich und endlich verstand er sich ja selbst nicht, würde wohl der ein oder andere schlaue Ermittler gesagt haben, wenn er gut in Psychologie gewesen wäre.
„Kommt es zur Anklage, Herr Kommissar?“, frage der Autor noch bangen Herzens.
Der Kommissar konnte ihn Gott-Lob beruhigen: „Nein, ich denke nicht. Es ist schließlich ihr gutes Recht, in der Literatur Kritiker hinzumorden,!“
Der Autor fühlte sich erlöst.
Aber er merkte, dass der Kommissar zögerte.
Was bedeutete dieses angestrengte Nachdenken des Kommissars, dachte der Autor bang. Überlegte es sich dieser anders? Würde er dennoch für eine Bestrafung plädieren?
Genau, das war die Frage. Der Kommissar steckte wahrhaft in einem schwierigen Dilemma. Was hatte in diesem Fall getan werden müssen? Verständnis für den Autoren aufbringen oder der Gesellschaft und seinen Regeln Genüge tun und den Autoren dem Strafbuch – und –gesetz nach, wie alle anderen Menschen, verurteilen, oder besser gesagt, wie es sein Auftrag war, einem Richter vorzuführen?

Zurück zu „Texte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 18 Gäste