Inhaltlich muss ich diesem Kapitel nicht viel voranstellen. Zwar trägt der Roman deutlich autobiographische Züge, aber seid versichert, dass ich mich als 6jähriger beherrscht und niemanden gemeuchelt habe...
Mit 6 Jahren beging Florian seinen ersten Mord. Natürlich eine Handlung ohne Vorsatz, dennoch vielleicht symbolisch, dennoch vielleicht richtungsweisend. Das ganze Unglück nahm seinen Lauf, als ein kleiner Junge, der damals noch Sommersprossen hatte und nichts von verpöhnten Dingen wusste – ein Unschuldsengel sozusagen – zum ersten Mal den Schuldhof der Steinergrundschule betrat.
Es war ein selbst für den August ungewöhnlich heißer morgen. Die Sonne schien heute ihre Arbeit gleich einer Diktatur zu verrichten, denn allenthalben stöhnten sie unter der Hitze. Sie, die Autofahrer, die zur Arbeit mussten. Sie, die Bankangestellten, die eine Krawatte tragen mussten. Sie, die Beamten, die seit Jahren eine Klimaanlage für ihr Büro forderten. Auch die Mutter des Jungen, die ihn zur Schule brachte und gleich hinter ihm den Schulhof betrat, stöhnte. „Was für eine Hitze“, dachte sie. Es sollte nicht ihr einziges Problem an diesem Tag bleiben. Der Junge trug eine kurze abgeschnittene Jeanshose, ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift „As you like it“ und Turnschuhe. Sein Gang, seine Gestik, seine Mimik, alles wirkte recht unentschlossen. Seine Mutter war seine einzige Bezugsperson auf dem Schulhof, wie er sogleich verspürte. Also klammerte er sich an sie. Dieses brachte sie in Rage: „Florian, lass los, du bist doch schon ein großer Junge!“ Also ließ er ab von ihrem Kleid und sah sich seine Mutter noch einmal ganz genau an. Hochhackige Schuhe, ein Kleid, Strumpfhosen, 1 Meter 70 circa groß, etwas pummelig. Dann fiel sein Blick auf die große Tüte voll mit den prächtigsten Süßigkeiten, die sie im linken Arm trug. Er leckte sich die Lippen und freute sich auf „nachher“.
„Der Schulhof sieht aus wie eine Oase“, dachte seine Mutter staunend, denn auch sie sah ihn zum ersten Mal. Bisher war nur ihr Mann hier gewesen, um die Schule zu begutachten, mit dem Rektor zu sprechen, etc. Die Eltern der an diesem Tage einzuschulenden Kinder hatten den Schulhof am Vortag festlich geschmückt. Zu dieser wohl einmaligen Aktion hatte sie am Vortag der Direktor überredet. So erblickte man also Lametta, Luftschlangen und dergleichen mehr. Ansonsten unterschied sich der Schulhof nicht wesentlich von der Vorstellung eines Schulhofes wie sie in fast jedem Menschen verankert ist. Rechts neben dem Schuleingang befanden sich die Toiletten, daneben das kleine Haus des Hausmeisters samt Garten und einer offenen Garage aus Holzstäben. In der Garage parkte ein blauer Ford. Schon seit Jahrzehnten tat er das, denn der 58jährige Hausmeister Willemski war eine Institution an der Schule. Knapp neben den Toiletten war, auf den ersten Blick kaum zu erkennen, ein sehr kleiner Durchlass zum Hinterhof. Davor stand der Direktor, der den Durchlass fast vollständig verdeckte. Er blickte wie angetan auf die Bäume, Blätter und Sträucher, die den Rest des Schulhofes zierten. Er drehte sich nach einer längeren Zeit des Bewunderns um und schaute durch den Durchlass in den Hinterhof, von dem er aus dieser Stellung heraus freilich nur begrenzt etwas erkennen konnte. Immerhin sah er den Basketballkorb und ein aufgemaltes Hüpfkästchenspiel auf dem harten Steinboden. Es schien, als sei der Direktor in Trance. Er liebte alles Grüne, Bunte, Lebendige – daher hatte er sich den Innenhof angesehen, der sich mit Eltern und Schülern füllte. Und er liebte alles Sportliche, Spielerische – daher sein Blick in den Hinterhof.
Oft blieb Herbert Hünting noch nach Schulschluss auf dem Schulgelände, um sich seiner größten Leidenschaft zu widmen, dem Bestaunen schöner Dinge. Besonders in den Garten des Hausmeisters schaute er oft und lange hinein, manchmal kam er auch zu einem Schwätzchen ins Haus. Regelmäßig hatte er so Ärger mit seiner Frau, die jedes Mal das Essen zur falschen Zeit auf dem Herd hatte, denn der Wohnsitz der Hüntings lag 13,5 Kilometer von der Schule entfernt, und der 52jährige Direktor pflegte aus sportlichen Gründen das Fahrrad fahren.
