Eine Fiktion

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Hamburger
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Eine Fiktion

Beitragvon Hamburger » 22.08.2016, 07:40

Fans? Weltklasse! Stadt? Phänomenal! Mitspieler? Einsame Spitze! Fußballer sind genau wie Politiker der absoluten Wahrheit verpflichtet, um ihre Rolle als integere Rollenmodelle in der friedfertig-westlich-liberal-demokratischen Gesellschaft vorbildlich ausfüllen zu können. Das treibt ihre Sympathiewerte zu Recht in unermessliche Höhen. Doch was wäre, wenn ein Fußballer hemmungslos lügen würde? Die Zeitschrift „Wir protokollieren die Falschaussagen unserer Leitsterne am Horizont“ (kurz: WpdFuLaH) hat sich ein fiktives Interviewszenario mit einem nicht existenten Balltreter namens „Lügender Spieler“ (LS) ausgedacht. Ein veritabler Skandal, der uns im Umgang mit verführerischen Verdrehungen unserer real existierenden heilen Wattebäuschchenwelt schulen kann…

WpdFuLaH: Herr XYZ, wie ist Ihr erster Eindruck von Ihrem neuen Club?
LS: Ist echt zum Brüllen hier. Die Stadt ist so unfassbar langweilig. Selten bin ich in so einer Anti-Metropole gewesen. „Dorf“ wäre noch geschmeichelt.

WpdFuLaH: ABC hat immerhin 200.000 Einwohner!
LS: Ja, aber was für welche! Haben Sie sich diese Individuen mal genau angesehen? 7000 davon hingen gleich am ersten Trainingstag auf der Trainingsanlage rum. Nur um uns zuzugucken. Das ist doch krank.

WpdFuLaH: Sie nehmen die Unterstützung der Fans nicht positiv wahr?
LS: Kein Stück! Wer tagsüber überbezahlten Profi-Fußballern bei langweiligen Dehnübungen, Fünf gegen Zwei, Sprints und Torschüssen zuguckt, und danach stundenlang in irgendwelchen Foren die taktischen Erklärungen des Trainers diskutiert, hat einfach sonst nix zu tun. Solche Leute haben sie doch nicht mehr alle. Mir ist schon klar, was das wieder für Gestalten sind. Arbeitslose und Trinker mit überbordenden Erwartungen. Kein Wunder. Wer in einer Stadt lebt, wo der Dönermann um die Ecke nicht mindestens vier Saucen im Angebot hat, muss ja depressiv werden.

WpdFuLaH: Es gibt einen guten Dönerladen in der Schefflerstraße. Sie fahren…
LS: Ich rede von bei mir um die Ecke!

WpdFuLaH: Sie hätten ja woanders hinziehen können?
LS: Sie wollten wohl mal Komiker werden, was? Etwa in die Innenstadt? Da begegne ich doch tagtäglich diesen „Fans“. Die quatschen mich dann auf das letzte Spiel an, wollen Selfies oder ich soll ihnen erzählen, wie wichtig mir das Derby ist. Schlimm genug, dass ich Autogramme nach dem Training schreiben muss. Aber ich wehre mich! Neulich habe ich meinen Namen bei einem Fünfjährigen falsch aufs Trikot geschrieben. War lustig.

WpdFuLaH: Warum sind Sie denn gewechselt, wenn es nicht an den Fans oder der Stadt liegt? Vielleicht wegen der neuen Mitspieler?
LS: Nö. Okay, den einen kenne ich noch aus gemeinsamen Zeiten im Jugendknast. Ein anderer pokert ganz gut, ein dritter dealt nebenbei. Aber Fußballer sind halt letztlich blöde. Beziehungsweise verlogen. Oder eine Mischung aus beidem. Meine Freizeit verbringe ich nicht mit denen, sondern mit der Spielekonsole. Und auf dem Platz will ich vor allem den Ball haben. Wozu brauche ich die anderen?

WpdFuLaH: Fußball ist ein Mannschaftssport!
LS: Ja, ja, auch so eine Floskel. Völliger Unsinn. Obwohl…wenn das heißt, dass die anderen für mich laufen sollen, stimmt das natürlich. Ich bin mit meiner Supertechnik der neue Star hier.

WpdFuLaH: In ihren letzten Vereinen waren Sie eher Mitläufer.
LS: Da täuscht Sie Ihre Wahrnehmung. Und Hummer mit reichlich Champagner wird diese demnächst völlig verändern. Interna aus der Mannschaftskabine wird Ihr Bild abrunden. Ich habe gelernt, das sage ich Ihnen. Bald liegt mein Notendurchschnitt in Ihrer Zeitung bei 2,8.

WpdFuLaH: Sie unterstellen uns wirklich…
LS: Ach, tun Sie doch nicht so empört. Ist doch immer ein Geben und Nehmen. Jeder Journalist braucht Quellen. Ich habe das leider sehr spät gelernt. Aber noch ist es nicht zu spät.

