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eine kleine Kurzgeschichte

Verfasst: 16.02.2004, 21:14
von Clyde
Hab noch keinen Titel... vielleicht fällt euch ja was passendes ein!?



Hier bin ich nun in meinem Zimmer und laufe auf und ab. Mein Leben – so grau wie der Himmel. Stürmisch draußen – es ist Herbst. Der Wind weht die bunten Blätter von den Bäumen und treibt seine Spielchen mit ihnen, wie sie ihre Spielchen gespielt haben mit dir, lieber Freund. Du warst klein und nicht gerade kräftig, ein gefundenes Fressen für welche wie sie. Ein Spielzeug, mit dem sie tun konnten, was ihnen gerade einfiel. Wehrlos und etwas weinerlich. Was brachte es ihnen für eine Genugtuung, dich am Boden zu sehen. Am Boden kriechend, deine Brille suchend. Oder auch am Boden liegend, regungslos, wie ein nachtblindes Tier in der Dunkelheit, darauf wartend, dass sie, die deine Dunkelheit verkörperten, den Spaß an dir verloren. Doch auch wenn sie von dir abließen, taten sie es nur schon in der Vorfreude auf den nächsten Tag, den sie dir zur Nacht machen konnten.
Die Nacht, ihre Verbündete. Wenn du im Winter spätabends auf dem Nachhauseweg warst, war es die Dunkelheit im Schatten der gewaltigen Eichen am Wegesrand, die ihnen Schutz gewährte.
Irgendwann ließen sie von dir ab, sei es die Langeweile, die sich beschlich, wenn du dich nicht mehr bewegtest, sei es der Hunger, der sie nach dieser durchaus amüsanten, jedoch anstrengenden Freizeitbeschäftigung plagte, irgendwann ließen sie dich gehen, bis zum nächsten Tag. Dann kamst du nach Hause. Alles, was dir entgegengebracht wurde, war Mißbilligung und Unverständnis.
„Wo bist du so lange gewesen? Und wie siehst du eigentlich aus?“
Viel zu spät (sie entwickelten in der Dunkelheit, die sie gut genug verbarg, meist die größte Ausdauer), zerrissene Klamotten (den größten Spaß an der Sache) und keine Erklärungen (und den größten Erfindungsreichtum, wenn es um Strafen ging, die du zu befürchten hattest, würde auch nur ein Wort über sie über deine Lippen kommen).
Oh, sie hatten dich im Griff, denn du hattest niemanden. Deine Eltern, beide Geschäftsleute, brachten dir wenig Verständnis entgegen und waren viel zu beschäftigt, deine ängstliche Fassade zu durchschauen. In der Schule nahm man dich nicht wahr, nicht zuletzt deswegen, weil sie es auf dich abgesehen hatten. Jeder, der gewagt hätte, mit dir in näheren Kontakt zu treten, wäre unweigerlich in ihre Schussbahn geraten. Die Feigheit siegte. Wann immer ich dich sah standest du alleine, abseits, die anderen sehnsüchtig beobachtend.
Und doch, einen gab es, der zu dir hielt, in der ganzen Zeit. Niemals hätte er dich verraten. Er war wohl der Einzige der sich freute, wirklich aufrichtig freute, dich zu sehen. Dein Hund – schon etwas älter. Dein Hund – ein stiller, geduldiger Zuhörer, immer für dich da. Dein Hund – tot im Garten, vergiftet. Ein Gruß von ihnen. Das gab dir dann wohl den Rest.
Worte, die man später auf einem Notizblock in deinem Zimmer fand: „Ich kann nicht mehr!“ Und man fragt sich, hätte man es verhindern können? Man macht sich Vorwürfe. Deine Eltern, sogar einige deiner Schulkameraden.
Auch sie finden es schade, denn sie müssen sich ein neues Opfer suchen und sie lachen über dich und deine Dummheit.
„Ich kann nicht mehr.“ Die letzten Worte, die du an diese Welt gerichtet hast?
Du konntest noch die vielen Stufen hochsteigen. Kein leichter Weg. Auch nach alledem nicht. Du standest eine Weile dort, am Rand, wie dein ganzes Leben lang. Irgendwann gingst du, nur einen Schritt, und fielst. Dreizehn Stockwerke tief.
Ich schaue aus meinem Fenster im Elften Stock. Dort unten lagst du, seltsam verrenkt, zwischen den parkenden Autos. Eine Menschenmenge um dich versammelt. Betroffenheit in den Gesichtern. Schreckensgeweitete Augen. Ich hörte Schreie. In der Ferne eine Feuerwehrsirene. Aufmerksamkeit, wie sie dir dein ganzes Leben lang nicht zuteil wurde. Vielleicht hätte dich ein bisschen davon gerettet, doch zu spät. Zu spät für dich.
Ich öffne mein Fenster und klettere auf das Fenstersims, versuche zu fühlen, was du dort oben gefühlt haben musst.
Eine Zeitlang stehe ich so da. Dann klettere ich wieder vom Sims und schließe das Fenster. Es ist kalt geworden im Zimmer. Es riecht nach Herbst.


(Ich weiß, es ist keine sprachliche Meisterleistung........)

Re: eine kleine Kurzgeschichte

Verfasst: 16.02.2004, 23:27
von razorback
Clyde, sei mir gegrüsst!

Sprachlich keine Meisterleistung? Och... ja, gut, keine Meisterleistung, aber doch auch nicht sprachlich schlecht. Ich habe ein paar Probleme mit dem Text, aber die sind nicht sprachlicher Natur, im Gegenteil. Der Sprachstil ist eigentlich ziemlich gut, direkte Ansprache ist in Ordnung (normalerweise mag ich das nicht, hier passt es),flüssig, sehr ungekünstelt... doch, das geht, finde ich.

