21. Fantasy Filmfest

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
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21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 10.08.2007, 18:53

Es ist wieder soweit - das Fantasy Filmfest tourt durch Deutschland und macht Halt in Köln. Ich habe Karten für 11 Filme, die Auswahl geschah wieder vor allem nach äußeren Zwängen. Eigene Arbeit und die der Herrin, Haushalt, Kinder und dazu noch Familienfeste - da kommt bei der Terminplanung vieles mit ins Spiel, was mit Filminteressen wenig zu tun hat. Im letzten Jahr habe ich aber herausgefunden, dass dieses Zufallselement durchaus sein Gutes hat - so komme ich gar nicht erst in die Versuchung, mich nur auf die Filme zu konzentrieren, von denen ich sowieso annehme, dass sie mir gefallen werden.

Nur die Deutschen Filme wollte ich wie immer unbedingt sehen - was nicht besonders schwer ist. Es gibt nur einen deutschen Film in diesem Jahr, und der wird, weil er so kurz ist, in einer Doppelvorstellung mit einem Deutsch/Dänischen Film gezeigt. Das war's dann, aus dem Lande von E.T.A. Hoffmann und Robert Wiener. Schade.

Sehr froh bin ich, dass es mir gelungen ist, Karten für die Closing Night zu bekommen. Denn da wird "Day Watch" gezeigt, die Fortsetzung von "Wächter der Nacht" (siehe hier http://www.literaturforum.net/viewtopic.php?t=1676 )

Wie jedes Jahr stehe ich auch diesmal auf Kriegsfuss mit dem Programmheft. Was da wieder für ein Mist drinsteht... Irgendwie haben die Schreiber dieses Heftes immer noch nicht gerallt, dass ihr Publikum nicht nur aus Horror-NERDs besteht, die vor allem die Wörter Blutblutblut und Böseböseböse lesen wollen. Wahrscheinlich sind sie entweder selbst besagte NERDs, oder sie haben keine Ahnung von dem Genre, über das sie sich da auslassen. Oder wie soll man verstehen, wenn im Programm steht, in "Wächter der Nacht" habe sich Yegor aus purer Bosheit für die Dunklen entschieden? Hä? Welchen Film haben die denn gesehen? Oder nicht gesehen. Auch schön, die Betonung des angeblichen "Amoklaufes" in "I'm a Cyborg, but that's okay" (siehe unten). Aber so ein schlechtes Programmheft hat auch seine Vorteile. Man weiß nie wirklich, in was für einen Film man da geht... :-D

Ich freue mich sehr auf dieses Festival und hoffe, ich kann Euch in diesem Thread ein bisschen mitnehmen. Mehr über das Fantasy Filmfest findet Ihr hier:

http://www.fantasyfilmfest.com/

In Bochum läuft es derzeit auch, gleichzeitig mit Köln. Hamburger und Berliner haben vom 15. bis zum 22. August die Gelegenheit, dabei zu sein. Nutzt die Chance - es gibt bestimmt noch Karten.
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 10.08.2007, 18:56

IN THE HEAD AND NOT THE CHEST…

Fido
Kanada 2006
Drehbuch: Robert Chomiak, Andrew Currie, Dennis Heaton
Regie: Andrew Currie

Fido – mein persönlicher Einstieg ins diesjährige Fantasy Filmfest – war angekündigt als Zombiekomödie. Nun jaaaa… als großer Fan des Meisterwerkes „Shaun of the Dead“ (siehe hier http://www.literaturforum.net/viewtopic.php?t=1484 ) zog ich beim Durchlesen des Programms erstmal die Augenbrauen hoch bis zu meinem recht weit hinten liegenden Haaransatz. Das Muster „tolle Idee wird ausgeschlachtet bis zum Kotzen“ ist ja sattsam bekannt. Fido hatte also meine Neugier geweckt – daher der Kartenkauf – durfte aber mit meiner ganzen Skepsis rechnen.

Das Ergebnis: Ich habe mich weggelacht und am Ende heftig beim Abschlussapplaus des Publikums (keine Selbstverständlichkeit bei diesem Festival!) mitgeklatscht. Fido ist eine ausgesprochen witzige schwarze Komödie, ein gut und liebevoll gemachter Film, ein absolutes Highlight gleich zu Beginn. Ich war (und bin) begeistert.

Worum geht’s? Der Film spielt in den 50er Jahren (Detailgenaues, wunderbares Setting von den Frisuren über Kleidung und alle anderen Requisiten bis hin zur Filmfarbe!) in den USA. Allerdings ist die Geschichte ein wenig anders verlaufen als wir Sie kennen. Anstelle des zweiten Weltkrieges gab es die „Zombie Wars“. Strahlung aus dem All ( :-D ) hat die Toten aufgeweckt (und tut es immer noch), die sich wie üblich von dem Fleisch der Lebenden… wir kennen das ja. Der Status Quo ist, dass die Vorstadtidyllen dieses limonadefarbenen Amerika von hohen Zäunen geschützt werden. Dahinter liegt das „Wilde Land“ in dem die Zombies frei herumstreifen. Beschützer und Versorger der guten Bürger ist der allmächtige Konzern „Zom-Con“ . Zom-Con hat außerdem eine elekronische Vorrichtung entwickelt, ein Halsband, dass den Blutdurst der Zombies kontrolliert und sie so zu nützlichen Sklaven der guten Amerikaner macht. So auch in Willard (!) der kleinen Stadt, in der unsere Geschichte spielt.

„Fido“ denkt im Grunde das Ende von „Shaun of the Dead“ konsequent weiter – und verlegt es sehr passend und folgerichtig in ein praefaschistoides 50s Amerika. Der Krieg gegen die Zombies ist geführt worden, mehr oder weniger siegreich (eher mehr als weniger). Die Menschen können in den geschützten Städten gut und sicher leben, die Zombies – gestern womöglich noch geliebte Familienangehörige – sind rechtlose Sklaven.

Natürlich sind ein paar Vorsichtsmaßnahmen nötig: Allgegenwärtige Zom-Con Alarmknöpfe, Unterweisungen per TV-Spot, die vor Bevölkerungsgruppen warnen, die sich demnächst in Zombies verwandeln könnten („The elderly – can we really trust them?“) und Schießübungen für die Schulkinder in den Pausen (wobei das bezaubernde Liedchen „In the head and not the chest, headshots are the very best.“ gesungen wird). Und alle sind glücklich.

Na ja – nicht wirklich alle. Timmy (sehr gut: K’Sun Ray) zum Beispiel nicht. Timmy – geschätzte 12 Jahre – macht sich einfach zu viele Gedanken für einen guten kleinen Amerikaner im guten kleinen Willard. Er nervt Zom-Con-Manager die den Unterricht besuchen mit zu intelligenten Fragen und hat darob keine Freunde. Wer mag schon mit einem kleinen Grübler spielen, wenn er guten, sauberen Spass bei den „Zom-Con-Cadetts“ haben kann. Zu Hause ist es auch nicht so toll. Mom (gespielt von Carrie-Ann Moss) und Daddy (Dylan Baker) streiten zuviel. Denn Mommy will auch einen eigenen Zombie (die neuen Nachbarn haben sechs!!!). Daddy aber hat eine Zombiephobie, seit er als Junge gezwungen war, den eigenen Vater zu enthaupten, als dieser zum Untoten mutierte und ihn anknabbern wollte. Außerdem hat Daddy nie Lust auf Sex. Dieses Problem allerdings wird von Timmy fern gehalten – und von uns natürlich auch, schließlich ist dies ein 50s-Film. Aber die feinen Andeutungen reichen, wir verstehen, wo der Hase im Pfeffer liegt.

