Der verfälschte Verfälscher

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
Hamburger
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Der verfälschte Verfälscher

Beitragvon Hamburger » 27.11.2004, 15:20

Hallo liebe Theater-Gemeinde,

Genau eine Woche ist es nun her, da haben sich Edekire und ich am Thalia Theater in Hamburg die Inszenierung „Die Jungfrau (Johanna) von Orleans“ angeschaut. Es war ein in mehrfacher Hinsicht interessanter Abend. Gleich als wir die Karten abgeholt hatten stöberten wir erstmal ein wenig im Gästebuch. Vorsichtig formuliert fanden sich dort recht unübliche Einträge. Mindestens 70 % davon negativ, mindestens 50 % sehr unsachlich. Teils witzig („Ein grausamer Abend. Dieser Intendant ist der Untergang fürs Thalia. Hätt` ich mir bloß was zu essen oder zu trinken mitgebracht“), teils peinlich („Es gibt Theater und es gibt Kacka. Ihr macht Kacka…“), teils bereits auf das Stück bezogen („Das hat mit Schiller nicht mehr das Geringste zu tun…“). Dann begaben wir uns zu unseren Logenplätzen. Vor uns nahmen zwei ältere Schiller-Anhängerinnen ihre Plätze ein und verharrten skeptisch wartend.
Ich musste bereits jetzt eingestehen Schillers dramatische „Johanna-Version“ nicht gelesen zu haben und somit auch nicht beurteilen zu können ob das, was wir gleich geboten bekommen würden, etwas mit Schiller zu tun habe. Edekire fand das nicht schlimm. Ich eigentlich auch nicht. Ich vertraute darauf, dass die beiden Johanna-Verfilmungen, die ich bisher gesehen hatte, die historische Wahrheit transportiert hätten. Mindestens von einer Verfilmung stellte sich später per Internet-Recherche heraus, dass sie dies getan hatte, d.h. wenn man unserer Quelle Glauben schenkt:

[url=http://www.google.de/search?q=cache:h_pj2mGFkk4J:geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2004/1414/pdf/SdF-2003-1_2q.pdf+Johanna+von+Orleans%2Bhistorische+Figur%2BPDF&hl=de]Heilige, Nationalheldin und Superwoman
– die Gesichter der Jeanne d‘Arc[/url]

(siehe besonders Seite 4-5: Wie es wirklich war…?)

Regisseur Andreas Kriegenburg beginnt seine Inszenierung mit dem Monolog einer inmitten der Bühne an 4 Seilen wie in einem Spinnennetz hängenden und in ein blaues Bündel eingewickelten Johanna. Sie klagt in schneller, hastiger Sprache über das Schicksal ihrer Gefangenschaft, über die Einsamkeit in ihrer Zelle, über ihre Verzweiflung. Doch schon die ersten Sätze lassen den geneigten Zuschauer – und vor allem die alten Damen vor uns – stutzen. Da heißt es zum Beispiel: “Dabei kann ich doch vieles. Ich kann Auto fahren. Ich kann Überweisungen schreiben…“
Es handelt sich also hier nicht um die bereits von den Engländern gefangen genommene Johanna, sondern um eine „moderne Johanna“, um einen Menschen aus der Postmoderne. Darin muss man sich in der ersten halben Stunde erstmal gewöhnen. Kriegenburg erzählt nicht nur einfach die Geschichte der Jungfrau von Orleans, sondern stellt ihr in insgesamt 7 über das Stück verteilten Monologen eine postmoderne Johanna gegenüber. (um diesen eigentlich schrecklich ausgelutschten Begriff, nämlich „postmodern“, nicht weiter gebrauchen zu müssen werde ich im Folgenden zwischen einer „aktuellen“ und einer „historischen Johanna“ unterscheiden)
Die Rolle der historischen und der aktuellen Johanna vereint Natali Seelig in einer Doppelrolle, doch zusätzlich ist die historische Johanna noch mit zwei weiteren Schauspielern besetzt, die insgesamt drei Auftritte haben. (Doreen Nixdorf/2, Katharina Matz/1)
Also eine wahre Johanna-Schwemme auf der Bühne!

