DLC revisited: Jäger
Verfasst: 16.08.2004, 14:48
Für alle, die beim DLC nicht dabei waren: Dies ist der Beginn (ohne Prologe) des gerade erst begonnenen Romans "Erin". Es ist die Fortsetzung meines Romanes "Terra Incognita", der hier unter "Bücher" besprochen wurde.
Auszug aus "Erin":
1
Als der Zug den Bahnhof von Langenrath passierte, schloss Anna die Augen. Sie versuchte, das Zittern zu unterdrücken, aber es gelang nicht. Natürlich nicht. Es gelang nie.
„Hallo – ist irgend etwas?“
Eine Hand auf ihrem Arm. Anna öffnete die Augen. Es war die Frau, die ihr seit Wup-pertal-Vohwinkel gegenüber saß. Eine hübsche, kleine Frau, kurze, rotgefärbte Haare. Etwas älter als sie selbst, etwa dreißig. Graue Augen sahen Anna besorgt an.
„Geht es ihnen nicht gut?“
Anna schüttelte den Kopf und drückte sich ein Lächeln in die Wangen.
„Nein, alles in Ordnung... es ist nur... Langenrath, wissen sie?“ Sie nickte zum Fenster. Mein Freund ist da... er hatte da einen Unfall. Er ist tot. Ich kann... die Stadt nicht so gut vertragen.“ Sie schaffte ein halbes Lächeln und zuckte mit den Schultern. Die Frau lehnte sich zurück, behielt aber Ihre Augen auf Anna.
„Das tut mir leid.“
„Ja...“ Anna wartete auf die Plattitüden, aber sie hatte es hier offenbar mit einem ungewöhnlichen Menschen zu tun. Kein Gerede von Verständnis, keine Fragen, was denn genau geschehen sei und vor wie langer Zeit. Nur ein trauriger Blick und angenehmes Schweigen.
In Opladen stieg die Frau aus und Anna war wieder allein in ihrem Abteil. Sie sah aus dem Fenster und sagte sich wieder, daß sie alles im Griff hatte. Dass sie sich im Griff hatte. Draussen flog die herbstliche Landschaft vorbei. Ein später, nasser Herbst, der schon den Winter atmete. Es regnete nicht, doch die kahlen Bäume draussen waren schwarz von Feuchtigkeit. Hier im Zug war es warm, zu warm. Anna schwitzte in ihrem dicken Schal, die Wolltstrumpfhose, die sie unter ihrem Minirock trug, verursachte ein unangenehmes Jucken an den Beinen. Anna lockerte den Schal etwas, sie wollte ihn nicht ausziehen, damit man die alten Einstichnarben nicht sehen konnte. So lange die Frau mit ihr im Abteil gesessen hatte, hatte sie sich nicht getraut, die Heizung abzuschalten. Nun legte sie den Hebel um, aber das war im Grunde nutzlos, bis Köln würde die Temperatur nicht merklich sinken. Das Fenster zu öffnen wagte sie nicht, sie fürchtete sich vor dem Lärm.
Anna spürte, wie sie nervöser wurde und zwang sich zur Ruhe. Ihre Hand glitt in die Tasche, die auf ihrem Schoss lag und tastete nach der Pistole. Sie fuhr mit den Fingern darunter und hob die Waffe leicht an, doch die Schwere, die sie in den letzten Tagen immer so ruhig und zuversichtlich gemacht hatte half ihr nun nicht mehr, da der Moment, auf den sie seit fast zwei Wochen hin arbeitete, so greifbar nahe war.
Vorletzten Dienstag war es gewesen, vor elf Tagen. Sie hatte bei ihrem Arzt im Wartezimmer gesessen, nichts außergewöhnliches, diesmal, sie hatte eine leichte Halsentzündung gehabt und ein Rezept gebraucht. Anna war in irgendeine von diesen Wartezimmerzeitungen im Lesezirkeleinband versunken gewesen, als plötzlich der Name im Raum schwebte – Erin Simpson. Für einen Moment hatte Anna nicht gewußt, warum der Name sie aus ihrer Lektüre gerissen hatte wie ein Weckerklin-geln – ein Moment der Ratlosigkeit, und dann war alles wieder da. Direkt neben Ihr, nur durch die Spielecke getrennt, unterhielten sich zwei junge Mädchen.
„...und den Bülent, ne, der is voll süß, und der hat mich auch sofort voll...“
„Wer is‘ Bülent?“
„So’n Helfer von Erin. Und der hat so Augen, ne, da meinst Du...“
„Wie, Helfer?“
„Ja, so wie der ihr Assistent. Die Erin erklärt was und zeigt was, ne, und wenn Du meinst, ne, bei so’ne Kleine, wie die Erin, da is ja klar, dass das klappt, ne, dann ruft die den Bülent, ne, und bei den klappt das dann auch, und...“
„Die ruft den immer dann wenn was nicht klappt?“
„Doch, klar klappt das, aber bei den Bülent klappt das auch.“
„Wie jetz‘?“
„Ey, hörst Du mir überhaupt zu? Ich sag doch: Die Erin zeigt das alles, die Moves und die Tricks und so. Also, den Bülent, zeigt das auch, aber die Erin ist der Don, die hat die Ahnung. Und Bülent hat auch voll Ahnung, aber die Erin mehr.“
„Und deshalb ist die der Don, oder was?“
„Ja. Aber den Bülent, ne, der ist voll süß, und dann hat der mich so angeguckt, ne, als der meine Hand umklammert hat, ne, da hat der so süß gegrinst...“
„Der hat Deine Hand umklammert?“
„Ja, war ja nunmal Scheisse Selbstverteidigung, oder? Also, dann hat der so gegrinst...“
Anna hörte nicht mehr zu. Erin Simpson. Sie hatte die Frau niemals kennen gelernt, aber der Name war unauslöschlich in ihr Gedächtnis graviert. Dennoch – acht Jahre lang hatte sie verzweifelt, ziel- und planlos gesucht, versucht, eine Erklärung zu fin-den, einen Anhalt, irgend etwas, dass ihr helfen konnte zu verstehen, was in jener Sylversternacht geschehen war. Als Ihre Freunde gestorben waren. Als Thomas gestorben war. Als Sergej sie alle verraten hatte. Aber sie war nie auf den Gedanken gekommen, nach Erin Simpson zu suchen, sie schien in all dem nur eine Nebenrolle gespielt zu haben, Sergejs Freundin, hin und wieder erwähnt aber nie gesehen. Sie hatte nie an Erin Simpson gedacht. Und nun plötzlich hatte sie eine Spur – weil ein pummeliger Teenager für jemanden namens Bülent schwärmte.
Zwei Stunden später hatte sie vor dem Monitor ihres alten, lärmenden Computers gesessen und Google aufgerufen. Die Suchmaske erschien und sie gab „Erin“, „Simpson“ ein. Das 56K-Modem stellte ihre Geduld einen Moment auf die Probe, dann spuckte die Suchmaschine 205000 Antworten aus. Anna gab „Bülent“ als weite-res Suchwort ein – mit dem Erfolg, dass Google nun gar keine Seite fand. Sie rief sich das Gespräch der Mädchen noch einmal ins Gedächtnis und ersetzte „Bülent“ durch „Selbstverteidigung.“ Es fanden sich drei Links, direkt der erste war ein Treffer, ein Eintrag in einem Adressregister:
„Erin Simpson. Selbstverteidigung, Kampfkunst und Fitness für Frauen.“
Dazu eine Adresse in Köln, eine Telefonnummer und eine Email. Nichts weiter, kein Link zu einer Homepage. Aber immerhin diese Adresse. Hatte Sergej nicht erwähnt, daß seine Freundin Kampfsportlerin war? Anna hatte keinen Drucker, sie schrieb die Adresse auf. Fast den ganzen Abend hatte sie danach da gesessen und die Adresse angestarrt, die da in ihrer Handschrift stand. Annas Handschrift war immer noch schön und geschwungen, das einzig Schöne vielleicht, dass ihr geblieben war. Acht Jahre. Und jetzt, endlich, endlich...
Sie starrte ins Leere.
„Lauft!“ hatte Walter geschrien „Haut ab, schnell!“
Sie kannte die Szene, hatte sie tausende Male wieder gesehen, seither, in ihren Träumen, Tag und Nacht, wieder und wieder...
Thomas hatte sie angesehen, sie hatte ihn auf die Füße gezerrt.
„Komm, Thomas!“ hatte sie gerufen. „Komm, weg!“
Und sie waren gelaufen, zwischen zwei Häusern hindurch, durch einen Garten auf das Wäldchen zu. Anna hatte zurückgeblickt und gesehen, wie sie Walter ermordet hatten. Und dann hatte Thomas nicht mehr gekonnt, er war nicht so trainiert gewesen wie sie. Er war gestrauchelt, sie hatte ihn weiter gezogen, ihn angefleht, zu laufen, weiter zu laufen, und dann hatte sie das Geräusch gehört. Ein Sausen. Vom ersten Pfeil getroffen, war Thomas auf die Knie gefallen, der zweite hatte seinen Körper durchbohrt und war auf der Höhe seines Bauchnabels wieder ausgetreten. Sie hatte geschrien. Er hatte gewusst, dass er sterben würde. Er hatte gesagt, dass sie laufen sollte.
Und das hatte sie dann getan. Sie war gerannt, hatte sich versteckt, wurde gefunden und im allerletzten Moment hatte Recha sie gerettet. Recha und ihr Freund, der Polizist. So hatte sie überlebt, als einzige aus ihrem kleinen Verschwörerkreis, neben Recha. Alle anderen waren tot. Sergej hatte sie in eine Falle geführt, sie verraten, um seine eigenen Ziele, die sie nie begriffen hatte, zu verfolgen. Sergej hatte sie alle verraten – und Thomas war tot.
Ihr Leben war danach zusammengebrochen. Sie hatte versucht, weiter zu fliehen, vor dieser Nacht zu fliehen. Sie hatte sich betäubt, sie hatte versucht zu sterben, sie hatte versucht, alles zu vergessen, sie hatte versucht, denen zu glauben, die ihr sagten, sie litte an Wahnvorstellungen. Acht Jahre danach war sie vor allem das, was sie nicht war. Sie war nicht mehr akut drogen- und tablettensüchtig, sie war offiziell nicht mehr schwer psychisch gestört, sie war nicht mehr selbstmordgefährdet, sie war nicht mehr behütete Tochter und sie war schon lange nicht mehr die fröhliche, verträumte und vielversprechende junge Frau, die sie bis zu dieser Nacht gewesen war.
Irgendwann zwischendurch hatte sie auch versucht, Sergej zu finden. Um sich zu rächen. Oder zumindest, um eine Erklärung zu erzwingen. Und dann doch – um sich zu rächen. Es war ihr nicht gelungen, Sergej Hoffrichter schien es niemals gegeben zu haben. Am Ende hatte sie daran gezweifelt, dass es ihn wirklich gegeben hatte.
Und nun, nach all der Zeit – Erin Simpson. Anna zweifelte nicht, dass es diese Erin Simpson war. Sie würde Anna zu ihm führen. Notfalls unter Zwang.
Anna verließ den Zug in Köln Süd. Auf dem Weg vom Bahnsteig nach unten dachte sie darüber nach, wie unwahrscheinlich es war, dass irgendjemand in Köln einen Selbstverteidigungskurs bei Sergejs Freundin machte, dann in das westfälische Kaff kam, in dass es Anna verschlagen hatte und just in dem Moment im Wartezimmer eines Arztes einer Freundin davon erzählte, in dem auch sie dort war. Egal. Sie hatte gelernt, nicht an Zufälle zu glauben.
Sie irrte ein eine halbe Stunde durch die Südstadt, bevor sie sich eingestand, dass sie sich verlaufen hatte. Eine weitere Stunde brauchte sie um sich durchzuringen, jemanden nach dem Weg zu fragen. Eine Frau in ihrem Alter, offensichtlich Studentin, las die Adresse auf dem Zettel und wies ihr den Weg, es war gar nicht weit. Und dann stand sie vor dem Haus. Es war ein altes Haus in einer Front ähnlicher Häuser, typisch für die Gegend. Das große Fenster in Parterre war vergittert und von innen verblendet, die Blende zeigte die moderne, stilisierte Darstellung eines Tigers und eines Drachen. Darüber ein Schriftband mit der trockenen Selbstdarstellung, die Anna schon kannte: „Erin Simpson. Selbstverteidigung, Kampfkunst und Fitness für Frauen.“ Die Tür war ebenfalls von innen verblendet, diesmal mit einem bunten Tuch.
Plötzlich erstieg Anna die zwei Stufen zur Tür und drückte sie auf. Sie hatte sich so schnell ein Herz gefasst, dass sie selbst erstaunt war.