Eines Tages aber erwirbt Mommy hinter Daddys Rücken einen Zombie (große Leistung: Billy Conolly) – und verschafft der Familie damit einerseits eine Menge Probleme. Andererseits hat Timmy nun, nach ersten Anpassungsproblemen, einen treuen Freund, den er Fido nennt. Und mit Fidos Hilfe wendet sich letztlich auch alles zum Happy End. Hm… zumindest für Timmy und Mommy. Und Fido.

Der Film ist gespickt mit sehr liebevollen Zitaten. Wenn zum Beispiel der arme Timmy an einen Baum gefesselt ist und der treue Fido den Knoten nicht lösen kann, während der böse Zombiejunge (der eben noch nur ein böser Junge war – aber dann griff Fido ein) versucht, aus seinem Gefängnis zu entkommen, dann reicht ein vertrauensvolles „Fido! Get help“ und der treue Zombie holt in bester Lassiemanier Rettung.

Und auch die Liebe überwindet alle Grenzen. Da sind zum Beispiel der schmierige Mr. Theopolis (der Timmy noch ein wertvoller Helfer wird) und sein Lolitazombie Tammy… glaubt mir Freunde, es mag so aussehen, als sei es nur Tammys hinreissender, verrottender Körper, der die beiden verbindet (und ihre „naughty teeth“)… aber da ist mehr. Ehrlich.

Fazit: Ich gebe weiterhin „Shaun of the Dead“ den Vorzug – aber aus reinen Geschmacksgründen. An wunderbarer schwarzer Komik kann dieser Film hier es ebenso mit Shaun aufnehmen wie an Intelligenz und an böser Sozialkritik. Im letzten Punkt übertreffen die Kanadier die Briten sogar – und das, ohne den Film einmal mit moralischen Zeigefingern zu verderben. Die schauspielerische Leistung ist tadellos (auch und vor allem bei den vielen jungen Darstellerinnen und Darstellern), die Geschichte ist gut und ohne Längen… alles stimmt. Riesengroßer Spass, unbedingt empfehlenswert!
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 11.08.2007, 11:07

CAN YOU STEEL MY SYMPATHY FROM ME?

I’m a Cyborg, but that’s ok (Saibogujiman Kwenchana)
Südkorea 2006
Drehbuch: Chan-wook Park, Seo-Gyeong Jeong
Regie: Chan-wook Park

Nach der ersten Viertelstunde war ich ziemlich entschlossen, diesen Film öde zu finden. Er hatte seine Momente, einige gute Bilder, ein paar witzige Ideen, aber mehr nicht. Die Geschichte entwickelte sich nicht, es passierte wenig bis gar nichts, mit den Figuren konnte ich mich nicht identifizieren. Außerdem krankte der Film an einem für asiatische Filme typischen Problem: Plötzlich unmotiviert hektische Handlungen und kreischende Frauen. Normalerweise mag ich asiatische, insbesondere japanische Filme, aber dieses Gezappel und Gekeife nervt sogar bei Kurosawa. Vielleicht bin ich da zu sehr Europäer.

Ich dachte also darüber nach, vorzeitig das Kino zu verlassen. Das Seltsame war nur – ich wollte das eigentlich gar nicht. Irgendwie fühlte sich der Film gar nicht so schlecht an. Warum nur?

Es dauerte eine Weile, bis ich darauf kam: Das Problem war nicht der Film, sondern meine Erwartungshaltung. Ich erwartete einen Science Fiction Film, einen Horrorfilm oder einen Thriller. Denn das Fantasy Filmfest ist das „Internationale Festival für Science Fiction, Horror und Thriller“. Vielleicht auch einen Fantasyfilm oder irgendetwas, das mit Phantastik zu tun hatte. Dieser Film hatte aber nichts davon, und deshalb war ich verwirrt und etwas enttäuscht. So in etwa muss sich jemand fühlen, der auf die „Internationalen Tage der Romantic Comedy“ geht, und dort „Fight Club“ vorgesetzt bekommt. Gewiss ein guter Film – aber nicht wirklich passend, obwohl auch eine Liebesgeschichte drin vorkommt.

Ich entschloss mich also, zeitweilig zu vergessen, auf welchem Festival ich mich befand, erst recht zu vergessen, was im Programmheft stand (fool me twice – shame on me), und den Film einfach so anzusehen.

Was ich sah, war eine sehr schöne Liebesgeschichte. Ziemlich surreal bebildert (daher wohl der Irrtum mit dem Fantasy Filmfest – oder die hatten einfach noch nicht genug Filme für ihren „Focus Asia“), was sehr stimmig ist, denn die Liebesgeschichte spielt zwischen Wahnsinnigen. Wenn man den Film als das sieht, was er ist, dann ist er sogar ausgesprochen unlangweilig. Liebesgeschichten sind immer ein wenig vorhersehbar – zumindest wenn man glaubt, es komme bei einem Film darauf an, wie er ausgeht. Für mich ist der Weg zum Ende eigentlich wichtiger. Und da stelle ich fest, dass bei diesem Film das Ende zumindest nicht ganz vorhersehbar ist und der Weg dorthin ausgesprochen verrückt, überraschend, oft äußerst witzig und sehr berührend. Und üblicherweise berühren mich Liebesgeschichten genauso wenig wie Splatterfilme. Der zweite Dackelblick von Hugh Grant und ich habe einen narkoleptischen Anfall. Nicht so hier – „I’m a Cyborg…“ ist wirklich… schön.

Zur Geschichte: Young-Goon, eine junge Frau, wird ins Irrenhaus eingeliefert, nachdem sie versucht hat, sich an ihrem Arbeitsplatz buchstäblich ans Stromnetz anzuschließen. Ihre Mutter ist verzweifelt – schon wieder eine Bekloppte in der Familie, denn ihre Mutter, Young-Goons geliebte Großmutter, hielt sich für eine Maus.

Young-Goon, so stellt sich bald heraus (für den Zuschauer – nicht für die sehr verständnisvollen aber hoffnungslos inkompetenten Ärzte), hält sich für einen Cyborg. Mit Hilfe des Gebisses ihrer Oma glaubt sie, mit Maschinen kommunizieren zu können. Die Geschichte mit dem Stromkabel, dass sie sich in den Arm gesteckt hat, war nur der Versuch, sich mal richtig satt zu essen. Denn das ist Young-Goons Problem: Sie isst nicht. Absolut davon überzeugt, menschliche Nahrung nicht verarbeiten zu können, verweigert sie jede Speise. Statt dessen lutscht sie an Batterien. Dass ihr das nicht reicht, dass sie buchstäblich Energie verliert, merkt sie selbst. Aber sie schiebt es auf die Schwäche der Batterien.

Ein weiteres Problem ist ihr Mitleid. Das hindert sie daran, ihre Aufgabe zu Ende zu führen. Denn sie ist davon überzeugt, dass es ihre Aufgabe ist, alle „Weißen“ – gemeint sind Ärzte und Pflegepersonal – zu töten, aus Rache dafür, dass sie damals ihre Großmutter weggeholt haben. Wenn die Weißen tot sind, so Young-Goons Glaube, wird sie Ihre Großmutter wieder finden, ihr das Gebiss wieder geben können und endlich verstehen, was die alte Frau ihr sagen wollte, als sie aus dem Fenster des Ambulanzwagens schrie, während ihre Enkelin hoffnungslos versuchte, den Wagen mit dem Fahrrad einzuholen.

