Spieltheater

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Edekire
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Spieltheater

Beitragvon Edekire » 11.02.2005, 21:07

Die Küche ist gerade genug, mit weißen Schränken, Tisch und zwei Stühlen. Ich mag die Farben nicht, sie sind unbewegt, ich würde gerne Holz sehen. Meine Finger sind rot, das Spülwasser ist zu heiß. Ich stelle ein Glas in das andere Becken.
Wir sollten ein Radio in die Küche stellen, meinst du nicht?
Wozu? Ich höre, dass er lächelt, Dann singst du nicht mehr beim kochen
Ich singe mit. Ich wende verspannt den Nacken.
Ich versuche meinen Ärmel hochzuschieben ohne die nassen Hände, solange bis er mir über die Schulter greift um zu helfen.
Sag ein Wort Der Vorschlag klingt freundlich aber ich kenne den Ton.
Ich antworte nicht, lächle aber der Wand gerade so zu, dass er sich ein Stück davon nehmen kann. Eine Ration Zustimmung genug.
Meine Hände haben sich der Wassertemperatur angepasst, zu neutral, ich lasse frisches Nachlaufen, den Hebel links außen.
Zwei Finger an meinem Schulterknochen drehen mich ein Stück, ich halte den Kopf gerade, Blick zum Schrank.
Spiel Theater mit mir, sein Atem an meinem Hals, Ohr, er zupft am Haar an meinen Schläfen, leise gesagt, ich stoße mir den Kopf an der Unterkante des Hängeschrankes, keine plötzliche Bewegung jetzt.
Lass uns das erst fertig machen, ausweichen, aber aufgesehen, er zieht sein Katzengesicht, meine hitzemüden Finger tasten vergeblich im Becken umher. Ich lasse mich mitziehen in das andere Zimmer, überlasse ihm den ersten Zug, sowieso kann ich die Knotenpunkte des Netzes auf meiner Haut schon spüren.
Verlorenheit, als Gnadenfrist, seine Wahl, für mich, ich, wähle Musik, wie gläsernes Wasser, das ich nicht Atmen kann, die Nylonfäden schneiden noch erträglich, ich will ja nicht denken, unbesehen.
Rückzug, nicht Schlag, wir spielen ja nur, nicht wahr? Ich nenne irgendwas, muss ja, muss ja, genau beobachten, er beschränkt sich auf Mimik, lässt liebvoll die Musik laufen. Zieht sein Katzengesicht, Nacht. Verzeih sagen seine Fingerkuppen in Berührung, bitten nie, kann schon verzeihen, ich, seh das Roulette sich drehen, rien ne va plus, aber die Kugeln sind schon gefallen.
Angst
sagt er
Das Netz drückt mir die Luft ab.
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
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Re: Spieltheater

Beitragvon razorback » 12.02.2005, 04:04

Oh, das ist gut. Also motze ich erstmal:

Wieso keine Anführungszeichen? Was soll das? Macht einen nicht einfachen, aber doch so lesenswerten Text völlig unnötig kompliziert.

Eigentlich kannst Du mit dieser fragmentarischen Erzählweise sehr gut umgehen, manchmal hakt es dann aber doch. Beispiel:

Meine Hände haben sich der Wassertemperatur angepasst, zu neutral, ich lasse frisches Nachlaufen, den Hebel links außen.


Das mit dem Hebel bremst den Erzählfluß, wirkt überbetont.

Ganz selten bist Du auch ein wenig zu verspielt:

Ich wende verspannt den Nacken.


Das Bild ersäuft in sich selbst. Ist sie verspannt? Bewegt sie sich verspannt? Oder ist doch nur der Nacken verspannt, und Du hast eine etwas ungewöhnliche Formulierung benutzt.

Gerade die letzten beiden Fehler fallen aber nur deshalb auf, weil Du sonst sehr stilsicher schreibst und eine passende und interessante Bildsprache durchhältst. Du scheinst auf einem Weg zu sein, der dem ähnelt, auf dem Glaspuppe war (und was ich von ihr halte, ist, glaube ich, hier recht bekannt ;-) ). Wobei ich nicht Euren Stil meine, Ihr schreibt ganz unterschiedlich. Für eine tiefere Analyse bin ich jetzt zu müde. Aber wie gesagt - der Text ist sehr gut. Vielversprechend.

