Blickkontakt

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Mibo
Minotauros
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Blickkontakt

Beitragvon Mibo » 10.11.2004, 12:09

So, wie schon an anderer Stelle angedroht, hier mal wieder ein Text von mir. So richtig zufrieden bin ich damit noch nicht: also nur keine Hemmungen, kritisiert munter drauf los! ;-)


Blickkontakt

... bestelle mir einen Kaffee, zünde eine Zigarette an und lasse meinen Blick durch das Café schweifen. Amüsiert stelle ich fest, dass die meisten der anderen Gäste mich, beziehungsweise meinen Hund betrachten. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern schwankt zwischen “hach, wie niedlich” und “oh Gott, kann die das Riesenvieh nicht woanders lassen?” Doch wenn ich den anderen in die Augen sehe, hält kaum jemand stand. Schnell weggucken, bloß nicht den Eindruck vermitteln, man würde mich beobachten. Sollen sie ruhig, ich beobachte sie doch auch und suche mir etwas Hübsches aus.

Die Kellnerin stellt mir meinen Kaffee hin und hüftschwingend watschelt sie wieder an den Verkaufstresen. Ob sie mit den Kolleginnen jetzt schnattert? Quak, quak, quak – kleines dickes Entchen. Ein Kichern gurgelt tief aus meinem Bauch nach oben. Ich schaue mich um: Dies ist kein kuscheliges, gemütliches Café – nein, es ist das Zentrum eines Shoppingtempels und ein reges Kommen und Gehen herrscht hier. Keiner wird sich später an irgendwen erinnern. Die vielen Halogenstrahler an der Decke sorgen dafür, dass niemand wirklich gut aussieht. Der Mann an dem Tischchen dort drüben zum Beispiel, schräg gegenüber von mir: ich kann jede seiner vielen Falten sehen. Wettergegerbte Haut, trotz des schon fortgeschrittenen Herbstes tief gebräunt, wässrig blaue Augen, blondes Haar. Das ist doch gefärbt! Ich lächel ihn an und mein Blick zurrt sich an seinem fest. Er lächelt nicht und gibt für meinen Geschmack zu schnell auf: er sieht weg. Sein blaues Sweatshirt ist etwas verwaschen und die Chinos sind am Saum leicht angestoßen und schmutzig. Entweder er läuft zu Hause barfuß und daher der Schmutzrand oder die Schuhcreme färbt ab. Er hebt seine Tasse und wirft mir wieder, sichtlich verunsichert, einen hastigen Blick zu. Innerlich lache ich auf: ja, man kann spüren, wenn man beobachtet wird; er hat es aber erstaunlich schnell bemerkt. Schade, so macht es keinen Spaß, das muss länger dauern. Ausserdem mag ich keine alten Männer, die sind von selbst bald Vergangenheit.

Ich sehe mich um und entdecke zwei Frauen, die sichtlich lustlos in ihren Salatschüsseln herum stochern – typische Salatesserinnen: ziemlich dünn und irgendwie freudlos. Aber sie sind zu Zweit, das schaffe ich nicht. Noch nicht. Ich rücke meinen Stuhl etwas herum, damit ich mich besser umschauen kann. Mein Hund springt auf, weil er hofft, wir wären jetzt soweit – sind wir aber noch nicht. Ich tätschel ihm den Kopf, beruhige ihn: »wart noch ein bisschen, ich hab dein Futter noch nicht« und er legt sich wieder hin.

Da fällt sie mir auf. Eine Frau, Mitte der Fünfziger, blond, schlank, elegant. Ich nippe an meinem Kaffee, der mittlerweile nur noch lauwarm ist, und lehne mich zurück. Das Spiel kann beginnen. Ich fixiere sie und warte. Irgendwann wird sie es merken, dass weiß ich. Sie merken es immer. Die Blondine trägt einen sandfarbenen Hosenanzug mit perfekt dazu passenden Pumps und eine weiße Bluse. Lange Beine hat sie und schmale Hände. Kein Ehering, dafür aber abgekaute Fingernägel. Ist wohl frustriert. Oder unsicher.

Die Frau braucht lange, bis sie mich ansieht. Aber irgendwann sieht sie mich an und erwidert kurz meinen Blick. Das reicht mir. Jetzt lasse ich mir Zeit. Die habe ich, sie hat nämlich gerade erst bei der watschelnden Kellnerin mit dem gelben Schürzchen bestellt. Ich tippe auf Latte Macchiato und dazu ein Wasser, wegen des Flüssigkeitshaushaltes. Sie sieht aus, als ob sie auf ihre Gesundheit achtet. Was sie wohl beruflich macht? Ich taste sie ab mit meinen Blicken. Allmählich fällt es ihr auf, immer öfter sieht sie zu mir herüber und versucht es mit einem kaum merklichen Lächeln. Ich lächel diesmal nicht, dafür rutscht meine Hand in meine Jackentasche und fühlt nach dem Messer.