„Der Schulhof sieht aus wie ein Gefängnis“, dachte sich der kleine 6jährige Junge, der gerade ein halbleeres beziehungsweise halbvolles Glas Eistee (Ansichtssache) vor sich stehen hat, und erfinderisch erzählt. Er blickte auf die beiden Eingänge, beides Eisengittertore, ungefähr in seiner Höhe, blickte auf den Direktor, auf den sich füllenden Schulhof, suchte Halt und dachte an den Kindergarten, an die bisher schönste Zeit seines noch so jungen Lebens. Die Mutter zog nun ihrerseits ihren Sohn an der Hand und eilte auf den Direktor zu, den ihr Mann ihr genau beschrieben hatte. Sie wollte ihn sofort begrüßen, einen guten Eindruck machen. Schon jetzt, noch bevor überhaupt irgendeine Note, irgendeine Beurteilung oder sonstetwas über ihren Sohn feststand, hatte sie Angst um ihn. Er sollte schließlich der Stolz der Familie werden, er sollte es einmal besser haben, kurz: er sollte jedes abgedroschene konserative Klischee erfüllen. Der Direktor war ein kleiner dicker Mann, der, er möge es mir nicht übel nehmen, aussah, als hätte er einen Basketball verschluckt. Seine Zähne waren blütenweiß, seine Backenknochen hoch und ein kleiner Kinnbart machte sein kurioses, ja fast abstruses Aussehen perfekt. Nun sah er auch die quasi auf ihn zustürzende Frau mit ihrem Sohn an der Hand im Schlepptau.
„Schönen guten Tag, wen haben wir denn da?“
„Das ist der Florian, mein Sohn“, sagte sie und setzte ihr süßestes Lächeln auf. Der Rektor sah Florian gar nicht an und erwiderte: “Reizender Junge.“
Auf ein Zeichen der Mutter hin gab der Junge, der Florian hieß und diesen Namen und alles sonstige aus seinem Leben heute am liebsten vergessen würde, dem Direktor die Hand. Dieser sah ihn nun an und blickte auf die Uhr, die 7 Uhr 43 zeigte. Noch eine halbe Stunde hatte Herbert Hünting zu diesem Zeitpunkt zu leben und sein Mörder stand direkt vor ihm. Nach einem kurzen Small-Talk mit der Mutter Florians ging der Direktor eiligen Schrittes ins Schulgebäude und wie von Geisterhand folgten Eltern und Schüler. Zwar mussten einige mit sanfter Gewalt überzeugt werden, das eine Rede in der Aula doch um einiges wichtiger sei als das Fußballspielen auf dem Schulhof, doch letztlich ging alles reibungslos vonstatten, so dass exakt 8.Minuten später alle ihre Plätze eingenommen hatten. 56 Kinder und 70 Eltern (meist Mütter!) waren es, die nun gespannt der Rede lauschten. Florian blickte sich um. Die Aula kam ihm riesig vor. Riesig und unheimlich. Die Wände waren grün gestrichen und die Sonne schien durch die allesamt gekippten – gleichfalls riesigen – Fenster herein. Der Stuhl, auf dem sich Florian wegen steigender Rückenschmerzen hin und her wand, hatte eine äußerst harte Holzlehne und machte einige verzerrte Geräusche, so dass er sich der Blicke der um ihn herumsitzenden Schüler sicher war. Dies verunsicherte noch zusätzlich. Nicht nur dies, sondern auch die Tatsache, dass die Kinder in den vorderen 2 Reihen saßen und die Erwachsenen in den hinteren 2 Reihen. Florian schaute sich – während Herbert Hünting weiter sprach – wiederum in der Aula um, stets mit dem nicht immer klappen wollenden Versuch, dem Stuhl möglichst keine Geräusche zu entlocken. Als erstes fielen die vielen Musikinstrumente in der rechten Ecke der Bühne auf. Ein Klavier, ein Cello, eine Geige, zwei Harfen, unzählig viele Triangeln und etliches mehr. Bei dem Gedanken, darauf vielleicht eines Tages mal spielen zu müssen, wurde dem kleinen Knirps ganz übel. Auch die massenhaft vorhandenen Heizkörper an den Wänden unterhalb der Fenster, der riesenhaft von der Decke herabhängende, manchmal klirrende Kronleuchter und die riesigen an der Wand hängenden Bilder waren mehrere Blicke wert.
