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Tom Courtenay und warum eigentlich nichts passier

Verfasst: 11.02.2004, 22:46
von Spiderman
Tom Courtenay und warum eigentlich nichts passiert


Die Bedienung sieht wie Tom Courtenay aus, das ist der Hauptgrund, warum Maja und ich in den Idiotenkeller gehen. Mit seinem zerzausten Seitenscheitel und einem Blick, als ginge ihn die Welt und das Leben nichts an, erinnert uns dieser Typ an die Helden aus den britischem Filmen der 60'er Jahre. So wie ihn stellen wir uns einen jungen Arbeiter vor, der sich nicht damit zufrieden gibt, tagein, tagaus seine Knochen an einer Stanzmaschine kaputt zu machen. Er entscheidet sich für Rebellion und Freiheit, bricht aus der Monotonie des Alltags aus, lässt Familie, Institutionen und Gleichaltrige hinter sich und zieht sein eigenes Ding durch oder unternimmt wenigstens einen Versuch. Mit anderen Worten: wir finden die Bedienung ziemlich süß. Nur blöd, dass Tom Courtenay weit und breit nicht zu sehen ist, sondern nur dieses Mädchen mit den Fetthaaren und dem Pfannkuchengesicht, das die meiste Zeit in phlegmatischer Bewegungslosigkeit hinter der Theke verharrt, als würde sie jeden Morgen die Cornflakes mit den Valium verwechseln. „Der würde ich gerne mal einen Finger brechen." sagt Maja. „Oder zwei." Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Die andere Bedienung nennen wir Buddha, weil der Typ eine derartige Langeweile ausstrahlt, dass man in seiner Gegenwart ganz leer im Kopf wird. Jedenfalls ist er kein Vergleich mit Tom Courtenay. Wir setzen uns an die Theke - wie immer.
Gut, dass es neben Tom Courtenay noch andere Gründe gibt, in den Idiotenkeller zu gehen. Zum Beispiel, dass man ja irgendwo hingehen muss, wenn man sich betrinken will. Der Idiotenkeller heißt eigentlich gar nicht Idiotenkeller, sondern Frazzkeller, was allerdings so idiotisch klingt, dass man den richtigen Namen gar nicht aussprechen mag. Und in den Frazzkeller gehen Leute, die wie Idioten aussehen: Frauen mit idiotischen Piercings und idiotischen stinkenden Rasta-Haaren, Typen mit idiotischen Langhaarfrisuren oder alternativ mit idiotischen Mützen, mit idiotischen Bart-Experimenten und mit idiotischen 'Nazis Raus'-Stickern auf der Jacke. Wir sind der Meinung, dass ein Keller für Idioten ein gutes Ambiente hergibt, um abzustürzen. Schließlich sind wir auch Idioten, wenn wir uns auch zugute halten, dass wir um unser eigenes Idiotentum wissen. Deshalb halten wir uns für bessere Idioten und fühlen uns prima dabei. Außerdem sehen wir gut aus. Eigentlich würden wir viel besser auf eine Party von Andy Warhol passen. Maja ist vom Typ her gleichzeitig hell und dunkel: blasse Haut und schwarze Locken, sie hat diese Zierlichkeit und dieses Vögelchen-Gesicht, die sie wie einen französischen Filmstar aussehen lassen, wie Isabella Adjani zum Beispiel. Mich könnte man als eine weibliche Version von Paul McCartney bezeichnen - vom jungen McCartney versteht sich. Das liegt sicherlich an meiner Beatles-Frisur, mehr aber noch an den Grübchen, die so unwiderstehlich aussehen, wenn ich lächele. Leider lebt Andy Warhol nicht mehr und kann uns nicht zu seiner Party einladen. Deshalb gehen wir in den Idiotenkeller.
Hier kostet der Wodka-Tonic zwei Euro. Den trinkt Maja. Der Gin Tonic kostet auch zwei Euro. Den trinke ich. Wenn solche Getränke zwei Euro kosten, ist das eine gute Voraussetzung, um sich zu betrinken. Und betrinken wollen Maja und ich uns eigentlich immer, wenn wir uns treffen. Auf alle Fälle am Freitag, wenn Maja nicht zu ihrem Freund nach Kassel fahren muss, und wir beide eine Woche mit schwer Erziehbaren hinter uns haben.
Wir arbeiten beide im Heim, als Sozialpädagoginnen. Wir machen das, weil wir ein Helfersyndrom haben. Majas Mutter ist Alkoholikerin. Bei mir ist es der Vater, der trinkt. So leitet sich ein Helfersyndrom aus der Lebensgeschichte ab. Und weil wir ein Helfersyndrom haben, müssen wir uns regelmäßig betrinken. So einfach ist das. Das heißt, ich glaube, bei Maja ist es schlimmer, weil ihre Mutter der hysterische Säufer-Typ ist und immer mal wieder mit Selbstmord droht. Mein Vater macht so was nicht, dafür hat er schon deutliche alkoholbedingte kognitive Defizite oder um's direkt zu sagen: er hat sich blöd gesoffen. Das ist halb so schlimm, weil er mal sehr schlau war und deshalb viel Spielraum für den geistigen Abbau hat. Er funktioniert immer noch ganz gut. „Wie sieht's denn bei deiner Mutter jetzt aus?" frage ich Maja, weil ich weiß, dass gestern wieder eine ihrer familiären Telefonpartys stieg. „Das Übliche halt." Wegen einer Augenkrankheit erblindet ihr Vater und lernt in einer Rehamaßnahme, mit dem Stock zu gehen. „Die bringen ihm dort das Kochen bei. So ein Quatsch, mein Vater hat nie gekocht." Jedenfalls sitzt ihre Mutter jetzt alleine Zuhause und betrinkt sich unkontrolliert, weil niemand auf sie aufpasst und ihr die Schnapsflasche wegnimmt. Maja telefoniert alle paar Abende abwechselnd mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrem Bruder. Meistens geht es damit los, dass ihre Mutter nicht ans Telefon geht, wenn Majas Vater oder ihr Bruder sie sprechen wollen, um den Alkoholgehalt in ihrer Stimme zu überprüfen. Als nächstes rufen sie bei Maja an und Maja versucht, bei ihrer Mutter anzurufen. Das versuchen ihr Vater und ihr Bruder auch. Stunden später geht Majas Mutter dann doch ans Telefon und danach ruft wieder jeder jeden an. „Wir können machen, was wir wollen, Tanja. Da ändert sich doch eh nichts." sagt Maja jetzt zu mir. Nein, da ändert sich auch nichts. „Immer das Gleiche." sagt sie und damit ist das Thema für heute erledigt. Klar wären wir beide gerne in einer ZDF-Vorabend-Serie groß geworden. 'Ich heirate eine Familie' oder 'Die Wicherts von Nebenan' hätten uns zu reifen und stabilen Persönlichkeiten sozialisiert, die an ihren Freitagabenden mit Ehemännern und Freunden einem Spieleabend veranstalten, anstatt sich mit 30 wie pubertierende Teenager zu fühlen und sich im Frazzkeller zu betrinken. Aber was sollen wir uns bemitleiden? Wir bestellen lieber einen Wodka und einen Gin Tonic. Dass wir unter einem Helfersyndrom leiden, ist übrigens gelogen. Wir haben keine schlaflosen Nächte, nur weil einer der Jungs klaut oder eines der Mädchen sich die Arme mit der Rasierklinge aufritzt. Wir betrinken uns, weil es Spaß macht, sich zu betrinken. Wir können auch sonst gute Gründe nennen, uns zu betrinken: Tom Courtenay zum Beispiel oder Karlo, unser Kollege.