Hier kommt Il-Sun zu Hilfe. Il-Sun trifft Young-Goon zum ersten Mal, als diese sich gerade angeregt mit einem Getränkeautomaten unterhält. Er ist ebenfalls Insasse der Klinik und ein Dieb. Und zwar nicht irgendein Dieb, er kann – so glauben er und alle anderen Patienten – buchstäblich alles stehlen, auch Fähigkeiten und Gefühle. So bekommt er ziemlichen Ärger, als er einem Mitinsassen seine Fähigkeit, Tischtennis zu spielen stiehlt und damit dann auch noch angibt. Der Witz ist – Il-Sun kann das tatsächlich (wie sage ich nicht, aber es hat nichts Übernatürliches) und heilt so zeitweilig und aus Versehen einige seiner Mitpatienten, was allerdings einschließlich der Ärzte niemand bemerkt. Young-Goon bittet also Il-Sun, ihr Mitgefühl zu stehlen. Er verspricht, ihr zu helfen und versucht gleichzeitig, ihr wirkliches Problem zu lösen – sie vor dem Verhungern zu retten.

Mehr erzähle ich mal nicht, da ich Euch den Film empfehlen möchte, ohne das Ende zu verraten. Da die Wege dieser Geschichte ebenso verrückt sind wie seine Figuren müsste ich sowieso viel zu viel erklären, damit ihr verstehen könnt, wie es zu dem Ende letztlich kommt.

Eine logische Lücke hat der Film – oder er scheint sie zu haben: Young-Goon isst nichts. Gut, das hält sie eine Weile aus, klar. Aber was ist mit dem Trinken? Hier scheint die Lösung in einem Tropf zu liegen, an dem sie oft hängt. Nur – wenn man ihr über den Tropf Flüssigkeit zuführen kann, dann doch auch eine Nährlösung, die sie am Verhungern hindert, oder? Scheint mir nicht ganz logisch. Ich sage aber ganz bewusst „scheint“. Denn der Film lief im Koreanischen Original mit recht spärlichen Untertiteln, da mag mir durchaus vieles entgangen sein.

Heute Abend sehe ich nun „All the Boys love Mandy Lane“. Angekündigt ist er im Programmheft als klassischer Teeniehorror. Vermutlich handelt es sich um eine Naturdoku und Mandy Lane ist eine hübsche Gazelle in der Serengeti oder so etwas :-D .
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 11.08.2007, 23:42

YOU DID IT… YOU SAVED US.

All the Boys love Mandy Lane
USA 2006
Drehbuch: Jacob Forman
Regie: Jonathan Levine

Also, nochmal: Dieser Film ist ein Teenieslasher-, Teeniehorror-, Teeniesplatterfilm, wie auch immer man das nennen mag. Er gehört damit zu einem Genre (bzw. Subgenre), das an sich schon wenig Überraschendes erlaubt und in den 80ern buchstäblich totgeritten wurde, so tot, dass viele der späteren Filme reine Leichenschändung waren (Horrorfilme als Leichenschändung … ich muss mal meinen Metaphernmodus justieren lassen…). „Scream“ sorgte für eine kurzzeitige Wiederbelebung, und wieder wurde das nur schwach atmende Subgenre gnadenlos ausgeschlachtet und totgelutscht, während andere Subgenres (Geisterfilme vor allem), die als noch toter galten, sich zu neuen Höhen aufschwangen.

Und nun – "All the Boys love Mandy Lane". Der Xte Versuch, der Leiche noch ein paar Zuckungen zu entlocken. Und – surprise, surprise – im Rahmen des Möglichen klappt das sogar erstaunlich gut.

Im Rahmen des Möglichen, wohlgemerkt, also stecken wir diesen Rahmen mal kurz ab:

- Teeniehorror ist nicht überraschend. Wir wissen, was dieser begrenzten Zahl von Teenagern auf begrenztem Raum passieren wird.

- Das Ganze funktioniert immer nach dem Zehn-Kleine-Negerlein-Prinzip. Die Frage „wen erwischt es wohl als nächstes“ interessiert nur absolute Anfänger, alle anderen wissen – es erwischt sowieso alle oder fast alle. Die Reihenfolge ist mäßig spannend und wer am Ende übrig bleiben wird (falls jemand übrig bleibt) ist meist früh klar.

- Die Filme wimmeln nur so von Klischees.

- Das Ende ist meist kaum überraschend (siehe oben) und die Frage „wer ist der Täter“ ist auch uninteressant. Denn je überraschender die Antwort, desto hirnrissiger und weiter hergeholt das Motiv – sonst kommt man ja zu früh drauf. Die frühen Teenieslasher (Nightmare on Elm Street, Halloween etc.) sind diesem Problem meist ausgewichen, in dem sie den Täter zu einem echten (menschlichen oder übernatürlichen) Monster machten und ihn mit entsprechenden Monstermotiven ausstatteten. Deshalb sind diese Filme (zumindest die ursprünglichen, nicht die Sequels) auch soviel besser als spätere Versuche a la „I know what You did last Summer.“

Also wäre es unfair, von diesem Film hier ein Beispiel für sprühende Originalität und überraschende Handlungsfäden zu erwarten. Er ist, was er ist.

Und – in diesem Rahmen – ist der Film wirklich gut. Was immer man richtig machen kann, machen Forman und Levine richtig. Die Personen – Killer eingeschlossen – sind zwar Klischees, aber als Charaktere so nachvollziehbar wie überhaupt nur eben möglich, in diesem per Definition sehr oberflächlichen Genre. Der Autor hat das geschafft, was in „Scream“ vergeblich versucht wurde: Aus vergangenen Erfahrungen zu lernen. Was dort zu aufgesetzt und daher zu offensichtlich war, ist hier eingewebt und wird benutzt – vor allem, um Klischees direkt aufzugreifen und zumindest zu brechen, wenn nicht gar zu zerstören. Der Film greift auf die eine oder andere Art viele Erfahrungen auf, von „Scream“ bis „American Pie“, von „Blair Witch Project“ bis zu „Elephant“. Drehbuchautor und Regisseur haben offenbar genau hingeschaut und gelernt. So wird zum Beispiel eine zentrale Idee aus „Scream“ aufgenommen – nur um zu zeigen, wie man das besser machen kann. Auch die übliche Bildsprache der Teenisslasher, diese abgedroschenen, schön und langweilig gefilmten Kleinstadtszenarien, wird völlig über Bord geworfen. Die Bilder sind groß und grob, stilisiert und erinnern eher an eine Mischung aus guten Werbespots und der Blair-Witch-Ästhetik. Und auch wenn die Figuren – trotz aller Bemühungen um etwas Tiefgang, die oberflächlich bleiben müssen – doch im Klischee stecken bleiben, so scheint Forman sich dieser Tatsache bewusst gewesen zu sein. So bewusst, dass er eine Killerfigur schaffte, der man am Ende sogar Beifall klatscht – ein wenig widerwillig vielleicht, aber mit Respekt. Diese Figur verkörpert das älteste und dunkelste aller Horrorklischees, und dass diese Klischeefigur die anderen, kleineren Klischeefiguren umbringt (direkt oder indirekt) ist nur stimmig und richtig. Dieser Film lässt Archetypen aufeinander los – und nur die ursprünglichsten dürfen überleben, im Guten wie im Bösen.

Für jemanden, der dieser Art von Film noch nie etwas abgewinnen konnte, wird auch „Mandy Lane“ nicht funktionieren. Aber für alle anderen: Dieser Film könnte für den Teeniehorror das sein, was „Unforgiven“ für den Western war: Ein grosser, letzter Moment (zumindest vorerst). Selbstverständlich ist der Western an sich unendlich vielschichtiger und reicher als der Teeniehorror und also ist auch „Unforgiven“… aber das war klar, oder?

