Von den Trappen
Als wir noch Riesen waren und sich die Modehaustiere jener Zeit, die Wüstentrappen, in unseren Händen kaum größer ausnahmen als Kolibris, wohnten wir mit unseren Kindern am Rande der Wüste. In jenem Sommer fuhren wir an die Küste in den Urwald; dort hatte ich uns ein kleines Haus gebaut, es stand unser erster gemeinsamer Urlaub an, und wir wollten die Trappen mitnehmen.
Wir hatten ihrer zwei, ein Pärchen aus der Familie der Kranichartigen: Papagena und Papageno. Beide hatten sie ihre Favoriten: Mein Sohn Ronni kümmerte sich rührend um den Trappenhahn, seine Schwester Sanni spielte selbstvergessen mit der Henne. Sie sprachen mit den Vögeln, und diese, auf eine wortlose und zärtliche, von zuckenden Kopfbewegungen begleiteten Weise, mit ihnen. Das war nichts Ungewöhnliches in der Zeit der Riesen, und das passierte in vielen Familien, in denen sich jemand Zeit für die Trappen nahm, ihr sprödes Wesen liebzugewinnen lernte und ihnen zum Freund wurde. Beim Essen kam es manchmal vor, dass unser immer sprudelnder, immer fordernder Sohn plötzlich ernst wurde und zu Papageno hinsah. Mir unbekannte Gedanken rollten hinter seiner Stirn und kräuselten seine Brauenpartie wie ein Wind, der über einen Teich geht. Und Papageno, den Kopf geneigt, verharrend, hielt den Blick auf ihn geheftet. Dann lächelte Ronni wie jemand, der lange geschlafen hat und sich auf den werdenden Tag freut, ohne recht zu wissen, worauf genau, und die Trappe pickte wieder nach den Körnern vor sich.
Sanni unterhielt uns fast jeden Tag mit anders geknoteten Zöpfen. Mal fasste sie ihre blonden Haare streng im Nacken zusammen, mal hatte sie die Strähnen hinter den Ohren zweigeteilt, dann wieder asymmetrisch und struppig geflochten. Selten wehten sie offen. Wann immer sie uns mit einer neuen Variante überraschte, verlangte ihr Blick unser Urteil, auch wenn wir sie direkt nicht darauf ansprechen durften, denn dann schob sie unwillig ihr Kinn vor und sah in die Ferne in den rötlichen Sand der Wüste, wo andere Riesen mit Bäumen tanzten. Auch Papagena hackte bei diesem Fehler unvermittelt nach dem unschuldigen Papageno, der sich erst nach heftigem Flügelschlagen wieder beruhigte.
Unser erster gemeinsamer Urlaub an der Steilküste wurde zu etwas, das ich fast als Traum bezeichne, aber ich weiß nicht, wie sonst. Das Schwebende und Kühle des Meeres, die Hitze und der Atem des Urwaldes mit seinen nächtlichen Stimmen, vermischt mit dem unaufhörlichen Rauschen der Brandung war es ebenso wie das klare Auf und Ab der Sonne, die Blüten im Haar, der Nektar auf dem Tisch, auch der Wein und die Freiheit, mit meinem Sohn nackt durch den Wald zu klettern und dabei niemandem zu begegnen.
Wenn es Abend wurde, gehörte es zu meinen Aufgaben, Papagena für die Nacht ins Haus zu nehmen. Wir hatten es schon so gehalten, als sie noch ein Küken war und bei Sanni schlafen durfte, der Vogel war es gewohnt, von mir eingefangen zu werden. Eines Abends, als die Türen offen standen und Luft und Brandungsrauschen leicht in das Riesenzimmer wogten und die Vorhänge bauschten, hatten es sich meine Frau und Sanni vor dem Fernseher gemütlich gemacht. Ronni durfte mit Papageno bei unseren Urlaubsnachbarn übernachten.
„Holst du Papagena rein?“ fragte Sanni.
Ich dankte lächelnd für den Auftrag, den ich mir auch selbst hätte geben können.
„Aber sei vorsichtig mit ihr.“
Wie immer, dachte ich, aber in Sannis Stimme war ein Ton, der um ein Gran ernster wirklich Vorsicht forderte.
„Nicht, dass du sie erschreckst!“
So ließ ich über mich gebieten.
