AUCH EINE
Verfasst: 04.05.2004, 01:21
Schliesslich hatte Quart einen Schnupfen. Seine Wohnung füllte sich mit Taschentüchern. Nicht sofort natürlich. Bei realistischer Betrachtung kann das nicht sofort geschehen sein. Alles hatte damit angefangen, dass Quart ein wenig Schnupfen bekommen, dass Quart eine Familienpackung Tempotücher gekauft, in eine ärztliche Praxis gegangen war, und sich daheim auf die Couch gelegt hatte. Das ist auch nicht ganz richtig. Quart war eines Tages nämlich auf ein Stellengesuch hin erschienen, in der Tür gestanden und hatte sich vorgestellt. Woraufhin unser Chef sich Quarts Lebenslauf angesehen, die eine und andere Frage gestellt, ihn dann in der Agentur willkommen geheissen hat.
Im Büro muss Quart auf einem der beiden Bauhausstühle gesessen sein. Auch wird er die Bilder hinter dem Schreibtisch unseres Chefs betrachtet und unserem Chef zugehört, Fragen beantwortet haben. Die Vermutung liegt nah, dass Chef die Bewerbungsunterlagen abgefragt hat, ihm erzählt hat „Wir sind ein dynamisches Unternehmen, jung“. Tatsächlich gab es kurze Zeit später die Gerüchte, dass Quart überqualifiziert sei für den Job, dass Chef einem alten Freund einen Gefallen geschuldet habe. Quart wurde uns dann im Flur vorgestellt. In einem schief anliegenden Sakko stand er da, neben ihm unser Chef, und während der jeden von uns mit vollen Namen vorstellte, betrachtete Quart abwechselnd jede der Türen, die in die anderen Büroräume führen. Der Händedruck war schwach. Schliesslich zog er sein Jackett aus, legte es über den Arm und verliess das Büro, aber nicht ohne sich im Treppenhaus noch einmal umzudrehen. Da standen wir im Eingangszimmer und sahen ihn an.
Alles gewöhnlich zuerst. Quart würde sich an den Agenturalltag gewöhnen, sich einleben. Mädchen für alles im Grunde genommen, Buchhalter. Die Haltung die er einnahm, wenn man mit ihm sprach, sein Gesicht, das kaum eine Miene entgleiten liess, fiel auf. Erklären wollten wir das mit ersten Beruhrungsschwierigkeiten. Ganz normal. Mit der Zeit würde das verschwinden, die Arbeitsroutine ihn mit uns auf eine Ebene bringen.
Frei war kein Büroplatz mehr, also liess Chef einen Teil des Flurs mit Trennwänden abstellen und dort den Arbeitsplatz einrichten, einen kleinen Tisch, einen Stuhl, gleich neben dem Kopierer. Und die ersten Wochen war Quart fast ausschliesslich im vorläufigen Büro zu finden. Er ging dort ganze Stapel von Akten durch, oder er war gerade auf dem Weg zwischen dem Aktenschrank im Flur und seinem Schreibtischchen, tauschte einen Aktenordner durch den anderen aus. Mit der Zeit schien man sogar eine Verbesserung festzustellen: Quart verliess seinen Schreibtisch öfter, betrat sogar die Büroräume von uns anderen. Krank wurde er nie. Er begann seinen Mitarbeitern Hilfe anzubieten, teilte, ohne dass man ihn gefragt hätte, Druckerpapier aus wo es gebraucht wurde, brachte Dokumente oder Formulare, die gerade nötig waren, er fing sogar an die Bleistifte zu spitzen. Und wenn man sich auch wunderte, man bedankte sich und glaubte, Quart beginne sich einzufügen.