Nach dem abweisenden Äußeren war Anna auf einen muffigen, dunklen Raum hinter der Tür gefasst – sie wurde überrascht. Der Empfangsraum, in den sie trat, war hoch und hell, drei Fenster von denen sie gedacht hatte, dass sie zu einem oberen Stock-werk gehörten, liessen das herbstliche Mittagslicht herein. Der Raum war hell gestri-chen, der Boden bestand aus hellem Holz. Neben der Tür hing eine Pinnwand mit allerlei Bekanntmachungen. Ein Treppenaufgang führte, der Beschilderung nach, zum „Büro“ und den „Hallen 2 und 3“, eine Tür zur Linken zur „Halle 1“, und „WC/Umkleide/Duschen“. Neben dieser Tür hingen gemalte Bilder, ein beschriebe-nes Tape erklärte: „Grundschulprojekt Fitness“. Beherrscht aber wurde der Raum von einem großen Tresen, der ein Zwischending aus Bar und Empfangsschalter zu sein schien. Einige Barhocker standen davor, auf dem Tresen eine Karte, zwei Cocktailgläser, leer, aber einladend geschmückt. Eine kleine Pyramide aus Fitnessdrinks. Die Wand hinter dem Tresen war voll mit Diplomen die eine Menge Schriftzeichen enthielten, die Anna nicht lesen konnte und für chinesisch oder japanisch hielt. Ein paar schienen auch hebräisch zu sein. Lesbar waren immer wieder Namen: „Erin Simpson“ und „Volker von dem Berg“, seltener „Bülent Ilgin“. Die wenigen vollständig lesbaren Urkunden behandelten Verdienste um Aerobic, Fatburning und ähnliches und lauteten meist auf den Namen „Tanja Dachser“. Hinter dem Tresen war ein Südländer in Annas Alter damit beschäftigt, Papiere auszufüllen. Er blickte auf, als sie den Raum betrat, aber sie nahm ihn kaum wahr. Schnell fingen die Diplome an der Wand hinter ihm ihren Blick ein und der Name: „Erin Simpson.“ Anna orientierte sich kurz und ging dann zur Treppe. Ein leiser Pfiff stoppte sie.
„Ähm, junge Frau – wohin des Wegs?“
„Was?“ sie drehte sich um. Der Mann schaute sie mit belustigter Verwunderung an. Er war sehr groß und schlank, das glatte schwarze Haar fiel ihm in Stirn und Nacken, er sprach mit sehr leichtem Akzent, der sowohl kölnisch wie türkisch sein konnte. Anna lächelte – und versuchte einen Bluff.
„Oh... äh... ‚tschuldigung. Du mußt Bülent sein.“
„Derselbe, ja.“
„Tja... ähm... ich wollte zu Erin. Erin Simpson. Ist die da?“
„Ja. Worum geht’s denn?“
„Eine... Freundin von mir hat einen Kurs bei Euch gemacht. Und da wollte ich mich auch anmelden.“
Bülent lachte. „Ey, dafür brauchst Du nicht extra den Weg machen. Anruf genügt.“ Er grinste. „Andererseits schön, wenn Du vorbeischaust. Was darf‘s denn sein?“
„Selbstverteidigung.“
„Hmmm...“ er nickte und kramte ein paar Formulare hervor. „Du kannst Dich gleich hier bei mir anmelden. Wir haben da verschiedene Angebote, ganz neu ist...“
„Bitte...“ Sie sah ihn an. „Ich möchte lieber mit Erin... also... Frau Simpson darüber sprechen.“
Er erwiderte ihren Blick einen Moment und nickte. „Alles klar. Treppe hoch, im Gang links, zweite Tür.“
„Danke.“
Oben fiel es Anna nicht schwer, sich zu orientieren. Rechts neben der Treppe knickte der Gang ab, dahinter schien ein Trainingsraum zu sein, Anna hörte weiche, schnelle Schritte, leises, stoßartiges Atmen, ein Schatten war kurz an dem sichtbaren Stück der gegenüberliegenden Wand zu sehen. Sie wandte sich nach links, ging durch eine Glastür in einen düsteren Gang. Die zweite Tür war aus Holz, weiß gestrichen. Sie starrte die weiße Tür an, unsicher, ob sie vor der richtigen stand. Es gab keinerlei Aufschrift, kein Schild, nichts von „Büro“ oder „Privat“ oder „Erin Simpson“. Hinter der Tür war kein Laut zu hören. Die Hoffnung, vor der falschen Tür zu stehen gab Anna schließlich den Mut zu klopfen. Die Antwort kam sofort.
„Herein!“
Eine laute, klare Stimme. Anna schluckte, achtete nicht auf ihre zitternden Hände, drückte die Klinke und betrat den Raum.
Erins Büro war klein. Anna wunderte sich einen Moment dass ihre Schritte kein Ge-räusch machten, als sie eintrat, dann merkte sie, daß sie auf einem dicken, dunkelgrauen Teppich ging. An der linken Wand stand ein kleines Regal, das fast leer war. Nur auf dem mittleren der drei Bretter stand ein Holzkästchen. Es fing Annas Blick und hielt ihn fest.
Plötzlich, mit einem Mal, war dieses Kästchen das Wichtigste im Raum geworden. Anna mußte es unbedingt ansehen. Sie ging zu dem Regal. Das Kästchen war ein geschnitzter Würfel aus dunkelbraunem Holz, vielleicht zehn Zentimeter Kantenlän-ge. Anna spürte Wunsch, es an sich zu nehmen und wußte kaum, weshalb sie sich mit Mühe zurückhielt. Es war rundum mit vielen geschnitzten Mustern verziert, inein-ander verschlungene Bänder, etwas, das wie fremdartige, gekreuzte Schwerter aus-sah, Kronen, Sterne, einige der Muster erinnerten an Schachfiguren, Pferde, Türme, dann wieder Glyphen und geometrisch erscheinende Gebilde, viele weitere, schein-bar unzusammenhängende Symbole. Der Deckel zeigte eine kunstvolle, gruselige Schnitzerei: Ein Kreis aus Skeletten, die einer ewigen Reihe voreinander hergingen. Jedes hielt ein Schwert in der Hand, welches es dem vor ihm gehenden von hinten durch die Rippen stieß, und also wurde auch jedes von einem Schwert durchbohrt. Aus dem Kreis blickte ein Totenkopf. Anna kannte dieses Bild, sie wußte nur nicht, woher. Es hatte mit Sergej zu tun...
„Gefällt es Ihnen?“
Anna zuckte zusammen, Sie hatte den Grund Ihres Hierseins für einen Moment ver-gessen – und auch die Stimme, die sie hereingebeten hatte. Vor dem Fenster, an einem Schreibtisch, saß eine Frau. Sie war klein, aber drahtig und durchtrainiert, was trotz ihrer legeren, sportlichen Kleidung sofort zu erkennen war. Das kurze blonde Haar war scharf gescheitelt, der Blick, mit dem sie Anna betrachtete sollte freundlich sein – aber er hatte etwas Lauerndes. Anna faßte sich mühsam.
„Ja... äh... ja, gefällt mir sehr. Ich... ich interessiere mich für so... Holzschachteln.“
„Und deshalb sind sie hier?“
„Nein. Nein... Frau Simpson?“
„Erin Simpson, ja.“ Sie sprach mit einem leichten Akzent.
„Ich... ähm... ach so, ‘tschuldigung, ich heisse Anna... Rath.“ Anna ging zum Schreib-tisch und streckte die Hand aus. Erin stand auf und drückte sie. Sie bewegte sich sparsam und geschmeidig, selbst bei dieser Alltäglichkeit.
„Und was führt sie nun zu mir – wenn es nicht meine Schachtel ist?“
„Ich möchte einen Selbstverteidigungskurs machen.“
„Oh.“ Erin schien für den Bruchteil einer Sekunde irritiert, dann wies sie mit der Hand auf einen Stuhl, der neben dem Schreibtisch stand.
„Klar. Setzen sie sich.“
Anna zog den Stuhl heran und setzte sich Erin gegenüber. Die hatte ebenfalls Platz genommen.
„Sie hätten sich die Mühe hier hoch zu kommen gar nicht machen müssen. Mein Mit-arbeiter – Herr Ilgin – hätte das alles mit ihnen besprechen können. Da muß irgend etwas falsch gelaufen sein, sorry.“
„Nein, nein.“ Anna öffnete möglichst leise ihre Tasche, aber sie sah sofort daß ihr Gegenüber das Knacken bemerkt hatte. „Ich... ich wollte mit ihnen sprechen.“
„Oh. Ja dann – worum geht’s denn?“
Anna tastete nach der Pistole und merkte, wie ihre Hände vor Angst taub wurde. Sie spürte Schweiß auf ihrer Stirn.
„Es ist... äh... ein wenig heikel. Ich... ich... sie machen auch spezielle Selbstverteidigungskurse?“
Erin lächelte: „Wenn Sie mir sagen, was sie mit speziell meinen?“
Anna hatte die Pistole gefaßt und zog. Ihr Labello und das Notizbuch hatten sich ver-kanntet, sie bekam die Waffe nicht heraus. „So... ich meine...“
„Haben Sie ein Problem mit Ihrer Tasche?“
Mit einem plötzlichen Gewaltakt riß Anna die Pistole heraus. Die Tasche flog in den Raum hinter ihr, sie verrutschte mit dem Stuhl, taumelte, der Stuhl fiel um und Anna sprang auf. Mit weit aufgerissenen Augen stand sie vor dem Schreibtisch, die Pistole am starr ausgestreckten Arm auf Erin gerichtet und schrie:
„Wo ist Sergej? Wo ist Sergej Hoffrichter? Sagen Sie mir das, oder ich schiesse.“
Erin blieb völlig ruhig. Sie hob nur sehr langsam die Hände vor die Brust, die geöff-neten Handflächen Anna zugewandt. Einge Geste der Beschwichtigung. Anna hatte mit dieser Ruhe gerechnet. Womit sie nicht gerechnet hatte, war die große Freund-lichkeit und Güte, die ihr Gegenüber plötzlich ausstrahlte.
„Sie müssen die Waffe entsichern.“
Anna schüttelte wild den Kopf. „Die hat gar keine Sicherung. Keine... keine Tricks. Wo ist Sergej?“
Erin grinste breit.
„Einen Versuch war’s wert, oder?“
„Wo?! Ist?! Sergej?!“
„Wie geht es Deiner Mutter, Kleine?“
„Meiner... was?“
Ein lauter Knall ertönte, Anna zuckte zusammen und während sie noch zu erfassen versuchte, was passierte, bewegte sich Erin Simpson. Irgend etwas sagte Anna, daß sie nur den Finger krümmen bräuchte, und während sie versuchte zu begreifen, was da eben so geknallt hatte, versuchte ihre Hand zu tun, was der Schreck ihr eingab. Sie krümmte den Finger zitternd, plötzlich war da ein Widerstand und dann schlug etwas gegen ihr Handgelenk und ihren Handrücken, die Hand öffnete sich und die Pistole flog gegen die Wand. Ein fürchterlicher Hieb traf sie unterhalb der Brust, Anna rang nach Luft und versuchte, sich nicht zu übergeben. Ihre Haare wurden gepackt und ihr Kopf schlug auf den Schreibtisch. Immer noch würgend spürte Anna, wie ihre Tränen zu fließen begannen, und nicht nur wegen des Schmerzes. Es war vorbei. Alles. Alle Hoffnung. Sie versuchte, den Kopf zu bewegen, um besser atmen zu kön-nen, aber er wurde nur noch unbarmherziger auf die Tischplatte gedrückt.
„Locker bleiben, Schätzchen.“ Da war nichts mehr von Freundlichkeit und Güte. Da war nie etwas gewesen, wußte Anna jetzt. Zu spät.
„Erin, alles okay?“ Eine Stimme vor der Tür.
„Oh ja. Mach Dir keine Sorgen, Volker.“
„Echt?“
„Ja.“
Anna schluchzte.
„Na, na, wer wird denn heulen, hm?“
Etwas kaltes, schmales wurde gegen ihren Hals gedrückt, Anna spürte einen stumpfen Druck auf einer dünnen Linie. Sie wußte, daß das stumpfe Gefühl eine Täuschung war, sie mußte die Augen kaum bewegen, um das Messer zu sehen.“
„Wer bist Du, wer schickt Dich. Schnell!“
„Niemand schickt mich.“
„Kleine, Du bist offenbar nicht sonderlich clever. Nochmal: Wer schickt Dich, wer bist Du?“
„Keiner!“ Annas Stimme brach, es war ihr egal. Sie hatte verloren, diese Frau würde sie umbringen. Was vielleicht gar nicht so schlecht war. Dann wäre all diese Scheiße wenigstens vorbei.
Erin seufzte. „Hör zu! Irgend jemand hat Dir einen Namen gesagt und Dich mit dieser Pistole zu mir geschickt. Du hältst das vielleicht für einen Spaß, es ist keiner. Ich kann jede Antwort aus Dir herausholen, die ich hören will. Also...“
„Mich schickt keiner!“ Anna versuchte zu schreien, aber sie konnte es nicht, Rotz und Speichel erstickten ihre Stimme. „Ich heiße Anna Knipprath und ich will wissen, wo Sergej Hoffrichter ist. Es ist mir egal, ob sie mir das glauben.“
Zu Annas grenzenloser Verwunderung lockerte sich der Druck des Messers auf ihren Hals. Erin zog sie an den Haaren hoch, aber so sanft wie möglich, es tat kaum weh. Dann sahen sie sich in die Augen. Erins Gesicht war ganz nah und Anna sah zum ersten Mal die vielen, tiefen Falten um die Augen, die nicht zu dem jungen Gesicht paßten. Es konnten Lachfalten sein, aber es waren keine, wie Anna wußte.
„Anna Knipprath?“
„Ja.“
Erin ließ sie vorsichtig los, legte das Messer aus der Hand, öffnete eine Schublade und holte eine Pistole heraus, alles in einer raschen, fließenden Bewegung. Die Waffe sah besser aus als die, die jetzt an der Wand lag. Glatter, sauberer, schöner, gefährlicher. Erin richtete die Pistole auf Anna, aber sie bewegte sich so locker, daß die Geste fast nicht bedrohlich war.
„Hast Du irgend etwas mit, einen Ausweis oder sowas, Anna Knipprath.“
Anna begann zu glauben, daß das kein Trick war. Nicht wie die plötzliche Wärme und Freundlichkeit vorhin. Erin wirkte immer noch gefährlich und entschlossen in jeder Bewegung – aber etwas von der tödlichen Kälte war fort.