Für die Schiller-Puristinnen vor uns ist das nach dem 2.Monolog zu viel. Die linke Dame vor Edekire brummelte und zischte der rechten Dame vor mir so lange ihre Kritik am Geschehen auf der Bühne ins Ohr (hörbar nur Fetzen:…“fehlt schon wieder was“, „das, was soll das?“, „ne, also nein.“,“nicht Schiller“) bis die Empörung überschwappt und die gesamte zweistuhlige Brüstungsreihe erfasst ist. Beide verlassen empört den Saal mit der deutlich hörbaren Bemerkung „Und das für den Preis!!!“ Edekire und ich nehmen ihre Brüstungsplätze ein. In der Tat, für 7,50 Euro kann man bei der herrlichen Sicht nicht meckern!

Leider verschenkt das Stück gleich in dieser ersten halben Stunde die große Chance das erste Aufeinandertreffen Johannas und des Königs der Legende nach zu schildern. Auch die eingeblendeten Videowände mit Schiller-Versen, die die aktuelle Johanna als kleine Mikrobe in ihrer Zelle aus der Vogelperspektive zeigen nerven eher. Warum Mittel des Kinos, wenn ich im Theater bin? Ich möchte ja auch nicht, dass in einem Kinofilm auf einmal Menschen vor die Leinwand springen und mir Theaterszenen vorspielen. In der Beziehung bin ich dann wieder Purist!!! Auch wirken die Schiller-Verse manchmal etwas matt und kraftlos, während die aktuelle Johanna bei ihren Monologen nicht nur stimmlich zu wahrer Höchstform aufläuft.
Nervig allerdings, dass alle ihre Monologe bis zur Pause mit der Frage „Liebster, wo bist du?“ abschließen. Dass nur die Liebe uns erretten kann hätte Kriegenburg auch ein wenig subtiler andeuten können. Die Nebenrollen hingegen sind ordentlich besetzt, der schwächliche König überzeugt gerade wegen der matten Schiller-Verse und – und das ist die Hauptsache – Natali Selig überzeugt in beiden Charakteren ihrer Doppelrolle.

Pause. Zeit zum Nachdenken. Edekire und ich fragen uns bereits jetzt, ob das noch was mit Schiller zu tun hat. Vor allem: Was soll jetzt noch kommen? Johanna ist bereits auf dem Schlachtfeld gefangen genommen worden, als sie auf Lionel, den englischen Anführer traf, welchen sie trotz ihrer „inneren Stimmen“ nicht töten konnte. Eigentlich hinreichend dargestellt hat in 5 Monolgen auch die aktuelle Johanna die Verlorenheit des Menschen in der heutigen Zeit, die Werterelativität seines Lebens, die Ungültigkeit fester Prinzipien, sein Gefühl klein, unbedeutend und schwach zu sein, nichts bewegen zu können, seine Hoffnungsträumereien das Blatt könne sich noch einmal wenden und er könne der Gefangenschaft in seiner kleinen – nichtsdestotrotz komplexen – Welt entfliehen.
Auf jeden Fall sind wir uns einig: Wir hätten nicht nach 20.Minuten den Saal verlassen, wenn uns das Stück nicht gefallen hätte. Wozu gibt es schließlich O livro und die Möglichkeit ätzende Kritiken zu schreiben? Auch Wut kann produktiv verarbeitet werden!

Nach der Pause noch zwei weitere Monologe. Beeindruckend, aber nichts Neues mehr. Eine skurrile Szene vor einer riesenhaften Wand mit der Aufschrift „Cosmos“, in der die historische Johanna von den eigenen Landsleuten abgelehnt wird. Sie ängstigen sich vor ihr.
Besonders elegant in Szene gesetzt hier ein laufender Pappkarton. (man sieht nur die Beine, der Oberkörper steckt im Karton) Was das zu bedeuten hatte? Keine Ahnung! Aber hier nehme ich mir vor, dass ich mich davor hüten werde einen Verriss zu schreiben, da ich diese Szene einfach nicht verstanden habe und gebe mir die Schuld.

Dann das Finale: Die historische Johanna hängt angekettet im höchsten Turm der Burg, während ihre Peiniger ihr hämisch berichten, was sich unten während der Schlacht ereignet.
Auf der Bühne ist zusätzlich eine riesige Räderwerkkonstruktion zu sehen, die sich auf und ab senkt und an dessen Ende eine Axt immer hin und her, her und hin schwingt.
Lionel fleht sie an sich den Engländern anzuschließen um errettet zu werden. Doch Johanna fleht zu Gott, er möge ihr die Kraft geben ihre Ketten zu zerreißen und in einer (etwas lächerlich, weil ziemlich gleichgültig ausgeführten) Szene gelingt es. Johanna stürzt sich brausend vor Leidenschaft in die Schlacht und stirbt inmitten ihres Volkes.