Noch besser wäre er mit Anführungszeichen :-p .
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Re: Spieltheater

Beitragvon Edekire » 12.02.2005, 16:19

Das ist natürlich sehr schön das der text dir gefällt und du hast natürlich recht mit der direkten rede. die anführungszeichen fehlen igentlich nicht, normalerweise mache ich direkte rede kusiv...das war auch so, aber ich habe das verplant das im forum auch zu machen, hohle ich gleich mal nach.
auf der anderen seite ist das auch deprimierend, der text ist nämlich nicht neu. eigentlihc ist er das genaue gegenteil von neu, er ist fast so alt wie der text den ich als alleserstes reingestellt habe. also ungefähr ein Jahr doer sowas. wie der damals auch eiener der ersten prosatexte die ich je schrieb....was sagt mir das..lasse ich nach :-( ?

mit deinem kleinen gemotze denke ich hast du recht..muss cih mal ein bissl dran rumändern..und jetzt setzte ich die direkte rede kursiv :-)

lg
frl. ede
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Re: Spieltheater

Beitragvon razorback » 12.02.2005, 16:32

Hä? Habe ich gesagt, Deine anderen Texte wären schlecht?

Dieser Text ist sicher einer Deiner besten. Aber, Edekire, ein Jahr? Innerhalb eines Jahres ist eine leicht schwankende Qualität (und mehr ist es nicht) von Text zu Text doch absolut normal oder? Klopf Dir lieber mal dafür auf die Schulter, dass Du als jemand, der noch nicht lange Prosa schreibt, solche Texte fabrizierst.

Ich sagte, Du bist auf einem Weg. Das bedeutet nicht, dass Du Dich von Text zu Text verbesserst, sondern, dass Du Dich bewegst. Sorgen sollte Dir machen, wenn Du in zwei Jahren immer noch an der selben Stelle bist und/oder nicht weiter weisst. Qualitativ wirst Du vermutlich sowieso eher nur kleine Fortschritte machen, weil Du relativ hoch eingestiegen bist. Hab Geduld mit Dir. Ein Jahr, herrjeh... :-D
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Re: Spieltheater

Beitragvon Glaukos » 12.02.2005, 17:05

Meine Finger sind rot, das Spülwasser ist zu heiß.

"ist zu heiß" vielleicht in einem Wort ausdrücken? Weil du ja mit Sprachmelodie arbeitest ... Vorschlag: das Spülwasser brennt?

Verdeutlichung einer Wortwiederholung:

Ich STELLE ein Glas in das andere Becken.
Wir sollten ein Radio in die Küche STELLEN, meinst du nicht?

Ist das Absicht?


"Ich wende verspannt den Nacken."

Klingt mir zu absichtsvoll verfremdet.


"Ich versuche meinen Ärmel hochzuschieben ohne die nassen Hände, solange bis er mir über die Schulter greift um zu helfen."

"Solange" streichen? Komma zwischen Greift|Um?!


Sag ein Wort Der Vorschlag klingt freundlich aber ich kenne den Ton.

Komma zwischen Aber|Ich?! Oder Trennungsstrich.



"Ich antworte nicht, lächle aber der Wand gerade so zu, dass er sich ein Stück davon nehmen kann. Eine Ration Zustimmung genug.
"

Das finde ich jetzt gut, wenn auch verwirrend. Inhaltlich verwirrend.


"Meine Hände haben sich der Wassertemperatur angepasst, zu neutral, ich lasse frisches Nachlaufen, den Hebel links außen."

zu neutral? Würde ich streichen.

die Stelle "ich lasse frisches Nachlaufen" ist missverständlich.



"... überlasse ihm den ersten Zug, sowieso kann ich die Knotenpunkte des Netzes auf meiner Haut schon spüren."

wieso "sowieso"?


Verlorenheit, als Gnadenfrist, seine Wahl, für mich, ich, wähle Musik, wie gläsernes Wasser, das ich nicht Atmen kann, die Nylonfäden schneiden noch erträglich, ich will ja nicht denken, unbesehen.

atmen kleinschreiben?



Rückzug, nicht Schlag, wir spielen ja nur, nicht wahr? Ich nenne irgendwas, muss ja, muss ja, genau beobachten, er beschränkt sich auf Mimik, lässt liebvoll die Musik laufen.

liebvoll? finde ich auch nicht eben deutlich - will sagen, ich stör mich daran beim lesen.


Zieht sein Katzengesicht, Nacht. Verzeih sagen seine Fingerkuppen in Berührung,

Verzeih KOMMA sagen ...



Das wären meine Anmerkungen.
Im Ganzen ist der Text eigenartig, auf seine Weise unverwechselbar. Ein wenig kryptisch, aber das mag ich ja gerne. Aber ich finde, du solltest nochmal die Rhythmik, die hier ja extrem wichtig ist, genau durcharbeiten.
Vielleicht hilft hier sogar, wie bei Poesie, das laute Lesen ...?!