Tom ist für Maja reserviert, Karlo für mich. Dabei könnte ich mir gut vorstellen, mit Tom einen ICE in den Tunnel zu schicken, genauso wie Maja nichts dagegen hätte, gemeinsam mit Karlo die Challenger explodieren zu lassen. „Er ist niedlich, auch wenn seine Oberlippe immer verschwindet, wenn er lächelt." sagt sie über ihn. „Was hältst Du davon, dass ich es mal bei Tom versuche. Du hast doch schon einen Freund." schlage ich Maja vor. „Wenn du das machst, hau ich dir die Fresse ein." Sie grinst und wir verstehen uns. Umgekehrt ist es genauso, für Maja ist Karlo Tabu. „Darf ich Julian anrufen?" fragte mich Maja vor zwei Wochen. Sie weiß, dass ich vor einem Jahr beinahe etwas mit ihm hatte, aber dann doch nicht wollte. Ich weiß, dass Julian Maja sehr charmant findet. Julian weiß, dass Maja einen Freund hat, und er fängt nun mal gerne etwas mit vergebenen Frauen an. Das ist eine Art Wiederholungszwang bei ihm. „Klar, Maja, du kannst ihn anrufen. Ich gebe Dir grünes Licht." „Du weißt, Tanja, ich würde ihn nicht anrufen, wenn es dir nicht recht ist." Das war vor zwei Wochen und Maja rief ihn nicht an, weil ihr doch nicht mehr daran lag als eine Zerstreuung für zwischendurch. Julian ist nur bedingt der Typ, mit dem sie ihren Freund betrügen würde. Tom Courtenay steht zwei Klassen über ihm. Wenn Julian der Müller Milchreis ist, dann ist Tom das Drei-Gänge-Menü. Doch Tom ist heute weit und breit nicht zu sehen. Mit Majas Freund ist das so eine Sache. Ihr Problem ist, dass die Beziehung nicht miserabel genug ist, um sie zu beenden. Sie ist nicht gut genug, um damit weiterzumachen. „Du liebst mich nicht richtig." wirft er ihr vor, wenn sie ihn nicht öfter als zwei Mal pro Woche sehen will oder sie ihm erklärt, warum sie Händchenhalten blöd findet. Sie wirft ihm vor, dass sie ständig zu ihm fahren muss und er nie zu ihr kommt. „Ich habe halt so viel Stress." sagt er dann. „Ich habe auch Stress, aber ich jammere nicht so viel." antwortet sie.

Der 'Pate' und der 'Predator' sind an meiner libidinösen Fixierung auf Karlo schuld. Karlo ist der neue Erzieher. Er fing vor fünf Monaten bei uns an und seit der Mittagspause am dritten Tag bin ich besessen von ihm. Da bemerkte ich die DVD-Box vom 'Paten' in seiner Tasche. Nach der Arbeit wolle er den Film zusammen mit einem Freund angucken, erzählte er mir, zum fünften Mal. Der 'Pate' sei sein zweitliebster Film, an erster Stelle stünde jedoch der 'Predator'. Der 'Predator' zählt auch zu meinen Lieblingsfilmen, und dass der 'Pate' - besonders der erste Teil - einen Meilenstein in der Inszenierung aufrichtiger Männlichkeit darstellt, gehört zu den wenigen Gewissheiten auf dieser Welt. Leider verleugnen das heutzutage die allermeisten Männer. Mit Karlo saß mir endlich ein Mann gegenüber, der die Wahrheit erkannte, und ich nahm das als sicheres Zeichen, dass es ab dieser Mittagspause keinen anderen mehr geben dürfe. Ein paar Monate zuvor hatte ich bereits beschlossen, mich von meinem bisherigen Männertyp zu verabschieden. Das waren in der Regel solche gewesen, die mit grünen Augen lakonisch und gleichgültig verträumt in den Tag blickten. Vielleicht hatte es an meinem Beruf gelegen, dass ich mich immer wieder auf Sensibelchen einließ, bei denen jedes Wort tonnenschwer und jeder Blick von Bedeutung versaut war. Meistens hatten sie Roman, Torben oder sonst wie geheißen, jedenfalls so, wie man eigentlich nicht heißen darf, außer man ging auf die Waldorfschule. Ständig hatten sie die Angewohnheit gehabt, Beziehungsfragen zu stellen, über Gefühle reden zu wollen oder den kleinen Prinzen zu zitieren. Ein Mann, der auf die Frage nach seinem Lieblingsfilm mit 'Predator' antwortete, würde so etwas nicht tun. Deshalb war Karlo der Richtige für mich.

Majas Blick folgt den hereinkommenden Leuten, sie guckt sich um und wendet sich wieder dem Wodka Tonic zu, lässt die Eingangstür jedoch nie ganz aus den Augen. „Vielleicht kommt Tom ja noch." sage ich. Manchmal fängt Tom seine Schicht erst um zehn an. Naja, jetzt ist es halb elf - unwahrscheinlich, dass er noch kommt. „Ist mir eigentlich egal. Lass uns Backgammon spielen." Backgammon kommt mir gelegen, weil ich dann weniger reden muss und besser meinen Gedanken nachhängen kann. Reden finde manchmal sehr anstrengend. Gut, dass Maja und ich ganz gut schweigen können. Wir sind nicht die Frauen, die sich die ganze Zeit austauschen müssen. „Sich austauschen" klingt irgendwie eklig und ich möchte das nicht den ganzen Abend über tun. Wenn wir uns treffen, erzählen wir uns, was in unseren Leben gerade passiert. Das dauert pro Person zwei Minuten und dann ist auch gut. Den Rest des Abends sind wir damit einverstanden, nebeneinander zu sitzen und zu trinken. Hin und wieder sagen wir doch etwas. Dann fischen wir das Eine oder Andere aus unseren Gedankenströmen und sprechen es aus. Einfach, um mal wieder etwas zu sagen, weil es mal wieder gut ist, etwas zu sagen. Das erste Backgammon-Spiel gewinnt Maja. Das Zweite gewinne ich. Nach dem dritten Spiel, das wieder Maja gewinnt, hören wir auf. Irgendwann wird uns auch Backgammon zu viel. „Das Leben wird immer langweiliger." sagt Maja. „Hast Recht, keine guten Partys mehr. Früher war alles besser." Früher war, als wir noch nicht arbeiteten, als wir noch studierten und es nichts gab, was unserem Alltag eine Struktur aufzwängte. Damals begannen die Tage am Nachmittag und die Nächte kannten kein Ende. Wir waren bestimmt nicht glücklicher, doch zumindest meinten wir nicht die ganze Zeit, vom Leben etwas zu versäumen.