Quart soll sogar längere zusammenhängende Gespräche geführt haben - das behauptet B., die bis vor kurzem Praktikantin bei uns war. Tatsächlich hat man an einem Tag die beiden am Kopierer stehen und sich unterhalten sehen. B. behauptet, sie hätte dringend eine Kopie anfertigen wollen, sie sei deswegen zum Kopierer gegangen. An dem Tag soll Quart schon einige Stunden am Kopierer gestanden sein. Er habe aber, auf die freundliche Frage hin, den Kopierer nicht überlassen wollen, er müsse erst noch fertig kopieren. Sie wolle noch warten. B. meint, ihr wäre aufgefallen, dass Quart ein Blatt mit Kästchen auf den Kopierer gelegt, die Kästchen mit einem Buntstift ausgemalt hat während des Gesprächs. Sie habe ihn darauf angesprochen, ihr sei schon aufgefallen, dass einige der kopierten Aktenstösse mit solchen karierten Notizblättern versetzt seien. Was es damit auf sich habe. Quart aber wich der Frage aus. So sei man ins Gespräch gekommen.
Mit der Zeit würden Quarts anfängliche Berührungsprobleme verschwunden sein, uns fiel aber zusehends auf, dass sich nichts an seiner Einstellung änderte. Uns wurde klar, dass sich seine Tätigkeit im Büro auf genau diese wenigen, also Kopieren, Bleistifte spitzen und Materialien verteilen, beschränkte. Dazu kam noch die geringe Bereitschaft Quarts, sich –Ausnahme der Plausch mit B. am Kopierer – auf Gespräche einzulassen, die über kleine Hilfsarbeiten hinausgehen. Schliesslich rätselten wir, weshalb Quart noch immer angestellt war. Später muss es aber eine Situation gegeben haben, in der Quart wieder auf einem der Bauhausstühle sass, um unserem Chef Rede und Antwort zu stehen, sein fehlendes Engagement rechtfertigen musste. Dass er nämlich nur Kopien anfertigte war das eine, doch seine Kopien wurden zunehmend schlampiger, die Blätter etwa unvollständig kopiert, oder man fand Blätter darunter, die mit dem eigentlichen Dokument überhaupt nichts zu tun hatten. Auf einem Blatt standen ein paar Zeilen geschrieben, ich erinnere mich aber nicht an mehr. Auf meinem Schreibtisch befand sich ein Mal ein Stoss, jedes dritte Blatt war eines dieser karierten Notizblätter. Quart hatte nicht alle Karos ausgemalt, sondern geometrische Figuren zusammengesetzt oder Häuser gemalt, noch häufiger schienen die Karos nach einem einfachen Muster ausgemalt zu sein, nämlich links oben beginnend und von da jedes folgende zweite Kästchen. Als ich ihn darauf ansprach schien er davon nichts zu wissen. Auf einem Blatt waren ein paar Zeilen geschrieben, ich erinnere mich aber nicht an mehr.
Im folgenden haben wir B. und Quart öfter an dem Kopierer sprechen sehen, zumindest das ist wahr. Unklar war nur, worüber man mit Quart sprechen, mit welchem Gesprächsthema Quart selbst hinreichend umgehen könne, um damit eine halbe Stunde oder mehr zu füllen. Gut, das hat man beobachten können. Man kann aber davon ausgehen, dass die Hälfte dieser Zeit mit Bleistiften zu tun gehabt hat.
Man hat ein Gespräch mitbekommen an einem Tag:
-Quart, Frau B. musste heute morgen einen Arzttermin wahrnehmen und kann deswegen einen Auftrag nicht erledigen. Würden Sie diese Aufgabe übernehmen?
-Ich möchte lieber nicht.
-Aber wollen Sie nicht wenigstens anhören worum es sich handelt?
-Nein.
-Aber...
-Nnein.