Und der Soundtrack ist auch sehr schön!

Die Handlung? Ach so, ja…
Sechs Teenager fahren gemeinsam auf eine Farm, um dort zu feiern. Nacheinander werden sie umgebracht.
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 13.08.2007, 12:05

YOU ALLRIGHT?

The Deaths of Ian Stone
Great Britain / USA 2007
Drehbuch: Brendan Hood
Regie: Dario Piana

Zweimal habe ich es jetzt schon erlebt, bei diesem Fantasy-Filmfest, dass ich sehr skeptisch in einen Film gegangen bin und doch sehr zufrieden wieder herauskam – siehe „Fido“ und „All the Boys love Mandy Lane“. Da musste ja irgendwann der Moment kommen, an dem ich mich so richtig auf einen Film freue, und enttäuscht werde. Gestern war es soweit, mit „The Deaths of Ian Stone“.

Wobei, das will ich vorweg schicken, der Film nicht wirklich schlecht ist. Da habe ich auf Fantasy Filmfesten schon ganz andere Sachen erlebt, ich sage nur „Kampfansage“, „H6“ und „Blood Trails“. Entweder hat in diesem Jahr die Qualität mächtig angezogen, oder meine Instinkte sind schärfer, richtig miese Filme habe ich bisher noch nicht vorgesetzt bekommen. Da meine Filmauswahl aber stark von Zufällen bestimmt ist (s.o.) glaube ich mal tapfer an den Qualitätszuwachs.

Aber nehmt folgende Ausgangssituation: Ian Stone, ein Student, hat einen wirklich miesen Abend gehabt. Erst verliert er mit seinem Eishockeyteam und wird dafür von seinen Mitspielern angemacht, dann ist seine Freundin Jenny zwar ganz lieb und süß, nimmt ihn aber nicht mit in ihr Zimmer, weil die Eltern zugegen sind, es regnet wie aus Eimern und auf den Schienen, die Ian mit seinem Wagen überqueren will, liegt jemand rum. Unser Held benimmt sich auch recht heldisch und versucht, die Person aus der Gefahrenzone zu schaffen, was aber nicht ganz gelingen will – und Polizei und Notarzt sind auch nicht zu erreichen, das Handy hat keinen Empfang. Als sich die Gestalt am Boden dann in etwas Unerklärliches verwandelt und ihn auf die Gleise schleift, ist Ian zwar entsetzt und protestiert auch entsprechend, aber der Zug, er ihn überrollt, ist im Grunde nur das logische Ende eines verkorksten Abends.

Schnitt.

Ian, keineswegs tot aber auch kein Student, wacht etwas verwirrt aus einem Büronickerchen auf. Das gerade rechtzeitig, denn schon schneit sein Chef herein und halst ihm eilige Arbeit auf. Für Aufmunterung sorgt ein kleiner Flirt mit der hübschen Kollegin Jenny. Zu Hause wartet seine Freundin Medea auf Ian. Deren erotische Fürsorge kann er gut brauchen, denn zu allem Überfluss wurde er auf dem Heimweg noch Zeuge, als ein Mann mitten auf der Straße offenbar einem Herzanfall erlag. Und es trägt auch nicht zur Stabilität von Ians Nervenkostüm bei, dass er sich zwar genau erinnert, als Student Eishockey gespielt zu haben, Medea ihm aber nachweisen kann, dass das nie geschehen ist. Ian beginnt zu begreifen, dass er ein arges Problem hat…

Für mich, der ich Geschichten liebe, die mit Parallelwelten arbeiten, mit alternativen Realitätsverläufen und die Wirklichkeit an sich hinterfragen, klang das nach einem sehr, sehr gelungenen Abend. Was dann aber kam, war die Verschwendung einer guten Ausgangssituation an einen doch ziemlich lahmen, pathetischen und vorhersehbaren Film. Eine ganz banale gut gegen böse Story, für die Ians alternative Leben nur ein bisschen Zuckerguss sind. Die Grundgeschichte hätte sich tatsächlich auch ohne dies erzählen lassen. Schade. Für alle die, die genaueres wissen möchten, folgt ein

SPOILER +++ SPOILER +++ SPOILER +++ SPOILER +++ SPOILER +++ SPOILER +++













Die Sache ist die: Ian ist ein Dämon. Oder er war einer. Dämonen ernähren sich von menschlicher Angst, da die Angst aber im Angesicht des Todes offenbar am leckersten ist, bringen sie Menschen um. Dämon Ian aber hat etwas gefunden, was noch viiiiiiiiiiiiel leckerer ist als Angst, nämlich die Liebe der schönen Jenny. Außerdem macht echte Liebe Dämonen superstark, so dass sie andere Dämonen töten können. Das passt denen natürlich gar nicht, und so stoßen sie den Spielverderber Ian jeden Tag in eine neue Realität – nachdem sie ihn in der vorherigen getötet haben – um herauszufinden, was den Frechling so stark gemacht hat. Blöd nur, dass Ian sein Dämonendasein inzwischen vergessen hat, und die immer neuen Amnesien auch nicht hilfreich sind. Blöd auch, dass die anderen Dämonen zu dämlich sind, festzustellen, dass es eine immerwährende Konstante in Ians jeweiligen Leben gibt: Jenny. Ebenso blöd, dass zu keinem Zeitpunkt erklärt wird, wie und warum Ian von Leben zu Leben geschleudert wird, wo diese verschiedenen Leben statt finden und was mit den restlichen sechs Milliarden Menschen passiert. Bekommen die auch immer neue Realitäten, nur damit Ian vergisst (Dämon: „Zu dumm, dass Du Dich erinnert hast.“) bzw. sich erinnert (Der selbe Dämon: „Sag uns, wie Du das gemacht hast!“). Ja, was denn nun?

Immerhin merken die etwas vertrottelten Dämonen irgendwann, dass das so nicht klappen kann, und versuchen, die Wahrheit ganz konventionell aus Ian herauszufoltern. Kann auch sein, dass er die ganze Zeit auf dieser seltsamen Folterbank gelegen hat, und sich den Rest nur einbildet. Egal. Jedenfalls kommt es, wie es kommen muss: Ian befreit sich, indem er die Kraft eines anderen Verräterdämons in sich aufnimmt und so einen seiner Bewacher tötet – Moment – Ihr dachtet, das ginge nur mit der Kraft der Liebe? Ich auch. Egal. Und dann zeigt der liebe Iandämon den bösen Dämonen mal so richtig wo der Hammer hängt. Wir erfahren dabei, dass liebe (oder lieb-gewordene) Dämonen genauso grausig aussehen wie böse, nur mit weißen Haaren. Um sich und Jenny zu retten muss er dann Jenny mal eben aufspießen, aber weil die ihn liebt und ihm vertraut (ich würde auch einem Dämon meine ganze Liebe und mein uneingeschränktes Vertrauen schenken, der mir gerade eine mächtige Chitinklaue durch den Leib gerammt hat, klar), hat er auch die Kraft, sie wieder zu heilen. Und alles ist gut.