Von unserer Terrasse, die aus runden Scheiben von Wüstensteinen bestand, folgte eine flache, tiefstufige Treppe den Ausbeulungen unseres Grundstücks und führte an einen Zaun, den ich aus Kokosbrettern vor dem Küstenabbruch gezogen hatte. Papagena, an den Zaun gelehnt, empfing mich wachen Blickes, sie unternahm einige Ausfallschritte auf ihren kräftigen Beinen und behielt mich dabei scharf im Auge, bereit offenbar, sich diesmal nicht kampflos einfangen zu lassen, sondern unbeholfen aufzuflattern, wie es Trappen nur im Fall der äußersten Bedrohung wagen.
Dennoch ließ sie sich, indem sie sich gegen den Boden kauerte und ihr Schwanzgefieder spreizte, von mir überraschend willenlos, aber lauernd aufnehmen. Ihr Körper füllte die Mulde meines Handtellers und den aufkragenden Fingern vollständig aus, und ich konnte ihr Herz schlagen fühlen. Aber hatte ich sie doch nicht richtig gepackt, oder wollte sie mich necken? Papagena entwand sich mir mit einer Schlängelbewegung, flatterte und flatterte, stand in der Luft dabei - und plötzlich setzte das motorähnliche Brummen eines fliegenden Kolibris ein. Wie ein Kolibri schwirrte Papagena vor meinen Augen! Herausfordernden Blickes dabei, und schwang sich in die Höhe zu einem Baum davon, wendete dann dort in der Luft und stieß einen weder trappen- noch kolibriähnlichen Schrei aus, der vom Urwald zurückgeworfen wurde. Wenige Augenblicke später kam Sanni die Treppe heruntergesprungen, sie war sehr aufgeregt.
„Papa!“, schrie sie in den Abend, der bald Nacht werden sollte mit seinen Sternen, „Papa! Was machst du mit ihr!“
Papagena war vorangeflogen, dem Stall zu, den ich an den Zaun gebaut hatte. Sanni nahm mich bei der Hand und führte mich stumm zu einer Nische unter dem Stall. Dort hockte Papagena, und daneben saß ein grünschimmernder, spitzschnäbeliger Kolibri, der genauso groß war wie die Trappe.
„Das ist er“, sagte Sanni strahlend und hockte sich neben mich hin. Ich nickte und schluckte.
„Hast du gesehen, was sie auf dem Kopf hat?“ fragte sie aufgeregt und rückte näher zu mir.
Papagena ließ sich ansehen; beide Vögel hielten den Kopf in eine Richtung, uns musterten zwei schwarze, glänzende, aufmerksame Augen.
„Hier“, sagte Sanni und strich Papagena über den Kopf; sie ließ es sich gefallen, und ein Flaum rot-weiß gesprenkelter Schmuckfedern stellte sich helmartig auf; in Papagenas Auge schimmerte Stolz.
„Hat sie sich machen lassen von mir“, kicherte Sanni, „sei-net-we-gen, weißt du?“
„Ja“, sagte ich, „kann ich mir denken.“
„Willst du sie auch mal streicheln?“
Mir fielen plötzlich - nein, nicht die Jahre ein, in denen die Kinder klein gewesen waren - es waren ja nur einzelne Tage, die mir vor den Augen zu flimmern anfingen wie ein in rasend vorüberhuschender Dia-Vortrag, beginnend mit dem Tag, als sie auf die Welt kamen, und die Bilder und die Tage hatten oft genug ohne mich stattgefunden.
„Du kannst sie ruhig streicheln!“
Die anderen Frauen fielen mir ein, die mich nicht halten konnten.
„Das mag sie wirklich, guck! Hier: Sie hält sogar das Köpfchen schief!“
Und die ich nicht halten konnte.
„Und weißt du was?“
Weil etwas mich hielt.
„Was die beiden hier haben?“
Und ich wußte nie, was.
„Unter dem Tuch hier, schau!“
Und sie zog ein Handtuch hervor, das zusammengeknüllt und von mir unbeachtet zwischen Kolibri und Trappe gelegen hatte, und faltete es aufmerksam und vorsichtig auseinander. Es war gar nicht zusammengeknüllt, im Gegenteil, auf das Kunstvollste schien es, offenbar auf eine von Papagena diktierte und einer fernöstlichen Papierfalttechnik abgeschauten Art und Weise zusammengelegt zu sein; als Sanni das Tuch anhob, sah ich in einer winzigen Mulde ein nicht mal daumengroßes, nacktes Küken hocken, das benommen den Kopf zu heben versuchte, aber die lila unter den Lidern sich abzeichnenden geschlitzten Augenbeulen waren zu schwer. Und voller Stolz die Augen der Eltern! Das eine des Kolibirs, das mich anzwinkerte, und das Papagenas, das in seiner Höhle zu schwellen schien.