[...]
wie es gewesen wäre wenn oder
wasweißich wie wenn es gewesen wäre
war war und voller haar gut überall
wie das so war überall und gut sehr gut
na und das is ja etwas ist ja etwas ja
so eigenartig und ganz komisch gelt
geht auch brav weiter das brav weiter
prima und die sache kriegt schwung
und findet in der sprache statt nicht
i man i man i man
[...]
reinhard priessnitz, ballade 1
Möglicherweise hätte sie ihn angelächelt, hat es vielleicht sogar getan, sie sei vielleicht soweit gegangen, ihm das leere Glas hinzuhalten. Er wäre dann zur Theke, um ihr ein volles Glas mitzubringen, sie habe sich dann mit einer Freundin unterhalten. Man hat die beiden gesehen, sie eine Strähne zwischen den Fingern rollend, sie würde vielleicht soweit gehen, einzuräumen, sie hätte seine Hand berührt wie er zurückkam mit zwei Gläsern. Aber auf keinen Fall, auf keinen Fall wäre sie soweit gegangen ihn zu küssen, obwohl, wie sie im Stande wäre einzuräumen, sie ihm das „Du“ angeboten hätte, wenn Quart ihr weniger verschlossen erschienen wäre. Er habe ihr wohl ein Taschentuch angeboten, sie sei in letzter Zeit oft verschnupft, aber das bedeute ja nichts. Mit der Arbeitskollegin sei sie sehr gut ins Gespräch, sogar bald ins Plaudern gekommen, über einen gemeinsamen Arbeitskollegen. Quart aber sei zu keinem Moment Thema gewesen.
Auch sonst überraschte Quart uns diesen Abend. Er war nicht zu erwarten auf dieser Betriebsfeier, hielt sich aber folgerichtig abseits, wie es, wenn man an Quart dachte, inzwischen Brauch geworden war, wie während der Bürositzungen im Meeting-Raum:
-Was?
-Quart, wollen sie nicht auch etwas dazu sagen?
-Ich möchte lieber nicht.
-Wie sie wollen.
Die Arbeitskollegin, danach gefragt, gibt keine Auskunft. So müssen wir uns auf die Sprache, auf die Aussagen von Quart und dem Mädchen verlassen. Das Mädchen dabei ist B., von der Quart immer als: „Das Mädchen“spricht. Hinter den Trennwänden im Flur sitzt Quart und wir lassen ihn sprechen.
Auf keinen Fall habe das Mädchen mit Quart persönlich sprechen wollen an dem Nachmittag vor der Feier. Sie habe einfach mit jemandem sprechen müssen, warum will er nicht sagen, und da Quart gerade am Kopierer gewesen sei und sie angesehen hatte, habe sie mit ihm gesprochen. Irritierend sei es gewesen, da vor dem Kopierer, wie er den Blick fast ausschliesslich auf dieses Blatt Papier gerichtet hatte und Kästchen malte, ab und zu einen Blick auf sie warf, einen Satz sprach, ein Kästchen malte, aber er habe Interesse gezeigt, Fragen gestellt, sie habe sich dabei nichts gedacht.