+++ SPOILER ENDE +++ SPOILER ENDE +++ SPOILER ENDE +++ SPOILER ENDE +++
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 13.08.2007, 14:17

Wisst Ihr, was eine wirkliche Zumutung ist? Dass es Situationen gibt, in denen man Filme mit nur 55.000 Euro machen muss. Das darf doch nicht sein. Die Welt ist ungerecht. Nein, ganz ehrlich – wer will noch in einer Welt leben, in der Kinder Hungers sterben, Kriege toben und Filme mit nur 55.000 Euro gemacht werden müssen? Wie kann Gott das zulassen? Kann es überhaupt einen Gott geben? Es ist so SCHLIMM. Schluchz.

Und ganz gemein ist, wenn dann noch jemand daher kommt, und mit nur 19.000 Euro einen besseren Film macht.

Was lernen wir? AUF DIE GESCHICHTE KOMMT ES AN!

Nicht auf die Frage, ob man sich Luftaufnahmen dänischer Inseln leisten kann, oder nicht.

Wovon rede ich? Natürlich, in diesem Thread, vom Fantasy Film Fest. Und von den Filmen, die ich jedes Jahr mit der größten Spannung, der größten Freude und der größten Sorge erwarte: den Filmen aus Deutschland. Zwei sind es in diesem Jahr, und da sie beide kurz sind (63 und 45 Minuten) wurden sie als Doppelprogramm gezeigt. Beide Filme – Nimmermeer und Kaltmiete – sind Studentenfilme, der eine (Nimmermeer) von der Filmakademie Baden Würtemberg, der andere (Kaltmiete) von der Kunsthochschule für Medien in Köln.

Es ist schöne Tradition beim FFF, dass, wenn möglich, bei Studentenfilmen die Verantwortlichen vorher ein paar Worte sagen und sich nachher den Fragen des Publikums stellen. Für „Nimmermeer“ trat Produzent Manuel Bickenbach an, für „Kaltmiete“ stellten sich Drehbuchautor und Regisseur Gregor Buchkremer und – etwas widerwillig – Produktionsleiter Tobias Knubel. Aber zunächst zu den Filmen:

Nimmermeer
Deutschland/Dänemark 2006
Drehbuch: Toke Constantin Hebbeln, Nina Vucovic
Regie: Toke Constantin Hebbeln

Nimmermeer (nein, das ist kein Schreibfehler, sondern vermutlich tiefsinnig), das sollte ich gleich vorweg schicken, ist ein Märchen. Einem Märchen verzeihe ich einiges, da erwarte ich sogar einiges, was ich sonst weniger mag – stilisierte Figuren, zum Beispiel und eine platte Moral. Andererseits – alles hat seine Grenzen. Aber erstmal zur Geschichte:

Irgendwo in Friesland (bzw. einer märchenhaften Version davon), irgendwann in einer irrealen Zeit, die vielleicht gegen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts liegt, lebt der kleine Jonas mit seinem Vater Helge in einer Hütte am Strand. Fischer Helge fährt jeden Tag aufs Meer und kommt jeden Abend ohne Fische wieder zurück, was den etwas verstockten Helge aber nicht daran hindert, jeden Tag wieder rauszufahren. Außerdem ist die Dorfgemeinschaft fies zu dem beiden Habenichtsen, die Kinde sind noch fieser und der Pastor streng und fies. Märchen eben, einfache Charaktere, gut. Allerdings hat Märchenvater Helge ein recht robustes, frühneuzeitliches Standesbewusstsein, denn er hat weniger Probleme damit, seinem angeblich so geliebten Sohn jeden Tag wenig bis gar kein Essen vorzusetzen, als mal über seinen Schatten zu springen, und beim Kaufmann zu arbeiten. Nee, bevor Helge höflich zu Kunden ist, soll lieber sein lieber kleiner Jonas verhungern. Sagt er nicht. Nimmt er aber in Kauf.

So weit kommt es aber nicht, denn bevor Jonas nichts zu schlucken hat, schlucken die Wellen Helge. Und die ach so gemeinen Dorfbewohner lassen das verwaiste Kind nicht etwa am Strand verrecken, nein, sie nehmen es mit, vorneweg der fiese Pastor, der den Kleinen in seinen Haushalt aufnimmt.

Soweit die eeeeeeeeeeewig lange Exposition, in der wir lernen:

Arm sein ist Scheiße.
Arm und Waise sein ist richtig Scheiße.

Natürlich hat es Jonas beim Pastor schlecht, denn diese vormodern gezeichnete Figur hält sich verdammenswerter Weise nicht einen Moment lang an moderne pädagogische Grundsätze. Nein, Jonas muss hart arbeiten und wird geschlagen. Die perfide Doppelmoral, mit der der Pastor Jonas in einer Schlüsselszene zwingt, sich seine Strafe quasi selbst zu verhängen, damit der Gottesmann sich seine reine Weste bewahrt, ist dabei sehr gut und treffend gesetzt. Oder sie wäre es – wenn Vucovic und Hebbeln hier nicht eine Figur denunzieren würden, die sich – insbesondere für ein Setting in dieser Zeit und dieser Umgebung – bis dahin ausgesprochen mitmenschlich gegen den verwaisten Jonas verhalten hat. Das ist auch eines der Hauptprobleme dieser Geschichte – die Figuren. Gut gezeichnet sind dabei eigentlich nur Jonas und Knut, alle anderen gehen daneben. So soll Helge wohl als liebvoller, naiv versponnener Vater erscheinen. Was ich sehe ist ein verbohrter Trottel, dem sein eigener Stolz über das Wohl seines Kindes geht. Der Pastor hingegen, so scheint es, soll heuchlerisch und hartherzig erscheinen. Hartherzig ist er aber gar nicht, im Gegenteil – er nimmt Jonas sofort in seinem Haus auf, ebenso, wie er es vor Jahren mit dem von seiner Mutter verstoßenen, etwas zurückgebliebenen Knut getan hat. Gut – er ist ausgesprochen selbstgerecht, erzieht die Kinder streng und arbeiten müssen sie auch. Aber so war das eben früher, auf dem Land. Der Pastor ist zwar reichlich unsympathisch – aber ein Bösewicht ist er nicht. Und Helge ist zwar irgendwie doof-niedlich – aber nicht gerade eine positive Figur, wenn man mehr als eine halbe Sekunde über ihn nachdenkt. Ich muss aber wieder einschränken – Märchen sind manchmal so. Ich fand auch immer, dass der Vater von Hänsel und Gretel ein verdammtes Arschloch ist, wenn er seine Kinder für irgendeine Schlampe im Wald aussetzt. Aber nachher leben die Kinder doch glücklich und zufrieden mit ihm… was soll’s.

Wo war ich? Ach ja – beim Pastor ist es gar schröcklich. Deswegen haut Jonas irgendwann mit den Gauklern ab, nachdem der Obergaukler ihm klar gemacht hat, dass alles besser ist, wenn man eine positive Grundeinstellung hat, und dass Jonas ja außerdem Helge immer in seinem Herzen besuchen kann. Das war’s. Ätsch, Pastor!

Klingt nach einer lahmen, vorhersehbaren Geschichte mit einer platten Moral? Genau!

Wobei – dieser Film ist nicht wirklich schlecht. Er kann nicht gut sein, da die Geschichte nicht gut ist. Er kann aber auch nicht schlecht sein, denn alles andere stimmt. Die Bilder sind berauschend, das Setting liebevoll und sorgfältig ausgesucht – alles gut. Und die Schauspieler spielen großartig. Sie holen aus ihren flachen, oft misslungenen Figuren heraus, was nur eben geht. Ganz vorneweg sei Leonard Proxauf genannt, der den Jonas spielt. Wow! Eine herausregende Leistung, gerade für ein Kind. Ich weiß nicht, ob ich schon einmal einen Film gesehen habe, der einem Kinderdarsteller dermaßen viele Großaufnahmen zumutet. Und Proxauf meistert sie alle. Der Knabe ist krachend talentiert. Auf ähnlichem Niveau – aber gegen einen so jungen Könner als Hauptfigur natürlich abfallend – agieren alle anderen Darsteller, vielleicht mit Ausnahme des Meistergauklers. Der lispelt und nuschelt zuweilen so unverständlich, dass ich dankbar für die englischen Untertitel war.