Aber zu den Problemen:

1.) Das Thema. Schwierig, schwierig. Ich will gar nicht unterstellen, dass Du da auf einen aktuellen Zug aufspringen wolltest, vielleicht beschäftigt Dich das Thema ja schon lange, aber es ist im Moment natürlich gerade sehr aktuell, und da wird die Prüfung kritischer, was zum nächsten Punkt führt:

2.) Klischees. Im Grunde ist Dein Text die Schilderung eines Stereotyps, alles, von den Gewalttätern über das Opfer bis hin zu dessem Umfeld wirkt wie ein Abziehbild, wie aus der aktuellen Berichterstattung abgeschrieben. Versteh mich nicht falsch - ich sage nicht, dass Du das getan hast. Es wirkt eben nur so, weil es gerade jetzt, teilweise mit den selben Worten durch die Medien geht.

3.) Superklischees. Nicht böse sein - aber Deine Wetterbilder für die Gemütslage sind, gelinde gesagt, unoriginell. Etwas dezenter eingesetzt wären sie nicht so störend gewesen, aber Du bringst sie am laufenden Band und haust einem die Metaphorik regelrecht um die Ohren:

Mein Leben – so grau wie der Himmel.


Puh...
Ein Grenzfall ist der Hund. Einerseits grenzt das an Superkitsch, andererseits öffnet sich hier eine von zwei Türen, mit denen Du Deine Geschichte viel origineller und interessanter machen könntest. Ich komme gleich darauf. Das Bild mit dem nachtblinden Tier ist auch schief (die bleiben nämlich bei Dunkelheit normalerweise in ihren Schlupfwinkeln), mit der Wendung "Sie, die Deine Dunkelheit verkörpern" unterläuft Dir dann der (einzige wirkliche ;-) ) SuperGAU in diesem Text: Aufbauend auf einem schiefen Bild eine weitere kitschige Wendung, die dann auch noch sprachlich umständlich ist. Zum Trost - dieser literarische Unfall scheint nicht typisch für Dich zu sein, es gibt Leute, die produzieren sowas drei, vier, fünfmal in einem Text. Das mit den Eichen ist unlogisch, wenn sie ihn jedesmal da verdreschen, wieso verstecken sie sich dann hinter den Bäumen? Der Überraschungseffekt kann es ja wohl nicht sein. Ebenso unlogisch, dass seine Eltern nichts merken - jedenfalls so, wie Du das schilderst. Wenn sie regelmässig seine Klamotten zerreissen (was für Schlägereien eher untypisch ist) werden sie wohl auch sonst wenig Wert auf das Vermeiden von Spuren legen - was ist mit Verletzungen im Gesicht. Vor allem aber - wie erklärt er die wieder und wieder zerrissene Kleidung? Das lässt sich viel schwerer erklären als Verletzungen. Vielleicht solltest Du auf dieses Detail (Kleidung) verzichten, es bringt Dich in Logikprobleme, die Du vermeiden kannst.

Wie Du vielleicht gemerkt hast, hat mir der Text so wie er ist nicht sonderlich gefallen. Er ist mir, wie gesagt, zu unoriginell und zu klischeehaft. Dabei schaffst Du Dir selbst zwei gute Chancen, aus dieser Eintönigkeit auszubrechen:

1.) Der Hund. Dass sie den Hund vergiften, gibt dem ganzen eine besondere Dimension. Das ist nicht einfach nur eine gedankenlose, brutale Demütigung, wie die Schläge. Dahinter steckt mehr kriminelle Energie: Gift beschaffen, Privatleben beobachten, Giftanschlag planen und ausführen. Aus irgendeinem Grund geht es Deinen Tätern nicht nur darum, einen Schwächeren zu demütigen, sie wollen ihn psychisch vernichten, einer von ihnen zumindest. Irgend etwas ist da anders als in den üblichen Fällen dieser Art. Diese Spur zu verfolgen könnte die Geschichte interessanter machen.

2.) Noch besser wäre eine zweite Möglichkeit: Ich habe Deine Figuren als eindimensionale Stereotypen kritisiert, für eine Figur allerdings gilt das nicht: Dein Literarisches Ich (LI). Diese Figur, die die Geschichte erzählt, ist sehr interessant. Sie beobachtet alles, weiss sogar, dass die Täter den Hund vergiftet haben (was das Opfer selbst ja nur vermuten kann), ist am ganzen Geschehen sehr nah dran, verachtet all jene, die dem Opfer nicht geholfen haben - und hat doch offenbar selbst aúch nichts getan. Dazu dieser Schluss (der mit grossem Abstand beste Teil der Geschichte), der hochinteressant und unterschiedlich zu deuten ist (was die Motivation desLI betrifft) - ich wünschte mir, Du hättest in der ganzen Geschichte den Mut bewiesen, den Du am Schluss beweist. Hier löst Du Dich von den Klischees und dem wohlbekannten, lässt die einzige originelle Figur interessant handeln, und gleicht ist der Text viel, viel besser als alles, was davor war. Ich bin sicher, Du könntest diese Geschichte besser schreiben, wenn Du allen Figuren etwas mehr Substanz gibst, der Geschichte etwas mehr Hintergrund (und wenn es nur für Dich ist, Du musst ja nicht alles erzählen, was Du weisst) und Dich insgesamt tiefer in Dein LI versetzt. Weniger Blätter, Eichen, Tiere - mehr Inhalt ;-) Nach dem Schluss zu urteilen, müsstest Du das können.

Titelvorschlag: "Nicht gesprungen"

Aber ich war nie besonders gut mit Überschriften :-D