Meiner Einschätzung nach stehen Majas Chancen bei Tom gar nicht so schlecht. Sie macht ihre Sache wirklich gut und mit all meiner Schwesterlichkeit sage ich: Ja, ich bin stolz auf sie! Manchmal fragt sie, von wem das Lied sei, das gerade im Hintergrund läuft, und fängt ein kleines Gespräch mit ihm an. Das klingt so ähnlich wie diese eine Band von dem, der jetzt Solo was macht. Kennst du das? Kennst du dies? Und da gibt es doch die Platte von dem sowieso, die so ähnlich ist. Wieso hängt das komische Bild hinter der Theke? Ach so, ja klar. Mhm, ach ein Foto ist das, das ist aber schön. Undsoweiter. Sie bleibt dabei zurückhaltend, das ist wichtig, sie hält ihn nicht auf und nach wenigen Sätzen lässt sie es gut sein. Sie hakt nicht nach, drängt sich nicht auf und ich bin mir sicher, das wird ihr den Erfolg bringen. Er lächelt sie an und streicht sich sein Haar aus der Stirn, so wie Jungs das machen, die sich darüber freuen, angesprochen zu werden. Vor zwei Wochen wagte Maja den nächsten Schritt. „Weiß du eigentlich, dass du wie Tom Courtenay aussiehst?" „Ich weiß eigentlich gar nicht genau, wer Tom Courtenay ist und wie er aussieht." antwortete er und machte ein ratloses Gesicht. „Ein Schauspieler. Ein Engländer. Und glaub mir, er sieht aus wie du." „Hm." Er lächelte verlegen und zuckte mit den Schultern. „Schon mal was von der Einsamkeit des Langstreckenläufers gehört?" „Ich glaube schon, ein älterer Film. Schwarz-weiß, oder?" „Ja genau, ein älterer Film. Schwarz-weiß. Gib doch einfach mal seinen Namen bei Google ein. Ich schreib dir auf, wie man ihn schreibt." Eine Woche später kam er auf uns zu. „Ich hab jetzt übrigens Tom Courtenay bei Google eingegeben. Ich finde nicht, dass ich wie er aussehe. Mein Gesicht ist viel zu rund." „Stimmt nicht, aber weißt du was, wir lassen sie hier, Tanja, entscheiden. Ich schick ihr ein Foto von Tom Courtenay und ihre Meinung zählt." Ein paar Tage später schickte mir Maja ein Foto. Die Bedienung sieht wirklich aus wie Tom Courtenay. Eine 60'er-Jahre-Fresse halt. Man könnte die beiden nebeneinander stellen und jeder würde sagen, ja klar, das ist die selbe Person.

„Sollen wir uns nicht runter setzen? Irgendwie finde ich es an der Theke gerade ungemütlich." schlägt Maja vor. Wir fragen die Jungs am Tisch, ob noch Platz sei. „Ja klar, kein Problem." Das machen wir ganz gerne, uns zu irgendwelchen Jungs setzen. Manchmal ergibt sich daraus etwas, das heißt um ehrlich zu sein, nur selten, um genau zu sein: eigentlich nie. Aber immerhin könnte sich was daraus ergeben und die Vorstellung, dass sich daraus etwas ergeben könnte, vertreibt uns die Zeit. Von den vier Jungs am Tisch sind immerhin zwei hübsch. Die anderen beiden sehen wie Heroinabhängige aus, mit blassgrüner Haut und Pusteln im Gesicht, in T-Shirts gezwängt, die zu eng anliegen und billig wirken. Das Blöde an ihnen ist, dass sie sich gleichzeitig so brav und zurückhaltend geben, dass man ihnen Heroin beim besten Willen nicht zutrauen kann. Bei den Hübschen ist es umgekehrt. Sie sehen für Heroin verwegen genug aus, allerdings deuten Teint und Kleidung auf eine gesunde Lebensführung. Es läuft heute wie immer. Wir wechseln ein paar Worte mit den Hässlichen, während die Hübschen gelangweilt die Flaschen hinter der Theke angucken. „Zieht es bei Euch auch so?" Maja sitzt unter einem Loch in der Decke, von dem kalte Luft auf ihren Nacken bläst. „Nein, hier geht es eigentlich." „Ja, das ist die Luft, die von da oben aus dem Loch kommt." „Ja, keine Ahnung, warum da das Loch ist." Wir erfahren noch, dass die beiden Hübschen Matthias und und die beiden Hässlichen Konrad und heißen. Dann hören wir auf zu reden. Die Namen müssen wir uns nicht merken. Maja und ich drehen uns Zigaretten und trinken unsere Gläser leer. Tom Courtenay tänzelt durch den Raum, läuft hinter die Theke, sieht uns, lächelt und winkt uns zu. Wir winken zurück.