„In Deiner Tasche?“
„Ja.“
„Hol ihn. Und mach bitte keinen Quatsch.“
„Ja. Klar.“
Anna ging zu ihrer Tasche, kramte ihre Brieftasche heraus, nahm den Ausweis, brachte ihn zurück und legte ihn auf den Tisch. Erin warf nur einen flüchtigen Blick darauf.
„Okay. Ich lasse Dir die Wahl, Anna. Du kannst Deine Tasche nehmen und gehen. Oder Du kannst Dich setzen, und wir unterhalten uns ein bisschen. Was möchtest Du?“
Anna sah sie vorsichtig an und nickte. „Reden,“ sagte sie leise.
„Okay.“ Erin nickte und sah zufrieden aus. „Wie geht es Dir? Merkst Du noch was von dem Schlag?“
„Schon. Ist nicht so schlimm.“
„Gut. Dann setz Dich. Und leg bitte beide Hände auf den Tisch.“
Anna hob den Stuhl auf, schob ihn zum Schreibtisch und setzte sich. Ihr Blick fiel auf die Uhr an der Wand. Es waren keine Fünf Minuten vergangen, seit sie den Raum betreten hatte.
Erin setzte sich ebenfalls und legte die Pistole aus der Hand. In bequeme Reichwei-te, wie Anna nicht entging.
„Du weißt, wer ich bin?“
Anna nickte. „Sie... Du... Sie...“
„Du.“
„Du bist Sergejs Freundin. Warst Sergejs Freundin.“
„Das ist richtig. Und ich weiß, wer Du bist. Du gehörtest zu diesem Zirkel um Recha und Andreas. Sie sind alle damals gestorben. Außer Recha und Dir.“
„Sie sind nicht gestorben. Sie sind ermordet worden. Und es war nicht mehr Andreas Zirkel. Es war Sergejs. Ohne Sergej hätten wir sowas... sowas nie gemacht. Er hat uns dazu gebracht. Und dann war er plötzlich weg. Und sie haben uns, sie haben alle umgebracht. Thomas... meinen Freund...“
„Ach so.“ Erin nickte nachdenklich. „Das wußte ich nicht, daß er Dein Freund war. Tut mir...“ sie zuckte mit den Schultern und sah Anna offen und traurig an. „Klingt blöd, aber tut mir leid.“
„Schon gut.“
„Und jetzt suchst Du Sergej. Warum?“
„Ich... ach egal.“
„Du willst Dich rächen?“
„Weiß nicht. Ja. Ich will wissen warum. Ich will, dass er... dass er stirbt. So stirbt wie Thomas.“
Erin nickte wieder. „Verstehe ich. Gut, Anna, ich will Dir sagen, was ich weiß, zumin-dest sofern es für Dich interessant ist. Zuerst einmal: Ich weiß nicht, wo Sergej ist. Ich habe ihn in dieser Nacht verloren... ich habe ihn verloren, und ich suche ihn seit-her. Ich habe ihn nicht gefunden. Und was Deine Rache betrifft – vergiss das. Du wirst ihn nicht überwältigen können, geschweige denn töten.“ Sie schwieg eine Wei-le. „Ich glaube nicht, daß überhaupt jemand ihn töten kann,“ sagte sie dann leise.
Anna sah sie erstaunt an. „Was meinst Du?“
„Hast Du ihn in dieser Nacht gesehen?“
„Nein. Ich glaube, er war gar nicht da.“
„Oh doch, und ob er da war. Die Brände, die Explosion im Gut, die vielen Toten in Neurath. Oh ja, er war da. Ich habe ihn gesehen Anna. Und ich bezweifle, dass er... dass er ein Mensch war. Noch ein Mensch war.“
„Wieso? Kein Mensch? Wieso?“
Erin antwortete nicht. Sie war wieder in Neurath. In der Sylvesternacht. Sie hatte ge-meinsam mit einem der Polizisten gegen entseelte Wesen gekämpft, die noch kurz vorher ganz normale Leute gewesen waren, Bürger von Neurath. Der Polizist war verletzt worden, aber sie war alleine fertig geworden und hatte den Verletzten noch versorgt. Sie hatte ihm das Leben gerettet. Ihm, seinem Kollegen und Anna. Sie hatte Anna im Arm gehalten und getröstet. Anna erinnerte sich mit Sicherheit nicht mehr daran. Erin hatte das Mädchen selbst fast vergessen. Dann war sie weiter ge-laufen, auf der Suche nach Sergej, in dieses Wäldchen. Ein Mann, einer der Neurat-her, hatte sie mit dem simpelsten aller Tricks zu Fall gebracht. Er hatte Ihr einen Stock in den Lauf geworfen, Erin war gestürzt, und gerade als der Mann sie hatte erschießen wollen – mit einer Armbrust, herrjeh – war Sergej gekommen. Oder das, was einmal Sergej gewesen war. Ein unmenschliches Wesen, eine fühlbare Grau-samkeit und Größe im Körper des Mannes, den sie liebte. Es hatte den Mann mit der Armbrust auf eine Weise getötet, die Erin bis heute nicht begriff. Er war in die Bäume geflogen, schreiend, eingehüllt in Schwärze, er schien gleichzeitig ausgesaugt zu werden und zu explodieren. Dann hatte es über ihr gestanden und sie aus schwar-zen Augen angesehen. Und es hatte gesagt: „Komm her!“ Erin war geflohen, doch als sie sich noch einmal umgewandt hatte, hatte sie Sergej gesehen. Ihren Sergej. Doch sie konnte nicht umkehren, das Entsetzen war zu groß gewesen.
Erin schüttelte sich aus der Erinnerung.
„Habt Ihr nicht immer über übermenschliche Wesen gesprochen, über Tore in andere Dimensionen? Er war kein Mensch mehr. Oder es war etwas unmenschliches in ihm, ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, daß man ihn töten kann.“
Anna überlegte. „Warum suchst Du ihn dann?“
„Ich will ihn zurück“, sagte Erin, mehr zu sich selbst. „Ich will ihn zurück, so wie er war, auch wenn ich kaum hoffen kann, dass das möglich ist. Und wenn nicht, dann will ich wissen. Ich will alles wissen.“
Anna nickte. „Ich auch.“
Erin betrachtete sie aufmerksam.
„Keine Rache mehr?“
„Doch. Aber es ist wie bei Dir. Ich glaube Dir. Ich glaube nicht wirklich, daß es geht. Es passt zu allem, was wir im Zirkel herausgefunden haben, wie haben es nur ir-gendwie selbst nicht geglaubt. Vielleicht ist er wirklich kein Mensch. Wahrscheinlich.“
„Weißt Du, was er ist?“
„Nein. Du?“
„Ja, ich denke schon. Aber das würde jetzt zu weit führen, glaube ich.“ Sie dachte einen Moment nach und betrachtete Anna noch einmal forschend.
„Wo wohnst Du, Anna? Hast Du einen Job?“
„Ich wohne in so einer Wohngemeinschaft in Bunkeltrop. Das ist in Westfalen. Die anderen studieren, in Paderborn oder Dortmund. Ich mache denen den Haushalt und so, dafür kann ich da mitwohnen. Sie glauben, ich bin Malerin und warte so auf den großen Durchbruch.“ Sie lachte bitter.
Erin lächelte. „Bist Du Malerin?“
„Ich male manchmal. Ich habe noch nie versucht, ein Bild zu verkaufen.“
„Hättest Du Lust, mit mir nach Sergej zu suchen?“
Anna brauchte einen Moment, bis der Sinn der Frage zu ihr durchgedrungen war. „Ja,“ sagte sie dann. „Klar, wie...“
„Du müßtest hierhin kommen, nach Köln. Du könntest uns ein wenig im Studio hel-fen, Papierkram, Telefon wenn Dir das liegt. Nicht besonders Wildes. Bist Du dabei?“
Sie nickte nur. Erin klatschte in die Hände.
„Fein. Wenn es geht, bleib doch heute hier, okay? Heute Abend kannst Du alle ken-nenlernen, dann ist Tanja auch wieder da. Wir haben sowieso Teamabend. Du kannst hier übernachten. Gut?“
„Ja, klar. Danke, Erin, ich...“
„Kein Problem. Ich freue mich, daß Du an Bord bist.“ Dann rief sie laut: „Volker!“
Weiche Schritte vor der Tür. Als sie geöffnet wurde, trat ein Mann herein, gedrungen, breitschultrig. Sein kurzes, braunes Haar wurde oben auf dem Kopf sichtbar dünn. Er trug eine weite Hose, die Anna im ersten Moment für einen Rock hielt, und eine Jacke aus derbem Stoff. In der Hand hielt er ein Schwert.
„Erin. Alles klar?“
„Ja. Anna, das ist Volker von dem Berg.“ Sie grinste. „Er ist hier für das geistige und seelische und den ganzen Krempel zuständig. Das ist Anna Knipprath, Volker. Sie hilft uns ab jetzt mit dem Bürokram. Sie kommt aus – äh – Bümmeldorf oder so in Westfalen. Könntest Du ihr eins von den Gästezimmern zeigen? Ich komme gleich nach.“
„Klar.“
Volker wechselte das Schwert in die Linke und drückte Anna käftig die Hand. „Wil-kommen in der Familie, Anna. Gut, dass Du da bist, wir ersticken in Papier.“ Er run-zelte die Stirn. „Bümmeldorf?“
Anna lächelte. „Bunkeltrop“.
„Ah. Na, wie auch immer. Komm mit.“
„Klar.“ Sie raffte ihre Tasche zusammen, während Volkers Blick von der Pistole auf dem Tisch zu der auf dem Boden wanderte. Er sagte nichts. Anna drehte sich an der Tür noch einmal um.
„Danke Erin.“
Erin winkte lächelnd ab. „Bis gleich.“
Als die Tür sich hinter den beiden geschlossen hatte, verblasste Erins Lächeln langsam in Nachdenklichkeit, aber es verschwand nicht ganz. Ja. Doch. Zum ersten Mal seit Jahren hatte sie das Gefühl, etwas wirklich durch und durch Richtiges getan zu haben.
2
Bin ich ein Gott? Nach allem, was ich weiß, bin ich ein Gott. Nicht Gott, ein Gott, wie Bill Murray einen tiefen Witz in einem lustigen Film formuliert. Oh, ja, ich sehe und kenne Filme. Ich lese auch. Ich esse, schlafe – selten, aber immerhin – ich gehe aufs Klo. Ich blute. Ich liebe. Aber ich bin kein liebender Gott. Ich bin kein gütiger Gott. Ich halte mich nicht an „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Das ist für Menschen. Ich bin ein rachsüchtiger Gott.
Bin ich ein Gott? Ich kann Feuer säen, wo ich gehe. Ich gebiete über Schatten. Viele sind mir nicht geblieben, nachdem mein Fall offenbar wurde, aber es gibt Knecht-schaften und Bindungen, die niemals gelöst werden, in keiner Welt zu keiner Zeit. Menschen und Dinge tun, was ich gebiete, nach meinem Willen. Kein Mensch ist wie ich. Einst kam ich hierher, vor langer, langer, langer Zeit, und mit mir waren andere wie ich. Wir schufen die Menschen, wir waren ihre Herrscher. Dann verließen wir diese Welt, und die Menschen blieben zurück. Zeit verging, Zeit, die in Jahren nicht zu messen ist. In all dieser Zeit war ich ein Meister des Krieges. Dann fiel ich, und ich kehrte hierher zurück. Ich wurde Mensch, wenn man so sagen möchte. Ich bin nicht mehr, was ich war und ich bin nicht, was Ihr seid. Ich bin ein gefallener Gott, ich habe meine Farbe verloren. Ich bin die Nichtfarbe. Ich bin Schwarz.
Die Menschen sollten mir danken. Sie sollten mich verehren. Das tun sie nicht, denn sie wissen nicht, was ich für sie getan habe. Und mir liegt nichts an der Verehrung der Menschen, ich liebe sie nicht. Wenige Menschen habe ich geliebt und ich habe sie alle verloren. Die anderen sind Narren, und sie waren es immer. Was taten sie für die, die ihnen halfen, in all den Jahrtausenden? Wie nennen sie die, die sich zu ihnen herabbegaben, die ihnen Wege zeigten? Welche Geschichten erzählt man sich über Pan, über Loki?
Ich tue, was ich will, ich richte. Noch richte ich. Wenn mir der Sinn danach steht, werde ich herrschen. Dies ist meine Welt. Ich bin alleine, denn keiner ist wie ich. Ich selbst habe das Tor verschlossen, das lebende Tor, ich habe die Welt gerettet und zu meinem Ort gemacht. Und nun, da ich seltsame Zeichen sehe, alte Zeichen, Spu-ren einer Erhebung, will ich wieder in den Krieg ziehen. Denn dies ist meine Welt. Und ich bin ein eifersüchtiger Gott.
3
Brief Erin Simpsons an Sonja von Tramp, 01. 12. 2008
Liebe Sonny,
erstmal alles Gute zum Hochzeitstag! War gestern, oder? Hahaha, nein, das ist ein Witz, ich weiß, dass er morgen ist. Sein wird. Gewesen sein wird, wenn Du diesen Brief liest, aber egal, ich rufe Dich morgen an. Werde Dich morgen angerufen haben. Sag sofort, dass mein Deutsch besser ist als das der Deutschen! Ich bin die Königin der Zeitenfolgen.
Es freut mich so sehr zu hören, dass es Stefan wieder gut geht. Jetzt kann ich ja sa-gen, was ich mir lange nur gedacht habe: Motorrad fahren? Bei Euch? Um die Jah-reszeit? Du lieber Himmel, ich dachte, ihr wäret schon lange genug drüben. Aber bitte versteh mich nicht falsch. Sonny – ich bin so, so, so glücklich, dass alles in Ord-nung kommen wird. Ich bin fast verrückt geworden vor Angst.
