So, das hier geschilderte Geschehen hat sich fast wortwörtlich so zugetragen. Wer also gerne wissen möchte worüber die beiden Typen, die diesen Club gegründet haben, vor einem Jahrzehnt am Beginn ihrer Freundschaft so sprachen, der ist hier richtig aufgehoben.
Ein stinknormaler Schultag war es gewesen. Langsam aber sicher nahm alles seinen Gang und „man“ lebte sich in der Oberstufe ein. Jeder wusste, wie er sich welchem Lehrer gegenüber zu verhalten hatte, wenn etwas Bestimmtes erreicht werden sollte. Wollte man Herrn Schindler zu seiner x-ten Erzählung der Geschichte „Wie ich mich mit Rockern anlegte“ provozieren, so hörte man Walkman im Unterricht, möglichst volle Lautstärke. Das riss dem Hörer zwar fast die Ohren weg, war aber zumindestens eine Minute lang zu ertragen. Außerdem drang ein bisschen Musik in den Raum. Bei Musik, da wurde Herr Schindler sofort aufmerksam. Schon erzählte er und der Unterricht war hinausgezögert.
Es lebe die Faulheit!
Sollte man Lust haben, über Fußball zu reden, so diskutierte man darüber ganz laut, wenn Herr Hülsmann, der Sozialwissenschaftler, den Raum betrat. Man diskutierte sehr dilettantisch, natürlich über Schalke 04, Herrn Hülsmanns Verein. Genau das, von dem man wusste, dass Herr Hülsmann es anders sah, hob man hervor. Das lief so:
„Mensch, Totzek, der Michael Prus ist ja ein toller Spieler.“
„Jau, Simon, is` der Größte, echt!“
„Wer ist der Größte?“, fragte der den Raum betretende Herr Hülsmann
„Na, Michael Prus von Schalke 04!“
„Willst mich wohl wieder provozieren über Schalke zu reden, aber diesmal falle ich nicht drauf rein. Wir beschäftigen uns heute mit dem Wahlsystem in demokratischen Ländern, da hat Michael Prus nichts zu suchen.“ Kurze Pause. „Ich kenne den Michael Prus ja persönlich und widerspreche dir aber trotzdem. Er ist ein netter lieber Kerl, aber als Fussballer scheißt er sich auf dem Platz – um es mal ganz banal und plakativ auszudrücken – in die Hose!“
„Wer ist denn überhaupt Michael Prus?“, fragte dann ein Mädchen unschuldig.
Die Diskussion war damit eingeläutet und endete erst wieder eine Viertelstunde vor Ende der Doppelstunde. Dafür gab es mehr schriftliche Hausaufgaben. Die machte keiner, die kontrollierte keiner. Also galt: Wo kein Kläger, da kein Richter!
Es lebe die Cleverness!
Sollte „blau“ gemacht werden bei dem gehassten Herrn Zawatzki in Erdkunde, so nahm einer das auf seine Kappe und verbreitete, er habe irgendwo gehört, am Freitag in der 7.Stunde sei Herr Zawatzki nicht da. Folglich blieb der gesamte Kurs, bis auf ganz wenige Ausnahmen, dem Unterricht fern und berief sich auf „Fehlinformationen“. Diese „Fehlinformationen“ wechselten zwei-dreimal im Halbjahr. Immer war ein anderer dran in der 11/1. In der Stufe 11/2 waren diese Tricks nicht mehr so drin, es ging um die Versetzung und die Kurse waren nun in Leistungskurse (6stündig pro Woche, aber das nur offiziell, denn fast alle waren 5stündig); nämlich derer zwei, und in Grundkurse (mindestens 6) unterteilt.
Es leben die Wahlen!
Wirklich ganz grandios, das ich wählen durfte, wo ich mich mit welcher Intensität quälen lassen wollte. Aber, und fairerweise sollte man nicht immer nur meckern sondern auch die positiven Seiten der Schule herausheben, die Toiletten waren wirklich sauber. Nachmittags fuhr ich meist mit Dirk nach Hause, wenn ich zur selben Zeit Unterrichtsschluss hatte. Das war häufig der Fall. Inzwischen waren wir ja so etwas wie „Freunde“, obwohl ich mich mit dem Begriff schwer tat und ihn lange Zeit partout nicht benutzen wollte. Ein „Freund“, das schien mir lange unmöglich, deshalb war ich vorsichtig. Dirk wohnte in der Brunostraße, das ist ein Katzensprung entfernt von meinem Zuhause in der Deichstraße.