In Karlos Gegenwart entwickelte ich schnell Symptome. Ich wollte immer in seiner Nähe sein, und wenn ich in seiner Nähe war, wollte ich noch näher kommen. Ich mochte seine Augen, die immer so müde aussahen als hätte er etwas ganz Aufregendes in der vorangegangenen Nacht erlebt. Ich mochte es, wenn sich sein Gesicht zu diesem gelassenen und warmen Lächeln öffnete oder er über einen meiner schlechten Witze lachte. Und ich mochte es, wie er sich durch das Heim bewegte. In Teamsitzungen konnte ich nicht anders als ihn ständig anstarren. Oder ich guckte ihn überhaupt nicht mehr an, er könnte ja denken, ich würde ihn die ganze Zeit anstarren. Hatte ich gerade nichts zu tun, zog es mich in den Teamraum. Um eine Zigarette zu rauchen. Und wenn ich Glück hatte, kam Karlo auch in den Teamraum, um eine Zigarette zu rauchen. Dann saßen wir zusammen auf der Eckbank, am Küchentisch und ich freute mich darüber, dass es ihn gab. An guten Tagen konnte ich mich witzig und locker geben. Ich machte ihm Komplimente für das, was er anhatte, oder lobte seine Arbeit. Wir redeten über Filme, über Musik und stellten fest, dass wir die gleichen Dinge gut oder schlecht fanden. '12 Monkeys'? Ja, in dem Film ist sogar Brad Pitt gut, wobei Bruce Willis in 'Die Hard' besser war. Die 10.000Hz-CD von Air ist eigentlich viel interessanter als deren 'Moon Safari', Oasis sind völlig überbewertet und Blur die eigentlich bessere Band. An den guten Tagen fragte ich Karlo, ob er nach der Arbeit auf ein Bier Lust hätte. Und in zwei Drittel der Fälle sagte er „Ja, klar, gerne." Nach vier Wochen verabredeten wir uns fürs Kino. Die neue Version des 'Kettensägenmassakers' wollten wir beide sehen und am Ende der Vorstellung waren wir uns einig, dass das Original um zehn Klassen besser gewesen sei. Wir tranken ein paar Bier und als wir uns verabschiedeten sagte er, dass es ein schöner Abend gewesen sei. Mein subjektives Chancen-Thermometer stieg auf 70, 80 Prozent. Je länger wir uns kannten, desto mehr kristallisierte sich die Exklusivität unserer Beziehung innerhalb der Arbeitskollegen heraus. Manche sagten, wir hätten uns miteinander verschworen, und es freute mich, das zu hören. An schlechten Tagen konnte ich fast gar nichts zu ihm sagen. Dann machte ich mir darüber Gedanken, dass sich meine Stimme völlig unnatürlich anhören und sie sich bei jedem Satz zehn mal überschlagen würde. Und ich fand, dass die Initiative zu oft von mir ausgegangen sei, und wartete darauf, dass er auf mich zukam. Mich entmutigte, dass es mir gelungen war, eine Freundschaft mit ihm zu aufzubauen, jedoch zwischen uns immer noch eine unsichtbare Barriere den Zusammenprall zweier Körper verhinderte. Ich hatte das Gefühl, dass er mich mochte, dass er mich interessant und gut aussehend fand, aber dass gleichzeitig ihn etwas abhielt, sich in mich zu verlieben. Häufig berührte ich ihn, ganz beiläufig, legte meine Hand auf seine Schulter, strich ihm über den Rücken und klemmte - wenn ich besonders mutig war - seine Haare hinters Ohr. Ich tat das nicht aus taktischen Erwägungen oder um ihn anzumachen, es war einfach so, dass ich ihn spüren wollte. Das Problem war, dass er keine Initiative ergriff, mir näher zu kommen. Meine zärtlichen und vorsichtigen Gesten schien er gar nicht zu registrieren. Genauso schien er meine Andeutungen zu überhören. „Ich bin voll frustriert. Hab gestern mit meinem Bruder telefoniert und der hat das voll aufregende Leben." beschwerte er sich. „Und Du nicht?" „Ne, bei mir passiert überhaupt nichts." „Tja, dann sollten wir besser dafür sorgen, dass in deinem Leben was Aufregendes passiert." „Stimmt, Du hast recht. Ich sollte dafür sorgen, dass was Aufregendes passiert." Mein subjektives Chancen-Thermometer sank auf 10 bis 20 Prozent. Ich fühlte mich wie in einer Bravo-Foto-Love-Story, nur mit dem Unterschied, dass meine Geschichte zu keinem Ergebnis kam und immer immer weiter ging: Fortsetzung folgt.

„Ich hab ihm das Foto von Tom Courtenay geschickt. Er findet auch, dass Du aussiehst wie er." sagt Maja, als die Bedienung uns weitere Gin und Wodka Tonics bringt. „Du siehst wirklich wie Tom Courtenay aus. Sie hat recht." bestätige ich „Keine Ahnung, welche Fotos Du von ihm gesehen hast, aber auf dem, das Maja mir geschickt hat, sieht er dir wie aus dem Gesicht geschnitten aus." Tom sagt gar nichts dazu und beschränkt sich darauf, ein Amüsiertes-Lächeln-Gesicht aufzusetzen. „Lass dir von Maja das Foto zumailen." „Au ja klar, schick es mir zu." wendet Tom sich zu Maja. „Ich schreib dir meine Email-Adresse auf." sagt er, als hätte er seit Wochen auf diese Gelegenheit gewartet. Ich denke, dass hinter der coolen Fassade Toms Herz Samba tanzt. Die Herausgabe der Email-Adresse an Maja eröffnet ihm eine neue Perspektive. „Ich schick's dir. Kein Thema." und Maja lächelt ihn an. In meinen Gedanken lobe ich mich dafür, wie geschickt ich Maja einen Schritt weiter, einen Schritt näher an Toms Körper gebracht habe. Sie bekommt seine Email-Adresse, sie wird ihm ein paar Sätze schreiben, ein Angebot andeuten, sich hinter Zweideutigkeiten verstecken und Tom in die Falle locken. Es dürfte für Maja nicht schwer auszuloten sein, was zwischen Tom und ihr möglich werden könnte. Ich meine, seinem Verhalten nach eine ganze Menge. Maja sieht gar nicht glücklich darüber aus.