Fletch und Jan lassen ganz herzlich grüßen. Sie bedanken sich sehr dafür, dass Ihr ihnen Jahre der Erziehung an Carl und Lisa versaut habt. Himmel, Carl wird nächstes Jahr zehn, und ich habe die beiden schon wieder über ein Jahr nicht gesehen. Jannice auch nicht. Ich vermisse sie wirklich, Ihr seht sie ja dieser Tage fast öfter als ich. Aber das ist eigentlich der einzige Nachteil daran, dass ich wieder sesshaft bin. Du vermutest richtig, wie machen eine kleine Jubiläumsfeier, um Weihnachten. Eigent-lich werden es zwei sein – nicht nur eine für Kunden und Leute aus der Nachbar-schaft und Öffentlichkeit und so, aber auch eine nur für uns. Für meine „Familie“, Bülent, Volker, Tanja. Tanjas Mann will auch kommen, Volkers Freundin wird leider nicht dabei sein, sie kommt dieses Jahr nicht. Statt dessen besucht er sie Anfang Januar in Japan. Oh, das hätte ich fast vergessen, dabei ist es ganz wichtig: Die Fa-milie hat Zuwachs bekommen. Eine junge Frau, Anna Knipprath. Läutet da was bei Dir? Genau, sie war damals dabei, bei dieser Sache. Sie war eine von denen, die auf dem Hof gerettet wurden, da wo jetzt Deine Schwiegereltern wohnen. Daran darf ich gar nicht denken. Sie verstehen wohl immer noch nicht, warum ich sie nie besuche, was? Tut mir leid, ich kann einfach nicht.
Na ja, Anna ist vorgestern hier aufgetaucht. Sie hat sich an Bülent vorbeigemogelt und ist in mein Büro gekommen und wir hatten eine ziemliche Auseinandersetzung. Sie wollte wissen, wo Sergej ist. Ihr Freund ist bei dieser Sache damals umgekommen, und sie macht Sergej dafür verantwortlich. Nicht zu Unrecht, glaube ich. Und dann hat sie irgendwo meinen Namen aufgeschnappt und ist zu mir gekommen, weil sie dachte, ich würde etwas wissen. Wir haben aber schnell Frieden geschlossen, und jetzt wollen wir Sergej gemeinsam suchen. Ich weiß was Du jetzt denkst. Aber ich bin sicher, daß er noch lebt. Und ich habe auch ein paar Fragen, wie Du weißt. Anna hat ziemlich viel mitgemacht, was damals passiert ist, hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Sie hat keinen Schulabschluss, war in der Psychiatrie, wohl auch süchtig (ich weiß nicht genau, wonach, aber sie deutete sowas an) und hatte es ziemlich schwer, seitdem. Sie wohnt erstmal hier bei mir, in einem der Gästezimmer. Sie wird uns ein wenig im Studio helfen, telefonieren, Empfang, Anmeldungen und sowas. Bülent hat seinen Sonntag geopfert und sich super um sie gekümmert. Nein, nicht was Du denkst. Er kann auch so sehr nett sein. Er hat Ihr alles erklärt, er macht ja sonst das meiste von diesem Kram und ihr danach ein wenig die Gegend gezeigt. Ich glaube, sie lebt sich gut ein. Heute Morgen haben die beiden zusammen angefangen, und dann ist Bülent gegangen, obwohl er Montags erst Nachmittags den ersten Kurs hat. Anna kommt gut zurecht, obwohl sie ziemlich scheu ist. Ich bin froh, dass sie bei uns ist. Es ist sicher gut für sie, aber auch für uns.
Ach ja – was soll diese komische Andeutung? Nein, ich bin solo, immer noch solo und ganz zufrieden damit. Messer machen ist ein Hobby, es macht mir Spaß, ich ler-ne es in der Volkshochschule, nicht bei irgendeinem Mann. Oder ja, der Typ von der VHS ist ein Mann, aber keine Sorge, da besteht nicht der Hauch einer Gefahr. Einer von den anderen Teilnehmern hat gesagt, Norbert – so heißt der Messermann – sieht aus wie ein Almöhi. Das trifft es. Klar habe ich von meinen Freunden was ge-lernt, aber Du konntest auch nicht Motorrad fahren, bevor Du mit Stefan zusammen warst, Stefan konnte nicht kochen, Fletch hat von Jan reiten gelernt, was soll’s. Ich bin also weiterhin frei und ungebunden und im Moment geniesse ich das. Weißt Du, Sonny, heiraten, Kinder, das habe ich mir alles abgeschminkt, Du weißt warum. Ich reiße mir im Moment auch nichts auf, wie Du es ausdrückst. Ich komme zur Ruhe seit mit Arne endgültig Schluss ist (wir mailen uns noch, aber das ist alles), und das tut mir auch gut. Ich brauche etwas Ruhe. Ich habe mit Volker einen tollen Mann als Freund, Einfachnursofreund, meine ich, Bülent ist auch ein feiner Kerl, und das reicht mir im Moment an Männern vollkommen. Ich will nicht mehr, und ich brauche nicht mehr, jetzt jedenfalls nicht. Es ist mir seit Jahren nicht so gut gegangen wie gerade jetzt.
Wie sehen denn Eure Weihnachtspläne aus, jetzt, wo Stefan wieder zu Hause ist? Wollt Ihr vielleicht doch nach Deutschland kommen? Wenn es Euren Eltern zu kurz-fristig ist, könnt Ihr gerne wieder bei mir wohnen, ich würde mich sehr freuen.
Gib Stefan einen dicken Kuß von mir!
Love
Erin
P.S.: Fletch sagte neulich, er mache sich Sorgen um mich, seit Du nicht mehr hier bist. Ihr seid alle sehr verrückt und paranoid. Aber ich liebe Euch!
Deine Erin
4
Es klopfte an der Bürotür.
„Erin?“
„Ja. Komm rein.“
Volker kam durch die Tür.
„Du bist ja immer noch wach. Weißt Du, wie spät es ist?“
Erin lachte. „Ich wohne hier. Du nicht. Was machst Du noch hier.“
„Ich war in Bülents Büro. Habe mit Kimiko gemailt.“
„Jetzt? Wie spät ist es bei Ihr?“
„Kurz vor 11. Sie sitzt im Zug, ist unterwegs zu ihren Eltern. Sie läßt Dich grüßen.“
„Schade, daß sie nicht kommt, dieses Jahr.“
„Tja. Ich bin dran. Ist Ende Januar noch in Ordnung?“
„Wieso fragst Du?“
Er grinste. „Du bist immer noch die Chefin.“
Erin zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. „Quatsch.“
Volker sagte nichts, er nahm sich den Stuhl, setzte sich Erin gegenüber und schaute über ihre Schulter hinweg aus dem Fenster. Erin tat, als sortiere sie die Papiere vor sich und wartete darauf, daß er etwas sage. Schließlich kapitulierte sie.
„Was ist los, Volker?“
„Wer ist Anna, Erin? Was ist mit ihr los?“
„Hast Du ein Problem mit ihr?“
„Überhaupt nicht. Sie ist bemüht, tüchtig, scheint sehr lieb zu sein. Völlig gestört au-ßerdem. Wenn sich jemand von Bülent und Dir beschützen lasse sollte, dann sie. Ich wundere mich nur über Dich.“
„Ja?“
„Nach allem, was ich Samstag gesehen habe, wundere ich mich, daß sie lebend aus Deinem Büro raus gekommen ist. Erst recht als Dein neuer Schützling. Versteh‘ mich nicht falsch – ich finde das absolut okay. Es paßt nur nicht zu Dir.“
Erins Gesicht verhärtete sich. Sie sah eine Weile aus dem Fenster auf die nacht-dunklen Höfe.
„Was hast Du schon gesehen,“ sagte sie schließlich leise.
Volker lächelte und drückte ihre Hand.
„Was ist los, Erin? Was ist passiert?“
Sie starrte weiter wortlos hinaus, dann drehte sie sich zu ihm um und versuchte ebenfalls ein Lächeln. Es gelang nicht.
„Sie hat Sergej gekannt. Sie war dabei, damals.“
Er nickte langsam. „Ich verstehe. Du meinst, sie könnte Dich zu ihm führen?“
„Nein, nein. Sie weiß nichts, es war sogar umgekehrt. Sie ist hierhin gekommen, weil sie dachte, ich wisse etwas. Deshalb die Waffe und all das.“
„Hm. Und warum nimmst Du sie auf?“
„Herrjeh,“ jetzt lachte sie doch. „Traust Du mir nicht zu, einfach mal etwas zu tun, weil es richtig ist?“
„Doch. Du tust eigentlich nur richtige Sachen, Erin, auch wenn Du das nicht glaubst. Nur in zwei Punkten tust Du eigentlich immer... na ja, nicht das Falsche, aber auch nicht unbedingt das Gute.“
„Und die wären?“
„Deine Jagdausflüge.“
„Und?“
„Dein Geschmack bei Männern.“
Sie lachte bellend. „Na, danke.“
„Und was Sergej betrifft,“ fuhr Volker unbeirrt fort, „fällt er unter beide Kategorien, deshalb potenziert sich das Ergebnis. Und wenn sie Dich dann auch noch bedroht hat...“ er zuckte mit den Schultern. „Es wundert mich wirklich, daß sie noch lebt.“
Erin schwieg eine Weile.
„Es war auch recht knapp,“ sagte sie schließlich.
„Du willst der Kleinen also wirklich helfen?“
„Ja. Erstaunt Dich das wirklich so sehr?“
„Ja.“
Sie sah ihn lange an.
„Weißt Du, das Du mein bester Freund bist, Volker? Ich meine, neben Sonny und Fletch, aber die sind beide nicht hier. Weißt Du das?“
„Ja.“
„Und wenn selbst Du nicht verstehst, warum ich so einem armen kaputten Ding hel-fe... wenn...“
„Erin...“
„Nein, ist schon okay. Du hast ja recht.“ Sie atmete tief durch. „Ich wußte nicht, wie anders ich geworden bin.“
„Ich kenne Dich nicht anders, Erin. Und ich habe auch niemanden, der mir näher steht.“ Er lachte. „Außer Kimiko, aber die ist ja auch nicht hier. Wir sitzen im selben Boot.“ Volker seufzte. „Erin, Du bist ein wunderbarer Mensch. Wenn Du hart bist, wenn Du grausam bist, dann weiß ich warum. Jeder andere an Deiner Stelle wäre durchgedreht. Deine Härte hat Dich gerettet.“
Sie schüttelte heftig den Kopf.
„Das war nicht meine Härte, Volker. Wenn es um Sergej geht, kann Härte Dich nicht schützen. Sergej... er... Sergej hat den Worten hart und grausam eine völlig neue Bedeutung gegeben, mein Freund. Oh ja.“
„Was war es dann?“
Sie sah ihn erstaunt an. „Das ist doch klar. Ich habe ihn geliebt. Ich liebe ihn noch immer.“
„Du hast ihn seit fast acht Jahren nicht gesehen.“
„Ja und?“
Es entstand eine kleine Pause, in der sie beide ihren Gedanken nachhingen. Schließlich sagte Volker:
„Willst Du mir nicht sagen, was er war, Erin? Was er ist?“
„Was er war weißt Du. Er war ein Mörder. Er hat mindestens 27 Leute umgebracht, drei davon, während wir ein Paar waren. 26 davon waren am Mord an seiner Frau beteiligt, einer hat versucht seinen besten Freund und dessen Freundin umzubringen und...“
Die plötzlicher Erinnerung an Marc und Sandra liess ihre Stimme brechen. Sie brauchte nicht lange, um sich zu sammeln.
...und dann sind diese Freunde doch ermordet worden. Und mit ihm ist etwas pas-siert. Ich glaube zu wissen, was passiert ist, aber das werde ich Dir mal in Ruhe er-klären, nicht jetzt um fast vier Uhr morgens. Jedenfalls hat er buchstäblich die Hölle auf dieses Kaff losgelassen, aber das weißt Du alles. Von den Bränden, den Kämp-fen und der Explosion. Das habe ich Dir alles schon erzählt.“
„Nein, Du hast mir nicht alles erzählt. Aber das ist in Ordnung. Ein paar Sachen kann ich mir denken. Und Anna war damals dabei.“
„Ja, sie war in Neurath. Sie gehörte zu so einer romantischen Truppe, so eine Bande harmloser, naiver Leute...“ sie winkte ab, „das wäre jetzt zu kompliziert. Ihr Freund wurde ermordet, mit einem Bogen erschossen. Sie muß damals 17 oder 18 gewesen sein. Ich habe sie gesehen in dieser Nacht, das war... egal. Jedenfalls muß ich sie beschützen, Volker. Sie ist hinter Sergej her und was immer sie findet, was immer sie aufstört... na ja, Du weißt das ja. Sie ist nicht hart, sie ist nicht grausam und sie hat niemanden, den sie liebt. Sie braucht mich. Und vielleicht können wir uns ja auch gegenseitig helfen.“
Volker grinste. „Ich weiß eigentlich viel zu wenig. Aber Du hast Recht, es ist spät. Und ich muß noch eine Kata laufen, bevor ich schlafen gehe. Ich nehme eins der Gästezimmer, wenn Du nichts dagegen hast.“
Sie griente zurück. „Pass auf, dass Du nicht aus versehen bei der Kleinen rein-latscht.“
„Keine Sorge, ich bin müde, aber nicht benebelt.“ Er wurde ernst. „Was ist mit Dir? Du solltest auch ins Bett. Morgen ist wieder volles Programm.“
Erin nickte. „Ja, Du hast recht. Ich höre auch jetzt auf.“
Er drückte ihre Hand. „Nacht, Du Verrückte.“
Er ging zur Tür, sie kam um den Schreibtisch herum und holte ihn ein, als er gerade hinausgehen wollte. Erin stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte einen Kuß auf Volkers Stirn.