Wenn man nun in Betracht zieht, dass Toke Constantin Hebbeln ein Anfänger ist, ein Filmstudent, dann ist von ihm als Regisseur noch Großes zu erwarten. Wer es zu diesem Zeitpunkt schon hinbekommt, solche Bilder zu erschaffen und solche Leistungen aus seinen Schauspielern herauszukitzeln, der macht Hoffnungen auf kommende Filme. Ich würde mich freuen zu sehen, was dieser Mann mit einer besseren Geschichte anfängt.


Nach dem Film kam dann Produzent Manuel Bickenbach, um Fragen zu beantworten. Das tat er lang und breit und bejammerte dabei, wie gesagt, ein ums andere Mal, wie wenig Geld man doch gehabt habe. Heul und Klage. Und die Lebensgeschichte des ein oder anderen Drehbeteiligten wurde uns auch ungefragt erzählt. Und bei dem Versuch, Luftaufnahmen zu machen, hat der Kameramann gekotzt. Und warum? Weil kein vernünftiger Pilot zu haben war. Und warum das? Na? Genau! Es waren ja nur 55.000… das Leben kann so gemein sein.

Danach folgte:

Kaltmiete
Deutschland 2006
Drehbuch und Regie: Gregor Buchkremer

Ja, da stehe ich jetzt. Ein ums andere Mal habe ich hier gepredigt, dass es von Übel ist, wenn Regisseure Drehbücher schreiben. Das erfordert, so habe ich immer gesagt (und so denke ich auch noch immer) unterschiedliche Talente, weshalb so viele Autorenfilme so langweilig sind. Eine Geschichte visuell darzustellen und eine Geschichte zu erfinden sind zwei Paar Schuhe. Schuster, bleib bei Deinem… und dann sowas.

Was soll’s, es gibt halt Multitalente. Wie Gregor Buchkremer.

Die Idee ist sehr einfach: In einer WG aus zwei Frauen und zwei Männern, hat einer der Männer sich offenbar entschlossen, am Gemeinschaftsleben nicht mehr Teil zu nehmen. Er schließt sich in seinem Zimmer ein, spricht nicht mehr, nervt die Mitbewohner mit lauter Musik und räumt nächtens heimlich den Kühlschrank leer. Diese monolithische Verweigerung treibt die anderen Drei zu immer verzweifelteren, immer radikaleren Maßnahmen, die schließlich in einer regelrechten Belagerung münden. Während der Stein des Anstoßes unverändert bleibt, verlieren seine Mitbewohner Zug um Zug die Beherrschung – bis zur Eskalation.

Eine sehr einfache, klare und gut erzählte Geschichte. Über 90 Minuten hätte sie nicht tragen können – das wäre langweilig geworden – aber für 45 Minuten genau richtig. Das ist kein kastrierter Langfilm, das ist ein echter Kurzfilm. Schon dafür gebührt Buchkremer großes Lob. Und für die klare, schnörkellose Umsetzung der guten Idee noch mal. Bravo!

Interessanterweise ist es mir nicht gelungen, herauszufinden, wer die Hauptfigur ist. Nach klassischer Drehbuchlehre wäre es eine der beiden Frauen, Tessa nämlich. Sie ist diejenige, die die Handlung am ehesten vorantreibt und sie macht die stärkste Entwicklung durch. Auch eine andere Hauptfigur wäre denkbar – nach denselben Kriterien – aber wenn ich dazu mehr sagen würde, würde ich spoilern. Ich habe lange darüber nachgedacht und bin immer noch nicht sicher. Ich glaube, die Hauptfigur sind eigentlich alle drei Mitbewohner. Sie stellen jeder einen ganz bestimmten Typ dar – sind also in mancher Hinsicht etwas eindimensional – funktionieren aber als Gemeinschaft im Grunde ein Protagonist.

Wenn man die beiden Aufgaben vergleicht, die Gregor Buchkremer übernommen hat, so sticht zunächst seine Qualität als Drehbuchautor ins Auge. Die Geschichte ist einfach gut erzählt. Punkt. Das Einzige, was ich da vielleicht auszusetzen hätte, sind zuweilen etwas gestelzte Dialogzeilen. Die betreffen interessanterweise nur eine Figur, Tessa nämlich. Das spricht weniger für eine generelle Schwäche, als für irgendein Problem mit dieser speziellen Figur, und wenn das alles ist, was man an einem Akademiedrehbuch auszusetzen hat – wunderbar.

Als Regisseur schafft Buchkremer es, eine sehr dichte Atmosphäre aufzubauen. Das ist für ein Kammerspiel zwar notwendig, aber weiß Gott nicht selbstverständlich. Er kann das, mit der einzigen Einschränkung, dass Zwielichtszenen hier fast immer zu duster sind. Ein wenig möchte ich als Zuschauer schon erkennen. Das Budget war, wie wir noch erfahren werden, sehr gering. Weit geringer als die 55.000 Euro, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schon als unzumutbar für das Seelenleben von Filmschaffenden bezeichnet. Vielleicht musste also an der Beleuchtung gespart werden. An der Requisite wurde jedenfalls gespart – die WG möchte ich mal erleben, die heute noch so haust. Aber das Schöne ist: Buchkremer setzt uns das nicht einfach so vor, nein, er liefert im Film noch eine Erklärung, die ganz einfach, logisch und einleuchtend ist. Soviel Fürsorge freut :-D .

Außerdem gelingt es dem Regisseur, die eigentliche Geschichte tatsächlich vor allem im Kopf des Zuschauers geschehen zu lassen – sowohl insgesamt als auch zwischen den Szenen. Wiederum – eine gewisse Notwendigkeit für einen Kurzfilm, aber das muss man erstmal können. Buchkremer kann.

Und dann gibt es da noch einen Punkt – das Ende. Die Geschichte endet mit einer (sehr drastischen) Auflösung. Die Frage, was da eigentlich los war, wird beantwortet. Diese Antwort ist ein Fremdkörper im Film, ganz wörtlich. Die Beleuchtung ist anders, das Tempo ist anders, selbst die Figuren sind nicht mehr die drei Protagonisten aus der WG. Ich gehe mal davon aus, dass das so gewollt ist – Gregor Buchkremer hat mich von seinem Können zu sehr überzeugt, als dass ich das für einen Zufall halten würde.

Denn die Frage ist: Sollte es dieses Ende, diese Erklärung überhaupt geben? Mir hätte der Film besser ohne gefallen. Ich hätte mir lieber meine eigenen Gedanken gemacht. Die meisten Zuschauer schienen der selben Ansicht zu sein, und Buchkremer wurde nach dem Film auch danach gefragt – und seine Antwort war entwaffnend sympathisch: Seine Professoren hätten ihn das selbe gefragt, er habe aber dieses Ende gewollt. Denn er als Zuschauer möchte in solchen Filmen eine Auflösung haben, sonst fühle er sich zu wenig unterhalten.