Auf keinen Fall habe sie ihm erzählt, erst recht nicht mit ihm geflirtet, auf keinen Fall ihm erzählt, dass sie sich allein fühle, das sei undenkbar, man spreche nicht mit jedem x-beliebigen über sowas, und sie fühle sich nicht allein, es gehe ihr gut, Quart dagegen sei ein wunderlicher Mensch. Er wolle sich noch ein Mal heiss verlieben, so er, heiss verlieben habe er gesagt, aus heiterem Himmel, und wer sagt sowas schon, so das Mädchen, aus heiterem Himmel, jemandem, den man nicht kennt, sagt man sowas nicht, undenkbar, so etwas überhaupt zu erzählen, so das Mädchen, und da verlassen wir sie und wenden uns Quart wieder zu. Das Mädchen habe sehr schön ausgesehen, sagt Quart, und den Umständen entsprechend kann man ihm glauben, so war das. Aber traurig sei es, meint Quart. Er habe sie schon eine Weile gekannt, sich bemüht, das wissen wir, es war aber nichts daraus geworden mit dem Mädchen, schliesslich sei es an diesem Abend aber doch passiert, so Quart, den das vor eine unerhörte Begebenheit stellt, die Ursachen für dieses nahe Zusammenkommen, so Quart: „Zusammenrücken“, beide sassen schliesslich auf einem der Tische während des Fests, angefangen hatte der Abend damit: „dass ich mein Bett verlassen habe, mit dem linken Bein aufgestanden bin, in einem leicht unordentlichen Zustand, also in einem Aufzug, den habe ich Wochen schon getragen“. Es habe auch sonst keine Umstände gegeben, die darauf hätten hinweisen können, dass dieser Tag sich anders gestalten würde als die anderen. „Üblicherweise würde ich eine Zigarette anzünden, auf der Bettkante rauchen, den Fernseher einschalten, einige Zeichentrickfilme sehen, Schwammköpfe, mich duschen, anziehen, dann essen, warten auf, die Haare trocknen, dann ins Büro kommen“ - was letzteres für Aussenstehende ungewöhnlich ist, nämlich erst am späten Nachmittag das Büro betreten, wer Quart nicht kennt würde meinen wir hätten längst die erforderlichen Massnahmen getroffen und ihn von seinem Angestelltenverhältnis befreit, aber wer meint, wir hätten es nicht versucht, hat Quart nie kennengelernt, „Verschwinden Sie, gehen...“, „Nein, ich möchte lieber nicht“, unser Chef hat ihn nicht hinausgeschmissen, über die genauen Gründe sind wir nicht im Bilde. (B:...) Auf keinen Fall sei das Gespräch mit Quart ins Persönliche gegangen. Man habe sich einfach unterhalten, sei sehr nah am Agenturalltag geblieben. Die Musik vielleicht zum Thema gemacht. Auf keinen Fall sei es dabei zum Flirt oder gar zu mehr gekommen. B. hat Quart nicht erzählt, wie schön es doch wäre, “einen Urlaub machen”, sich, irgendwo am Meer, zu verstecken, zu zweit, und sich osteuropäisch klingende Kosenamen zu geben, “Kochanka”, sie hat sich, nicht neben Quart sitzend, nicht an ihre Kindheit erinnert, aber sie habe vielleicht ein paar zuviel getrunken, ihrer Jugend in einem Dorf am Meer erinnert, und ausgemalt wie schön es wäre mit jemandem, “zurück in das Dorf fahren”, mit jemandem dort ein paar ländliche Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, die Geborgenheit des Landlebens, fernab von der “Geschäftigkeit der Stadt”, keine Angst vor Krankheiten, keine Pflichten, keine Geld- oder Beschäftigungssorgen, märchenhaft-osteuropäische Kosenamen. (Quart:...) Quart und das Mädchen seien sich aber doch ganz nah gekommen, was nur heissen konnte, sie hätten miteinander geschlafen, meint Quart, der auf dem Flur hinter seinem Schreibtischchen sitzt und uns ansieht. Weil wir ihm nicht glauben, hat er sein Hemd aufgeknöpft, uns eine Stelle an seinem Hals gezeigt, wir haben das aber nicht gelten lassen wollen, es ignoriert. Man sei irgendwann von der Feier gegangen. Das Mädchen habe danach neben ihm gelegen, so ganz nackt, und sein Atem sei sehr flach gewesen, ruhig sogar, und sein Herz habe sehr ruhig geschlagen, während beide nebeneinander lagen, sie ihren Kopf auf seiner Brust, oder war es umgekehrt, seine Stirn an ihrem Hals, und er habe ihre Atmung sehen können, die Brust die sich hebt und senkt bei jedem Ein- Ausatmen, und auch der Bauch, und in seinem Bauch habe sich etwas Warmes bemerkbar gemacht, oder, genauer, vom Bauch aus bis zum Hals sei alles bei ihm warm gewesen, in seinem Kopf eine unbekannte Klarheit, jaja, Helligkeit sogar, meint Quart, der das immer wieder beteuert, er habe so ein Gefühl, über dem gesamten Körper, über seiner Haut noch nie so deutlich verspürt und einfach so daliegen, oder sogar die Anwesenheit eines anderen Menschen ertragen können, und es war ihm ganz klar erschienen, dem Mädchen davon zu erzählen und es immer wieder küssen zu wollen, so ganz innig, sagt Quart.