„Schlaf gut, Samurai.“
Auszug aus "Erin":
1
Als der Zug den Bahnhof von Langenrath passierte, schloss Anna die Augen. Sie versuchte, das Zittern zu unterdrücken, aber es gelang nicht. Natürlich nicht. Es gelang nie.
„Hallo – ist irgend etwas?“
Eine Hand auf ihrem Arm. Anna öffnete die Augen. Es war die Frau, die ihr seit Wup-pertal-Vohwinkel gegenüber saß. Eine hübsche, kleine Frau, kurze, rotgefärbte Haare. Etwas älter als sie selbst, etwa dreißig. Graue Augen sahen Anna besorgt an.
„Geht es ihnen nicht gut?“
Anna schüttelte den Kopf und drückte sich ein Lächeln in die Wangen.
„Nein, alles in Ordnung... es ist nur... Langenrath, wissen sie?“ Sie nickte zum Fenster. Mein Freund ist da... er hatte da einen Unfall. Er ist tot. Ich kann... die Stadt nicht so gut vertragen.“ Sie schaffte ein halbes Lächeln und zuckte mit den Schultern. Die Frau lehnte sich zurück, behielt aber Ihre Augen auf Anna.
„Das tut mir leid.“
„Ja...“ Anna wartete auf die Plattitüden, aber sie hatte es hier offenbar mit einem ungewöhnlichen Menschen zu tun. Kein Gerede von Verständnis, keine Fragen, was denn genau geschehen sei und vor wie langer Zeit. Nur ein trauriger Blick und angenehmes Schweigen.
In Opladen stieg die Frau aus und Anna war wieder allein in ihrem Abteil. Sie sah aus dem Fenster und sagte sich wieder, daß sie alles im Griff hatte. Dass sie sich im Griff hatte. Draussen flog die herbstliche Landschaft vorbei. Ein später, nasser Herbst, der schon den Winter atmete. Es regnete nicht, doch die kahlen Bäume draussen waren schwarz von Feuchtigkeit. Hier im Zug war es warm, zu warm. Anna schwitzte in ihrem dicken Schal, die Wolltstrumpfhose, die sie unter ihrem Minirock trug, verursachte ein unangenehmes Jucken an den Beinen. Anna lockerte den Schal etwas, sie wollte ihn nicht ausziehen, damit man die alten Einstichnarben nicht sehen konnte. So lange die Frau mit ihr im Abteil gesessen hatte, hatte sie sich nicht getraut, die Heizung abzuschalten. Nun legte sie den Hebel um, aber das war im Grunde nutzlos, bis Köln würde die Temperatur nicht merklich sinken. Das Fenster zu öffnen wagte sie nicht, sie fürchtete sich vor dem Lärm.
Anna spürte, wie sie nervöser wurde und zwang sich zur Ruhe. Ihre Hand glitt in die Tasche, die auf ihrem Schoss lag und tastete nach der Pistole. Sie fuhr mit den Fingern darunter und hob die Waffe leicht an, doch die Schwere, die sie in den letzten Tagen immer so ruhig und zuversichtlich gemacht hatte half ihr nun nicht mehr, da der Moment, auf den sie seit fast zwei Wochen hin arbeitete, so greifbar nahe war.
Vorletzten Dienstag war es gewesen, vor elf Tagen. Sie hatte bei ihrem Arzt im Wartezimmer gesessen, nichts außergewöhnliches, diesmal, sie hatte eine leichte Halsentzündung gehabt und ein Rezept gebraucht. Anna war in irgendeine von diesen Wartezimmerzeitungen im Lesezirkeleinband versunken gewesen, als plötzlich der Name im Raum schwebte – Erin Simpson. Für einen Moment hatte Anna nicht gewußt, warum der Name sie aus ihrer Lektüre gerissen hatte wie ein Weckerklin-geln – ein Moment der Ratlosigkeit, und dann war alles wieder da. Direkt neben Ihr, nur durch die Spielecke getrennt, unterhielten sich zwei junge Mädchen.
„...und den Bülent, ne, der is voll süß, und der hat mich auch sofort voll...“
„Wer is‘ Bülent?“
„So’n Helfer von Erin. Und der hat so Augen, ne, da meinst Du...“
„Wie, Helfer?“
„Ja, so wie der ihr Assistent. Die Erin erklärt was und zeigt was, ne, und wenn Du meinst, ne, bei so’ne Kleine, wie die Erin, da is ja klar, dass das klappt, ne, dann ruft die den Bülent, ne, und bei den klappt das dann auch, und...“
„Die ruft den immer dann wenn was nicht klappt?“
„Doch, klar klappt das, aber bei den Bülent klappt das auch.“
„Wie jetz‘?“
„Ey, hörst Du mir überhaupt zu? Ich sag doch: Die Erin zeigt das alles, die Moves und die Tricks und so. Also, den Bülent, zeigt das auch, aber die Erin ist der Don, die hat die Ahnung. Und Bülent hat auch voll Ahnung, aber die Erin mehr.“
„Und deshalb ist die der Don, oder was?“
„Ja. Aber den Bülent, ne, der ist voll süß, und dann hat der mich so angeguckt, ne, als der meine Hand umklammert hat, ne, da hat der so süß gegrinst...“
„Der hat Deine Hand umklammert?“
„Ja, war ja nunmal Scheisse Selbstverteidigung, oder? Also, dann hat der so gegrinst...“
Anna hörte nicht mehr zu. Erin Simpson. Sie hatte die Frau niemals kennen gelernt, aber der Name war unauslöschlich in ihr Gedächtnis graviert. Dennoch – acht Jahre lang hatte sie verzweifelt, ziel- und planlos gesucht, versucht, eine Erklärung zu fin-den, einen Anhalt, irgend etwas, dass ihr helfen konnte zu verstehen, was in jener Sylversternacht geschehen war. Als Ihre Freunde gestorben waren. Als Thomas gestorben war. Als Sergej sie alle verraten hatte. Aber sie war nie auf den Gedanken gekommen, nach Erin Simpson zu suchen, sie schien in all dem nur eine Nebenrolle gespielt zu haben, Sergejs Freundin, hin und wieder erwähnt aber nie gesehen. Sie hatte nie an Erin Simpson gedacht. Und nun plötzlich hatte sie eine Spur – weil ein pummeliger Teenager für jemanden namens Bülent schwärmte.
Zwei Stunden später hatte sie vor dem Monitor ihres alten, lärmenden Computers gesessen und Google aufgerufen. Die Suchmaske erschien und sie gab „Erin“, „Simpson“ ein. Das 56K-Modem stellte ihre Geduld einen Moment auf die Probe, dann spuckte die Suchmaschine 205000 Antworten aus. Anna gab „Bülent“ als weite-res Suchwort ein – mit dem Erfolg, dass Google nun gar keine Seite fand. Sie rief sich das Gespräch der Mädchen noch einmal ins Gedächtnis und ersetzte „Bülent“ durch „Selbstverteidigung.“ Es fanden sich drei Links, direkt der erste war ein Treffer, ein Eintrag in einem Adressregister:
„Erin Simpson. Selbstverteidigung, Kampfkunst und Fitness für Frauen.“
Dazu eine Adresse in Köln, eine Telefonnummer und eine Email. Nichts weiter, kein Link zu einer Homepage. Aber immerhin diese Adresse. Hatte Sergej nicht erwähnt, daß seine Freundin Kampfsportlerin war? Anna hatte keinen Drucker, sie schrieb die Adresse auf. Fast den ganzen Abend hatte sie danach da gesessen und die Adresse angestarrt, die da in ihrer Handschrift stand. Annas Handschrift war immer noch schön und geschwungen, das einzig Schöne vielleicht, dass ihr geblieben war. Acht Jahre. Und jetzt, endlich, endlich...
Sie starrte ins Leere.
„Lauft!“ hatte Walter geschrien „Haut ab, schnell!“
Sie kannte die Szene, hatte sie tausende Male wieder gesehen, seither, in ihren Träumen, Tag und Nacht, wieder und wieder...
Thomas hatte sie angesehen, sie hatte ihn auf die Füße gezerrt.
„Komm, Thomas!“ hatte sie gerufen. „Komm, weg!“
Und sie waren gelaufen, zwischen zwei Häusern hindurch, durch einen Garten auf das Wäldchen zu. Anna hatte zurückgeblickt und gesehen, wie sie Walter ermordet hatten. Und dann hatte Thomas nicht mehr gekonnt, er war nicht so trainiert gewesen wie sie. Er war gestrauchelt, sie hatte ihn weiter gezogen, ihn angefleht, zu laufen, weiter zu laufen, und dann hatte sie das Geräusch gehört. Ein Sausen. Vom ersten Pfeil getroffen, war Thomas auf die Knie gefallen, der zweite hatte seinen Körper durchbohrt und war auf der Höhe seines Bauchnabels wieder ausgetreten. Sie hatte geschrien. Er hatte gewusst, dass er sterben würde. Er hatte gesagt, dass sie laufen sollte.
Und das hatte sie dann getan. Sie war gerannt, hatte sich versteckt, wurde gefunden und im allerletzten Moment hatte Recha sie gerettet. Recha und ihr Freund, der Polizist. So hatte sie überlebt, als einzige aus ihrem kleinen Verschwörerkreis, neben Recha. Alle anderen waren tot. Sergej hatte sie in eine Falle geführt, sie verraten, um seine eigenen Ziele, die sie nie begriffen hatte, zu verfolgen. Sergej hatte sie alle verraten – und Thomas war tot.
Ihr Leben war danach zusammengebrochen. Sie hatte versucht, weiter zu fliehen, vor dieser Nacht zu fliehen. Sie hatte sich betäubt, sie hatte versucht zu sterben, sie hatte versucht, alles zu vergessen, sie hatte versucht, denen zu glauben, die ihr sagten, sie litte an Wahnvorstellungen. Acht Jahre danach war sie vor allem das, was sie nicht war. Sie war nicht mehr akut drogen- und tablettensüchtig, sie war offiziell nicht mehr schwer psychisch gestört, sie war nicht mehr selbstmordgefährdet, sie war nicht mehr behütete Tochter und sie war schon lange nicht mehr die fröhliche, verträumte und vielversprechende junge Frau, die sie bis zu dieser Nacht gewesen war.
Irgendwann zwischendurch hatte sie auch versucht, Sergej zu finden. Um sich zu rächen. Oder zumindest, um eine Erklärung zu erzwingen. Und dann doch – um sich zu rächen. Es war ihr nicht gelungen, Sergej Hoffrichter schien es niemals gegeben zu haben. Am Ende hatte sie daran gezweifelt, dass es ihn wirklich gegeben hatte.
Und nun, nach all der Zeit – Erin Simpson. Anna zweifelte nicht, dass es diese Erin Simpson war. Sie würde Anna zu ihm führen. Notfalls unter Zwang.
Anna verließ den Zug in Köln Süd. Auf dem Weg vom Bahnsteig nach unten dachte sie darüber nach, wie unwahrscheinlich es war, dass irgendjemand in Köln einen Selbstverteidigungskurs bei Sergejs Freundin machte, dann in das westfälische Kaff kam, in dass es Anna verschlagen hatte und just in dem Moment im Wartezimmer eines Arztes einer Freundin davon erzählte, in dem auch sie dort war. Egal. Sie hatte gelernt, nicht an Zufälle zu glauben.
Sie irrte ein eine halbe Stunde durch die Südstadt, bevor sie sich eingestand, dass sie sich verlaufen hatte. Eine weitere Stunde brauchte sie um sich durchzuringen, jemanden nach dem Weg zu fragen. Eine Frau in ihrem Alter, offensichtlich Studentin, las die Adresse auf dem Zettel und wies ihr den Weg, es war gar nicht weit. Und dann stand sie vor dem Haus. Es war ein altes Haus in einer Front ähnlicher Häuser, typisch für die Gegend. Das große Fenster in Parterre war vergittert und von innen verblendet, die Blende zeigte die moderne, stilisierte Darstellung eines Tigers und eines Drachen. Darüber ein Schriftband mit der trockenen Selbstdarstellung, die Anna schon kannte: „Erin Simpson. Selbstverteidigung, Kampfkunst und Fitness für Frauen.“ Die Tür war ebenfalls von innen verblendet, diesmal mit einem bunten Tuch.
Plötzlich erstieg Anna die zwei Stufen zur Tür und drückte sie auf. Sie hatte sich so schnell ein Herz gefasst, dass sie selbst erstaunt war.
Nach dem abweisenden Äußeren war Anna auf einen muffigen, dunklen Raum hinter der Tür gefasst – sie wurde überrascht. Der Empfangsraum, in den sie trat, war hoch und hell, drei Fenster von denen sie gedacht hatte, dass sie zu einem oberen Stock-werk gehörten, liessen das herbstliche Mittagslicht herein. Der Raum war hell gestri-chen, der Boden bestand aus hellem Holz. Neben der Tür hing eine Pinnwand mit allerlei Bekanntmachungen. Ein Treppenaufgang führte, der Beschilderung nach, zum „Büro“ und den „Hallen 2 und 3“, eine Tür zur Linken zur „Halle 1“, und „WC/Umkleide/Duschen“. Neben dieser Tür hingen gemalte Bilder, ein beschriebe-nes Tape erklärte: „Grundschulprojekt Fitness“. Beherrscht aber wurde der Raum von einem großen Tresen, der ein Zwischending aus Bar und Empfangsschalter zu sein schien. Einige Barhocker standen davor, auf dem Tresen eine Karte, zwei Cocktailgläser, leer, aber einladend geschmückt. Eine kleine Pyramide aus Fitnessdrinks. Die Wand hinter dem Tresen war voll mit Diplomen die eine Menge Schriftzeichen enthielten, die Anna nicht lesen konnte und für chinesisch oder japanisch hielt. Ein paar schienen auch hebräisch zu sein. Lesbar waren immer wieder Namen: „Erin Simpson“ und „Volker von dem Berg“, seltener „Bülent Ilgin“. Die wenigen vollständig lesbaren Urkunden behandelten Verdienste um Aerobic, Fatburning und ähnliches und lauteten meist auf den Namen „Tanja Dachser“. Hinter dem Tresen war ein Südländer in Annas Alter damit beschäftigt, Papiere auszufüllen. Er blickte auf, als sie den Raum betrat, aber sie nahm ihn kaum wahr. Schnell fingen die Diplome an der Wand hinter ihm ihren Blick ein und der Name: „Erin Simpson.“ Anna orientierte sich kurz und ging dann zur Treppe. Ein leiser Pfiff stoppte sie.
