Thanatos

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Kirsten
Erinye
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Thanatos

Beitragvon Kirsten » 13.11.2017, 12:04

Thanatos

Ich habe keinen Vater und zur Mutter ein Ungeheuer. Ich bin nirgends willkommen, nur mein Bruder schätzt mich, der gute Hypnos. Seine Kunst hat er von mir gelernt. Wir haben schon immer das Bewusstsein geraubt. Auch ich hab so gut wie keines, nur meine Augen, die die Geschöpfe sehen. Ich bin ganz leer.
Ich habe keine Zeit für die, die ich abgeholt habe, denn ich bin immer unterwegs.
Ab und zu sehe ich eine Schönheit. Dann sage ich mir: „Sei nicht neidisch, das ist nichts, was bleibt.“ Bei mir sind alle Geschöpfe fahl und grau.
Aber ich werde nicht ewig frönen. Der Himmel hat anders entschieden. Wenn dieses Menschengeschlecht mit seiner Neugier und Angst ganz bei mir angekommen ist, endet seine Welt. Und ich werde nicht mehr gebraucht.
Ich träume, ja. Das kann ich, und ich träume von meiner Freiheit.
Dann will ich richtige Beine zum Gehen und einen Mund, der Speise schluckt. Ich will eine Hand, die schreiben kann, denn mir missfällt seit langem das Raunen, das mir als einzige Art der Äusserung möglich ist.
Ich darf ja wohl träumen. Die Zukunft kennt so genau niemand, kein Geschöpf und kein Gott.
Ab und zu werde ich geschubst, weil ich träume. Das sind die furchtbaren Schicksalsgöttinnen, die mich in der Welt herumschicken. Ich kann mir nicht aussuchen, wen ich hole.
Ich bin mir selbst unheimlich. Deshalb gibt es in meinem Reich keinen Spiegel, und die Flüsse sind dunkel und trüb. Die Schönen irren umher und verlieren sich.
Ab und zu gibt es ein Fest. Ein Spiel zu Ehren eines toten Helden, und da gehen wir hin. Da wir eingeladen sind.
Und wenn der Priester am Grabmal betet, sind wir auch dabei, ich und das tote Geschöpf.
Ich bin nicht der Richter. Das ist göttliches Recht. Ich kann mir nicht aussuchen, wer zu mir kommt. Dabei zieht es mich immer dahin, wo die Hohen, Glücklichen leben. Aber da ist mir der Zutritt verwehrt.
Ich werde gemieden. Ich habe nicht mehr Ansehen als ein Abfallsammler und errege bei Gott und Mensch Scham, denn den Tod, den will niemand, die grosse Niederlage. Das ist meine Macht. Vorläufig

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