Das Mädchen aber, danach gefragt, leugnet alles.
Im Büro muss Quart auf einem der beiden Bauhausstühle gesessen sein. Auch wird er die Bilder hinter dem Schreibtisch unseres Chefs betrachtet und unserem Chef zugehört, Fragen beantwortet haben. Die Vermutung liegt nah, dass Chef die Bewerbungsunterlagen abgefragt hat, ihm erzählt hat „Wir sind ein dynamisches Unternehmen, jung“. Tatsächlich gab es kurze Zeit später die Gerüchte, dass Quart überqualifiziert sei für den Job, dass Chef einem alten Freund einen Gefallen geschuldet habe. Quart wurde uns dann im Flur vorgestellt. In einem schief anliegenden Sakko stand er da, neben ihm unser Chef, und während der jeden von uns mit vollen Namen vorstellte, betrachtete Quart abwechselnd jede der Türen, die in die anderen Büroräume führen. Der Händedruck war schwach. Schliesslich zog er sein Jackett aus, legte es über den Arm und verliess das Büro, aber nicht ohne sich im Treppenhaus noch einmal umzudrehen. Da standen wir im Eingangszimmer und sahen ihn an.
Alles gewöhnlich zuerst. Quart würde sich an den Agenturalltag gewöhnen, sich einleben. Mädchen für alles im Grunde genommen, Buchhalter. Die Haltung die er einnahm, wenn man mit ihm sprach, sein Gesicht, das kaum eine Miene entgleiten liess, fiel auf. Erklären wollten wir das mit ersten Beruhrungsschwierigkeiten. Ganz normal. Mit der Zeit würde das verschwinden, die Arbeitsroutine ihn mit uns auf eine Ebene bringen.
Frei war kein Büroplatz mehr, also liess Chef einen Teil des Flurs mit Trennwänden abstellen und dort den Arbeitsplatz einrichten, einen kleinen Tisch, einen Stuhl, gleich neben dem Kopierer. Und die ersten Wochen war Quart fast ausschliesslich im vorläufigen Büro zu finden. Er ging dort ganze Stapel von Akten durch, oder er war gerade auf dem Weg zwischen dem Aktenschrank im Flur und seinem Schreibtischchen, tauschte einen Aktenordner durch den anderen aus. Mit der Zeit schien man sogar eine Verbesserung festzustellen: Quart verliess seinen Schreibtisch öfter, betrat sogar die Büroräume von uns anderen. Krank wurde er nie. Er begann seinen Mitarbeitern Hilfe anzubieten, teilte, ohne dass man ihn gefragt hätte, Druckerpapier aus wo es gebraucht wurde, brachte Dokumente oder Formulare, die gerade nötig waren, er fing sogar an die Bleistifte zu spitzen. Und wenn man sich auch wunderte, man bedankte sich und glaubte, Quart beginne sich einzufügen.
Quart soll sogar längere zusammenhängende Gespräche geführt haben - das behauptet B., die bis vor kurzem Praktikantin bei uns war. Tatsächlich hat man an einem Tag die beiden am Kopierer stehen und sich unterhalten sehen. B. behauptet, sie hätte dringend eine Kopie anfertigen wollen, sie sei deswegen zum Kopierer gegangen. An dem Tag soll Quart schon einige Stunden am Kopierer gestanden sein. Er habe aber, auf die freundliche Frage hin, den Kopierer nicht überlassen wollen, er müsse erst noch fertig kopieren. Sie wolle noch warten. B. meint, ihr wäre aufgefallen, dass Quart ein Blatt mit Kästchen auf den Kopierer gelegt, die Kästchen mit einem Buntstift ausgemalt hat während des Gesprächs. Sie habe ihn darauf angesprochen, ihr sei schon aufgefallen, dass einige der kopierten Aktenstösse mit solchen karierten Notizblättern versetzt seien. Was es damit auf sich habe. Quart aber wich der Frage aus. So sei man ins Gespräch gekommen.