Dass es das noch gibt. Ein Regisseur und Autor, der sein Publikum unterhalten möchte. Der nicht mit Kunst, Relevanz oder Botschaft argumentiert, sondern mit Unterhaltung. Dass ich das etwas anders sehe, und mich von einem offenen Schluß besser unterhalten fühlen würde, geschenkt. Ich bin nur irgendein Typ im Kino, Geschmäcker sind verschieden. Aber der Anspruch, sein Publikum unterhalten zu wollen – wie schön. Danke :-)


Die Diskussion nach dem Film war kurz, die vorherige Klage über Budgetprobleme (nur 55.000 man stelle es sich vor… 8-o ) hatte viel Zeit gekostet. Der Schluss war ein wichtiges Thema, Buchkremer und Knubel brachten aber noch die Information unter, dass sie mit einem Budget von 19.000 Euro gedreht hatten. Tja…

Nun kostet so ein Kammerspiel selbstverständlich weniger als ein Film, der mit vielen Settings und Außenaufnahmen arbeitet. Dennoch – Kaltmiete war der bessere Film.

Als Fazit bleibt eigentlich nur Positives. Vor allem weiß ich jetzt, dass es da draußen jemand gibt, der Regie UND Drehbuch kann und dazu noch in diesem Genre arbeitet und unterhalten will. Toll. Dazu kommt ein Regisseur, der es schafft, aus einer faden Story und einem gefühlten Nullbudget doch noch einen zumindest sehenswerten Film zu machen. Ein sehr gelungener Abend!

P.S.: Und wer immer für Kaltmiete gecastet hat: DANKE für Henny Reents, die Darstellerin der Kati. Ich… ähm… bin ein Mann. Und Henny Reents ist eine gute Schauspielerin, gewiss auch intelligent und vermutlich voller menschlicher Stärken. Daneben sieht sie aber auch umwerfend in Unterwäsche aus. Noch mal: Danke :-D
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon Silentium » 13.08.2007, 17:41

Nur 55.000 für einen Studentenfilm? Meine Fresse. Warum beschweren die sich nicht bei Amnesty? Diese armen, armen Schweine. Mein Herz blutet. Ich stell mir grad vor, wie einer von unseren Regiestudenten zum Institutsvorstand kommt und sagt: "Ich bräuchte da einen Helikopter für Luftaufnahmen."
Vielleicht käme er sogar lebend aus dem Büro wieder raus. Glaub ich aber nicht.

Bester razor, wisse eines: deine Filmkritiken bereiten mir unsäglichste Freude, ich lese sie mit höchstem genuss und hab den Verdacht, dass ich mich gar nicht besser unterhalten könnt, wenn ich die Filme anschauen tät. Hat doch was.
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 13.08.2007, 20:29

Ja, freut mich, wenn's gefällt. Darum schreibe ich es - und hin und wieder auch, um die Emotionen nach dem Film loszuwerden. :-D

Und selbstverständlich betreibe ich offen unbezahlte Werbung. Wenn ich Dich nächstes Jahr nach Köln locken kann und ein paar von Euch anderen vielleicht noch in diesem Jahr nach Bochum, Hamburg oder Berlin - wäre schön. Dann wäre das hier auch nicht immer so eine relativ einsame Veranstaltung, und wir könnten die Filme ein wenig diskutieren ;-) .

An Dich, beste Silly, musste ich die ganze Zeit denken, als der Kerl da herumjammerte. Ich versuchte mir vorzustellen, dass Dir jemand 55.000 Euro für Deinen Abschlussfilm gibt, und Du ihn ob der Zumutung empört rausschmeißt. Passte irgendwie nicht...
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon Silentium » 14.08.2007, 00:33

55.000... ich hab grad mit einem Regiestudenten aus meinem Jahrgang telefoniert und ihm das erzählt. Wir waren uns einig, dass die Welt hart und ungerecht ist. Ehrlich jetzt. Wir gehen betteln, ob wir nicht bitte-bitte-bitte noch ein paar Meter Material haben dürfen und die wollen einen besseren Piloten.
Aber das ist halt Ludwigsburg, die sind legendär für sowas.

Allerdings - und das verschafft mir enorme befriedigung - ihre Drehbuchausbildung scheint grottig zu sein. Die Filme von dort sind angeblich immer, so geht die Sage um, wunderschön gemacht und mit absolut miserabler Story. Was ziemlich gegen die dortige Drehbuchklasse sprechen dürfte, so sie da überhaupt eine haben. Dass der Film dran so leidet, zeigt natürlich wieder mal, dass die Geschichte halt alles ist und Drehbuchautoren die unterschätzteste aller Berufsgruppen sind. :-D

Aber 55.000 ... und dann jammern ... ich geh ein.
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 14.08.2007, 01:57

Ja, und das völlig unmotiviert. NIEMAND hat gesagt: "Der Film sah aber billig aus." Oder "Also, mir haben da die Luftaufnahmen gefehlt. Hattet Ihr keinen Piloten, oder was?"

Nein - eigentlich kam nur Lob. Ich hätte Kritik gehabt, aber bevor ich mit Drehbuchkritik loslege, lese ich mir immer gerne zu Hause meine Notizen durch und lasse mir das Ganze nochmal durch den Kopf gehen - ich will nicht voreilig sein. Und die beiden Typen neben mir waren auch nicht so begeistert, aber von der zeitraubenden Lamentiererei offenbar so genervt, dass sie nicht noch mehr Zeit mit einer Diskussion um Kritikpunkte verschwenden wollten. Außerdem - wie soll man jemanden kritisieren, der sich schon bei Lob entschuldigt und alles auf das fehlende Geld schiebt? Vielleicht hätte ich mal fragen sollen, was denn eine gute Drehbuchidee seiner Meinung nach so kostet. Na - sei's drum.

Buchkremer war übrigens anders. Er federte den Gang hinunter, zog seinen widerstrebenden Produktionsleiter aus einer der vorderen Reihen und erklärte recht aufgeräumt, für ein paar intelligente Fragen habe er jetzt noch Zeit. Der hat sich für gar nichts entschuldigt, sondern ganz offen seine Position erklärt - zum Beispiel das Ende betreffend. Sicher nicht die Haltung eines demütigen Jungfilmers. Aber dafür die Haltung eines Mannes, der hinter dem steht, was er da gemacht hat.

Baden-Würtemberg ist bekannt für sowas? Hm... vielleicht bringen die gute Naturfilmer hervor. Kommt jemand von Rang daher?

Heute gab's "The Lookout", einen guten, harten, unaufgeregten, bodenständigen Thriller. Erzähle ich dann später mehr von.

Gute Nacht!
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 29.08.2007, 11:57

Und weiter geht's. Keine Sorge, ich habe das hier nicht vergessen, ich hatte nur in letzter Zeit sehr viel Arbeit. Arbeit, für die ich sogar Geld bekomme. Hier weiss ich ja nicht mal, ob ich überhaupt Leser habe (außer der treuen Silly). Heul und Jammer, Schnüff und Grein.
Aber bevor ich mich den Fünf (!) Filmen des letzten Tages widme (vier davon gut - von toll bis nicht schlecht - und einer eine bittere Enttäuschung) hier noch:
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon Edekire » 29.08.2007, 12:32

ich lese das immer ganz eifrig. ich gucke die filme zwar nicht aber ich lese deine rezensionen so gerne und dann ärgere ich mich das ich die filme nicht sehen kann. aber wer weiß, vll ergibt sich ja eine gelegenheit mal
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 29.08.2007, 12:48

I WAKE UP...