Die Bedienung stellt der Blondine das Gewünschte auf den Tisch und ich kann ein Grinsen nicht unterdrücken: ich hatte recht mit meiner Vermutung, langsam bekomme ich Übung darin. Die Frau nippt am Latte Macchiato und kramt danach aus ihrer Tasche eine Zeitschrift heraus. Bis auf ihre Fingernägel ist die Frau sehr gepflegt. Dezent geschminkt, klassische Pagenfrisur, kleine Perlohrringe. Endlich mal keine von den mit Schmuck überladenen Frauen. Ich weiß immer nicht, wo ich mit dem Plunder hin soll.

Sie hat hohe Wangenknochen und einen schlanken Hals. Überhaupt ist ihr Körperbau sehr zart. Das wird diesmal leicht werden. Ganz langsam seziere ich sie mit meinen Blicken. Sie ist blass. Extrem blass. Rot wird ihr gut stehen. Und obwohl sie blond ist, muss ich irgendwie an Schneewittchen denken. Oder an Schneeweißchen und Rosenrot. Rosenrot ist schön. Ich kicher fast lautlos.

Jetzt gaffe ich sie regelrecht an und sauge sie mit meinen Blicken aus. Sie spürt es und sieht immer wieder von ihrer Zeitschrift hoch, sie wirkt unsicher, stelle ich zufrieden fest. Sie sucht etwas in ihrer Tasche und sieht erleichtert aus, als sie ihren Fahrschein findet und ihn vor sich auf den Tisch legt. Ein Ticket für die Bahn – perfekt! Besser kann es ja nicht laufen. Sie trinkt ihr Glas Wasser in einem Zug aus und steckt den Fahrschein in ihre Blazertasche.

Mein Hund stuppst mich an, er ist hungrig und wird unruhig. Ich sehe auf die Uhr – in zehn Minuten ist Geschäftsschluss, das Blondchen wird auch gleich gehen. Mein Hund hat recht, es ist Zeit für uns. Zeit ihn zu füttern. Ausgiebig wird er fressen können. Ich werde jetzt gehen und seine Mahlzeit vorbereiten. Das Geld für meinen Kaffee lege ich passend auf das Tischchen, ziehe meine Jacke an und taste in der Tasche nach dem kühlen Metall des Messers. Langsam schlendere ich zum Ausgang und verlasse das Einkaufszentrum. Ich werde wie immer in dem kleinen Park warten, der zur Bahnstation führt. Ich werde auf das blonde Schneewittchen warten und sie wird kommen.
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[) i r k
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Re: Blickkontakt

Beitragvon [) i r k » 16.11.2004, 18:14

Hallo MiBo,

hach, das ist wirklich schön, mal wieder was von dir zu lesen. Und dann gleich zwei Stories auf einmal - was ist los? Bist du im Kreativrausch? :-D

Spass beseite. Also die Geschichte ist nett. Sie ist gut erzählt - vor allem kommt die Selbstsicherheit und Überlegenheit des LI bei der Auswahl seiner Opfer sehr gut zu Geltung. Und auch die Beschreibungen wirken allesamt wirklichkeitsnah und überzeugend.

Allerdings hat die Story auch einen Mangel - ich finde es von der Dramarturgie her etwas nachteilig, den Leser schon so früh über den "Ausgang" aufzuklären. Da gibt es Stellen in der Mitte der Geschichte, die einfach zu deutlich sind:
Aber sie sind zu Zweit, das schaffe ich nicht. [...] Ich tätschel ihm den Kopf, beruhige ihn: »wart noch ein bisschen, ich hab dein Futter noch nicht« und er legt sich wieder hin.

An solchen Stellen würde ich mir wünschen, du würdest es etwas subtiler erzählen. Sparsamer auf das Ende hinwirken. Vielleicht solltest du bis zu einem gewissen Punkt noch mehr mit der Idee des "Flirtens" spielen und so den Leser in die Irre führen?

LG,
[) i r k
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)

Mibo
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Re: Blickkontakt

Beitragvon Mibo » 18.11.2004, 18:36

Moin Dirk,

nett? 8-o Huah, hättest Du dann nicht lieber die Story so richtig verreißen können? Nett ...! Ich denke, jetzt legt sich mein Schaffensrausch wieder :-D

Übrigens ist das die zweite Version dieser Geschichte. Vorher hatte ich erst im letzten Drittel zum Ende übergeleitet – da kam das Feedback, dass es zu plötzlich wäre. Also noch ´ne Geschichte mit Wurm! Na, da hab ich doch ordentlich was während meines Urlaubes zu tun.

Danke und viele Grüße,

Mibo
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Susanne
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Re: Blickkontakt

Beitragvon Susanne » 19.01.2005, 21:52

Hi MiBo,

endlich komme ich mal dazu auch diese Geschichte zu lesen. Ich lese Deine Geschichten immer gerne. :-)

Nicht schlecht. Ich hatte eher etwas Harmloses erwartet, so eher etwas charmant Witziges - aber weit gefehlt. Da kriegt der Hund aber ein leckeres Fresschen... ;-)

Das einzige, was mich stört, ist das Ende. Dass er/sie das Opfer im Park erwarten will.

Ok. Vielleicht gibt es keinen anderen Weg zum Bahnhof, aber ist da nicht viel zu viel los, kurz nach Geschäftsschluss? Da sind doch bestimmt ganz viele Leute auf dem Weg zum Bahnhof. Da kann ich mir nicht so richtig vorstellen, wie das ablaufen soll...

Grüsse,
Susanne


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