Mit der Zeit würden Quarts anfängliche Berührungsprobleme verschwunden sein, uns fiel aber zusehends auf, dass sich nichts an seiner Einstellung änderte. Uns wurde klar, dass sich seine Tätigkeit im Büro auf genau diese wenigen, also Kopieren, Bleistifte spitzen und Materialien verteilen, beschränkte. Dazu kam noch die geringe Bereitschaft Quarts, sich –Ausnahme der Plausch mit B. am Kopierer – auf Gespräche einzulassen, die über kleine Hilfsarbeiten hinausgehen. Schliesslich rätselten wir, weshalb Quart noch immer angestellt war. Später muss es aber eine Situation gegeben haben, in der Quart wieder auf einem der Bauhausstühle sass, um unserem Chef Rede und Antwort zu stehen, sein fehlendes Engagement rechtfertigen musste. Dass er nämlich nur Kopien anfertigte war das eine, doch seine Kopien wurden zunehmend schlampiger, die Blätter etwa unvollständig kopiert, oder man fand Blätter darunter, die mit dem eigentlichen Dokument überhaupt nichts zu tun hatten. Auf einem Blatt standen ein paar Zeilen geschrieben, ich erinnere mich aber nicht an mehr. Auf meinem Schreibtisch befand sich ein Mal ein Stoss, jedes dritte Blatt war eines dieser karierten Notizblätter. Quart hatte nicht alle Karos ausgemalt, sondern geometrische Figuren zusammengesetzt oder Häuser gemalt, noch häufiger schienen die Karos nach einem einfachen Muster ausgemalt zu sein, nämlich links oben beginnend und von da jedes folgende zweite Kästchen. Als ich ihn darauf ansprach schien er davon nichts zu wissen. Auf einem Blatt waren ein paar Zeilen geschrieben, ich erinnere mich aber nicht an mehr.
Im folgenden haben wir B. und Quart öfter an dem Kopierer sprechen sehen, zumindest das ist wahr. Unklar war nur, worüber man mit Quart sprechen, mit welchem Gesprächsthema Quart selbst hinreichend umgehen könne, um damit eine halbe Stunde oder mehr zu füllen. Gut, das hat man beobachten können. Man kann aber davon ausgehen, dass die Hälfte dieser Zeit mit Bleistiften zu tun gehabt hat.
Man hat ein Gespräch mitbekommen an einem Tag:
-Quart, Frau B. musste heute morgen einen Arzttermin wahrnehmen und kann deswegen einen Auftrag nicht erledigen. Würden Sie diese Aufgabe übernehmen?
-Ich möchte lieber nicht.
-Aber wollen Sie nicht wenigstens anhören worum es sich handelt?
-Nein.
-Aber...
-Nnein.
[...]
wie es gewesen wäre wenn oder
wasweißich wie wenn es gewesen wäre
war war und voller haar gut überall
wie das so war überall und gut sehr gut
na und das is ja etwas ist ja etwas ja
so eigenartig und ganz komisch gelt
geht auch brav weiter das brav weiter
prima und die sache kriegt schwung
und findet in der sprache statt nicht
i man i man i man
[...]