The Lookout
USA 2007
Drehbuch und Regie: Scott Frank

Bevor ich irgend etwas über den Film sage, nochmal ein Wort zum Programmheft. Ich hatte mir ja vorgenommen, darüber nicht mehr zu schimpfen. FFF-Programmhefte ähneln Erdbeben: Sie sind eine Katastrophe, in gewissem Rahmen vorhersagbar, aber letztlich kann man nichts dagegen tun. Wer in San Francisco leben will, muss mit Erdbeben leben. Wer das FFF erleben will, muss mit dem Programmheft leben. Aber die Beschreibung dieses Films toppt jeden Schwachsinn, den ich in diesen Programmen bis dato gelesen habe. Ich zitiere mal:

Wie lebt es sich nach dem Tod? THE LOOKOUT stellt diese Frage nicht als Zombiefilm, nicht als Schocker, sondern in Form eines kühl arrangierten, leidenschaftlich umgesetzten Thrillers, der seine Energie aus wahrhaftigem Schrecken bezieht, auch wenn er eigentlich nur die Geschichte eines denkbar dämlichen Banküberfalls erzählt.
Der Mann, der uns da mit leblos-matten Augen entgegen blickt und durch den Film führt, ist Chris (überragend: Joseph Gordon-Levitt, BRICK).


Gut - man KANN Chris Leben als eine Art Leben nach dem Tod deuten. Aber das ist tiefere Interpretation - und nicht Sache eine Programmheftes. Denn um es mal vorweg zu nehmen: Chris ist nicht tot, nur gebrochen, er guckt auch nicht leblos, sondern traurig (verständlich, aber dazu später) und der "Banküberfall" (der kein Überfall, sondern ein Raub durch nächtlichen Einbruch ist) ist auch nicht dämlich, sondern eigentlich gut geplant - wenn auch sehr kalt und bösartig. Dass die Räuber dabei einen entscheidenden Fehler machen, indem sie jemanden unterschätzen, ist sogar verständlich.

Diese ständige Sucht dieser Programmtexter, an jeder Ecke eine Blutlache, einen Zombie, Ghoul oder Geist verstecken zu wollen nervt - und tut den Filmen Unrecht. Sicher ist es so, dass aus dem FFF immer mehr ein Thrillerfestival mit Horror und Fantasyelementen wird (und abgedrehten Liebesgeschichten, siehe oben). Und das mag manchem (mir zum Beispiel) nicht gefallen. Aber die Thriller sollen doch auch bitte Thriller bleiben dürfen, gerade wenn sie so gut sind wie in diesem Jahr. Ich brauche keine Andeutung von Untoten, um mir eine Karte zu kaufen. Es geht auch so.

Und "The Lookout" ist ein sehr guter Thriller. Scott Frank ist von Haus aus Drehbuchautor, dieser Film hier ist sein Regiedebut. So etwas ist mit Vorsicht zu genießen - genau wie ich der umgekehrte Fall, aber dazu habe ich schon sehr viel gesagt. Aber wenn es funktioniert - dann kommt oft etwas sehr Sehenswertes dabei heraus.

Ich musste bei "The Lookout" oft an "Fargo" denken, einen meiner absoluten Lieblingsfilme. Nicht nur, weil einige wichtige Szenen im Schnee spielen, sondern vor allem wegen der sehr ruhigen Erzählweise. Wie in "Fargo" ist diese Ruhe auch hier gnadenlos. Sie lullt nicht ein, sondern steuert gnadenlos und unausweichlich auf die Katastrophe zu. Bei angemessener, melancholischer Musik und ohne viel Gezappel und Aktionismus gleiten die Figuren unaufhaltsam ihre Bahn nach unten hinab. Auch in diesem Film wächst - wie in Fargo - jemand über sich hinaus und wird zum Helden. Aber wie bei Marge in Fargo liegt dem hier eine zwangsläufig notwendige Entwicklung zu Grunde, die nichts übermäßig heldisches hat, sondern einfach nur das Beste hervorbringt, dass diese Figur leisten kann.

Genug von "Fargo" - dieser Film hier spielt sicher eine Liga niedriger, dort aber an der Spitze. Worum geht's?

Chris, ein ehemaliger Eishockeyprofi (viel Eishockey dieses Jahr - vielleicht ist dies das Geheimnis hinter der Qualität?), hat vor einigen Jahren einen Verkehrsunfall verschuldet, bei dem einige Leute zu Tode gekommen sind. Seither ist er gebrochen, durch seine Schuldgefühle ebenso wie durch einen psychischen Defekt. Und übrigens, liebe Programmtexter: Das ist NICHT der Defekt aus "Memento". Wer Memento gesehen hat (Mehrmals, weil der Film so gut ist!!!) weiß, dass der Protagonist in Memento kein Kurzzeutgedächtnis hat. Chris hat ein Kurzzeitgedächtnis, sein Problem ist, dass er sich und sein Leben nicht organisieren kann, dass er in der Realität haltlos ist. Klar, er vergisst sehr viel, aber eben weil er nicht in der Lage ist, die Dinge richtig ein- und zuzuordnen. Deshalb macht er sich LISTEN und KEINE GESCHICHTEN! Er tut sogar ausdrücklich das Gegenteil von dem, was Leonard in Memento tut: Leonard versucht, seine Geschichte chronologisch auf die Reihe zu bekommen, während der Film rückwärts erzählt wird. Chris versucht, seine Pläne rückwärts zu entwickeln, während die Geschichte chronologisch erzählt wird. Verstanden? Ja? Schön...

Wo war ich... Ach ja: Chris bekommt also sein Leben nicht auf die Reihe, was so weit geht, dass sein blinder Mitbewohner Dinge für ihn finden muss. Der ehemals gefeierte Profisportler ist nun Putzmann in einer Bank. Und aus diesem Grunde beginnen einige Gangster, sich für ihn zu interessieren...

Ich will nicht mehr erzählen, denn da der Film so langsam erzählt wird, beginnt die Rutschbahn nach unten entsprechend früh. Es ist unglaublich traurig zu beobachten, wie der arme Chris hinters Licht geführt wird. Eben weil die Verbrecher ihn so offensichtlich austricksen und weil man sich gleichzeitig ausrechnen kann, dass man in Chris Lage genauso darauf hereinfiele, nur aus dem Wunsch heraus, endlich mal wieder gemocht, gebraucht und geliebt zu werden.

Die Geschichte ist sehr schön und gekonnt erzählt, wird dabei in tragischen Momenten nicht albern, in romantischen nicht pathetisch und in glücklichen nicht triumphierend. Ein guter, spannender, ruhiger Film mit sehr gut herausgearbeiteten Figuren und Schauspielern, die damit umgehen können.
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon razorback » 29.08.2007, 13:01

Hallo Fräulein Ede!

Ja... da wo Du jetzt wohnst bist Du recht weit vom nächsten FFF-Ort weg, glaube ich. Das war früher aber anders ;-) .

Die meisten dieser Filme kommen irgendwann auf DVD, manche auch im Fernsehen. "The Lookout" taucht sicherlich irgendwann mal im Spätprogramm von ARD oder ZDF auf. Ich bespreche später noch zwei französische Filme, einer davon, "UV" kommt sicherlich irgendwann auf "Arte" :-D .

Mandy Lane würde ich eher auf Pro7 vermuten, aber als Slasher ist er wahrscheinlich zu gut und intelligent für Blockbusterformat. Der Film wird es sehr schwer haben - er schießt an allen großen Zielgruppen vorbei.
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Re: 21. Fantasy Filmfest

Beitragvon Silentium » 29.08.2007, 15:12

FFF-Programmhefte ähneln Erdbeben: Sie sind eine Katastrophe, in gewissem Rahmen vorhersagbar, aber letztlich kann man nichts dagegen tun.


:rofl:
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