„Ähm, junge Frau – wohin des Wegs?“
„Was?“ sie drehte sich um. Der Mann schaute sie mit belustigter Verwunderung an. Er war sehr groß und schlank, das glatte schwarze Haar fiel ihm in Stirn und Nacken, er sprach mit sehr leichtem Akzent, der sowohl kölnisch wie türkisch sein konnte. Anna lächelte – und versuchte einen Bluff.
„Oh... äh... ‚tschuldigung. Du mußt Bülent sein.“
„Derselbe, ja.“
„Tja... ähm... ich wollte zu Erin. Erin Simpson. Ist die da?“
„Ja. Worum geht’s denn?“
„Eine... Freundin von mir hat einen Kurs bei Euch gemacht. Und da wollte ich mich auch anmelden.“
Bülent lachte. „Ey, dafür brauchst Du nicht extra den Weg machen. Anruf genügt.“ Er grinste. „Andererseits schön, wenn Du vorbeischaust. Was darf‘s denn sein?“
„Selbstverteidigung.“
„Hmmm...“ er nickte und kramte ein paar Formulare hervor. „Du kannst Dich gleich hier bei mir anmelden. Wir haben da verschiedene Angebote, ganz neu ist...“
„Bitte...“ Sie sah ihn an. „Ich möchte lieber mit Erin... also... Frau Simpson darüber sprechen.“
Er erwiderte ihren Blick einen Moment und nickte. „Alles klar. Treppe hoch, im Gang links, zweite Tür.“
„Danke.“
Oben fiel es Anna nicht schwer, sich zu orientieren. Rechts neben der Treppe knickte der Gang ab, dahinter schien ein Trainingsraum zu sein, Anna hörte weiche, schnelle Schritte, leises, stoßartiges Atmen, ein Schatten war kurz an dem sichtbaren Stück der gegenüberliegenden Wand zu sehen. Sie wandte sich nach links, ging durch eine Glastür in einen düsteren Gang. Die zweite Tür war aus Holz, weiß gestrichen. Sie starrte die weiße Tür an, unsicher, ob sie vor der richtigen stand. Es gab keinerlei Aufschrift, kein Schild, nichts von „Büro“ oder „Privat“ oder „Erin Simpson“. Hinter der Tür war kein Laut zu hören. Die Hoffnung, vor der falschen Tür zu stehen gab Anna schließlich den Mut zu klopfen. Die Antwort kam sofort.
„Herein!“
Eine laute, klare Stimme. Anna schluckte, achtete nicht auf ihre zitternden Hände, drückte die Klinke und betrat den Raum.
Erins Büro war klein. Anna wunderte sich einen Moment dass ihre Schritte kein Ge-räusch machten, als sie eintrat, dann merkte sie, daß sie auf einem dicken, dunkelgrauen Teppich ging. An der linken Wand stand ein kleines Regal, das fast leer war. Nur auf dem mittleren der drei Bretter stand ein Holzkästchen. Es fing Annas Blick und hielt ihn fest.
Plötzlich, mit einem Mal, war dieses Kästchen das Wichtigste im Raum geworden. Anna mußte es unbedingt ansehen. Sie ging zu dem Regal. Das Kästchen war ein geschnitzter Würfel aus dunkelbraunem Holz, vielleicht zehn Zentimeter Kantenlän-ge. Anna spürte Wunsch, es an sich zu nehmen und wußte kaum, weshalb sie sich mit Mühe zurückhielt. Es war rundum mit vielen geschnitzten Mustern verziert, inein-ander verschlungene Bänder, etwas, das wie fremdartige, gekreuzte Schwerter aus-sah, Kronen, Sterne, einige der Muster erinnerten an Schachfiguren, Pferde, Türme, dann wieder Glyphen und geometrisch erscheinende Gebilde, viele weitere, schein-bar unzusammenhängende Symbole. Der Deckel zeigte eine kunstvolle, gruselige Schnitzerei: Ein Kreis aus Skeletten, die einer ewigen Reihe voreinander hergingen. Jedes hielt ein Schwert in der Hand, welches es dem vor ihm gehenden von hinten durch die Rippen stieß, und also wurde auch jedes von einem Schwert durchbohrt. Aus dem Kreis blickte ein Totenkopf. Anna kannte dieses Bild, sie wußte nur nicht, woher. Es hatte mit Sergej zu tun...
„Gefällt es Ihnen?“
Anna zuckte zusammen, Sie hatte den Grund Ihres Hierseins für einen Moment ver-gessen – und auch die Stimme, die sie hereingebeten hatte. Vor dem Fenster, an einem Schreibtisch, saß eine Frau. Sie war klein, aber drahtig und durchtrainiert, was trotz ihrer legeren, sportlichen Kleidung sofort zu erkennen war. Das kurze blonde Haar war scharf gescheitelt, der Blick, mit dem sie Anna betrachtete sollte freundlich sein – aber er hatte etwas Lauerndes. Anna faßte sich mühsam.
„Ja... äh... ja, gefällt mir sehr. Ich... ich interessiere mich für so... Holzschachteln.“
„Und deshalb sind sie hier?“
„Nein. Nein... Frau Simpson?“
„Erin Simpson, ja.“ Sie sprach mit einem leichten Akzent.
„Ich... ähm... ach so, ‘tschuldigung, ich heisse Anna... Rath.“ Anna ging zum Schreib-tisch und streckte die Hand aus. Erin stand auf und drückte sie. Sie bewegte sich sparsam und geschmeidig, selbst bei dieser Alltäglichkeit.
„Und was führt sie nun zu mir – wenn es nicht meine Schachtel ist?“
„Ich möchte einen Selbstverteidigungskurs machen.“
„Oh.“ Erin schien für den Bruchteil einer Sekunde irritiert, dann wies sie mit der Hand auf einen Stuhl, der neben dem Schreibtisch stand.
„Klar. Setzen sie sich.“
Anna zog den Stuhl heran und setzte sich Erin gegenüber. Die hatte ebenfalls Platz genommen.
„Sie hätten sich die Mühe hier hoch zu kommen gar nicht machen müssen. Mein Mit-arbeiter – Herr Ilgin – hätte das alles mit ihnen besprechen können. Da muß irgend etwas falsch gelaufen sein, sorry.“
„Nein, nein.“ Anna öffnete möglichst leise ihre Tasche, aber sie sah sofort daß ihr Gegenüber das Knacken bemerkt hatte. „Ich... ich wollte mit ihnen sprechen.“
„Oh. Ja dann – worum geht’s denn?“
Anna tastete nach der Pistole und merkte, wie ihre Hände vor Angst taub wurde. Sie spürte Schweiß auf ihrer Stirn.
„Es ist... äh... ein wenig heikel. Ich... ich... sie machen auch spezielle Selbstverteidigungskurse?“
Erin lächelte: „Wenn Sie mir sagen, was sie mit speziell meinen?“
Anna hatte die Pistole gefaßt und zog. Ihr Labello und das Notizbuch hatten sich ver-kanntet, sie bekam die Waffe nicht heraus. „So... ich meine...“
„Haben Sie ein Problem mit Ihrer Tasche?“
Mit einem plötzlichen Gewaltakt riß Anna die Pistole heraus. Die Tasche flog in den Raum hinter ihr, sie verrutschte mit dem Stuhl, taumelte, der Stuhl fiel um und Anna sprang auf. Mit weit aufgerissenen Augen stand sie vor dem Schreibtisch, die Pistole am starr ausgestreckten Arm auf Erin gerichtet und schrie:
„Wo ist Sergej? Wo ist Sergej Hoffrichter? Sagen Sie mir das, oder ich schiesse.“
Erin blieb völlig ruhig. Sie hob nur sehr langsam die Hände vor die Brust, die geöff-neten Handflächen Anna zugewandt. Einge Geste der Beschwichtigung. Anna hatte mit dieser Ruhe gerechnet. Womit sie nicht gerechnet hatte, war die große Freund-lichkeit und Güte, die ihr Gegenüber plötzlich ausstrahlte.
„Sie müssen die Waffe entsichern.“
Anna schüttelte wild den Kopf. „Die hat gar keine Sicherung. Keine... keine Tricks. Wo ist Sergej?“
Erin grinste breit.
„Einen Versuch war’s wert, oder?“
„Wo?! Ist?! Sergej?!“
„Wie geht es Deiner Mutter, Kleine?“
„Meiner... was?“
Ein lauter Knall ertönte, Anna zuckte zusammen und während sie noch zu erfassen versuchte, was passierte, bewegte sich Erin Simpson. Irgend etwas sagte Anna, daß sie nur den Finger krümmen bräuchte, und während sie versuchte zu begreifen, was da eben so geknallt hatte, versuchte ihre Hand zu tun, was der Schreck ihr eingab. Sie krümmte den Finger zitternd, plötzlich war da ein Widerstand und dann schlug etwas gegen ihr Handgelenk und ihren Handrücken, die Hand öffnete sich und die Pistole flog gegen die Wand. Ein fürchterlicher Hieb traf sie unterhalb der Brust, Anna rang nach Luft und versuchte, sich nicht zu übergeben. Ihre Haare wurden gepackt und ihr Kopf schlug auf den Schreibtisch. Immer noch würgend spürte Anna, wie ihre Tränen zu fließen begannen, und nicht nur wegen des Schmerzes. Es war vorbei. Alles. Alle Hoffnung. Sie versuchte, den Kopf zu bewegen, um besser atmen zu kön-nen, aber er wurde nur noch unbarmherziger auf die Tischplatte gedrückt.
„Locker bleiben, Schätzchen.“ Da war nichts mehr von Freundlichkeit und Güte. Da war nie etwas gewesen, wußte Anna jetzt. Zu spät.
„Erin, alles okay?“ Eine Stimme vor der Tür.
„Oh ja. Mach Dir keine Sorgen, Volker.“
„Echt?“
„Ja.“
Anna schluchzte.
„Na, na, wer wird denn heulen, hm?“
Etwas kaltes, schmales wurde gegen ihren Hals gedrückt, Anna spürte einen stumpfen Druck auf einer dünnen Linie. Sie wußte, daß das stumpfe Gefühl eine Täuschung war, sie mußte die Augen kaum bewegen, um das Messer zu sehen.“
„Wer bist Du, wer schickt Dich. Schnell!“
„Niemand schickt mich.“
„Kleine, Du bist offenbar nicht sonderlich clever. Nochmal: Wer schickt Dich, wer bist Du?“
„Keiner!“ Annas Stimme brach, es war ihr egal. Sie hatte verloren, diese Frau würde sie umbringen. Was vielleicht gar nicht so schlecht war. Dann wäre all diese Scheiße wenigstens vorbei.
Erin seufzte. „Hör zu! Irgend jemand hat Dir einen Namen gesagt und Dich mit dieser Pistole zu mir geschickt. Du hältst das vielleicht für einen Spaß, es ist keiner. Ich kann jede Antwort aus Dir herausholen, die ich hören will. Also...“
„Mich schickt keiner!“ Anna versuchte zu schreien, aber sie konnte es nicht, Rotz und Speichel erstickten ihre Stimme. „Ich heiße Anna Knipprath und ich will wissen, wo Sergej Hoffrichter ist. Es ist mir egal, ob sie mir das glauben.“
Zu Annas grenzenloser Verwunderung lockerte sich der Druck des Messers auf ihren Hals. Erin zog sie an den Haaren hoch, aber so sanft wie möglich, es tat kaum weh. Dann sahen sie sich in die Augen. Erins Gesicht war ganz nah und Anna sah zum ersten Mal die vielen, tiefen Falten um die Augen, die nicht zu dem jungen Gesicht paßten. Es konnten Lachfalten sein, aber es waren keine, wie Anna wußte.
„Anna Knipprath?“
„Ja.“
Erin ließ sie vorsichtig los, legte das Messer aus der Hand, öffnete eine Schublade und holte eine Pistole heraus, alles in einer raschen, fließenden Bewegung. Die Waffe sah besser aus als die, die jetzt an der Wand lag. Glatter, sauberer, schöner, gefährlicher. Erin richtete die Pistole auf Anna, aber sie bewegte sich so locker, daß die Geste fast nicht bedrohlich war.
„Hast Du irgend etwas mit, einen Ausweis oder sowas, Anna Knipprath.“
Anna begann zu glauben, daß das kein Trick war. Nicht wie die plötzliche Wärme und Freundlichkeit vorhin. Erin wirkte immer noch gefährlich und entschlossen in jeder Bewegung – aber etwas von der tödlichen Kälte war fort.
„In Deiner Tasche?“
„Ja.“
„Hol ihn. Und mach bitte keinen Quatsch.“
„Ja. Klar.“
Anna ging zu ihrer Tasche, kramte ihre Brieftasche heraus, nahm den Ausweis, brachte ihn zurück und legte ihn auf den Tisch. Erin warf nur einen flüchtigen Blick darauf.