„Liebe Kinder“(…)“und ich freue mich“(…)“hoffe wie jedes Jahr auf ihre tatkräftige Unterstützung“(…)“werde mir Mühe geben“. Florian verstand nur Wortfetzen. Er wollte nichts verstehen. In ihm stieg großes Unbehagen hoch. Den Direktor stellte er sich wie einen Unmenschen vor, die Schule schrecklich, überhaupt gefiel es ihm hier nicht. Ihm war zum Heulen zumute und der Direktor kam zu den letzten Worten seines Lebens. Es war auf die Sekunde genau 8 Uhr 11, als er sie sprach:(…)“Daher hoffe ich, sie stimmen mit mir überein und falls nicht, so stellen sie ihre kritischen Fragen jetzt.“ Beim letzten Wort schnippte er mit Daumen und Zeigefinger zusammen wie ein Showmaster, der einen besonders tollen Preis präsentieren möchte.
Er war halt auch ein kleines bisschen eitel, im Großen und Ganzen aber ein guter Mensch, der immer ein offenes Ohr für seine Mitmenschen gehabt hatte. Vorbei, alles vorbei! Zum damaligen Zeitpunkt stand seine Frühpensionierung schon so gut wie fest, denn mit „Münster“ (Sitz des Schulaufsichtsamtes) hatte es einigen Ärger gegeben. Doch bis zu seinem letzten Tage erfüllte Herbert Hünting seinen Job mit Leidenschaft.
Es ging nun alles sehr schnell. Die Katastrophe kam ins Rollen. Zunächst erhielt der Direktor von allen Anwesenden Zustimmung für seine lange, vielleicht etwas übertriebene, aber insgesamt doch sehr informative Rede in Form eines höflichen Applauses. Fast alle Kinderaugen aus den ersten zwei Reihen drehten sich um 180 Grad, auch die 4 Augen von Florians Sichtnachbarn, die dieser bisher so gut wie gar nicht wahrgenommen hatte. Der Junge rechts von Florian hieß Peter. Peter Caas. Er berauschte sich am Beifall. Er hatte so etwas noch nie erlebt, da er ein recht behütetes Kind gewesen war bis zu diesem Tage. Er war so gut wie nie von zu Hause weggekommen, ganz selten einmal vor die Haustür, war nicht in den Kindergarten gegangen. Denn er hatte eine ansteckende Krankheit gehabt, eine Allergie, die einen besonders schönen lateinischen Namen hat, und daher hier keine Erwähnung findet. Er war erst vor ein paar Monaten von einem teuren Spezialisten durch eine noch teurere Operation geheilt worden. Eine Operation auf Leben und Tod. Seine Eltern konnten sich das als Bauunternehmer leisten, da ihr Geschäft ausschließlich Gewinne abwarf. Peter Caas, 7 Jahre alt, ging nun also aus sich heraus, zum ersten Mal. Vorher hatte er sich nie aufregen dürfen, nie herumtollen dürfen, nun gebärdete er sich wie wild.
„Toll“, murmelte er und klatsche wie wild. Immer wieder sagte er es, in 4-5 sekündigen Abständen, sehr andächtig: “Toll“…“Toll!“
Dann setzte er sich wieder, völlig erschöpft und in diesem Moment kam es über Florian. Einfach so. Weiß der Teufel warum. Er sprang auf und klatschte so fest er konnte. Im Stehen versuchte er noch gleichzeitig mit dem Füßen zu trampeln, was einen selten komischen Anblick gab. Damit heizte Florian den Applaus wieder an, der gerade dabei war abzuebben, als Peter sich wieder hingesetzt hatte. Florian lächelte Peter an, dieser lächelte zurück. Florian grinste. Peter, der ebenso wie Florian weiße Turnschuhe trug (dazu zu große Jeans und – völlig unverständlicherweise bei dieser Hitze – einen schwarzen (!) Pullover) erholte sich so langsam von seinem ersten großen Ausbruch. Dies alles war nur ein Vorgang von Sekunden. Alle im Saal hatten sichtlich ihren Spaß an dem Jungen da vorne, der sich völlig verausgabte beim applaudieren. So stand also der Erste auf, der Zweite, der Dritte, im Nu stand die ganze Aula und die Erwachsenen, sowie auch die Kinder, applaudierten, jubelten, trampelten, wie als wenn sie es auf Geheiß Florians täten. Während dieses in seiner langen Laufbahn einmaligen Vorgangs stand Herbert Hünting immer noch am Rednerpult. Unsicher, überrascht, fast peinlich berührt. Er wusste mit der Situation überhaupt nichts anzufangen, wollte ins Mikrofon sprechen, brachte aber kein Wort heraus. Er dachte an „Münster“.