Eigentlich hatte ich Karlo bereits abgeschrieben. Vor einem guten Monat beschloss ich, die Hoffnungen auf eine romantische Beziehung zwischen Karlo und mir auf der Müllhalde meiner Herzensangelegenheiten zu entsorgen. Mir fehlte der richtige Dreh, um Gespräche am Küchentisch in Sex auf dem Küchentisch zu verwandeln. Ich wusste, dass ich eine Entscheidung herbeiführen musste. Auch diese Foto-Love-Story brauchte ein Happy End und wenn es schon kein Happy End geben sollte, dann wenigstens eine Moral von der Geschichte. Entweder wollte ich ihn als den zukünftigen Vater meiner Kinder bezeichnen oder seinen Status als Kollegen, Freund und „nichts weiter" festschreiben. Ich setzte mir einen Termin und baute auf ein Date, bei dem ich alles geben, an dem ich alle Fähigkeiten in der Rolle der Verführerin aufbringen und ihm notfalls direkt ins Gesicht sagen wollte, was mit mir los sei. Ich wollte diese Geschichte endlich zu einem Abschluss bringen. Dieser Termin war an einem Samstag vor fünf Wochen. Karlo wollte unbedingt, dass ich mir „Tanz der Teufel" angucke. Wir wollten ein bisschen Gras rauchen, den Film sehen und danach auf eine Party gehen. Ich sollte ihn am Nachmittag besuchen, doch Mittags rief Karlo mich an: „Macht es dir was aus, ein bisschen später zu kommen?" „Nein, kein Problem, komme ich halt gegen Abend." Das ärgerte mich, weil mir dadurch einige Stunden verloren gingen, die ich dazu benötigte, ihm näher zu kommen. Schließlich waren meine Annäherungsbemühungen Millimeterarbeit. Aber egal, komme ich halt später, dachte ich mir. Karlo öffnete mir am Abend die Tür und führte mich in die Küche. „Tanja, darf ich dir vorstellen, das ist Sanya. Sanya, das ist Tanja. Oh, ihr reimt euch ja. Das ist lustig." Ja ja, sehr lustig, Karlo! „Hallo Sanya." „Hallo Tanja." Ich blieb cool, ganz cool und sah mich in der Küche nach einer Waffe um. Mit dem Küchenmesser Sanyas Gesicht aufschlitzen? Mit dem Pürrierstab auf ihr Dekolletee zusteuern? Oder doch lieber die Pfandflaschen auf ihrem Kopf zerschmettern? Ich blieb friedlich, ganz friedlich. Der Dalai Lama wäre stolz auf mich gewesen. „Sanya ist eine alte Freundin von mir. Aus Hamburg. Sie ist überraschend zu Besuch gekommen." erklärte Karlo. Das wäre halb so schlimm gewesen, hätte Sanya nicht ausgesehen wie Cameron Diaz, ganz groß, ganz schlank, und mit einem gottverfickten Breitmaulfroschkußmund. Ich sehe gut aus, manche sagen, ich sehe sehr gut aus. Aber verdammt, ich bin eine weibliche Version von Paul McCartney und ich kenne die Männer. Die Männer wissen eine weibliche Version von Paul McCartney nicht zu schätzen, wenn Cameron Diaz daneben steht. „Ich bin gerade am Kochen." sagte Karlo. „Gefüllte Weinblätter." Ich hasse gefüllte Weinblätter, aber das war auch egal. Immerhin legte sich meine Aufregung nach einer Weile, in der wir zu dritt in der Küche saßen. Ich trank ein Bier, dann ein zweites und stellte erleichtert fest, dass sich Sanya als zurückhaltend erwies. Großzügig schien sie mir das Feld überlassen zu wollen. „Ich gehe nicht mit auf die Party nachher." Karlo versuchte sie zu überreden und ich stimmte ein „Ja, komm doch mit!" „Nein, ich bin erkältet. Ich gucke fern." Dass ich auf der Party Karlo für mich allein haben sollte, tröstete mich ein wenig, doch fragte ich mich ständig in welcher Beziehung Sanya und Karlo zueinander standen. Nach dem Essen drehte ich einen Joint und dabei machte ich den Fehler, viel zu viel Gras auf den Tabak zu krümeln. Ich meine, dass die Wirkung des THC einen entscheidenden Beitrag zu der Diskussion geliefert hatte, die Karlo und ich später auf der Party miteinander führten. Das „Tanz-der-Teufel"-Gucken ließen wir ausfallen. „Ein ander mal." sagte Karlo. Dabei hatte ich darauf spekuliert, von dem Film dermaßen schockiert und geängstigt sein zu dürfen, dass ich unbedingt die ganze Nacht einen Beschützer brauchte. Die Party selbst war nicht der Rede wert, ich kannte niemanden, Karlo nur einzelne. Wir zogen uns mit einer Flasche Wein in eine Ecke zurück und wussten nicht so recht, was wir miteinander anfangen sollten. Das Gras hatte dafür gesorgt, dass sich jeder Gedanke innerhalb einer halben Minute wieder auflöste und so war es müßig, zusammenhängende Gespräche zu führen. Nur blöd, dass Karlo trotzdem meinte, eine Diskussion vom Zaun brechen zu müssen. Die lief in etwa folgendermaßen ab.
Er: „Sag mal, Tanja, kürzlich auf der Betriebsfeier hatte ich irgendwie das Gefühl, dass du mich beobachtest."
Ich: „Aha, ja und? Wir haben ja auch fast die ganze Nacht zusammen verbracht und getrunken."
Er: „Naja, schon. Aber doch auch vorher hatte ich das Gefühl, dass du mich beobachtest."
Ich: „Klar, ich habe nach dir geguckt."
Er: „Ich frage mich, warum du da nach mir geguckt hast. Ich meine, zuvor hatte ich nie so das Gefühl, dass du so guckst."
Ich: „Da habe ich dich vorher vielleicht nicht so wahrgenommen wie an dem Abend"
Er: „Wie hast du mich denn dann wahrgenommen?"
Ich: „Auf der Feier fand ich dich niedlich."
Er: „Niedlich?"
Ich: „Naja, so attraktiv halt. So dass man halt guckt. Worauf willst du eigentlich hinaus?"
Er: „Hm, ich frage mich, welche Basis das mit uns hat."
Ich: „Welche Basis hat das denn?"
Er: „Ich meine, so wie ich das sehe, ist das schon eine zweideutige Situation. Und ich frage mich, welche Erwartungen du an mich hast."
Ich: „Welche Erwartungen? Ich finde dich nett und interessant. Ich verbringe gerne Zeit mit dir. Klar, ich finde es auch angenehm, mit dir Zeit zu verbringen, weil du niedlich und attraktiv bist."
Er: „Ja, genau das meine ich. Da frage ich mich, welches Gewicht das Zweite hat. Es ist das, was ich mit zweideutig meine."
Ich: „Und was willst du?"
Er: „Ich will, dass das Zweideutige verschwindet und dass es eindeutig wird."
Ich: „Ich weiß gerade nicht, ob Du eine Tür öffnen oder eine Tür schließen willst."
Er: „ .... hm, ich will eine Tür schließen. Das heißt, ich will auch eine öffnen, in dem Sinne, dass unsere Freundschaft unbeschwert ist. Ich will, dass es klar wird."
Ich: „Ja, das ist doch in Ordnung. Ich meine, ich bin nicht verliebt in dich und habe keine Erwartungen an dich. Ich finde es angenehm, Zeit mit dir zu verbringen. Auch weil ich dich schön finde."
Er: „Siehst Du, genau das meine ich, ich frage ich mich, welches Gewicht das hat, dass du mich schön findest."
Die ganze Unterredung wiederholte sich zwanzig bis dreißig Mal, wahrscheinlich weil keinem von uns beiden mehr klar war, worüber wir überhaupt redeten und weil das THC in unserem Blut ständig dafür sorgte, dass wir den Faden verloren. Es war so ermüdend, es war so anstrengend. Ich hatte das Gefühl, dass Karlo mir vermitteln wollte, dass er mit mir eine Freundschaft, aber nichts weiter von mir wollte. Klar ausdrücken konnte er sich allerdings auch nicht. Und so ein bescheuerter Typ will wie der Predator sein! Ich war angepisst und außerdem war mir schlecht, weil ich zu viel Wein getrunken hatte. „Lass uns nach hause gehen." schlug Karlo vor. Er ging in sein Zuhause, ich ging in mein Zuhause. Durch die frische Luft wieder klarer im Kopf schrieb ich Karlo in der selben Nacht noch auf die Freundschaftsliste, aus der es kein Ausbrechen gab und die in Regionen meines Gehirns abgespeichert ist, in denen der Pfeffer wächst! Mit anderen Worten: ich war endlich wieder völlig unbelastet! Ich gebe zu, es fiel mir nicht leicht, nicht verliebt in Karlo zu sein. Aber mit Willensanstrengung und Strategien der Selbstverleugnung kenne ich mich aus, so dass ich guter Dinge war, ihn einfach nur noch zu mögen. Im Ernst: die Symptome flauten in den ersten zwei Wochen nach dem katastrophalen Date ab, und das obwohl ich ihn fast täglich sah! Bloß dann warf ich wieder alles über den Haufen.