„Okay. Ich lasse Dir die Wahl, Anna. Du kannst Deine Tasche nehmen und gehen. Oder Du kannst Dich setzen, und wir unterhalten uns ein bisschen. Was möchtest Du?“
Anna sah sie vorsichtig an und nickte. „Reden,“ sagte sie leise.
„Okay.“ Erin nickte und sah zufrieden aus. „Wie geht es Dir? Merkst Du noch was von dem Schlag?“
„Schon. Ist nicht so schlimm.“
„Gut. Dann setz Dich. Und leg bitte beide Hände auf den Tisch.“
Anna hob den Stuhl auf, schob ihn zum Schreibtisch und setzte sich. Ihr Blick fiel auf die Uhr an der Wand. Es waren keine Fünf Minuten vergangen, seit sie den Raum betreten hatte.
Erin setzte sich ebenfalls und legte die Pistole aus der Hand. In bequeme Reichwei-te, wie Anna nicht entging.
„Du weißt, wer ich bin?“
Anna nickte. „Sie... Du... Sie...“
„Du.“
„Du bist Sergejs Freundin. Warst Sergejs Freundin.“
„Das ist richtig. Und ich weiß, wer Du bist. Du gehörtest zu diesem Zirkel um Recha und Andreas. Sie sind alle damals gestorben. Außer Recha und Dir.“
„Sie sind nicht gestorben. Sie sind ermordet worden. Und es war nicht mehr Andreas Zirkel. Es war Sergejs. Ohne Sergej hätten wir sowas... sowas nie gemacht. Er hat uns dazu gebracht. Und dann war er plötzlich weg. Und sie haben uns, sie haben alle umgebracht. Thomas... meinen Freund...“
„Ach so.“ Erin nickte nachdenklich. „Das wußte ich nicht, daß er Dein Freund war. Tut mir...“ sie zuckte mit den Schultern und sah Anna offen und traurig an. „Klingt blöd, aber tut mir leid.“
„Schon gut.“
„Und jetzt suchst Du Sergej. Warum?“
„Ich... ach egal.“
„Du willst Dich rächen?“
„Weiß nicht. Ja. Ich will wissen warum. Ich will, dass er... dass er stirbt. So stirbt wie Thomas.“
Erin nickte wieder. „Verstehe ich. Gut, Anna, ich will Dir sagen, was ich weiß, zumin-dest sofern es für Dich interessant ist. Zuerst einmal: Ich weiß nicht, wo Sergej ist. Ich habe ihn in dieser Nacht verloren... ich habe ihn verloren, und ich suche ihn seit-her. Ich habe ihn nicht gefunden. Und was Deine Rache betrifft – vergiss das. Du wirst ihn nicht überwältigen können, geschweige denn töten.“ Sie schwieg eine Wei-le. „Ich glaube nicht, daß überhaupt jemand ihn töten kann,“ sagte sie dann leise.
Anna sah sie erstaunt an. „Was meinst Du?“
„Hast Du ihn in dieser Nacht gesehen?“
„Nein. Ich glaube, er war gar nicht da.“
„Oh doch, und ob er da war. Die Brände, die Explosion im Gut, die vielen Toten in Neurath. Oh ja, er war da. Ich habe ihn gesehen Anna. Und ich bezweifle, dass er... dass er ein Mensch war. Noch ein Mensch war.“
„Wieso? Kein Mensch? Wieso?“
Erin antwortete nicht. Sie war wieder in Neurath. In der Sylvesternacht. Sie hatte ge-meinsam mit einem der Polizisten gegen entseelte Wesen gekämpft, die noch kurz vorher ganz normale Leute gewesen waren, Bürger von Neurath. Der Polizist war verletzt worden, aber sie war alleine fertig geworden und hatte den Verletzten noch versorgt. Sie hatte ihm das Leben gerettet. Ihm, seinem Kollegen und Anna. Sie hatte Anna im Arm gehalten und getröstet. Anna erinnerte sich mit Sicherheit nicht mehr daran. Erin hatte das Mädchen selbst fast vergessen. Dann war sie weiter ge-laufen, auf der Suche nach Sergej, in dieses Wäldchen. Ein Mann, einer der Neurat-her, hatte sie mit dem simpelsten aller Tricks zu Fall gebracht. Er hatte Ihr einen Stock in den Lauf geworfen, Erin war gestürzt, und gerade als der Mann sie hatte erschießen wollen – mit einer Armbrust, herrjeh – war Sergej gekommen. Oder das, was einmal Sergej gewesen war. Ein unmenschliches Wesen, eine fühlbare Grau-samkeit und Größe im Körper des Mannes, den sie liebte. Es hatte den Mann mit der Armbrust auf eine Weise getötet, die Erin bis heute nicht begriff. Er war in die Bäume geflogen, schreiend, eingehüllt in Schwärze, er schien gleichzeitig ausgesaugt zu werden und zu explodieren. Dann hatte es über ihr gestanden und sie aus schwar-zen Augen angesehen. Und es hatte gesagt: „Komm her!“ Erin war geflohen, doch als sie sich noch einmal umgewandt hatte, hatte sie Sergej gesehen. Ihren Sergej. Doch sie konnte nicht umkehren, das Entsetzen war zu groß gewesen.
Erin schüttelte sich aus der Erinnerung.
„Habt Ihr nicht immer über übermenschliche Wesen gesprochen, über Tore in andere Dimensionen? Er war kein Mensch mehr. Oder es war etwas unmenschliches in ihm, ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, daß man ihn töten kann.“
Anna überlegte. „Warum suchst Du ihn dann?“
„Ich will ihn zurück“, sagte Erin, mehr zu sich selbst. „Ich will ihn zurück, so wie er war, auch wenn ich kaum hoffen kann, dass das möglich ist. Und wenn nicht, dann will ich wissen. Ich will alles wissen.“
Anna nickte. „Ich auch.“
Erin betrachtete sie aufmerksam.
„Keine Rache mehr?“
„Doch. Aber es ist wie bei Dir. Ich glaube Dir. Ich glaube nicht wirklich, daß es geht. Es passt zu allem, was wir im Zirkel herausgefunden haben, wie haben es nur ir-gendwie selbst nicht geglaubt. Vielleicht ist er wirklich kein Mensch. Wahrscheinlich.“
„Weißt Du, was er ist?“
„Nein. Du?“
„Ja, ich denke schon. Aber das würde jetzt zu weit führen, glaube ich.“ Sie dachte einen Moment nach und betrachtete Anna noch einmal forschend.
„Wo wohnst Du, Anna? Hast Du einen Job?“
„Ich wohne in so einer Wohngemeinschaft in Bunkeltrop. Das ist in Westfalen. Die anderen studieren, in Paderborn oder Dortmund. Ich mache denen den Haushalt und so, dafür kann ich da mitwohnen. Sie glauben, ich bin Malerin und warte so auf den großen Durchbruch.“ Sie lachte bitter.
Erin lächelte. „Bist Du Malerin?“
„Ich male manchmal. Ich habe noch nie versucht, ein Bild zu verkaufen.“
„Hättest Du Lust, mit mir nach Sergej zu suchen?“
Anna brauchte einen Moment, bis der Sinn der Frage zu ihr durchgedrungen war. „Ja,“ sagte sie dann. „Klar, wie...“
„Du müßtest hierhin kommen, nach Köln. Du könntest uns ein wenig im Studio hel-fen, Papierkram, Telefon wenn Dir das liegt. Nicht besonders Wildes. Bist Du dabei?“
Sie nickte nur. Erin klatschte in die Hände.
„Fein. Wenn es geht, bleib doch heute hier, okay? Heute Abend kannst Du alle ken-nenlernen, dann ist Tanja auch wieder da. Wir haben sowieso Teamabend. Du kannst hier übernachten. Gut?“
„Ja, klar. Danke, Erin, ich...“
„Kein Problem. Ich freue mich, daß Du an Bord bist.“ Dann rief sie laut: „Volker!“
Weiche Schritte vor der Tür. Als sie geöffnet wurde, trat ein Mann herein, gedrungen, breitschultrig. Sein kurzes, braunes Haar wurde oben auf dem Kopf sichtbar dünn. Er trug eine weite Hose, die Anna im ersten Moment für einen Rock hielt, und eine Jacke aus derbem Stoff. In der Hand hielt er ein Schwert.
„Erin. Alles klar?“
„Ja. Anna, das ist Volker von dem Berg.“ Sie grinste. „Er ist hier für das geistige und seelische und den ganzen Krempel zuständig. Das ist Anna Knipprath, Volker. Sie hilft uns ab jetzt mit dem Bürokram. Sie kommt aus – äh – Bümmeldorf oder so in Westfalen. Könntest Du ihr eins von den Gästezimmern zeigen? Ich komme gleich nach.“
„Klar.“
Volker wechselte das Schwert in die Linke und drückte Anna käftig die Hand. „Wil-kommen in der Familie, Anna. Gut, dass Du da bist, wir ersticken in Papier.“ Er run-zelte die Stirn. „Bümmeldorf?“
Anna lächelte. „Bunkeltrop“.
„Ah. Na, wie auch immer. Komm mit.“
„Klar.“ Sie raffte ihre Tasche zusammen, während Volkers Blick von der Pistole auf dem Tisch zu der auf dem Boden wanderte. Er sagte nichts. Anna drehte sich an der Tür noch einmal um.
„Danke Erin.“
Erin winkte lächelnd ab. „Bis gleich.“
Als die Tür sich hinter den beiden geschlossen hatte, verblasste Erins Lächeln langsam in Nachdenklichkeit, aber es verschwand nicht ganz. Ja. Doch. Zum ersten Mal seit Jahren hatte sie das Gefühl, etwas wirklich durch und durch Richtiges getan zu haben.
2
Bin ich ein Gott? Nach allem, was ich weiß, bin ich ein Gott. Nicht Gott, ein Gott, wie Bill Murray einen tiefen Witz in einem lustigen Film formuliert. Oh, ja, ich sehe und kenne Filme. Ich lese auch. Ich esse, schlafe – selten, aber immerhin – ich gehe aufs Klo. Ich blute. Ich liebe. Aber ich bin kein liebender Gott. Ich bin kein gütiger Gott. Ich halte mich nicht an „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Das ist für Menschen. Ich bin ein rachsüchtiger Gott.
Bin ich ein Gott? Ich kann Feuer säen, wo ich gehe. Ich gebiete über Schatten. Viele sind mir nicht geblieben, nachdem mein Fall offenbar wurde, aber es gibt Knecht-schaften und Bindungen, die niemals gelöst werden, in keiner Welt zu keiner Zeit. Menschen und Dinge tun, was ich gebiete, nach meinem Willen. Kein Mensch ist wie ich. Einst kam ich hierher, vor langer, langer, langer Zeit, und mit mir waren andere wie ich. Wir schufen die Menschen, wir waren ihre Herrscher. Dann verließen wir diese Welt, und die Menschen blieben zurück. Zeit verging, Zeit, die in Jahren nicht zu messen ist. In all dieser Zeit war ich ein Meister des Krieges. Dann fiel ich, und ich kehrte hierher zurück. Ich wurde Mensch, wenn man so sagen möchte. Ich bin nicht mehr, was ich war und ich bin nicht, was Ihr seid. Ich bin ein gefallener Gott, ich habe meine Farbe verloren. Ich bin die Nichtfarbe. Ich bin Schwarz.
Die Menschen sollten mir danken. Sie sollten mich verehren. Das tun sie nicht, denn sie wissen nicht, was ich für sie getan habe. Und mir liegt nichts an der Verehrung der Menschen, ich liebe sie nicht. Wenige Menschen habe ich geliebt und ich habe sie alle verloren. Die anderen sind Narren, und sie waren es immer. Was taten sie für die, die ihnen halfen, in all den Jahrtausenden? Wie nennen sie die, die sich zu ihnen herabbegaben, die ihnen Wege zeigten? Welche Geschichten erzählt man sich über Pan, über Loki?
Ich tue, was ich will, ich richte. Noch richte ich. Wenn mir der Sinn danach steht, werde ich herrschen. Dies ist meine Welt. Ich bin alleine, denn keiner ist wie ich. Ich selbst habe das Tor verschlossen, das lebende Tor, ich habe die Welt gerettet und zu meinem Ort gemacht. Und nun, da ich seltsame Zeichen sehe, alte Zeichen, Spu-ren einer Erhebung, will ich wieder in den Krieg ziehen. Denn dies ist meine Welt. Und ich bin ein eifersüchtiger Gott.
3
Brief Erin Simpsons an Sonja von Tramp, 01. 12. 2008
Liebe Sonny,
erstmal alles Gute zum Hochzeitstag! War gestern, oder? Hahaha, nein, das ist ein Witz, ich weiß, dass er morgen ist. Sein wird. Gewesen sein wird, wenn Du diesen Brief liest, aber egal, ich rufe Dich morgen an. Werde Dich morgen angerufen haben. Sag sofort, dass mein Deutsch besser ist als das der Deutschen! Ich bin die Königin der Zeitenfolgen.
Es freut mich so sehr zu hören, dass es Stefan wieder gut geht. Jetzt kann ich ja sa-gen, was ich mir lange nur gedacht habe: Motorrad fahren? Bei Euch? Um die Jah-reszeit? Du lieber Himmel, ich dachte, ihr wäret schon lange genug drüben. Aber bitte versteh mich nicht falsch. Sonny – ich bin so, so, so glücklich, dass alles in Ord-nung kommen wird. Ich bin fast verrückt geworden vor Angst.
