Sein letzter Kampf XV

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Pentzw
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Sein letzter Kampf XV

Beitragvon Pentzw » 21.02.2017, 14:18

Das Bankett I

Sie stand da wie ein Paradiesvogel, inmitten der Promotionsfeier der Fakultäten für Biologie, Chemie und Pharmazie. Es fehlten nur die bunten Federn. Aber schon mal geistig war sie hier ein Exot.
Die Herren Professoren, graumeliert und glatzköpfig und die frischgebackenen Doktoren hielten steif ihre Sektgläser in Händen, während sie sich unterhielten, die Konversation bemüht voranzutreiben und nichts unversichert zu lassen. Waren es sehr anstrengende Gespräche, aber ja, denn keiner wollte sich die Blöße geben, nicht den Gepflogenheiten einer formellen Konversation entsprochen zu haben, indem er vergessen hatte, nach der Ehe-Frau zu fragen, nach dem Weiterkommen an der Dissertation, Promotion, der nächsten Veröffentlichung, nach dem letzten Beinbruch oder einfach einen Ausrutscher begangen zu haben, weil man sich hat gehen lassen, indem man entweder zu emotional gewesen oder noch besser, sich zu emotional gezeigt hatte bei einem Thema, einem angesprochenen Bereich, einem Aspekt des Lebens, der eben nicht die kalte Nüchternheit des wissenschaftlichen Terrains berührte.
Offensichtlich waren manche Gespräche anstrengender als gut war, denn viele der Gäste umklammerten ihre Sektgläser, als ob sie sie am liebsten am Alkohol würden festhalten wollen und sie wunderte sich, dass das Material nicht in ihren Händen zerbarst.
Sie nippte vom Sekt und fühlte sich wieder etwas besser.
Insgeheim wartete, lechzte man schier auf die Zeremonie, die Urkundenübergabe. Danach wollte sich wohl jeder in die Unterhaltungsangebote stürzen, wenn nicht klammheimlich von dannen stehlen. Und je weiter die Zeit verstrich, je länger dauerte, desto nervöser wurde die Rede, beschleunigte sich gar das Tempo, man unterbrach sie oft abrupt, um vielleicht auf das erhoffte Signal zu lauschen und um dann wieder um so hektischer, mit einem künstlichen Lachen eingesetzt, fortgesetzt zu werden. Der Abend musste zu Ende geführt werden, gekrönt von einem Feuerwerk und Freudenfeuer. Aber das kam am Schluss. Jetzt galt es, bis dorthin durchzuhalten, zu stehen, zu reden – mehr als weniger aufrecht und das Gesicht wahrend. Sie nippte nervös am Sektglas.

