Ewiger Sonnenschein

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
charis
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Ewiger Sonnenschein

Beitragvon charis » 12.06.2004, 01:07

Eternal Sunshine of the Spotless Mind
An einem jener grauen Februarmorgen, die weder Sonnen- noch sonstiges Licht für die Einsamen dieses Planeten bereitstellen (vor allem, wenn der Valentinstag unmittelbar bevorsteht), trifft der von Neurosen geschüttelte, jeglichem Herzensglück abholde Joel (Carrey) in der Bahn auf die manisch-hyperaktive, knallbunthaarige Clementine (Kate Winslet). Wie es scheint, ist dies eine zufälliges Begegnung - und doch breitet sich eine seltsame Magie (und zugleich Widerspenstigkeit) zwischen den beiden Sonderlingen aus, die sie den Abend miteinander verbringen läßt. Was beide nicht (mehr) wissen: Im Anschluß an ihre gemeinsam durchlebte Beziehungskatastrophe hat sich zuerst Clementine und danach - aus lauter Gram darüber - auch Joel einer professionellen Gehirnwäsche, die die unliebsame Vergangenheit auszuradieren vermag, bei einer ominösen Firma namens Lacuna, Inc. unterzogen. (Evolver)


Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist einer jener Filme, die mich nach dem Verlassen des Kinosaals erst mal eine Stunde sprachlos sein lassen, weil jeder Small Talk plötzlich so schal wirkt. Wehe, jemand spricht mich an um zu fragen wie mir der Film gefallen hat...
Viel schöner war es, dann eine lange Zeit am dunklen Ufer der Donau zu sitzen, ein-zwei-drei Zigaretten zu rauchen ... aufs Wasser zu starren... bis alles wieder -langsam - anlief in mir...

Der Plot ist zunächst verwirrend, wie das die Drehbücher des grandiosen Charlie Kaufmann eben so an sich haben. ABER: wie auch in z.B. Being John Malkovich fügt sich das zunächst absurde in ein für zwei Stunden gültiges Logiksystem. Plötzlich ist alles so schön nachvollziehbar und das anfängliche Taumeln zwischen den (Erzähl-)Ebenen wird obsolet.

Der für die Regie verantwortlich zeichnende Michel Gondry - neben Spike Jonze und Chris Cunningham einer der profiliertesten Musikvideoregisseure - vermeidet dabei somit trotzdem
jede Überwältigungsstrategie. Im Gegenteil: Wie schon in seinen Videos für Björk, die Foo Fighters oder The White Stripes wirken die Effekte auch deshalb so poetisch, weil sie wie handgemacht, im Vergleich zu digitalem Protzwerk fast ein wenig schäbig erscheinen. (Der Standard)


Die ausgezeichnete schauspielerischen Leistungen tun das ihre dazu – Jim Carrey in der un-Jim-Carrey-haftesten aller Rollen die ich von ihm kenne - und wow, der Typ kann ja auch schüchtern und süß sein! Kate Winslet übernimmt dafür den Part des Clowns und Grimassenschneiders, lässt dahinter aber auch die verletzbare unsichere Frau durchscheinen - zum Beispiel in dieser berührenden Szene unter der Bettdecke der beiden Protagonisten, als Clem Joel fragt, ob sie hübsch sei...
Super Nebenrollenbesetzung (Tom Wilkinson – z.B. bekannt aus „The Full Monty“, Eliah Wood – als Milchbubi, der die Gunst der Stunde nützt... Kirsten Dunst, die schöne Kirsten, mal nicht hoch ästhetisiert wie in „Virgin Suicides“, sondern ... ach naja – schaut’s euch selber an...)

Was mich aber besonders berührt hat, ist das Thema. Erinnern oder Nicht-Erinnern? Das ist hier die Frage. Und Fragen wie z.B. „Gibt es eine zweite Chance? Könnten Mann und Frau noch mal von vorn anfangen, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte...? Sind manche von uns füreinander bestimmt, wider jede Wirrnis des Schicksals? Ist die Liebe Kopf- oder vielmehr Bauch- und Herzensangelegenheit? Gibt es dieses “crazy little thing called love” überhaupt??

