Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

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Hamburger
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hamburger » 24.12.2005, 12:53

Aaaaaaaaaaalso, da ich beim letzten PC-Chat als Gast mitgemacht habe und die Gäste jedes Mal wechseln gibt mir das ja eine gewisse Vorschlagsfreiheit, wenn ihr versteht, was ich meine. Nun denn, Vorschlag 1:

Dichterin:

Adelheid Dahimène aus Oberösterreich

Gedicht:

"Gerade das Kreuz"

verzipptes Schlüsselbein
Nebel regiert die Lamellenfront
Parterre aus dem Lift steigt
der schwindlige Keller stellt
eine Herdplatte heißen Wein
auf den Tisch

Flaschenhals Kugelbauch
in Kniebeugen kippen
Lichtschalter Wackelkontakte
so um zwölf bei Merlot rühren
Nelken und Zimt die Anatomie
sonderbar weich gleich
verbogenen Uhren
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)

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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hamburger » 24.12.2005, 12:58

Vorschlag 2:

Dichterin:

Daniela Danz aus Eisenach

Gedicht:

"Sediment"

An die Schläfen der Stadt drücken
die Randbezirke einen Kranz
von Gestrüpp ein Pochen im Kopf
eilen zwischen den Schnellstraßen
die Schlafgänger zur Ruh fliehen
die Gedanken

An Babylon:
die Löwen laufen den Orthostat entlang
zum großen Tor
immer geradlinig
ist der Verlust und einer
nach dem anderen

Aus der Papiermühle spült
der Rest Geschichte
in die Stirnhöhlen des Flusses
die Kalander glätten und glätten
das aufgebrachte Wasser

Ein Moment fürs Album nichts
weiter inmitten des Lichts
das durch das Mauerwerk fällt
wie von Kreide umrissen
die Spuren zerlegter
Maschinen auf dem öligen Boden

Erschöpft gleitet der Blankaal
in eine Schaufel des Turbinenrades
bleiben will man
aber der Fluß will weiter
durch die Straßen der Stadt
gräbt er sein neues Bett

Wer Arbeit hat schöpft mit hohlen
Händen Schlaf ins Gesicht
fliehen will man aber
der azurne Korridor ist ausweglos
die sandgelben Löwen erraten jeden
Gedanken

Dem die Geschicke gleich sind
dem Abendrot
folgt endlich die ebene Nacht
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hamburger » 24.12.2005, 13:04

Vorschlag 3:

Dichterin:

Bess Dreyer

Gedicht:

"heraklit hilft nicht"

ein tag, dem der mut
aus den knochen weicht
mit jedem alten
begreifen, behalten,
jenem grauen doppelt-
nachfragen, allem lang-
widrigen zeitverderb
neben den flotten
jungen mit flackernden
blicken, ihrem blitz-
scharfem bildschirm-
vermessen, rasant
reagierenden fingern,
synapsen. ein knoten
wickelt sich über
die maßen in spannung,
kein schrei, ein magnet-
feld zieht wasser.
alles fließt.

Zur Orientierung: es folgen noch 7 Vorschläge, die ich jetzt gleich noch einkopiere. Nachdem ihr schon so lange sucht will ich einfach mal eine gaaaaaaaaaaanz große Reihe Vorschläge machen und hoffe ihr legt mir das nicht wieder als Postingschinderei aus. B-)

Es handelt sich auf jeden Fall allesamt um Dichter, die mir bisher unbekannt waren, die aber größtenteils durchaus schon Preise gewonnen haben, also nicht völlig unbeschriebene Blätter sind. Und alle leben noch. Den Link zu der Seite, wo ich die Vorschläge her habe gibt es nach Vorschlag 10... :-)
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hamburger » 24.12.2005, 13:09

Vorschlag 4:

Dichter:

Carl-Christian Elze aus Berlin

Gedicht:

"im hinterhof"

gras und wäschestangen, ein kasten sand, ein blaues
zwergenrad, die buddelformen gestreut, hoch oben wolken
gebäude, räudiger bau wie garage, baracke, drinnen mutter & sohn
drinnen die kälte die kerzen, noch mal vater mutter kind spielen
an der hand rumspielen, schwerer härter vaters pranke.
den puppendoktor rufen, hilfe, das hämatom ist ja geschminkt.

vater hatte buddelformen, sand genug hinterm haus, frische wäsche.
nur ein vater fehlte ihm, zu zeiten an die wand gestellt.
da fuhr er rad noch, zwergenrad blaues. da gingen die tränen
immer leichter im wind.
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hamburger » 24.12.2005, 13:11

Vorschlag 5:

Dichterin:

Elke Erb aus Scherbach

Gedicht:

"DAS SIEGEN"

des sieghaft Gewesenen. Pflanzenstands.
Aus der Erde in die Luft. Weisheit.

Ein ausgewogener Raum, Tischplatte, Schrankbein, Fensterrahmen,
Auftritte, Dachgestühl.

Die Blüte, die Frucht, das Streuen.
Das Welken, der Rückzug, Humusgrund:

Das – Meerwoge – immer Gleiche,
unübertroffen verschwiegen.

So sieh. So wissen nicht, sinnsam.
Lärchennadelteppich. Ihrs. Ihrs und weiter Ihrs.

Die Straße außen entlang, die Schneise Luft und Schnee.
Dunkel wie Schnee. Sterne auch über Kiefern.

Da waren Pferde, und ferner selig: nur noch –
da war. Ins dann Vergangene zogen, bogen

die Unsern, nach-diluviale Historien.
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hamburger » 24.12.2005, 13:16

Vorschlag 6:

Dichter:

Ralph Grüneberger aus Leipzig

Gedicht:

"William Carlos Williams besucht Nimbschen"

an einem Feiertag, ein Ausflügler
Der im Ruinenraum
Die Sakristei sucht, die Feuerstelle findet
Wie ein Mann der Prärie.

