(...) "dann wird das hier eine Podiumsdiskussion"

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
Hamburger
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(...) "dann wird das hier eine Podiumsdiskussion"

Beitragvon Hamburger » 09.12.2008, 05:55

Vor einer Woche ist er 73 geworden, aber seine Produktivität scheint nicht abzunehmen. Woody Allen spielt Jazz, schreibt Bücher und Theaterstücke, heimst Auszeichnungen ein – und macht Filme. Seit 1982 jedes Jahr mindestens einen. Bei einer solchen Produktivität ist natürlich nicht jedes Werk ein Kinoereignis, wobei der gute Woody diese Einschränkung eigentlich nicht nötig hat. Schließlich hat er der Filmgeschichte viele glänzende Werke geschenkt (z.B. „Der Stadtneurotiker“, „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“, „Mach’s noch einmal, Sam“, Match Point“) und außerdem ist selbst ein durchschnittlicher Allen immer noch besser als vieles, was seinen Weg auf die Leinwand findet. Und zum Dritten ist ihm sein neuer Film gelungen. Nicht Weltklasse, durchaus mit Schwächen, aber guten Gewissens zu empfehlen. „Vicky Christina Barcelona“ heißt er. Klingt nicht gerade konventionell, löst sich aber so auf, denn es geht um Vicky (Rebecca Hall), um ihre Freundin Christina (Scarlett Johansson) und um Barcelona. Vordergründig und erstmal.

Zunächst scheint eine sehr simple Geschichte erzählt zu werden. Vicky ist eine biedere, junge Frau mit festen Ordnungsvorstellungen vom Leben. Sie schreibt ihre Magisterarbeit über „die katalanische Lebensart“ und will bald ihren grundsoliden Verlobten Doug heiraten. Doch vorher geht es noch für zwei Monate nach Barcelona mit ihrer Freundin Christina, einer sehr spontanen und ruhelosen, unsicheren jungen Frau, die, angeödet von ihrem letzten Filmprojekt, etwas Abstand gewinnen will. Aufgenommen werden die beiden von Bekannten von Vickys Eltern, einem älteren Ehepaar namens Judy und Mark. Bald lernen sie auf einer Ausstellung den Maler Juan Antonio (Javier Bardem) kennen, welcher in einer traumhaft gut gespielten Szene den beiden Damen am Abend beim ersten richtigen Dialog sehr galant eröffnet, er wolle mit Ihnen übers Wochenende nach Oviedo fliegen, ihnen die Stadt zeigen – und mit ihnen ins Bett gehen. Vicky hält davon gar nichts, Christina ist sofort interessiert. Es kommt zur Reise nach Oviedo und das Dreiecksspiel kann scheinbar beginnen…

...und eigentlich ist ja nun klar, worauf es hinausläuft. Vicky beobachtet zunehmend skeptisch das Treiben und bewahrt sich keusch für ihren Verlobten auf, während Antonio und Christina immer enger miteinander werden. Anfangs sieht es auch so aus, doch Allen durchbricht in seiner Inszenierung mit leichter Hand diesen erwartbaren Ablauf. Zielsicher lässt er auch die unerwarteten und teilweise auf den ersten Blick unglaubwürdigen Wendungen, die er bietet, wie selbstverständlich aussehen und führt mit Maria Elena (Penelope Cruz), der Ex-Frau von Antonio, eine weitere starke Figur ein. Dabei gewinnt er dem Thema Liebe durchaus Interessantes ab und es gelingt ihm zudem, die vier Hauptcharaktere, allesamt mit glänzenden Leistungen, gut zu entwickeln, sowie die Kulisse angemessen in Szene zu setzen. Ein weiteres großes Plus: Allen hält sich mit Wertungen zurück, zeigt Stärken und Schwächen seiner Hauptfiguren, ohne Partei zu ergreifen.

Doch leider gibt’s auch zwei Minuspunkte zu verzeichnen. Geringer ins Gewicht fallen dabei die blassen Nebenfiguren. Während die Charakterisierung von Doug noch okay geht, bleibt das Bild von Judy und Mark sehr oberflächlich. Das ist allerdings zu verschmerzen, da der Film mit seinen vier Hauptdarstellern eigentlich eh mehr als genug zu tun hat.

Wirklich ärgerlich und absolut unnötig ist allerdings der Off-Erzähler, welcher gerade im ersten Drittel des Films einiges an Raum eingeräumt bekommt. Allen bricht mit der alten „Show, don’t tell“-Regel, aber erzielt dadurch keinen Mehrwert. Sätze wie „Antonio lief hinaus in die Nacht“ oder „Das ist Vicky. Sie schreibt gerade ihre Magisterarbeit.“ braucht kein Mensch und die deutsche Synchronstimme wirkt zudem unangenehm besserwisserisch. Da der Mann nichts zu erzählen hat, was nicht auch ohne ihn hätte klar werden können, wäre hier weniger, nämlich ein Verzicht auf diesen Nervbolzen, deutlich mehr gewesen. Das hätte auch den angenehmen Effekt gehabt, die Figuren mit weniger Distanz betrachten zu können.