Wir diskutierten immer auf der Heimfahrt über alles Mögliche. Vor seinem Haus blieben wir dann mit unseren Fahrrädern an einer Laterne stehen und diskutierten weiter. Manchmal so lange, dass Dirks Mutter, eine kleine Frau mit rosigen Bäckchen, wirklich herzallerliebst, aussehend, ihn mahnte, das Essen sei nun aber schon lange fertig. Die Laterne bekam später, viel später, von uns auch eine Bezeichnung. Es war unsere „Laterne der Philosophen“.
Es trug sich an einem Donnerstag auf der Heimfahrt von der Schule zu. Wir hatten beide nach der 6.Stunde frei gehabt. Die 6.Stunde war bei mir Sozialwissenschaften gewesen.
Immer noch grinsend daran zurückdenkend, eröffnete ich die Schachpartie mit dem immer selben ersten Zug: „Was hälst du eigentlich von dem Satz: Ich toleriere deine Meinung, teile sie aber nicht.“
Dirk blieb erstaunlich gelassen: „Du weißt, was ich davon halte.“
„Was denn?“
„Das weißt du!“
„Sag es trotzdem noch mal.“
„Wofür?“
„Nur so“, sagte ich und Ungeduld stieg in mir hoch.
„Ich halte nichts davon. Und schon gar nichts halte ich von der Zynik, die du damit verbindest.“
„Aber wenn du mich einen Zyniker nennst, dann ist das für mich eine Belobigung, nicht etwa eine Beleidigung.“
„Ist aber trotzdem negativ gemeint.“
„Du hälst Zynik für negativ?“
„Ja!“
„Wieso?“
„Zynik ist restriktiv.“
„Ich toleriere deine Meinung, teile sie aber nicht“, triumphierten meine Worte.
„Was heißt denn überhaupt restriktiv?“ Siehst du, das meine ich, du tolerierst und teilst nicht, wie du sagst, ohne zu verstehen, ohne überhaupt nachzudenken.“
„Dann erkläre bitte schön, was restriktiv heißt!“
„Hmm, ich weiß nicht so recht wie ich dir das erklären soll, aber ich kann es versuchen.“
„Lass dir eines gleich vorher sagen.“
„Was?“
„Ich werde deine Meinung auf jeden Fall tolerieren, aber nicht teilen, außer es ist meine Meinung, dann teile ich sie und toleriere sie noch darüber hinaus.“
Dirk, in Jeanshosen und Pullover, winkte ab: „Hat ja doch keinen Sinn!“
„Doch, doch, erkläre es mir. Ich will das jetzt wissen.“
„Also restriktiv heißt so was wie beschränkt. Aber ob es das jetzt so genau trifft…hmmm…hmmm…damit ist gemeint, Zynik ist weltverneinend. Zynik macht alles schlecht. Findet nichts Gutes. Drück ich mich klar aus, verstehst du was ich meine?“
„Ja, aber klar doch!“
„Und?“
„Ja, es stimmt, Zynik ist weltverneinend. Das liegt daran, dass es in unserer Gesellschaft nichts Gutes gibt. Alles ist schlecht. Deswegen lebe ich außerhalb der Gesellschaft. Ich bin dabei, mich von ihr abzukapseln.“
„Aber das ist doch Schwachsinn. Hochgradiger Schwachsinn.“
„Wieder aus voller Brust: “Ich toleriere deine Meinung, teile sie aber nicht.“
Dirk Wienecke, ein ruhiger Mensch mit toller Körpersprache, geriet auch hier nicht in Rage, unterdrückte diese, aber bebte wohl vor Zorn: „Mensch, Mirko hör doch auf damit. Sag mal…“
„Was willst du?“
„Ist dir nicht mal der Gedanke gekommen, in dieser Gesellschaft könnte es doch irgendwas Gutes geben? Irgendwo?“
„Wüsste ich nicht. Ich habe auch noch nichts Gutes gesehen.“
„Lass uns eingrenzen, wie bleiben für unser Beispiel in Deutschland?“
„Ja!“
„80.Millionen Menschen sind also ausnahmslos schlecht!?“
„Die Ossis sowieso…nein Scherz, tschuldigung. Sollte ja nicht mehr vorkommen. Aber um deine Frage zu beantworten, alle sind schlecht ja, außer…“
„Außer?“
„Nun, manche spenden ja auch, für wohltätige Zwecke meine ich!“
„Da hast du es!“
Ich sprach weiter, mit grimmigem Gesicht: „Aber ich weiß, warum so viel gespendet wird. Ich kenne den Grund.“
„Ach ja?“
„Ja, aber klar doch!“
„Dann sag ihn mir, jetzt bin ich aber gespannt.“
„Dirk, das Essen ist fertig, kommste` langsam reen`“, rief eine Frauenstimme vom etwa 40 Meter entfernten Balkon in unserer Nähe.