Wie immer geht sein Blick
Zu den Mädchen, die sich doppeln
Unbändig, in bunten Bändern
In der Mulde.

Hasenpfeffer serviert ihm die Wirtin
Der Klosterkneipe, er spuckt
Die Schrotkugeln auf den Teller
Ein Prasseln wie beim Schützenfest.

Gelehnt an die Luthereiche verdaut er
Bei dem Gedanken, eine Frau zu rauben
Aus den beschürzten Vorgärten
Mit Hilfe der paar Dimes im Portefeuille.

Doch dann denkt er in Mannsruhe daran
Wie oft er davon ins Theater gehen
Und Frauen sehen kann
Ohne Konsequenzen.
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon vogel » 24.12.2005, 13:18

Mirko, ich glaube die hälfte hätte es auch getan ... :-)
Mein Ich ist ein Pfogel aus Metall, doch Du hast ihn berührt und beschützt.

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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hamburger » 24.12.2005, 13:19

Gut, dann höre ich hiermit auf mit "Anja Kampmann" aus Hamburg und dem Gedicht "vor oder nach den grenzübergängen"

vor oder nach
den grenzübergängen
der schäferhund bleibt angebunden am pfahl.
die zeit in den scharnieren des abteils
rostet, und hier klingen

wörter von deiner bank und einiges an flieg
zeug darüber. es sind müde lider und
der morgen presst den eiligen landstrich

in passende form, es ist wenig
zwischen den bänken was uns
nicht betreffen würde. die
stimmen auf dem gang
lenken ab, die enge unserer gemeinsamen
fahrt oder koffer, es bleiben

wieviele stunden zu dem alten fell wir
hören uns zu, wenn wir nebeneinander einschlafen
jeder auf seiner seite.
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hamburger » 24.12.2005, 13:25

Ach so, ich schulde euch ja noch den Link...

http://www.poetenladen.de/
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hilbi » 24.12.2005, 15:32

oh je das sind zwei schreckliche Gedichte,
furchtbar.
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hilbi » 24.12.2005, 15:43

Uwe Kolbe

Das Wasser, an dem wir wohnen

für Peter Waterhouse

Wir rappeln uns auf
und spucken das modrige Wasser
aus jungem Mund
und husten das kratzende Naß
aus unverdorbenem Halse.
Die Augen sehen noch nicht
und suchen den Helfer schon,
der oben über uns steht
auf niedrigem, trockenen Steg.
Und gleich wird sein Arm da sein,
uns Halt bieten, hieven.
Noch hindert sein Lachen ihn,
noch lacht er zu laut,
um helfen zu können.
Gleich stehen wir wieder neben ihm
wie die begossenen Pudel.
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hilbi » 24.12.2005, 15:45

Jürgen Becker


[jetzt tauchen die sichtbaren Teile]

jetzt tauchen die sichtbaren Teile
der Geschichte auf, eine Folge von flimmernden
Resten, die zum Wiedererkennen
aufbewahrt und hervorgeholt sind. Musik
in den Hauptstädten; Schwermut, Spiegelschriften,
Schönheitswettbewerb. Noch abends wird
an den Bretterzäunen gehämmert, die Wind
ablenken, Geruch aus den Öfen. Die Nachbarin
steht noch im Pflaumenbaum. Epochen
werden verschoben, bis die Erinnerung unruhig
wird, bis man hört, quer durch den Schlaf,
das Rollen der Transporte. Möhren,
Tabak, Sonnenblumen, die zeitfreien Wörter
in einem Notizbuch, das vielleicht einmal
weitervermacht wird; noch sind die Gärten
nicht leer. Die Reihenfolge ist wieder ganz
anders; anfangen kann man mitten
im Sommer, unter Lautsprechern zwischen Bäumen
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

Hilbi
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hilbi » 24.12.2005, 15:48

und noch eins


Durs Grünbein


Kosmopolit

Von meiner weitesten Reise zurück, anderntags
Wird mir klar, ich verstehe vom Reisen nichts.
Im Flugzeug eingesperrt, stundenlang unbeweglich,
Unter mir Wolken, die aussehn wie Wüsten,
Wüsten, die aussehn wie Meere, und Meere,
Den Schneewehen gleich, durch die man streift
Beim Erwachen aus der Narkose, sehe ich ein,
Was es heißt, über die Längengrade zu irren.

Dem Körper ist Zeit gestohlen, den Augen Ruhe.
Das genaue Wort verliert seinen Ort. Der Schwindel
Fliegt auf mit dem Tausch von Jenseits und Hier
In verschiedenen Religionen, mehreren Sprachen.
Überall sind die Rollfelder gleich grau und gleich
Hell die Krankenzimmer. Dort im Transitraum,
Wo Leerzeit umsonst bei Bewußtsein hält,
Wird ein Sprichwort wahr aus den Bars von Atlantis.

Reisen ist ein Vorgeschmack auf die Hölle.
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

Silentium
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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Silentium » 24.12.2005, 17:39

Hilbi, heißt das, du machst mit?

Ham... also, von wegen Narrenfreiheit... es steht nie wo, dass es sich nicht zweimal erwischen kann... also, wenn es dein tiefster Herzenswunsch ist, noch einmal anzuwesen, dann wäre es natürlich grausamst von uns, dir da nicht entgegenzukommen.
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon

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Re: Wer in diesen Thread schaut, ist des Todes

Beitragvon Hilbi » 24.12.2005, 19:49

au ja..
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?


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