Diesen avancierten Gedankenspielen nähert sich das Gespann Gondry-Kaufman in unnachahmlich vertrackter Manier mittels Zeitschleifen sowie wilden Orts- und Gedankensprüngen gewohnt nonlinear und elliptisch. Dabei ist es schon hochgradig faszinierend, mit welch teils klassischen Stilmitteln (was für ein fabelhaftes Set-Design!) das Team um Gondry und Kamerafrau Ellen Kuras fernab öden CGI-Zaubers die wunderlichsten und wunderbarsten (Gedanken-)Welten kreiert, in denen sich ein unfaßbar guter Jim Carrey (der eben zum ersten Mal nicht sich selbst spielt, sondern hundertprozentig in der Rolle aufgeht) auf die Suche nach der Liebe, ihrem Verschwinden und dem Wiederfinden macht. Um schließlich zur Erkenntnis zu gelangen, daß manche Dinge im Leben eben unvergeßlich sind. Genauso wie dieses Meisterwerk. (Evolver)


Joel und Clementine verkörpern nicht das perfekte Paar, sondern eins, das sich nach steigender Frustration getrennt hat, im Affekt irgendwie einerseits (die bösen Folgen -> Gedächtniswäscherei... ) – andererseits aber reflektieren sie völlig klar darüber, dass eigentlich nur mehr Langeweile in ihrer Beziehung war. Als die beiden am Ende des Films am Beginn ihrer zweiten Chance stehen, habe ich diese nicht unbedingt als romantisierte Chance, als die große Liebe wahrgenommen. Und die beiden wohl auch nicht, denn Joel meint irgendwo ein bisschen resignativ auf die – nicht allzu rosigen Aussichten – so was auf die Art wie „So what?“
Es ist wohl zu vermuten, dass die beiden irgendwann wieder an dem Punkt landen werden, an dem sie ihre Erinnerungen am liebsten zum Teufel wünschen würden... und -
So What?
Wenn es davor so was wie Miteinander-auf-einem-zugefrorenen-Fluß-Liegen-und-in-die-Sterne-Schauen gibt...?!

Eternal Sunshine of the Spotless Mind macht Lust, den Alltag so zu nehmen, wie er ist: unspektakulär, langweilig und auch oft frustrierend. WEIL es eben auch die anderen Momente gibt, gegeben hat und immer wieder mal geben wird: die unvergleichlichen, die zum Atem-Anhalten und Purzelbaum-Schlagen.
Und der Film ist ein Plädoyer dafür, die Erinnerungen - und dazu zählen auch die Herz-aus-dem-Leib-reißen-wollen-Momente! - hoch zu halten, weil wir letztlich nichts sind ohne sie. Und weil sie alles uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Ein wir blieben als Krüppel zurück ohne sie.

Wer Angst hat, in ein kitschiges Feelgood-Movie zu taumeln, dem sei Entwarnung gegeben. Das haben die Mitwirkenden nicht notwendig.

Das einzige, was wirklich Weh tut an diesem cineastischen Höhepunkt 2004 ist: der deutsche Titel (Vergiß mein nicht). Der englische Originaltitel, der sich aus einem Gedicht Alexander Popes herleitet ("The world forgetting, by the world forgot: Eternal sunshine of the spotless mind! Each prayer accepted and each wish resigned") wurde da echt vergewaltigt!

Großes Kino, das unter die Haut geht, in den Gehirnwindungen Hochschaubahn fährt und dich heftig durchgewirbelt aus dem Dunklen entlässt! Nicht zuletzt wegen der schönen Abspann-Nummer von Beck.

"Eternal Sunshine" ist ein absoluter, weil sehr rarer Glücksfall von Film, wie man ihn nur alle paar Jahre findet, einer aus der Kategorie, die einen packt und für Tage und Wochen nicht mehr los-, sondern mit einem Gefühl der positiven Benommenheit und schieren emotionalen Überwältigung zurückläßt. (Evolver)


FAZIT: Anschauen! Nochmal Anschauen! Immer wieder Anschauen!!!

Silentium
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Re: Ewiger Sonnenschein

Beitragvon Silentium » 12.06.2004, 23:39

Okay, hab mir den Film auf deine Empfehlung hin angeschaut und muss dir Recht geben. Herrlich absurd. Und Jim Carrey in einer Rolle, für die man ihn nicht höchstpersönlich in die Hölle der schlechten Komiker hinabstoßen möchte. Beeindruckend.

Zwei Dinge möcht ich nur anmerken: Clementines wechselnde Haarfarben sind unerlässlich zur Orientierung in den Zeitebenen. Ohne die hätte ich mich am Anfang wahrscheinlich nicht ganz ausgekannt.
Außerdem- das hat mich gestört, muss ich zugeben- sind da diese verwaschenen, wackeligen Bilder beim Löschen. Ans sich ja schön, aber... Mir war flau, als ich den Kinosaal betrat, sterbensübel, als ich herauskam und jetzt brauch ich dringend einen Tee.
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon

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Re: Ewiger Sonnenschein

Beitragvon charis » 13.06.2004, 12:34

Okay, hab mir den Film auf deine Empfehlung hin angeschaut und muss dir Recht geben.