„Dauert noch etwas, Mutter!“
„Na, dann wird’s kalt.“ Sie verzog sich in die Wohnung.
„Also?“
„Was also?“
„Das machst du absichtlich. Du fragst absichtlich nach, nur damit ich den Faden verliere, dabei weißt du genau was ich meine.“
Ich stellte mich dumm. Es gibt zwar in dieser Welt nichts Perfektes, aber der Perfektion beim „dumm stellen“ kam die Person Mirko Schneider in den Jahren 1994/1995 nach Christus ziemlich nahe.
„Ich weiß nicht was du meinst.“
„Den Grund.“
„Welchen Grund?“
Dirk lachte. Sein ganzes Gesicht strahlte, als bewundere er mich und würde auch gerne „dumm leben“ und von alledem nichts wissen: „Du beherrscht das perfekt, was?“
„Was meinst du denn?“
„Okay Mirko, ist gut, also tschüs.“
„Nein warte, ich sage dir den Grund.“
„Siehst du, es geht doch.“
„Das kann man von den Steuern absetzen. Nur deshalb helfen sie. Um sich selbst zu helfen. Und deswegen springe ich irgendwann.“
„Du springst?“
„Vom Hochhaus“, sagte ich nicht ohne Stolz. „Einmal wäre ich fast gesprungen (meine Stimme wurde immer leiser) aber meine Feigheit verhinderte es.“
„Was du schon alles gemacht hast.“
„Ja. Aber glaubst du mir denn wenigstens, das alles schlecht ist. Schau dich um, Dirk. Siehst du was Gutes. Ich nicht. Der Staat bescheißt seine Bürger, die sich selber untereinander und den Staat obendrein. Liebe ist ein Fremdwort geworden. Eiseskälte regiert. Überall geht es ums Geld. Nur Kapital zählt. Kein Funken wird mehr gegeben auf Ehrlichkeit, auf…auf…einfach auf das Gefühl in den Spiegel schauen zu können, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit und zu sagen zu können: Ich lebe fair, ehrlich und anständig. Alle gehen über Leichen. Alle sind schlecht. Alle. Alle. Alle!“
Meine Güte, wie leidenschaftlich ich war. Wie ein großer Revolutionär.
„Aber Mirko, wenn es so ist wie du sagst, warum bist du dann nicht gesprungen?“
„Sag ich doch, dass meine Feigheit alles verbaute.“
„Aber wenn alles schlecht ist, dann gibt es keinen Sinn im Leben. Es muss irgendetwas Gutes im Menschen geben. Der Mensch ist doch nicht von Natur aus schlecht!“
„Ich toleriere deine Meinung, teile sie aber nicht…“
Schmetterlingsflug (Kapitel 11)
Schmetterlingsflug (Kapitel 11)
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: Schmetterlingsflug (Kapitel 11)
Das ist alles sehr aus dem Leben gegriffen, gut vorstellbar. Genau so klingt das auch meiner eigenen Erfahrung nach, wenn Jugendliche so dahin philosophieren. (Wobei ich allerdings ziemlich wenig Vergleichswerte habe, wie das klänge, wenn Erwachse dahin philosophieren...)
Kleinigkeit: was habe ich mir vorzustellen unter einer "tollen Körpersprache"? Ist das eine Körpersprache, die besonders genau die Regungen des Sprechenden nach außen transportiert? Oder eine, die auf den Gesprächstparter immer die best-mögliche Wirkung erzielt? Toll sagt mir in diesem Zusammenhang gar nix.
fg
mög
Kleinigkeit: was habe ich mir vorzustellen unter einer "tollen Körpersprache"? Ist das eine Körpersprache, die besonders genau die Regungen des Sprechenden nach außen transportiert? Oder eine, die auf den Gesprächstparter immer die best-mögliche Wirkung erzielt? Toll sagt mir in diesem Zusammenhang gar nix.
fg
mög
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)
Re: Schmetterlingsflug (Kapitel 11)
Hallo mög,
danke für deine warmen Worte. Mit der "tollen Körpersprache" hatte ich vor allem Dirks extremes Gestikulieren (teilweise während des Fahrradfahrens) gemeint.
Aber du hast natürlich recht. Ich habs schlecht beschrieben, denn das Adjektiv "toll" ist in diesem Kontext nichtssagend.
Nächtliche Grüße sendet,
der Hamburger
danke für deine warmen Worte. Mit der "tollen Körpersprache" hatte ich vor allem Dirks extremes Gestikulieren (teilweise während des Fahrradfahrens) gemeint.
Aber du hast natürlich recht. Ich habs schlecht beschrieben, denn das Adjektiv "toll" ist in diesem Kontext nichtssagend.
Nächtliche Grüße sendet,
der Hamburger
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