Der Berichterstatter, der ihren Tod feststellt, verlässt die Bühne. Johanna kommt langsam zu sich – nun handelt es sich um die aktuelle Johanna – schaut dem Publikum fest in die gespannten Augen und fragt mit Nachdruck: “Wo bin ich?“

Stille. Staunen. Der Vorhang surrt von beiden Seiten Richtung Bühnenmitte. Erstes, verhaltenes Klatschen. Schon Schluss? DAS war die Schlussszene??? Hmmm, aha. Was will uns das sagen? Der Vorhang geht wieder auf, aus dem Gemurmel wird stärkeres Klatschen. Die Schauspieler verbeugen sich. Tatsächlich. Vorbei. Überraschenderweise folgen nun einige Minuten Beifallsbekundungen, wenngleich ohne Standing Ovations. Es ist so, als wolle sich das Volk dafür bedanken, irritiert nach Hause geschickt worden zu sein. Edekire und ich klatschen eifrig mit. Wir verlassen das Theater unter „Hmm,hmmm und noch mal hmmm“ und beginnen mit unserer Interpretation.
Erstmal fragen wir uns nach der Werktreue des Stückes. Vor allem fällt der Widerspruch zwischen historischer Wahrheit (wir gehen hier davon aus, was sich ja auch später per Internet bestätigt, dass Johanna auf dem Scheiterhaufen endet) und diesem Ende auf. War dies ein Ende „nach Schiller“ oder „frei nach Schiller“?
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir dieses Ende den gesamten Theaterabend gerettet hat, aber ich weiß nicht weswegen. Wo um Himmels Willen liegt denn das Verallgemeinerbare in der Figur der Jungfrau von Orleans? Wofür könnte gerade sie ein Paradigma sein? Edekire wirft zurecht ein, dass das Problem des religiösen Fanatikers sich in der heutigen Zeit zwar stellt, aber eben doch nur bei extremen Gruppen, nicht beim einfachen Menschen. Dieser ist doch eher ein Verlorener, meine ich, ganz so wie die aktuelle Johanna im Stück.
Wir (besonders ich) dilettieren ein wenig herum und sitzen ratlos auf die U-Bahn wartend an der Mönckebergstraße. Da haben wir die Idee, dass es ja durchaus keine klassische Gegenüberstellung gewesen sein muss, die uns da aufgetischt wurde. Sondern eben zwei Wege, der des religiösen Wahns und der – zwangsläufig auch durch die Zeit bedingt – des „Anything Goes“ (so toll haben wir das da natürlich noch nicht betitelt ;-) ), die beide nicht zielführend sind, die beide Leiden verursachen. Ja, das gefällt uns. Zwei Wege – ohne moralische Wertung, sondern nur die Darstellung der Leiden. Plötzlich erscheint auch das Gefängnis der aktuellen Johanna nicht mehr so eindeutig. Es handelt sich wohl eher um eine Selbstbespiegelung, um ein Gefängnis der Grübelei, des ewigen Drehens um sich selbst, da der heutige Mensch mehr als jeder seiner Vorgänger selbst entscheiden muss wer er ist und welchen Sinn sein Leben haben soll – wobei er durchaus am Überangebot ersticken kann (Natali Seelig abwertend und plakativ in einem ihrer Monologe dazu: “Saufen, Ficken, Fressen, Auto fahren“)
Auch das Räderwerk will uns auf einmal gefallen. Versinnbildlicht es nicht, gerade durch die schwingende Axt, sehr treffend Johannas Wahn ewig Krieg führen zu müssen? Und wie weit darf eine Interpretation gehen, wenn sie sich wagt dies gar noch auf den heutigen Menschen zu beziehen?
Als wir daheim ankommen halten wir das Stück trotz zweifelloser Schwächen bereits für sehenswert. Dass wir mit unserer Interpretation vielleicht nicht so ganz falsch liegen erhärtet eine Interpretation der eben gesehenen Inszenierung, die wir im Netz finden:

http://www.hamburgtheater.de/Frame496.html

(Insbesondere deren letzten Absatz stimmen wir zu, wobei wir die vier „schwebenden Toreingänge“ niemals so toll hätten deuten können)