Man sieht Maja an, dass ihr ungemütlich zumute ist. Das mag am Loch in der Decke direkt über ihr und der Zugluft liegen. Inzwischen hat sie sich ihre Jacke wieder angezogen und den Kragen hochgezogen. „Sollen wir umziehen?" „Nein, geht schon" Vielleicht ist ihr auch ungemütlich zumute, weil sie sich nicht so ganz sicher ist, ob sie Toms Email-Adresse überhaupt haben mag. „Ich meine das ganze treibt mich doch ins Verderben." „Stell dich nicht so an. Du kriegst seine Email-Adresse. Was willst du mehr?" „Verdammt, egal was passiert, es wird verkehrt für mich sein. Ich hänge an Matze, ich will nicht mit ihm Schluss machen. Aber ich bin total verknallt in Tom. Und wenn ich doch mit Matze Schluss mache, dann kann das mit Tom auch nie was werden." „Wieso denn nicht?" „Einfach weil der Abstand fehlt. Weil ich nicht mit ruhigem Gewissen bei Tom sein kann. Ich würde wieder zu Matze zurück wollen." „Du kannst doch Matze einfach nur betrügen. Das wäre doch okay." „Kann ich eben nicht. Weil ich in Tom so verknallt wäre und dann könnte ich am Wochenende nicht einfach so zu Matze fahren und tun, als wäre nichts passiert." „Naja, wahrscheinlich ist es wirklich so, du rennst in dein Verderben. Jetzt ist es zu spät. Tut mir leid." Maja musste lachen. „Arrggghhh, Tanja, ich wusste schon immer, dass es ein großer Fehler ist, mit dir hierher trinken zu gehen. Es ist ein großer Fehler, überhaupt mit dir trinken zu gehen. Ich werde nie wieder mit dir trinken gehen. Weil wenn ich mit dir trinken gehe, passiert mir nur großes Unglück. Nur blöd, dass ich dauernd Durst habe und keine anderen Freundinnen außer dir habe. Deshalb gehe ich mit dir weiter trinken. Deshalb gehe ich wieder hierher mit dir trinken." Wir bestellen bei Tom Gin und Wodka Tonic. Als er die Getränke bringt, legt er einen Zettel neben Majas Bierdeckel: die Email-Adresse. Maja merkt es erst gar nicht und als sie es merkt, ruft sie ihm noch ein „Danke" nach. „Wieso bedankst du dich eigentlich bei ihm? Er will doch was von dir. Er will das Foto." tadele ich sie. „Stimmt, wieso bedanke ich mich eigentlich? Ich bin so eine Idiotin!"
„Weißt du, du hast immerhin deinen Freund. Und bei dir sieht es gut mit Tom aus. Mein Sexualleben könnte ich dagegen unter der Überschrift Alterssexualität laufen lassen. Ständig passiert nur fast etwas und ständig bleibe ich mit meinem Massagestab als einzig verlässlichen Partner zurück. Und der macht inzwischen Geräusche wie ein Rasenmäher!" „Tja, Tanja, das liegt daran, dass du Scheiße aussiehst. Wie läuft es denn mit Karlo?" Ich erzähle Maja von letztem Samstag. In den letzten Wochen gab es wieder solche Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, kurz davor zu sein. Ich würde ihn so gerne küssen. Ich würde ihn so gerne berühren. „So, jetzt gleich passiert es" dachte ich mir und dann passierte doch nichts. Wir verbrachten den ganzen Abend miteinander, saßen in Kneipen und tranken literweise Rotwein. Irgendwann saßen wir bei ihm in der Küche. Schöne Musik. Kerzen auf dem Tisch. Wir hatten uns fürchterlich viel zu sagen, das heißt die Dinge, die ich ihm eigentlich gerne sagen wollte, sagte ich natürlich nicht. Ich wollte ihm sagen, dass ich es mag, wie er lächelt. Ich wollte ihm sagen, dass ich seine Haare mag und seinen Mund und überhaupt alles an ihm. Ich fühlte mich wie 15 und hätte mir jemand einen Spiegel vors Gesicht gehalten, ich hätte lauter Pickel entdeckt. Ich setzte mich ganz nah zu ihm, so dass sich unsere Beine die ganze Zeit berührten. Hin und wieder legte ich meine Hand neben seine, so dass sich auch unsere Hände berührten. Manchmal ließ er es sich gefallen, manchmal zog er seine Hand weg. Ich strich ihm gelegentlich seine Haare hinters Ohr und berührte sein Gesicht. Jedenfalls wollte ich es darauf ankommen lassen. Er spielte mit dem Kerzenwachs und formte daraus etwas Undefinierbares. „Hier schenke ich dir." sagte er zu mir. „Oh danke, was ist das?" „Keine Ahnung. Das ist mein Inneres." „Ach so, deine Seele ist das." Ich spielte auch mit dem Kerzenwachs, formte auch etwas Undefinierbares daraus. „Hier, das ist meine Seele, schenke ich dir." Beide Seelen lagen auf dem Tisch und mir fiel nichts besseres ein, als meine Seele über seine zu legen. „Wir können die Seelen ja verschmelzen." schlug ich vor. Karlo holte einen Esslöffel, legte unsere beiden Seelen darauf und hielt ihn über die Kerze. Ich holte eine Tasse, in die wir die verschmolzene Seelenflüßigkeit hineinschütten konnten. Wie beim Bleigießen. „Bleigießen ist bei mir immer doof. Bei mir kommt immer eine Spermazelle heraus." sagte Karlo. „Wäre ja nicht unbedingt das Schlechteste" meinte ich dazu. Es dauerte eine Ewigkeit bis das Wachs geschmolzen war und währenddessen tobte in mir ein Punk-Konzert aus purer Energie und Vorfreude. Gleich, gleich ist es so weit, und dann werde ich all die Dinge mit ihm tun, die Marianne und Michael miteinander tun. Gut, irgendwann war es soweit. Karlo schüttete das Kerzenwachs in das Wasser. Und was kam dabei heraus? Wie sah das Ergebnis der Verschmelzung unserer Seelen aus? Eine abstrakte und verspielte Figur? Eine Komposition aus Farbe und Schönheit? Die Andeutung zärtlicher Verbundenheit, zwei sich umarmende Liebende aus Wachs? Tja, das Ergebnis war eindeutig: es war eine Missgeburt! Ein ekliger unförmiger Klumpen, der im Wasser in drei Teile zerfiel. Wir ließen es auf einen zweiten Versuch ankommen, dessen Ergebnis nicht besser aussah. Irgendwann sagte Karlo, dass er müde sei, und dass er ins Bett gehen wolle. Und so ging ich einfach, ohne dass wir irgendetwas anderes außer Kerzenwachs miteinander vereinigten. Keine Foto-Love-Story dürfte so enden. Jede Bravo-Redaktion würde mich nach hause schicken: Überarbeiten Sie das noch mal!
„Oh mein Gott, Tanja, wie schlecht!" Mehr fällt Maja dazu nicht ein. „So kann das nie was werden. Das klingt furchtbar anstrengend." „Naja, immerhin finde ich das auch sehr spannend." „Jaja, das ist schon spannend, das kenne ich auch. Aber es ist so furchtbar verkrampft. Ich meine, normalerweise muss da viel schneller was passieren. Ich hätte da echt keinen Bock drauf." „Naja, aber was soll ich denn machen?" „Keine Ahnung, du kannst da nichts machen. Außer dich zum Affen. Da bist du ganz gut drin. Ich meine, wenn Du auf einen offensiven Mann triffst, dann wunderst du dich, wie einfach es eigentlich geht. Eins ergibt sich zum anderen. Aber das... Ne, wirklich nicht. Ich mein, es kann schon sein, dass er so ein Schleicher ist. Aber der ganze Aufwand! Oh Gott!" „Maja, mir bleibt im Moment gar nichts anderes übrig, als den ganzen Blödsinn mitzumachen. Ich bin total verknallt in ihn." „Du arme Idiotin! Aber komm, wenn Du ihn eines Tages rumkriegst, dann ist es für dich doch eigentlich schon wieder vorbei. Dann bist du wahrscheinlich gar nicht mehr verliebt." „Hm, weiß nicht, kann auch sein. Aber daran denke ich jetzt nicht. Jetzt denke ich, dass ich immer verliebt in ihn sein werde."