WpdFuLaH: Zurück zum Thema…
LS: Ein schicker neuer Jaguar…

WpdFuLaH: Hören Sie auf!
LS: Windschnittig, kann 400 fahren, macht Eindruck bei den Weibern…

WpdFuLaH: Lassen Sie das oder wir melden das Ihrem Vereinschef!
LS: Mit goldenden Türgriffen und doppeltem Boden mit eingebautem SM-Equipment für die ein oder andere Schweinerei…

WpdFuLaH: Wir reden später darüber. Warum, in des Fußballgottes Namen, sind Sie denn nun hierher gekommen? Es liegt nicht an den Fans, nicht am Verein, nicht an den Mitspielern. Woran dann? Am Stadion vielleicht?
LS: Witzbold. Diese Multifunktions-Arenen sehen alle gleich aus. Für mich ist das faschistische Einheitsarchitektur.

WpdFuLaH: Also?
LS: Sie haben mich ja jetzt etwas kennengelernt. Können Sie sich wirklich keinen Grund denken?

WvulahzF: Geld?
LS: Hurra, der Kandidat hat 100 Punkte! (klopft dem Journalisten anerkennend auf die Schulter) Natürlich Geld! Weshalb denn sonst? Die schieben mir hier so viel Geld in den Arsch – ich kann kaum noch sitzen. Ein Fußballer hat ja nur ein paar Jahre, um Geld zu verdienen…bla, bla, bla. Ich lege natürlich nix weg für die Altersvorsorge. Ich sterbe mit 40. Aber bis dahin, Holla die Waldfee, da mache ich mir ein richtig geiles Leben. Sex and Drugs, bin halt im Herzen Rock`n Roller.

WpdFuLaH: Aber wie können Sie auf diese Weise Bestleistung bringen?
LS: Doping natürlich, wie denn sonst? Jetzt gucken Sie doch nicht so scheinheilig entsetzt. Alle dopen. In jedem Sport. Wir sind doch hier nicht im Kindergarten. Jeder Sport funktioniert nach dem Prinzip „Höher, Schneller, Weiter“. Was glauben Sie, wie es kommt, dass immer noch Rekorde gebrochen werden? In den 70ern war eigentlich Schluss. Die Leute wollen aber Brot und Spiele – und unglaubliche Leistungen. Also kriegen sie die.

WpdFuLaH: Schach funktioniert nicht nach dem Prinzip „Höher, Schneller, Weiter“.
LS: Schach ist kein Sport. Schach ist Hirnwichserei für Intellektuelle mit Chips und Cola vor Internetblogs, die keine Frau abkriegen. Wie sagten Sie gerade so schön? Zurück zum Thema!

WpdFuLaH: Okay, Sie dopen. Gutes Doping kostet.
LS: Macht nichts, organisiert ja der Verein, während Sie und Ihre Kollegen am Büffet stehen und darüber sinnieren, wie viel Mannschaftsgeist in unserem Team steckt. Ich könnte fast umfallen vor Lachen, wenn ich daran denke.

WvulahzF: Es gibt Dopingtests…
LS: Ja, ungefähr so wirksam in ihrer Anwendung und Häufigkeit wie die Parolen der Hippies in der Postmoderne.

WvulahzF: Sie tun uns leid. Hatten Sie nie Ideale?
LS (denkt lange nach): Ganz, ganz, ganz früher vielleicht. Bis mir Franziska im Kindergarten absichtlich auf den Fuß trat. Da wusste ich: Jetzt herrscht Krieg. Und sehen Sie mich an: Ich habe alles, was Sie nicht haben. Dennoch gönne ich Ihnen Ihr Büffet, Ihre falschen Spielanalysen und die fetten Gehaltschecks Ihrer Zeitung.

WpdFuLaH: Lieben Sie den Fußball?
LS: Klares Ja! Er macht mich reich! Hintergrundgespräch damit beendet?

WpdFuLaH: Ja. Vielen Dank.
LS: Immer wieder gerne. Denken Sie dran. Fällt alles unter „C“. Sie dürfen nichts davon verwenden. Der Jaguar geht Ihnen dann demnächst mit der Post zu. Hihi, kleiner Scherz am Rande. Sagen wir, mit der ersten Note „2“ für mich haben Sie sich die Türgriffe verdient.

(WpdFuLaH verlässt nachdenklich den Raum und wird durch Mensch von einem großen, voll wichtigen Fachmagazin abgelöst…

Großes, voll wichtiges Fachmagazin: Herr XYZ, wie ist Ihr erster Eindruck von Ihrem neuen Club?
LS: Wahnsinnig gut. Der Trainer ist ein Fußballverrückter. Ich hatte ganz tolle Gespräche mit ihm und natürlich auch mit dem Manager und dem Präsidenten. Und die Fans erst. Die Begeisterung war schon beim Trainingsauftakt unglaublich spürbar. Es war sehr, sehr intensiv. Es mag abgedroschen klingen, aber alle hier fühlen es: Dieser Verein ist etwas ganz Besonderes! Ich will dabei helfen, ihn zu alter Größe zurückzuführen. Ich werde dafür das Letzte aus mir rausholen, das verspreche ich.

Großes, voll wichtiges Fachmagazin: Gefällt Ihnen die Stadt?
LS (lacht): Ganz ehrlich: Es ist sehr, sehr wunderschön hier. Die Lebensqualität ist viel, viel höher, als man denkt. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man sich nur von außen ein Bild macht oder mittendrin ist im Geschehen...

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