Es würde noch dauern, noch waren nicht alle Prominente versammelt. Aber ah, da kamen die Großkotzerten, sprich VIP’s (Very Important Persons), die Vertreter der Industrie, die von der pharmazeutischen. Die Fakultäten, die mit Medizin, Chemie, Biologie und Pharmazie zu tun hatten, waren an dieser Universität besonders stark vertreten.
Diese Herren unterschieden sich vom Beamten, den Eckpfeilern des Verwaltungsapparates der Universität, nicht nur äußerlich, indem sie beispielsweise gerne bunte Krawatten trugen, oft blaue und der, der auf sie zukam, war heute besonders keck, krönte ihn doch eine burgunderrote Samtkrawatte. Dass sie oft auch ihre Hände in den Hosentaschen hatten, war ein weiteres, sehr signifikantes Merkmal dieser Führungskräfte. Die Studentenschaft unterstellte diesen vom Auftreten her wie Scharlatane wirkenden Herren von Welt, Industriemagnaten und Top-Manager weniger Leistungsfähigkeit als viel mehr den Charme und die Cuzpe zu einer Stellung gekommen zu sein, via der Ehelichung einer reichen, reichen Tussi.
„Diese armen geld- und erbadeligen Dinger wurden über den Tisch ins Bett gezogen und danach sofort vor den Altar geschleppt“, hieß es oft von Kichern begleitet.
Besonders taten sich unter den schmutzige Wäsche waschenden Stundenten die sogenannten Burschenschaftler hervor, die vorgaben, es wissen zu müssen, weil sie behaupteten, mit diesen Herren oft am Tisch ihre Humpen gestemmt zu haben – und die ihr besonders widerwärtig erschienen, ohne dass sie genau sagen konnte, warum.
Seit dem sie studierte und promovierte konnte sie verfolgen, wie das Ansehen dieses Typ von Berufsmensch stieg, Ranking hieß das, wie heiß-bekehrt diese großen „Tiere“ der Industrie wurden und allesamt und alle anderen wie bei der Balz um diese herumscharwenzelten und -tanzten. Die Ministerialbeamten, diejenigen von der Deutschen-Forschungsgesellschaft, welche auch Forschungsaufträge vergaben, standen zusehends im Schatten derer. Der Staat wurde zurückgedrängt als Initiator, Steigbügelhalter und verblasste an Bedeutung und mischte nur formalita mit und bekam am Schluss stets die mageren Stücke ab. Die fetten Happen fraßen die Wölfe der freien Marktwirtschaft. Das Geld, die Effizienzideologie durchwirkte alles, überspannte, zersetzte, unterminierte krebsgeschwürartig den Körper der Universitäten, den sogenannten Körperschaften des öffentlichen Rechts.
Übrigens fühlten sich diese Herren oder Wissenschaftler, die von ihnen Aufträge bekommen hatten, die oft genug vom Staat selbst mitfinanziert werden, so sicher und dreist, dass sie offen kundtaten, wie erträglich deren Aufträge waren und frei zugaben, dass mit dem Staat nun einmal die besten Geschäfte zu machen waren.
Sie erinnerte sich an ein Gespräch mit so einem. „Oh, der Eurofighter. Ist zwar noch nicht zum Flug gekommen, äh, vorher abgestürzt, aber die Bezahlung war schon exorbitant!“ Und feistes Lachen, nicht einmal unverschämt, einfach nur satt, zufrieden und wohlgefällig.
„Oh Pardon!“
Jemand hatte sie angestupst.
„Terrier!“
Ja, die Forschung, schön und gut, aber bitte dann technische Innovation, zielgerichtete, solche, die man später auch gebrauchen und verwerten, die nützlich und profitorientiert ist, kurzum, mit denen schließlich künftighin eine neue Start-Up-Firma gegründet werden konnte.
Erneut nahm sie einen Schluck aus dem Sektglas. Der Sekt war gut.
Sie sah einen solchen Aufsichtsrats-Vorsitzenden eines großen Pharmaziekonzerns sich zwischen den Leibern hindurch auf sie zuschmuggeln und zubewegen, ein breites Lächeln auf den Lippen. Das hatte er immer, stets lächelte er, egal, was sie sagen mochte. Allmählich kam sie sich nicht mehr ernst genommen vor. Sicher, sie war klein, er ein großer, hagerer Kerl, aber entscheidend war, dass sie eine Afrikanerin war, ein Exot, noch immer einer der wenigen raren Exemplare an der Universität. Sollte sich etwas geändert haben - immer mehr ausländische Studenten besuchten hierzulande Hochschulen - aber wie wenige doch aus Afrika!
Dieses süffisante Lächeln, wie sie es hasste! Gönnerisch so von oben herab! Aber heute sollte er sich gehörig getäuscht haben und noch sein blaues Wunder erleben, dieser Herrenmensch!
Weswegen nur dieser lange Lulatsch gerade sie allzu gerne zu einem Plausch einwickelte?
Es lag ein erotischer Moment darin zum einen. Die Biologen, und sie hatte auch biologische Vorlesungen gehört, besonders Entwicklungspsychologie, sprechen vom Beschützerinstinkt. Ja, Mann, groß, stark, mächtig wirkend, bemächtigt sich der kleinen, schwachen und schwarzen Frau aus zurückgebliebenem Entwicklungsland.
Das andere wäre, dass sie neben diesem instinktgeleiteten Verhalten als Alibifunktion herhalten musste. Und nicht etwa ihre Kapazität, ihre hervorragenden Leistungen im Studiengang und auf der Universität.
Nein, das als Letztes!
Nach den Eingangsfloskeln kamen sie auch bald auf ihr Lieblingsthema zu sprechen: Die Ausbeutung der Dritten Welt durch die westliche. Besonders eklatant natürlich die gesundheitliche Versorgung in Afrika. Himmelschreiend. Warum der Westen tatenlos zusähe?
„Aber macht er doch nicht. Sehen sie selbst, eine Vertreterin Afrikas, können an ausländischen Universitäten studieren.“
„Lenken Sie bitte nicht ab mit offensichtlichen Schmeicheleien, die bei mir nicht verfangen. Sie wissen genau, worin das Problem besteht.“
„Ja, aber Afrikaner können jederzeit Medikamente kaufen!“
„Hätten sie denn die erforderlichen Mittel dazu.“
„Dass die meisten afrikanischen Regierungen korrupt sind, kann nun wirklich nicht dem Westen in die Schuhe geschoben werden!“ Und Herr Aufsichtsratsvorsitzender genehmigte sich einen großen Schluck aus seinem stilvollen Sektgläschen.
„Ja, das sagt ihr immer! Die Afrikaner sind schuld, selber schuld an ihrer Misere. Aber warum marschiert ihr nicht in diejenigen Länder ein, die korrupte, despotische Staatsstrukturen haben? Im Irak konntet ihr auch handeln und das diktatorische Regime beseitigen, wenn auch aus gezinkten, getäuschten, manipulierten, gefakten [gefäekten] Gründen!“
„Ja, stimmt, Fräulein!“
Ätzend, widerlich!
Wie sie diesen Ausdruck hasste! Als ob sie geistig, sprich kognitiv minderer bemittelt und weniger gut ausgestattet sei als verheiratete Frauen!