Der Anblick des Winzlings gab mir den Rest. Ich konnte nicht mehr. Ich schrie gegen Tränen an. Kämpfte mit Stimme gegen Flut. Mir fehlte das R im Schrei, meine Kehle knirschte trocken, ein krächzendes Weinen gegen ich weiß nicht was, weil es plötzlich da war, weil ich mich plötzlich eingeholt fand davon. Mein keuchendes Husten löste verschleimte Fetzen aus meiner Lunge, ich würgte Tränen herunter, denen schon welche entgegenkamen.
Sannis Augen ein verdoppeltes, blauaufgerissenes Entsetzen.
„Was hast du denn, Papa?“
„Ich habe nichts, nichts, mein Schatz“, flüsterte ich.
„Freust du dich denn nicht?“
„Na und wie“, log ich. „Ab und an überschwemmt einen - das Glück, weißt du, wie soll ich sagen? Ab und an merkt - man das, und da kann man gar nicht richtig ...“
Ich musste nicht weiter; Sanni nickte schon. Sie war meine Tochter.
Wir waren auf den flachen Stufen und hatten noch wenige Schritte zur Terrasse.
„Ich verrate Mama auch nichts“, sagte Sanni. Blieb dann plötzlich stehen und musterte mich. Dann sagte sie spitz:
„Ich würde mir an deiner Stelle das Gesicht waschen, Papa. - Du siehst nämlich furchtbar aus.“
Aus unserem Wohnzimmer flimmerte es bläulich auf die rohen runden Fliesen, die ich einzeln aus Steinen unserer Wüste geschnitten hatte.
Von den Trappen
Re: Von den Trappen
Hallo Solneman!
Seltsam, ganz seltsam... ich weiß nicht warum, wirklich nicht warum, aber mich erinnert der Text irgendwie an eine russische Autorin, die Tolstoja, von der Hibi so geschwärmt hat. Keine Ahnung warum, vielleicht liegts an den Vögeln... und gabs da nicht so ein russisches Märchen, Feuervogel?
Hm, ich rede ganz offensichtlich Blödsinn. Russland bei einer Urwaldnahegeschichte. Gottchen. Was vielleicht daran liegt, dass mir nichts ordentliches zum Text selbst einfällt als dass er mir außerordentlich gefällt. Surreal und irgendwie greifbar. Scheint völlig klar und versteh ich nicht. Was ist der Hustenanfall am Schluss? Eine allergische Reaktion? Geflügelgrippe?
Aber dass ich ihn nur als das Wortgemälde stehen lassen kann, als das er dasteht und nicht interprettieren kann, keinen Ansatz finde heißt nicht, dass er nicht auf mich wirkt. Sag hast du Kinder mit Haustieren? Die Schilderung klingt so authentisch, so erlebt... die kleine Sanni kann ich mir so richtig vorstellen....
Hm, aber, da es manchmal Wunder wirkt, wenn irgendwer was dazu sagt, quasi den Nuller bei der Antwortenzahl killt, so hoffe ich, dass irgendjemand jetzt der Silentium erklärt, worum es da eigentlich geht. *mitdemzaunpfahlwink*
Grübelgrüße, Silentium
Seltsam, ganz seltsam... ich weiß nicht warum, wirklich nicht warum, aber mich erinnert der Text irgendwie an eine russische Autorin, die Tolstoja, von der Hibi so geschwärmt hat. Keine Ahnung warum, vielleicht liegts an den Vögeln... und gabs da nicht so ein russisches Märchen, Feuervogel?
Hm, ich rede ganz offensichtlich Blödsinn. Russland bei einer Urwaldnahegeschichte. Gottchen. Was vielleicht daran liegt, dass mir nichts ordentliches zum Text selbst einfällt als dass er mir außerordentlich gefällt. Surreal und irgendwie greifbar. Scheint völlig klar und versteh ich nicht. Was ist der Hustenanfall am Schluss? Eine allergische Reaktion? Geflügelgrippe?
Aber dass ich ihn nur als das Wortgemälde stehen lassen kann, als das er dasteht und nicht interprettieren kann, keinen Ansatz finde heißt nicht, dass er nicht auf mich wirkt. Sag hast du Kinder mit Haustieren? Die Schilderung klingt so authentisch, so erlebt... die kleine Sanni kann ich mir so richtig vorstellen....
Hm, aber, da es manchmal Wunder wirkt, wenn irgendwer was dazu sagt, quasi den Nuller bei der Antwortenzahl killt, so hoffe ich, dass irgendjemand jetzt der Silentium erklärt, worum es da eigentlich geht. *mitdemzaunpfahlwink*
Grübelgrüße, Silentium
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon
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