reinhard priessnitz, ballade 1
Möglicherweise hätte sie ihn angelächelt, hat es vielleicht sogar getan, sie sei vielleicht soweit gegangen, ihm das leere Glas hinzuhalten. Er wäre dann zur Theke, um ihr ein volles Glas mitzubringen, sie habe sich dann mit einer Freundin unterhalten. Man hat die beiden gesehen, sie eine Strähne zwischen den Fingern rollend, sie würde vielleicht soweit gehen, einzuräumen, sie hätte seine Hand berührt wie er zurückkam mit zwei Gläsern. Aber auf keinen Fall, auf keinen Fall wäre sie soweit gegangen ihn zu küssen, obwohl, wie sie im Stande wäre einzuräumen, sie ihm das „Du“ angeboten hätte, wenn Quart ihr weniger verschlossen erschienen wäre. Er habe ihr wohl ein Taschentuch angeboten, sie sei in letzter Zeit oft verschnupft, aber das bedeute ja nichts. Mit der Arbeitskollegin sei sie sehr gut ins Gespräch, sogar bald ins Plaudern gekommen, über einen gemeinsamen Arbeitskollegen. Quart aber sei zu keinem Moment Thema gewesen.
Auch sonst überraschte Quart uns diesen Abend. Er war nicht zu erwarten auf dieser Betriebsfeier, hielt sich aber folgerichtig abseits, wie es, wenn man an Quart dachte, inzwischen Brauch geworden war, wie während der Bürositzungen im Meeting-Raum:
-Was?
-Quart, wollen sie nicht auch etwas dazu sagen?
-Ich möchte lieber nicht.
-Wie sie wollen.
Die Arbeitskollegin, danach gefragt, gibt keine Auskunft. So müssen wir uns auf die Sprache, auf die Aussagen von Quart und dem Mädchen verlassen. Das Mädchen dabei ist B., von der Quart immer als: „Das Mädchen“spricht. Hinter den Trennwänden im Flur sitzt Quart und wir lassen ihn sprechen.
Auf keinen Fall habe das Mädchen mit Quart persönlich sprechen wollen an dem Nachmittag vor der Feier. Sie habe einfach mit jemandem sprechen müssen, warum will er nicht sagen, und da Quart gerade am Kopierer gewesen sei und sie angesehen hatte, habe sie mit ihm gesprochen. Irritierend sei es gewesen, da vor dem Kopierer, wie er den Blick fast ausschliesslich auf dieses Blatt Papier gerichtet hatte und Kästchen malte, ab und zu einen Blick auf sie warf, einen Satz sprach, ein Kästchen malte, aber er habe Interesse gezeigt, Fragen gestellt, sie habe sich dabei nichts gedacht.
Auf keinen Fall habe sie ihm erzählt, erst recht nicht mit ihm geflirtet, auf keinen Fall ihm erzählt, dass sie sich allein fühle, das sei undenkbar, man spreche nicht mit jedem x-beliebigen über sowas, und sie fühle sich nicht allein, es gehe ihr gut, Quart dagegen sei ein wunderlicher Mensch. Er wolle sich noch ein Mal heiss verlieben, so er, heiss verlieben habe er gesagt, aus heiterem Himmel, und wer sagt sowas schon, so das Mädchen, aus heiterem Himmel, jemandem, den man nicht kennt, sagt man sowas nicht, undenkbar, so etwas überhaupt zu erzählen, so das Mädchen, und da verlassen wir sie und wenden uns Quart wieder zu. Das Mädchen habe sehr schön ausgesehen, sagt Quart, und den Umständen entsprechend kann man ihm glauben, so war das. Aber traurig sei es, meint Quart. Er habe sie schon eine Weile gekannt, sich bemüht, das wissen wir, es war aber nichts daraus geworden mit dem Mädchen, schliesslich sei es an diesem Abend aber doch passiert, so Quart, den das vor eine unerhörte Begebenheit stellt, die Ursachen für dieses nahe Zusammenkommen, so Quart: „Zusammenrücken“, beide sassen schliesslich auf einem der Tische während des Fests, angefangen hatte der Abend damit: „dass ich mein Bett verlassen