Dann stellt sich noch heraus dass Schiller – dieser alte Schlingel – ein kleiner Geschichtsfälscher war:

http://www.school-scout.de/Schiller_Orleans.cfm

Hat er doch glatt ein extrem pathetisches Finale eingeführt, in dem er Johanna den Scheiterhaufen erspart!!! Tss, tss. Edekire und mir gefällt das nicht, obwohl ich einwerfe dass „The Last Samurai“ nach eben diesem Muster endet, genauso pathetisch, mich aber dennoch wegen der überzeugenden Darstellung von Tom Cruise zum minutenlangen Heulen veranlasst hat. Uns fallen wieder die alten Damen ein, die sich bestimmt gefreut hätten, dass Kriegenbrug immerhin am Schluss werkgetreu war.
Man kann sagen: Schiller hat das Ende der historischen Wahrheit verfälscht, Kriegenburg hat diese Verfälschung übernommen, jedoch noch aus Modernisierungszwecken das Stück erweitert. Ist das eine Verfälschung? Hat das mit Schiller nichts zu tun? Wie weit darf der Modernisierungsanspruch des Theaters gehen? Und durfte Schiller was er tat, ohne dafür Schelte verdient zu haben?

Es bleiben Fragen. Das ist Kriegenburgs Verdienst und der seiner Schauspieler. Insofern gilt dem Regisseur ein herzlicher Dank für den insgesamt interessanten Abend.

Und natürlich auch dir, Edekire. Es hat sich wieder mal bewahrheitet: Zu zweit ins Theater zu gehen lohnt sich immer mehr, alleine um der Möglichkeit Willen danach seinen ungeordneten Gedanken freien Laufen zu lassen. Mir jedenfalls hat das geholfen eine etwas fundiertere Meinung zu diesem Stück zu bekommen.

Wer lebt eigentlich in Hamburg? Surja, du oder? Ich erwarte deine Meinung in, hmmm, sagen wir 10 Tagen? ;-)

Liebe Grüße euch allen,

Hamburger
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Re: Der verfälschte Verfälscher

Beitragvon Edekire » 30.11.2004, 13:35

Hmhmn, es könnte sein das dieses Posting irgendwann einfach mal abbreicht, weil ich nämlich in der schule sitze und hire nicht speichern kann. und ich muss vielleicht schnell verschwindet, zu physik...


„Liebster, wo bist du?“ abschließen. Dass nur die Liebe uns erretten kann hätte Kriegenburg auch ein wenig subtiler andeuten können.


Hm das sehe ich anders. ich meine nciht das das subtiler möglich gewesen wäre, aber ich glaube nich das das so gemeint war. ich halte das eher für einen bezug zu den "historischen" Vorgängen. Dort ist es ja die Liebe zu dem englischen Heerführer Lionel die Johanna die sicherheit raubt.
die moderne johanna befindet sich aber in einem immer während desorientierten zustand, weshalb deise wiederholung diese satztes durchaus sinn ergibt. Zudem denke ich das das keineswegs sagen soll die liebe würde uns erretten.
Denn: er kommt nicht. im gegenteil der letzte satz ist: "wo bin ich", sie ist immer noch verwirrt und das sagt eigentlich eher das nichts sie aus dieser sie aus ihrem verlorenen zustand retten wird...
So würde ichd as sehen.

du hast geschriben :
Uns fallen wieder die alten Damen ein, die sich bestimmt gefreut hätten, dass Kriegenbrug immerhin am Schluss werkgetreu war.


Meinst du? werkgestreu? denke ich nicht. Ich glaube zwar das die alle sätze gesagt habe die dastehen, aber ich kann ja nciht finden das dieses ende mit der offen verwirrten johanna, werkgetreu ist. Im gegenteil Schiller endet doch damit das johanne ihren anfall von überzeugungsmangel überwindet und noch ein letztes mal Frankreich retten um dabei heldenhaft auf dem felde zusterben...
wenn man einfach nur die art bedenkt wie schillers worte dann gesprochen wurden, emotionslos, die Menschen auf der bühne in diesem seltdamen Räderwerk mit maximal gleichförmigen bewegungen. Da wirkt der SChiller nich mehr so pathetisch. ich kann mir nicht vorstellen das das den beiden damen gefallen hätte :-D
Aber trotzdem irgendwie schade das sie gegangen sind, ein gespräch mti denen wäre bestimm lustig geworden.
So jetzt klingelt es, ich amch später weiter.

alles liebe
edekire
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane


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