Wir bestellen eine weitere Runde Gin und Wodka Tonic. Maja hat den Zettel mit Toms Email-Adresse eingesteckt. In Wirklichkeit heißt er gar nicht Tom, sondern Jonathan. Was für ein scheußlicher Name! Die Email-Adresse sollte für heute reichen. Ich weiß, dass Maja heute kein weiteres Gespräch mit ihm anfangen wird. Sie wird an einem der nächsten Abende stundenlang am Computer sitzen und am Text für die E-Mail feilen. Nicht zu aufdringlich darf es sein, nicht zu gleichgültig. „Ich muss den richtigen Ton treffen." wird sie sich sagen. Und dann wird sie auf eine Antwort warten. Und sie wird das nächste Wochenende - egal ob eine Antwort kommt und wie sie ausfällt - mit ihrem Freund verbringen. Und wahrscheinlich wird sie mir danach erzählen, dass es mit Matze ganz gut gewesen sei. Ich selbst bin Morgen mit Karlo verabredet und ich weiß, dass ich nicht mit ihm zusammen einschlafen werde, und trotzdem hoffe ich, dass es anders kommt. Ich kenne mich. Ich werde mir immer wieder neue Gründe suchen, weiter hoffen zu dürfen. „Was soll das nur geben?" frage ich Maja. „Keine Ahnung, was das geben soll. Aber, Tanja, ich glaube, das gibt Geschichten, in denen am Ende überhaupt nichts passiert." Und damit hat Maja wohl recht. In Kanada lebt der Schneeschuhhase. Das Besondere am Schneeschuhhasen ist, dass er sich nur alle sieben Jahre vermehrt. Es existieren alte Aufzeichnungen von Indianern, die das bezeugen, und lange Zeit glaubten die Wissenschaftler nicht daran. Kürzlich entdeckten sie, dass es tatsächlich so ist, und sie fanden auch heraus, warum es so ist. Damit er sich vermehren kann, braucht der Schneeschuhhase ausreichend Futter und damit er genug Futter findet, braucht es eine Erwärmung um ein paar Grad Celsius. Nur alle sieben Jahre ermöglichen Sonnenwinde dem Schneeschuhhasen diese Erwärmung und eine zur Vermehrung hinreichende Vegetation. Das Tragische an der Existenz des Schneeschuhhasen ist, dass genau zu der Zeit, in der er sich wunderbar vermehren kann, der Scheeluchs zuschlägt, sich den Magen mit Schneeschuhhasen vollschlägt und der wunderbaren Schneeschuhasenvermehrung ein Ende setzt. Ich frage mich, wie das der Schneeschuhhase macht, zu überleben, sich hin und wieder fortzupflanzen und nicht auszusterben. Immer wenn ihm die Bedingungen ein Hoch bescheren, kommt ihm der Schneeluchs in die Quere. Jedenfalls ist mir gerade danach, dem Schneeschuhhasen solidarische Grüße nach Kanada zu schicken. Ihm wird das nichts nützen, mir auch nichts. Maja trinkt ihren Wodka Tonic leer, ich meinen Gin Tonic. Es wird Zeit, nach hause zu gehen und die Geschichte für heute Nacht gut sein zu lassen.

Re: Tom Courtenay und warum eigentlich nichts passier

Verfasst: 19.02.2004, 16:31
von charis
hallo spiderman,

puh, ich tu mir ziemlich schwer, jetzt nach dem lesen, was zu deiner kurzgeschichte zu sagen.
zunächst: es hat mich geärgert, dass da kein ereignisreiches ende oder besser gesagt happy end war, und dann hat mich geärgert, dass mich geärgert hat, dass da kein...
:-D

wobei, vergönnt hätte ich es den charakteren sowieso nicht, denn die waren alle irgendwie unsympathisch.
das ständige gerede über schön oder hässlich und so.