Liebe Grüße
Tolya

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Re: Spieltheater

Beitragvon Edekire » 14.02.2005, 14:57

Hä? Habe ich gesagt, Deine anderen Texte wären schlecht?



Nein, natürlich nicht! hmm wie soll ich das sagen ohne quengelig zu klingen..hm, ach egal, ich schwatz müll :-)

und ein Jahr ist ein sehr lange zeit. Ja sehr, genau, besonders weil zimelich viel in diesem jahr passiert ist :-)

:-)

@ tolya
hmm. brennendes wasser? neeeeee. wasser tut ja ne menge aber nciht brennen, man verbrennt sich ja an wasser auch nicht man verbrüht sich. mal schaun, ob mir noch was einfällt sonst lass ich es dabei.

Kommas und so verbesser ich bei mir :-)

mit dem nacken hast du recht, das ist wohl sehr komsich, wenn es sowohl dir als auch razor auffällt
die Stelle "ich lasse frisches Nachlaufen" ist missverständlich.
Inwiefern? das das wasser sich selbstständig macht für einen spaziergang ist ja doch eher unwhrscheinlich...das sagt man doch so. einlaufen lassen udn nachlaufen lassen, wenn schon was drin ist...
"... überlasse ihm den ersten Zug, sowieso kann ich die Knotenpunkte des Netzes auf meiner Haut schon spüren."


das sowieso sollt eine gewisse resignation ausdrücken, sie weiß schon was kommt...

das mit dem lautlesen mache ich noch mal auch wenn ich den schon mal laut gelese habe...mal shen ob ich irgendwo stolpere.

vielen dank für kommentar und korrekturen :-)

lg

edekire :-)
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Re: Spieltheater

Beitragvon razorback » 14.02.2005, 17:11

Wenn man erstmal über 30 ist, ist ein Jahr nicht mehr lang :rofl:
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Re: Spieltheater

Beitragvon Edekire » 14.02.2005, 18:56

pass du nur auf :-D sonst fang ich auch noch an dich alter mann zu nenen :-D

aber naja, das ist ja schließlich dein ehrentitel der stillen...

glück hast du gehabt
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Re: Spieltheater

Beitragvon Glaukos » 14.02.2005, 19:52

Hallo Ede,

das mit dem "frisches Nachlaufen".
ich schriebe das, wenn überhaupt, ich lasse Frisches nachlaufen. Frisches, weil du wohl frisches Wasser meinst, also eine Substantivierung.
Aber selbst so ist es für mich umgangssprachlich - und das wäre an sich gar kein Problem, aber die sonstige Sprache ist nicht so. Weshalb es heraussticht, ohne dass es wirklich eine Pointe wäre.


Wo ich schonmal dabei bin:
Was fand ich an dem Text so gut. Ich fand daran gut, dass er geheimnisvoll ist. Vielleicht ist das nicht intendiert, aber wenn ich hier mal als Shortie wiedergeben sollte, was eigentlich Handlung ist, dann hätte ich große Probleme.

Eine Haushaltsszene? Ein Spülender und sein Partner? Der Andere wird als "er" klassifiziert (er zupft am Haar, macht ein Katzengesicht), der Spülende könnte sich demnach als "sie" entlarven lassen, aber das ist Hypothese.
Es wird eine Verführung geschildert, die auch eine Entführung oder Überwältigung darstellen könnte.

Die Sprache wird benutzt, um den Sinn zu verstellen, aber da dies poetisch erfolgt, hat es einen ästhetischen Effekt und kann nicht nur als "Durcheinander" oder "Experiment" betrachtet werden. Es hat System, es macht den Leser selbst ratlos und orientierungslos, etwas, das wahrscheinlich mit dem Empfinden des "ich" parallel läuft.
Einerseits ist alles Theaterspiel und Simulation, andererseits werden echte Empfindungen erzeugt - das reizt, das weckt Spannung.

Außergewöhnlich ist der Schluss. Deutungen sind vielfach möglich. Es könnte um ECHTE Gewalt gehen, um Perversion, oder nur um eine Fantasie, eine Simulation, eine Übertreibung im Wahrnehmungsvermögen des "ichs".
Und das ist es, was ich an dem Text mag. Dass er schwebend bleibt und nicht explizit wird.
So ist jedenfalls meine Lesart ;-)

Beste Grüße
Tolya


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