habe, mit dem linken Bein aufgestanden bin, in einem leicht unordentlichen Zustand, also in einem Aufzug, den habe ich Wochen schon getragen“. Es habe auch sonst keine Umstände gegeben, die darauf hätten hinweisen können, dass dieser Tag sich anders gestalten würde als die anderen. „Üblicherweise würde ich eine Zigarette anzünden, auf der Bettkante rauchen, den Fernseher einschalten, einige Zeichentrickfilme sehen, Schwammköpfe, mich duschen, anziehen, dann essen, warten auf, die Haare trocknen, dann ins Büro kommen“ - was letzteres für Aussenstehende ungewöhnlich ist, nämlich erst am späten Nachmittag das Büro betreten, wer Quart nicht kennt würde meinen wir hätten längst die erforderlichen Massnahmen getroffen und ihn von seinem Angestelltenverhältnis befreit, aber wer meint, wir hätten es nicht versucht, hat Quart nie kennengelernt, „Verschwinden Sie, gehen...“, „Nein, ich möchte lieber nicht“, unser Chef hat ihn nicht hinausgeschmissen, über die genauen Gründe sind wir nicht im Bilde. (B:...) Auf keinen Fall sei das Gespräch mit Quart ins Persönliche gegangen. Man habe sich einfach unterhalten, sei sehr nah am Agenturalltag geblieben. Die Musik vielleicht zum Thema gemacht. Auf keinen Fall sei es dabei zum Flirt oder gar zu mehr gekommen. B. hat Quart nicht erzählt, wie schön es doch wäre, “einen Urlaub machen”, sich, irgendwo am Meer, zu verstecken, zu zweit, und sich osteuropäisch klingende Kosenamen zu geben, “Kochanka”, sie hat sich, nicht neben Quart sitzend, nicht an ihre Kindheit erinnert, aber sie habe vielleicht ein paar zuviel getrunken, ihrer Jugend in einem Dorf am Meer erinnert, und ausgemalt wie schön es wäre mit jemandem, “zurück in das Dorf fahren”, mit jemandem dort ein paar ländliche Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, die Geborgenheit des Landlebens, fernab von der “Geschäftigkeit der Stadt”, keine Angst vor Krankheiten, keine Pflichten, keine Geld- oder Beschäftigungssorgen, märchenhaft-osteuropäische Kosenamen. (Quart:...) Quart und das Mädchen seien sich aber doch ganz nah gekommen, was nur heissen konnte, sie hätten miteinander geschlafen, meint Quart, der auf dem Flur hinter seinem Schreibtischchen sitzt und uns ansieht. Weil wir ihm nicht glauben, hat er sein Hemd aufgeknöpft, uns eine Stelle an seinem Hals gezeigt, wir haben das aber nicht gelten lassen wollen, es ignoriert. Man sei irgendwann von der Feier gegangen. Das Mädchen habe danach neben ihm gelegen, so ganz nackt, und sein Atem sei sehr flach gewesen, ruhig sogar, und sein Herz habe sehr ruhig geschlagen, während beide nebeneinander lagen, sie ihren Kopf auf seiner Brust, oder war es umgekehrt, seine Stirn an ihrem Hals, und er habe ihre Atmung sehen können, die Brust die sich hebt und senkt bei jedem Ein- Ausatmen, und auch der Bauch, und in seinem Bauch habe sich etwas Warmes bemerkbar gemacht, oder, genauer, vom Bauch aus bis zum Hals sei alles bei ihm warm gewesen, in seinem Kopf eine unbekannte Klarheit, jaja, Helligkeit sogar, meint Quart, der das immer wieder beteuert, er habe so ein Gefühl, über dem gesamten Körper, über seiner Haut noch nie so deutlich verspürt und einfach so daliegen, oder sogar die Anwesenheit eines anderen Menschen ertragen können, und es war ihm ganz klar erschienen, dem Mädchen davon zu erzählen und es immer wieder küssen zu wollen, so ganz innig, sagt Quart.
Das Mädchen aber, danach gefragt, leugnet alles.