Fletch und Jan lassen ganz herzlich grüßen. Sie bedanken sich sehr dafür, dass Ihr ihnen Jahre der Erziehung an Carl und Lisa versaut habt. Himmel, Carl wird nächstes Jahr zehn, und ich habe die beiden schon wieder über ein Jahr nicht gesehen. Jannice auch nicht. Ich vermisse sie wirklich, Ihr seht sie ja dieser Tage fast öfter als ich. Aber das ist eigentlich der einzige Nachteil daran, dass ich wieder sesshaft bin. Du vermutest richtig, wie machen eine kleine Jubiläumsfeier, um Weihnachten. Eigent-lich werden es zwei sein – nicht nur eine für Kunden und Leute aus der Nachbar-schaft und Öffentlichkeit und so, aber auch eine nur für uns. Für meine „Familie“, Bülent, Volker, Tanja. Tanjas Mann will auch kommen, Volkers Freundin wird leider nicht dabei sein, sie kommt dieses Jahr nicht. Statt dessen besucht er sie Anfang Januar in Japan. Oh, das hätte ich fast vergessen, dabei ist es ganz wichtig: Die Fa-milie hat Zuwachs bekommen. Eine junge Frau, Anna Knipprath. Läutet da was bei Dir? Genau, sie war damals dabei, bei dieser Sache. Sie war eine von denen, die auf dem Hof gerettet wurden, da wo jetzt Deine Schwiegereltern wohnen. Daran darf ich gar nicht denken. Sie verstehen wohl immer noch nicht, warum ich sie nie besuche, was? Tut mir leid, ich kann einfach nicht.
Na ja, Anna ist vorgestern hier aufgetaucht. Sie hat sich an Bülent vorbeigemogelt und ist in mein Büro gekommen und wir hatten eine ziemliche Auseinandersetzung. Sie wollte wissen, wo Sergej ist. Ihr Freund ist bei dieser Sache damals umgekommen, und sie macht Sergej dafür verantwortlich. Nicht zu Unrecht, glaube ich. Und dann hat sie irgendwo meinen Namen aufgeschnappt und ist zu mir gekommen, weil sie dachte, ich würde etwas wissen. Wir haben aber schnell Frieden geschlossen, und jetzt wollen wir Sergej gemeinsam suchen. Ich weiß was Du jetzt denkst. Aber ich bin sicher, daß er noch lebt. Und ich habe auch ein paar Fragen, wie Du weißt. Anna hat ziemlich viel mitgemacht, was damals passiert ist, hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Sie hat keinen Schulabschluss, war in der Psychiatrie, wohl auch süchtig (ich weiß nicht genau, wonach, aber sie deutete sowas an) und hatte es ziemlich schwer, seitdem. Sie wohnt erstmal hier bei mir, in einem der Gästezimmer. Sie wird uns ein wenig im Studio helfen, telefonieren, Empfang, Anmeldungen und sowas. Bülent hat seinen Sonntag geopfert und sich super um sie gekümmert. Nein, nicht was Du denkst. Er kann auch so sehr nett sein. Er hat Ihr alles erklärt, er macht ja sonst das meiste von diesem Kram und ihr danach ein wenig die Gegend gezeigt. Ich glaube, sie lebt sich gut ein. Heute Morgen haben die beiden zusammen angefangen, und dann ist Bülent gegangen, obwohl er Montags erst Nachmittags den ersten Kurs hat. Anna kommt gut zurecht, obwohl sie ziemlich scheu ist. Ich bin froh, dass sie bei uns ist. Es ist sicher gut für sie, aber auch für uns.
Ach ja – was soll diese komische Andeutung? Nein, ich bin solo, immer noch solo und ganz zufrieden damit. Messer machen ist ein Hobby, es macht mir Spaß, ich ler-ne es in der Volkshochschule, nicht bei irgendeinem Mann. Oder ja, der Typ von der VHS ist ein Mann, aber keine Sorge, da besteht nicht der Hauch einer Gefahr. Einer von den anderen Teilnehmern hat gesagt, Norbert – so heißt der Messermann – sieht aus wie ein Almöhi. Das trifft es. Klar habe ich von meinen Freunden was ge-lernt, aber Du konntest auch nicht Motorrad fahren, bevor Du mit Stefan zusammen warst, Stefan konnte nicht kochen, Fletch hat von Jan reiten gelernt, was soll’s. Ich bin also weiterhin frei und ungebunden und im Moment geniesse ich das. Weißt Du, Sonny, heiraten, Kinder, das habe ich mir alles abgeschminkt, Du weißt warum. Ich reiße mir im Moment auch nichts auf, wie Du es ausdrückst. Ich komme zur Ruhe seit mit Arne endgültig Schluss ist (wir mailen uns noch, aber das ist alles), und das tut mir auch gut. Ich brauche etwas Ruhe. Ich habe mit Volker einen tollen Mann als Freund, Einfachnursofreund, meine ich, Bülent ist auch ein feiner Kerl, und das reicht mir im Moment an Männern vollkommen. Ich will nicht mehr, und ich brauche nicht mehr, jetzt jedenfalls nicht. Es ist mir seit Jahren nicht so gut gegangen wie gerade jetzt.
Wie sehen denn Eure Weihnachtspläne aus, jetzt, wo Stefan wieder zu Hause ist? Wollt Ihr vielleicht doch nach Deutschland kommen? Wenn es Euren Eltern zu kurz-fristig ist, könnt Ihr gerne wieder bei mir wohnen, ich würde mich sehr freuen.
Gib Stefan einen dicken Kuß von mir!
Love
Erin
P.S.: Fletch sagte neulich, er mache sich Sorgen um mich, seit Du nicht mehr hier bist. Ihr seid alle sehr verrückt und paranoid. Aber ich liebe Euch!
Deine Erin
4
Es klopfte an der Bürotür.
„Erin?“
„Ja. Komm rein.“
Volker kam durch die Tür.
„Du bist ja immer noch wach. Weißt Du, wie spät es ist?“
Erin lachte. „Ich wohne hier. Du nicht. Was machst Du noch hier.“
„Ich war in Bülents Büro. Habe mit Kimiko gemailt.“
„Jetzt? Wie spät ist es bei Ihr?“
„Kurz vor 11. Sie sitzt im Zug, ist unterwegs zu ihren Eltern. Sie läßt Dich grüßen.“
„Schade, daß sie nicht kommt, dieses Jahr.“
„Tja. Ich bin dran. Ist Ende Januar noch in Ordnung?“
„Wieso fragst Du?“
Er grinste. „Du bist immer noch die Chefin.“
Erin zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. „Quatsch.“
Volker sagte nichts, er nahm sich den Stuhl, setzte sich Erin gegenüber und schaute über ihre Schulter hinweg aus dem Fenster. Erin tat, als sortiere sie die Papiere vor sich und wartete darauf, daß er etwas sage. Schließlich kapitulierte sie.
„Was ist los, Volker?“
„Wer ist Anna, Erin? Was ist mit ihr los?“
„Hast Du ein Problem mit ihr?“
„Überhaupt nicht. Sie ist bemüht, tüchtig, scheint sehr lieb zu sein. Völlig gestört au-ßerdem. Wenn sich jemand von Bülent und Dir beschützen lasse sollte, dann sie. Ich wundere mich nur über Dich.“
„Ja?“
„Nach allem, was ich Samstag gesehen habe, wundere ich mich, daß sie lebend aus Deinem Büro raus gekommen ist. Erst recht als Dein neuer Schützling. Versteh‘ mich nicht falsch – ich finde das absolut okay. Es paßt nur nicht zu Dir.“
Erins Gesicht verhärtete sich. Sie sah eine Weile aus dem Fenster auf die nacht-dunklen Höfe.
„Was hast Du schon gesehen,“ sagte sie schließlich leise.
Volker lächelte und drückte ihre Hand.
„Was ist los, Erin? Was ist passiert?“
Sie starrte weiter wortlos hinaus, dann drehte sie sich zu ihm um und versuchte ebenfalls ein Lächeln. Es gelang nicht.
„Sie hat Sergej gekannt. Sie war dabei, damals.“
Er nickte langsam. „Ich verstehe. Du meinst, sie könnte Dich zu ihm führen?“
„Nein, nein. Sie weiß nichts, es war sogar umgekehrt. Sie ist hierhin gekommen, weil sie dachte, ich wisse etwas. Deshalb die Waffe und all das.“
„Hm. Und warum nimmst Du sie auf?“
„Herrjeh,“ jetzt lachte sie doch. „Traust Du mir nicht zu, einfach mal etwas zu tun, weil es richtig ist?“
„Doch. Du tust eigentlich nur richtige Sachen, Erin, auch wenn Du das nicht glaubst. Nur in zwei Punkten tust Du eigentlich immer... na ja, nicht das Falsche, aber auch nicht unbedingt das Gute.“
„Und die wären?“
„Deine Jagdausflüge.“
„Und?“
„Dein Geschmack bei Männern.“
Sie lachte bellend. „Na, danke.“
„Und was Sergej betrifft,“ fuhr Volker unbeirrt fort, „fällt er unter beide Kategorien, deshalb potenziert sich das Ergebnis. Und wenn sie Dich dann auch noch bedroht hat...“ er zuckte mit den Schultern. „Es wundert mich wirklich, daß sie noch lebt.“
Erin schwieg eine Weile.
„Es war auch recht knapp,“ sagte sie schließlich.
„Du willst der Kleinen also wirklich helfen?“
„Ja. Erstaunt Dich das wirklich so sehr?“
„Ja.“
Sie sah ihn lange an.
„Weißt Du, das Du mein bester Freund bist, Volker? Ich meine, neben Sonny und Fletch, aber die sind beide nicht hier. Weißt Du das?“
„Ja.“
„Und wenn selbst Du nicht verstehst, warum ich so einem armen kaputten Ding hel-fe... wenn...“
„Erin...“
„Nein, ist schon okay. Du hast ja recht.“ Sie atmete tief durch. „Ich wußte nicht, wie anders ich geworden bin.“
„Ich kenne Dich nicht anders, Erin. Und ich habe auch niemanden, der mir näher steht.“ Er lachte. „Außer Kimiko, aber die ist ja auch nicht hier. Wir sitzen im selben Boot.“ Volker seufzte. „Erin, Du bist ein wunderbarer Mensch. Wenn Du hart bist, wenn Du grausam bist, dann weiß ich warum. Jeder andere an Deiner Stelle wäre durchgedreht. Deine Härte hat Dich gerettet.“
Sie schüttelte heftig den Kopf.
„Das war nicht meine Härte, Volker. Wenn es um Sergej geht, kann Härte Dich nicht schützen. Sergej... er... Sergej hat den Worten hart und grausam eine völlig neue Bedeutung gegeben, mein Freund. Oh ja.“
„Was war es dann?“
Sie sah ihn erstaunt an. „Das ist doch klar. Ich habe ihn geliebt. Ich liebe ihn noch immer.“
„Du hast ihn seit fast acht Jahren nicht gesehen.“
„Ja und?“
Es entstand eine kleine Pause, in der sie beide ihren Gedanken nachhingen. Schließlich sagte Volker:
„Willst Du mir nicht sagen, was er war, Erin? Was er ist?“
„Was er war weißt Du. Er war ein Mörder. Er hat mindestens 27 Leute umgebracht, drei davon, während wir ein Paar waren. 26 davon waren am Mord an seiner Frau beteiligt, einer hat versucht seinen besten Freund und dessen Freundin umzubringen und...“
Die plötzlicher Erinnerung an Marc und Sandra liess ihre Stimme brechen. Sie brauchte nicht lange, um sich zu sammeln.
...und dann sind diese Freunde doch ermordet worden. Und mit ihm ist etwas pas-siert. Ich glaube zu wissen, was passiert ist, aber das werde ich Dir mal in Ruhe er-klären, nicht jetzt um fast vier Uhr morgens. Jedenfalls hat er buchstäblich die Hölle auf dieses Kaff losgelassen, aber das weißt Du alles. Von den Bränden, den Kämp-fen und der Explosion. Das habe ich Dir alles schon erzählt.“
„Nein, Du hast mir nicht alles erzählt. Aber das ist in Ordnung. Ein paar Sachen kann ich mir denken. Und Anna war damals dabei.“
„Ja, sie war in Neurath. Sie gehörte zu so einer romantischen Truppe, so eine Bande harmloser, naiver Leute...“ sie winkte ab, „das wäre jetzt zu kompliziert. Ihr Freund wurde ermordet, mit einem Bogen erschossen. Sie muß damals 17 oder 18 gewesen sein. Ich habe sie gesehen in dieser Nacht, das war... egal. Jedenfalls muß ich sie beschützen, Volker. Sie ist hinter Sergej her und was immer sie findet, was immer sie aufstört... na ja, Du weißt das ja. Sie ist nicht hart, sie ist nicht grausam und sie hat niemanden, den sie liebt. Sie braucht mich. Und vielleicht können wir uns ja auch gegenseitig helfen.“
Volker grinste. „Ich weiß eigentlich viel zu wenig. Aber Du hast Recht, es ist spät. Und ich muß noch eine Kata laufen, bevor ich schlafen gehe. Ich nehme eins der Gästezimmer, wenn Du nichts dagegen hast.“
Sie griente zurück. „Pass auf, dass Du nicht aus versehen bei der Kleinen rein-latscht.“
„Keine Sorge, ich bin müde, aber nicht benebelt.“ Er wurde ernst. „Was ist mit Dir? Du solltest auch ins Bett. Morgen ist wieder volles Programm.“
Erin nickte. „Ja, Du hast recht. Ich höre auch jetzt auf.“
Er drückte ihre Hand. „Nacht, Du Verrückte.“
Er ging zur Tür, sie kam um den Schreibtisch herum und holte ihn ein, als er gerade hinausgehen wollte. Erin stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte einen Kuß auf Volkers Stirn.
„Schlaf gut, Samurai.“