...

ok, das war mal die rein emotionale, spontane zugangsweise. die sagt noch nicht wirklich, aus, wie der text an sich ist. es gibt einige wirklich gelungene passagen drin. ich schicke dir die mit meinen spontanen kommentaren versehene version per mail wenn du magst (weil ich meistens bei längeren texten die dann ins word kopiere um dort straight ahead anmerkungen dranzufügen. (ups, oute ich mich da jetzt als copy-rechtsbrecherin? :-D )

irgendwie lässt mich der text als ganzes aber kalt.
ist es eine übung darin, aus frauenperspektive zu schreiben?

inwieweit spielst du (wie so oft) mit klischees, inwieweit meinst du, dass frauen so sind und denken (wobei natürlich die akzentuierung dahingehend auffällt, diese beiden frauen "anders" erscheinen zu lassen - sprich kein dauergelaber, predator, der pate etc. das ist dann aber auch wieder klischee. gewollt?

die tanja kommt nicht so recht plausibel rüber, einerseits macht sie so auf cool und dann schaffts sie es nicht, dem karlo die ultimative frage zu stellen. solche frauentypen wiederum aber sprechen mich nicht an.

mir ist nicht klar, welche intention du mit dem text verbindest, was der text bei den leserinnen und lesern auslösen soll.

soll er unterhalten? (wenn ja: naja... teils teils... die tollen passagen sehr wohl, der schluss dann aber zieht sich z.b., vor allem weil ja nix passiert... wobei, du warnst ja bereits im titel...)

lustig fand ich die sache mit tom courtenay (den ich nicht kannte), und ich musste mir jedenfalls (s)ein foto im netz ansehen. da hast du appetit drauf gemacht! ;-)

karlo erscheint als klassischer fall eines mannes, der irgendwo hilflos zwischen aufegweichter geschlechtsrollenstereotypen herumtaumelt, weder fisch noch fleisch ist und erstaunlicherweise hübsch (hat mich gewundert und nicht zu meinem bisherigen bild gepasst...). einen grund, warum er zum verlieben wäre, sehe ich in der ganzen story nicht.

so, das ist jetzt eher eine ungeordnete reaktion von mir (wie vermutlich meistens... ich bewundere immer alle, die so distanziert und geordnet rezensieren können...), kann abschliessend echt nicht sagen, wie ich den text als ganzes bewerten soll...

:-&

lg charis

Re: Tom Courtenay und warum eigentlich nichts passier

Verfasst: 20.02.2004, 14:13
von Spiderman
Ja, charis, bitte schicken!

An der Stelle erstmal: danke fürs Lesen und Kommentieren. Ich warte noch ein bissl, bis ich mich äußere. Vielleicht mag ja noch jemand was zu dem Text schreiben.

Liebe Grüße

Spidey

Re: Tom Courtenay und warum eigentlich nichts passier

Verfasst: 24.02.2004, 14:36
von Spiderman
Kommt, Leute, laßt mich nicht hängen. Schreibt mir wenigstens, dass die Geschichte zu lang und langweilig ist, um sie zu lesen!

Um Eure Aufmerksamkeit buhlend:

Spiderman

Re: Tom Courtenay und warum eigentlich nichts passier

Verfasst: 24.02.2004, 14:41
von razorback
Sie ist zu lang um sie mal eben so zu lesen. Aber ich verspreche einen Kommmentar (nicht nur, weil ich Dir was schulde). Kann aber noch ein paar Tage dauern.

Re: Tom Courtenay und warum eigentlich nichts passier

Verfasst: 04.03.2004, 23:43
von Flocke
Hi, Spiderman.

Erinnert mich ein bißchen an die Alltagsbeschreibungen meiner Single-Bekannten und -kollegen, man geht mit Freunden aus zum Trinken, immer auf der Suche nach Mr. bzw. Miss X. Selbst wenn man schon eine Beziehung hat (was ja eher die Ausnahme, als die Regel ist), gönnt man sich den einen oder anderen Flirt bzw. sondiert trotzdem den Markt... Irgendwie komische Situationen, in die ich mich aber nicht so recht reinversetzen kann, vermutlich weil es nicht mein Lebensstil ist.
So richtig überzeugt hat mich die Geschichte nicht, irgendwas fehlt mir noch, vielleicht ein bißchen mehr Optimismus. Ich mag einfach nicht glauben, dass Leben so trist sein soll.

Und irgendwie scheuen sich deine Figuren davor, Nägel mit Köpfen zu machen.
Die eine hat einen Freund und sucht trotzdem andere Männer, wobei sie gleichzeitig davon überzeugt ist, dass es nicht gut für sie wäre. Schlußmachen ist aber auch kein Thema für sie...nun gut.
Die andere hätte gerne einen, aber ihre Prinzen entpuppen sich immer wieder als Frösche, wie es scheint.
Und Karlo, nun ja, irgendwie auch unentschlossen, genau wie die Mädels. Aber ihn kann ich irgendwie verstehen, es ist eine blöde Situation, wenn einer Liebe von dir will und du aber nur Freundschaft zu geben bereit bist.
Der einzige, mir ein wenig symphatische Typ, ist diese ominöse Tom-Courtenay-Bedienung. Der scheint ein wenig über den Dingen zu stehen, vermutlich, weil er Frauen wie Maja tagtäglich in der Kneipe trifft. Der scheint sein Leben einigermaßen im Griff zu haben.

Na ja, insgesamt läßt mich der Text sehr zwiespältig zurück. Mir gehts wie charis, ich weiß nicht recht, was du eigentlich damit sagen willst.

Liebe Grüße
Flocke

Re: Tom Courtenay und warum eigentlich nichts passier

Verfasst: 07.03.2004, 15:10
von Spiderman
Charis und Flocke, danke Euch erst einmal für die Kommentare. Die Hauptfrage, die Euch beschäftigt, ist: was will ich eigentlich mit dem Text sagen?

Zur Entstehung des Textes: begonnen habe ich den Text als eine Art Insider-Geschichte für ein paar Leute aus meinem Freundeskreis. Die Personen in dem Text gibt es alle im wirklichen Leben, sie heißen nur anders. Alles was in der Geschichte passiert, ist auch im wirklichen Leben passiert. Manches habe ich überspitzt, anderes hinzugefügt oder verdreht. Verdreht habe ich v.a. das Geschlecht der Personen. Alle Männer sind Frauen. Alle Frauen sind Männer.

Was will ich nun damit? Ihr habt es eigentlich ganz gut erfaßt. Es geht um Scheitern, um Unentschlossenheit, Unsicherheit, Versuche cool zu sein und das Gefühl, das Leben zu verpassen. Die Geschichte heißt ja "...warum nichts passiert" und genau darum geht es mir. Allgemein: warum leben die meisten Menschen nicht das Leben, das sie leben wollen.

Wollte ich üben, aus der Perspektive einer Frau zu schreiben? Nein, vielmehr wollte ich gucken, was passiert, wenn ich aus der Männersperspektive schreibe und so tue, als handelte es sich um eine Frau. Wie wirkt so eine Frau?

Sympatie / Antipathie der Helden? Okay, mir selber sind meine Figuren schon sympathisch. Allerdings stelle ich deren Trostlosigkeit und Verkorksheit in den Vordergrund. Daher verstehe ich es, wenn Ihr Euch an den Kopf faßt und sagt "Ne, die sind mir zu verpeilt!"

Insgesamt mag es so sein, dass die Geschichte für Nicht-Insider nicht funktioniert. Vielleicht ist die Geschichte gut für mich, die darin vorkommenden Personen und damit gut.

Liebe Grüße

Spiderman