Trotzdem ist Woody Allen insgesamt ein guter Film gelungen, dessen inhaltliche Aussagen zum Thema Liebe im besten Sinne diskussionswürdig sind. Was ja gerne zum Beispiel hier stattfinden kann. ;-)

7/10

LG,

Hamburger
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[) i r k
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Re: (...) "dann wird das hier eine Podiumsdiskussion"

Beitragvon [) i r k » 11.12.2008, 01:35

Ich hab den auch am letzten Wochenende gesehen, aber ich fand "Vicky Christian Barcelona" eher mittelmäßig. Irgendwie hat mich der auktoriale Erzähler aus dem Off auch sehr gestört. Ich empfand den Film als sehr konstruiert und aufgesetzt analytisch. Die Figurenkonstellation wird m.E. nicht richtig dramaturgisch verwertet - es findet keine spannungserzeugende, nicht vorhersehbare Verwicklung / Verwebung / Entwicklung / Steigerung statt, sondern die Figuren stehen sich wie These und Antithese etwas starr gegenüber. Erinnert irgendwie an Melinda & Melinda. Und Scarlett Jo. war für mich auf der Leinwand auch nicht so überzeugend.

Ich geb ihm 5/10.

Ich hege die Theorie, dass bei Woody Allen auf drei Filme zwei kommen, die eher durchschnittlich sind, aber auch einer, der dann wieder weltklasse ist. Und für dieses eine Drittel vergöttere ich den Herrn.

Hier meine persönliche Woody-Allen-All-Time-Favorite-Collection - wo fett hervorgehoben ist, was meines Erachtens in die Kategorie "weltklasse" fällt:

1962: The Laughmaker (B)
1965: Was gibt’s Neues, Pussy? (B, D)
1966: What’s up, Tiger Lily? (R)
1967: Casino Royale (B, D)
1969: Woody, der Unglücksrabe (Take the Money and Run) (B, D, R)
1971: Bananas (B, D, R)
1971: Mach's noch einmal, Sam (Play it Again, Sam) (B, D)
1972: Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten (B, D, R)
1973: Der Schläfer (Sleeper) (B, D, R, Musik)
1975: Die letzte Nacht des Boris Gruschenko (Love and death) (B, D, R)
1976: Der Strohmann (The Front) (D) – Regie: Martin Ritt
1977: Der Stadtneurotiker (Annie Hall) (B, D, R)
1978: Innenleben (Interiors) (B, R)
1979: Manhattan (B, D, R)
1980: Stardust Memories (B, D, R)
1982: Eine Sommernachts-Sexkomödie (A Midsummer Night’s Sex-Comedy) (B, D, R)
1983: Zelig (B, D, R)
1984: Broadway Danny Rose (B, D, R)
1985: The Purple Rose of Cairo (B, R)
1986: Hannah und ihre Schwestern (Hannah and Her Sisters) (B, D, R)
1987: Radio Days (B, R)
1987: September (B, R)
1987: King Lear (D)
1988: Eine andere Frau (Another Woman) (B, R)
1989: New Yorker Geschichten, dritter Teil Ödipus Ratlos (New York Stories: Oedipus Wrecks) (B, D, R)
1990: Verbrechen und andere Kleinigkeiten (Crimes and Misdemeanors) (B, D, R)
1990: Alice (B, R)
1991: Schatten und Nebel (Shadows and Fog) (B, D, R)
1991: Ein ganz normaler Hochzeitstag (Scenes From a Mall) (D) – Regie: Paul Mazursky
1992: Ehemänner und Ehefrauen (Husbands and Wives) (B, D, R)
1993: Manhattan Murder Mystery (B, D, R)
1994: Bullets Over Broadway (B, R)
1994: Don’t Drink the Water (TV-Produktion) (B, D, R)
1995: Geliebte Aphrodite (Mighty Aphrodite) (B, D, R)
1995: Sonny Boys (The sunshine boys) (D) – Regie: John Erman
1996: Alle sagen: I love you (Everyone Says I Love You) (B, D, R)
1997: Harry außer sich (Deconstructing Harry) (B, D, R)
1997: Wild Man Blues (D)
1998: Celebrity (B, R)
1998: The Impostors (D)
1999: Sweet and Lowdown (B, D, R)
2000: Schmalspurganoven (Small Time Crooks) (B, D, R)
2000: Ich hab doch nur meine Frau zerlegt (Picking Up the Pieces) (D)
2000: Cuba Libre - Dümmer als die CIA erlaubt! (Company Man) (D)
2001: Im Bann des Jade Skorpions (The Curse of The Jade Scorpion) (B, D, R)
2002: Hollywood Ending (B, D, R)
2003: Anything Else (B, D, R)
2004: Melinda und Melinda (B, R)
2005: Match Point (B, R)
2006: Scoop – Der Knüller (Scoop) (B, D, R)
2007: Cassandras Traum (Cassandra’s Dream) (B, R)
2008: Vicky Cristina Barcelona (B, R)

Legende:
B – Drehbuch
D – Darsteller
R – Regie

MfG,
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Re: (...) "dann wird das hier eine Podiumsdiskussion"

Beitragvon Hamburger » 13.12.2008, 23:17

Hi Dirk,

erstmal: wer ist "Christian"? Hat da mal wieder sofort einer versucht, unseren Woody zu kopieren?