Eigentlich war ihm Genugtuung immer fremd gewesen, doch jetzt empfand er sie. Sie überströmte ihn.
Während also 4 Kilometer von der Schule entfernt der Fahrer des Wagens GE-AB 227 so schwer verunglückte, dass es gerade noch reichte um 11 Minuten weiterzuleben und seiner Beifahrerin, die nur Schürfwunden erlitten hatte, seine Liebe zu gestehen bevor sich sein Gehirn von selbst abschaltete, stand der Direktor der Steinergrundschule, bereits jetzt kullerten Tränen über seine rosigen Wangen, am Rednerpult. Er konnte es nicht fassen, sinnierte über seine Rede. Er vergewisserte sich auf seinem Zettel, ob es dieselbe Rede gewesen war wie vor 357 Tagen. Ja, es war dieselbe gewesen. Der Applaus wurde leiser, ebbte aber noch nicht ganz ab. Florian tobte immer noch und Peter tobte wieder mit. Da spürte der Direktor einen Stich in der Herzgegend. Er griff sich an die Brust, krampfte seine Hand um die Stelle. In diesem Moment zog sein Leben an ihm vorbei. Seine Zeit als Schüler, als Student, seine erste Liebe, das erste Gehalt, die wunderbaren Biologieexkursionen mit seinen Schülern ins Steinbachtal und vieles mehr. Der Beifall erstarb.
Alle hörten auf – bis auf einen. Florian befiel auf einmal die Lust, in das Gesicht des Rektors zu schauen. ‚Er hatte seinen Schrecken verloren. Der Unmensch war ein Mensch geworden. Also hörte auch Florian auf, sich wie ein – ja man muss es wohl so nennen – Irrer zu benehmen und sah auf, sich dabei beide Seiten wegen Seitenstechens haltend. Er sah einen Direktor, der langsam zu Boden sank. Er klammerte sich ans Mikrofon dabei, stammelte noch: “Ich bin se-see…ich,ah.“
Dann ließ er los und es gab einen dumpfen Schlag, der wie eine Bombe wirkte. Logisch, denn es war so leise, das man die Chance gehabt hätte, eine Stecknadel fallen zu hören. Zur Krönung fiel eine silberne Triangel von einer Tischkante, auf der sie die ganze Zeit gestanden hatte. Stille. 5-6 Sekunden. Nein, eher 10. Nein, eher eine Stunde! So kam es allen vor, doch es war wieder nur eine dieser unzähligen Momentaufnahmen, in denen wir alle die Hauptdarsteller sind. Dann hektische Betriebsamkeit. Wie ein Bienenschwarm, der auf Verfolgungsjagd geht, liefen die Menschen durch den Raum.
„Ein Telefon“, verlangte der Eine!
„Einen Arzt“, forderte der Nächste!
„Halten sie den Jungen da fest. Er ist schuld“, war sich ein Dritter (ein Bauunternehmer) sofort sicher. Sofort wurde Florian von zwei Erwachsenen ergriffen, die ihm die Hände auf den Rücken hielten. Alles weitere erlebte er in dieser Stellung. Langsam, aber innerlich aufgewühlt, begann er zu weinen.