*freu*!!

Clementines wechselnde Haarfarben sind unerlässlich zur Orientierung in den Zeitebenen. Ohne die hätte ich mich am Anfang wahrscheinlich nicht ganz ausgekannt.


siehtst, das is mir gar nicht aufgefallen. wenn, dann hab ich das nur unbewusst registriert...

diese verwaschenen, wackeligen Bilder beim Löschen. Ans sich ja schön, aber... Mir war flau, als ich den Kinosaal betrat, sterbensübel, als ich herauskam und jetzt brauch ich dringend einen Tee.


oh je... ich hoff du hast dich inzwischen wieder erholt...
:comfort:

und konntest wenigstens wählen gehen??
;-)

*wärmeflasche für silentium-baucherl-telepathisch nach aschau-schick*

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Re: Ewiger Sonnenschein

Beitragvon Silentium » 13.06.2004, 16:48

So, vielleicht doch noch eine Anmerkung: besonders beeindruckend war schon, dass es kaum eine Nebenfigur gab (außer der Frau vom Doktor) die in der Luft hing. Allen kam im Lauf der Geschichte noch eine bedeutung zu, keine hätte man kürzen können. Irgendwie hat sich dann am schluss alles irgendwie perfekt eingefügt. Dichter ging' der plot kaum.
Und, schon, meine Lieblingsszene: mein Mama unterm Tisch, Clementine als Kindermädchen!
Boah!
Leute, hört auf Charis, schaut euch den Film aaaaaaan!

Was das wählen betrifft: ICH DARF JA NOCH NICHT! Das ist sooo gemein! Und meine Großeltern, die eh noch das wählen, was ihre Großeltern gewählt haben und nicht einmal wissen, wie die Abgeordneten heißen, die dürfen! Das ist sooo gemein!
Aber halt, einen Lichtblick hab ich: grad ist eine grüne Gemeinderätin reingeschneit, die Wahlbeobachterin war. In unserer Landgemeinde Aschach, urkonservativ und ausländerfeinldlich, gab's da immerhin 35 Stimmen für die Grünen und nur 20 für die FPÖ! Huhu! (Dafür hat der Martin 44 Stimmen? San die spinnert?!)
Wärmeflasche ist angekommen.
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Re: Ewiger Sonnenschein

Beitragvon charis » 13.06.2004, 19:53

Was das wählen betrifft: ICH DARF JA NOCH NICHT!


ach ja... :-&
*aus fettnäpfchen steig*

daran dacht ich ja gar nicht...
naja. das is weil du immer so schlau rüberkommst... ;-)

du hast recht mit der plot-dichte.
und was ich mag, sind diese wendungen, die (zumindest für mich) nicht vorhersehbar sind, wie das mit der geschicht zw. dr. m und der assistentin...

die kindermädchen-szene: die ist geil, und clementine schaut super-stylish aus, oder?

hab wo gelesen, dass der gondry ganz tolle effekte draufhat, und diese szene wurde z.b. nicht mit sündteuren special effects gedreht, soindern mit relativ simplen alten filmer-tricks, die aber heut (zumindest in den US) wohl kaum mehr einer kennt...

Matthias
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Re: Ewiger Sonnenschein

Beitragvon Matthias » 13.01.2005, 19:23

Hallo,

habe den Film gestern im Unikino gesehen, Original mit Untertiteln, bin immer noch begeistert. Wunderschöner trauriger (und lustiger und absurder) Film.

Was bislang nicht erwähnt wurde und einen falschen Eindruck des Films vermitteln könnte: Die meiste Zeit des Filmes geht es um einen dramatischen und aufregenden Rettungsversuch, von dem der Zuschauer schon von Anfang an weiß, dass er scheitern wird. Joel versucht verzweifelt, sein Bild von Clementine zu retten, er rennt mit ihr weg in seine Kindheit, in seine verdrängten peinlichen und traumatischen Erinnerungen, doch ist es nutzlos. Am besten gefiel mir die Szene, in der Joel zum zweiten Mal die Augen aufmacht und so unendlich traurig schaut ... Dass Carrey vor allem mit seinem Gesicht spielt, ist ja bekannt, aber dass er das auch gut kann, wenn es drauf ankommt ...

Fazit: Unglaublicher Film, schließe mich Vorrednerinnen an, unbedingt anschauen!
Ich brauche keine Signatur!
Was ich zu sagen habe, sage ich in meinen Beiträgen


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