Zum Film selbst: Den Kritikpunkt „sehr konstruiert und aufgesetzt analytisch“ teile ich bedingt. Ich kann mich an eine Szene erinnern, als Vicky sprach und mir ein „So redet doch keiner“ entfuhr. Ein Kritiker bei Filmszene.de (http://www.filmszene.de), S. Staake, schrieb dazu in seinem Verriss: „(…) es ist alles stumpfe Exposition, alles ein ödes Aufzählen von Standpunkten. Dadurch wirkt nicht eine der Figuren auch nur ansatzweise menschlich oder gar glaubwürdig. (…)“ Dieses Problem verschwand bei mir allerdings im Verlaufe des Filmes – Ausnahme war da natürlich der dämliche Erzähler, der einen immer wieder raus reißt. Ferner fand ich die meisten Entwicklungen nicht vorhersehbar.

+++Spoiler+++Spoiler+++Spoiler+++

Weder, dass Vicky mit Antonio ins Bett steigt, habe ich geahnt, noch dass Christina diese Dreier-Kombi mitmacht, bei der Frau Cruz eine so prima Figur abgibt. Hier fand ich übrigens, dass es durchaus gute Verwebungen und Verdichtungen zu bestaunen gab (Stichwort „Du bist die fehlende Tönung“ oder die Erklärung von Maria Elena, warum Christina eine so gute Fotografin sei (Sachen durchsucht).

+++Spoiler Ende+++Spoiler Ende+++

Von der Starrheit des „Laborexperiments“ "Melinda und Melinda" fand ich das doch noch ein gutes Stück entfernt, wozu auch die prima Kulissen und die passend eingesetzte Musik beitrugen. Vielleicht ist es auch eine Frage der Meßlatte. Ich bin, ich weiß gar nicht wieso, an diesem Abend nicht mit der hohen Erwartungshaltung rein, mit der ich sonst in einen Allen-Film gehe – und habe mich zwei Stunden lang gut unterhalten gefühlt und ein wenig was über Liebe gelernt. Fand ich als Ausbeute, rationalchoicetechnisch gesprochen, ganz brauchbar.

Frau Johansson fand ich allerdings auch nicht so überzeugend, aber das lag auch an ihrem Charakter. Am Afang fand ich sie sehr interessant, später aber kam sie mir allzu oft als naives Dummchen rüber.

Was deine Theorie angeht, so ist mir die Einteilung zu strikt. Es gibt auch sehr gute Filme von Allen, die weit vom Durchschnitt entfernt sind, wo man sich aber über das Prädikat „weltklasse“ streiten kann. „Der Schläfer“ (freunde ich mich immer mehr mit an) gehört dazu, auf jeden Fall „Mach`s noch einmal, Sam“, auch „Innenleben“ und „Schmalspurganoven“.

Deine „Best-Of“ teile ich, soweit gesehen (also außer „The Purple Rose of Cairo“, „Harry außer sich“ – oder habe ich den mal bei dir gesehen? - und „Eine andere Frau“) samt und sonders, wobei mir „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“, „Der Stadtneurotiker“, „Match Point“ und mittlerweile ganz besonders „Anything Else“ besonders ans Herz gewachsen sind.

Aber vielleicht ist diese ganze Aufzählerei kein gar so gutes Zeichen. Woody Allen ist ja immer noch aktiv und es ist noch nicht die Zeit dafür, Bilanz zu ziehen. Hoffe ich. Verbunden mit meiner Hoffnung auf einen echten Knüller im Jahr 2009.

Neurotische Grüße,
Hamburger
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Re: (...) "dann wird das hier eine Podiumsdiskussion"

Beitragvon [) i r k » 14.12.2008, 20:00

Aber vielleicht ist diese ganze Aufzählerei kein gar so gutes Zeichen. Woody Allen ist ja immer noch aktiv und es ist noch nicht die Zeit dafür, Bilanz zu ziehen. Hoffe ich.

Stimmt. War jetzt aber auch gar nicht als End-Bilanz gemeint.
Verbunden mit meiner Hoffnung auf einen echten Knüller im Jahr 2009.

Oh ja. Das hoffe ich auch. :-)
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Re: (...) "dann wird das hier eine Podiumsdiskussion"

Beitragvon [) i r k » 14.12.2008, 20:03

erstmal: wer ist "Christian"?

Hihi. Vielleicht habe ich ja einen ganz anderen Film gesehen? :-D
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