Dass er sich nicht mehr rühren konnte machte ihm, bis auf die schmerzenden Handgelenke, relativ wenig aus. Ganz abgesehen davon war er sowieso wie gelähmt zu diesem Zeitpunkt und überhaupt nicht fähig wegzulaufen, selbst wenn ihn die zwei Männer nicht in „Gewahrsam“ genommen hätten. Dass Florian Wend aber einen Mord begangen hatte wurde ihm trotz seiner 6 Jahre klar. Natürlich nicht in einem geordneten klaren Denkschema, sondern nur auf der rein emotionalen Ebene. Der Arzt, der in Rekordzeit kam, konnte auch nur noch den Tod des Mannes feststellen, den er, obwohl er direkt in seiner Nachbarschaft wohnte, nicht kannte. Der Arzt hieß Dr. Dr. Matthias Lense, hatte ein von der Sonne gebräuntes Gesicht und sah überaus gepflegt aus. Er war unverheiratet und der perfekte Kühlschrank. Denn er war kühl, sachlich, völlig ruhig, als wenn er Valium genommen hätte. Das lag an seiner Lebensphilosophie. Er verachtete die Menschen, da sie es seiner Meinung nach wert waren verachtet zu werden. Daher war er zum Zyniker gereift, dem jegliche Emotionen fremd waren und der sie, wenn sie einmal in ihm hochkamen, unterdrückte, wo immer es nur ging. Nun dozierte jener Arzt, der sich durch ein mühevolles Extrastudium das zweite „Dr.“ erworben hatte, auf das er besonders stolz war, wie ein Wirtschaftstheoretiker. Er ging dabei auf und ab, den Toten zu seinen Füßen und sah immer wieder den Einzelnen scharf ins Gesicht: „Tod durch Aufregung. Die Aufregung wurde hervorgerufen durch – es mag sich komisch anhören (beim Wort „komisch“ zuckten alle Anwesenden, auch manche Kinder, die noch gar nicht begriffen was passiert war, kollektiv zusammen. Matthias Lense hatte damit gerechnet und legte eine Kunstpause ein, um sich an der Wirkung seiner Zynik zu erfreuen) – durch den Applaus.“
„Nach dem, was sie mir berichtet haben, ist dieser (er sprach nun mit unterschwelliger Anerkennung) junge Herr da schuld.“ (er zeigte auf Florian, alle nickten) Florian sah auf und startete stammelnd irgendwelche sinnlosen Erklärungen. Seine „Bewacher“ waren immer noch voll bei der Sache. Sie taten gerade so, als könne sich ein 6jähriger den Weg nach draußen freischießen, so hart und unbarmherzig hielten sie ihn fest.
Der Arzt fuhr fort: “Es war ein (wiederum eine Kunstpause) simpler Herzinfarkt. Fast alltäglich. Nichts Besonderes.“ Nun wurde seine Stimme schneidend und scharf: „Aber eben doch tödlich. Ungewöhnlich ist nur die Art und Weise, wie dieser Herzinfarkt hervorgerufen wurde. Durch Applaus. Habe ich noch nie erlebt, noch nie.“
Was Lense jetzt sagte, sollte ihm später noch leid tun, doch es befiel ihn auf einmal der Drang, obwohl er sich innerlich dagegen sträubte, dem Jungen zu zeigen, was er da angerichtet hatte. Also wandte er sich Florian zu. Dieser bekam langsam wieder einen halbwegs klaren Kopf und suchte mit verzweifelten Blicken nach seiner Mutter. Diese aber war bereits auf dem Nachhauseweg. Stimmen von oben hatten es ihr eingegeben. Ab jenem Tage wurde sie depressiv.
Der Arzt sprach: “Der Hauptschuldige an diesem Vergehen ist – nach ihren Berichten zu entnehmen – zweifellos unser junger Freund (er wandte sich wieder Florian zu). Diesen können sie übrigens jetzt loslassen, oder glauben sie, dass er flieht?“
Zögerlich ließen die beiden Männer ihn los. Florian vergrub seine Arme in den Seitentaschen seiner kurzen Jeanshose.
„Nun, ich bin hier nicht Richter, aber ich würde vorschlagen, die Polizei zu rufen. Wir haben es hier mit einem äußerst ungewöhnlichen Fall zu tun. Es geht um Mord. Sicher, der Junge ist nicht strafmündig. Aber das ist mein Vorschlag. Er muss in Gewahrsam genommen werden.“
Matthias Lense – zweimaliger Doktor – gefiel sich in der Wahl seiner Worte. Alle Erwachsenen stimmten ihm zu. Die Leiche war inzwischen längst abtransportiert worden. Schließlich kam die Polizei.
Gleich 4 Beamte. Sie nahmen Florian mit. Dieser wurde in psychologische Behandlung begeben, damit ein Trauma vermieden werden solle. Die Eltern wurden vor Gericht regelrecht überredet, das Kind nicht zur Adoption freizugeben. Es verstand sich von selbst, das die Familie umzog, das Florian bei seinem Eltern „keinen guten Stand mehr hatte“, um es mal vornehm auszudrücken, und das er Angst hatte. Angst vor der Behandlung. Eine Frau sollte ihn kurieren, sein Innerstes erforschen, ein Trauma vermeiden. Zeitlich wurde die psychologische Behandlung erst einmal auf 4 Jahre begrenzt.
Die Kosten für den Nervenzusammenbruch von Theresa Hünting, der mehrere Behandlungen zur Folge hatte, musste die Familie Wend zusätzlich zu den Behandlungskosten übernehmen. So kam es dazu, das die Familie Wend dem Existenzminimum ziemlich nahe kam. Obwohl der Vater als Ingenieur gutes Geld bei einer sehr guten Firma verdiente. Die Psychologin hieß Gesch, Manuela Gesch.