Sie hatte ihren Glauben bei ihrem letzten Aufenthalt in Afrika verloren. Vorher war sie tiefreligiös gewesen. Wie viele aus ihrem Land. Auch hatte sie die Misere, die in ihrem Land herrschte, zunächst gar nicht richtig wahrgenommen, erst durch den längeren Aufenthalt in anderen Ländern, Saudi-Arabien, England und Frankreich wurde sie sich dessen, was in ihrem Land für ein Zustand herrschte. Sie ging durch ihre Heimatstadt und verglich die Straßen, die Gebäude, die Wohnung, Hütten, feuchten Steingebilden, in denen zusammengepfercht die Menschen hausten und lebten, mit denen im Westen, mit reichen arabischen Ländern und was sie damit plötzlich an Elend, Not und Tod gesehen hatte, hat ihr ihren Glauben ausgetrieben. Die Religion war ihr so viel Trost, Halt und Stärke gewesen. Besonders Jesus! Aber plötzlich sprach Jesus nicht mehr zu ihr. Seine Stimme war ausgeblieben, eines Tages, nicht zufällig, aber sie war verschwunden. Lange hatte sie sich nach dieser Stimme zurückgesehnt. „Jesus, warum hast Du mich verlassen?“, hat sie in ihrer bittersten Stunde wie er selbst am Kreuz zu seinem Herrn ausgestoßen. Aber danach hatte sie es hingenommen. Jesus war verschwunden, ihr Glaube, die Zuversicht, die Hoffnung.
Jesus, der ihr so oft geholfen hat, dieser gute Freund!
Sie hatte einen Andersgläubigen kennengelernt, sich dessen Gemeinde genähert und beinahe angeschlossen, hatte sie dort wie nicht mehr in der katholischen Kirche so viel Hingabe, Innerlichkeit und Glauben gesehen. Aber deren Gott hat nicht zu ihr gesprochen. Heute weiß sie, nur aus Sehnsucht nach dem verlorenen Glauben, so dass sie sogar dieser Gemeinschaft beigetreten wäre...
Trotz intensivsten Hoffens, Sehnens und Herbeibetens ist Jesus nicht wieder in ihr Leben eingetreten und zurückgekommen. An den anderen Gott konnte sie nicht glauben, vielmehr sprach er überhaupt kein Wort mehr mit ihr. Ach, in dieser Zeit und dieser Gemeinschaft fühlte sie sich so erbärmlich allein.
Mit der Entscheidung, heute, hier ein Zeichen zu setzen für diejenigen, die so sehr an dem Elend in der Welt Afrikas, aus dem sie kam, Anteil haben, hoffte sie in letzter Konsequenz und Instanz, wieder ihren Glauben zu finden. Jenseits!
Diesseits war kein lebenswerter Ort ohne Glauben!
Das stand fest, fühlte sie, glaubte sie.

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