Todesnachricht

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Silentium
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Todesnachricht

Beitragvon Silentium » 17.05.2005, 22:03

Von Zeit zu Zeit verspüre ich das Bedürfnis nach menschlicher Nähe – dann überbringe ich eine Todesnachricht. Zuerst suche ich mir zwei Menschen, die sich innig zugetan sind. Frisch Verheiratete eignen sich für dieses Spielchen besonders gut: der Serotoninspiegel ist noch immer so tief, wie man es nur bei Verliebten und Wahnsinnigen findet, sie befinden sich in der Übergangsphase von Hormonvergiftung und Gewöhnung. Ich könnte natürlich auch Mutter und Kind verwenden, ein achtzigjähriges Ehepaar, eineiige Zwillinge – aber die Liebespärchen sind mir die liebsten… kleines Wortspiel.
Wenn ich sicher sein kann, dass nur Partner A zuhause ist, klingle ich. Ich trage eine Polizeiuniform, das wirkt glaubhafter. Ich habe einen ganzen Schrank verschiedener Uniformen.

A: „Guten Tag.“
Ich: „Herr A?
A: Ja?
Ich: Sind sie der Ehemann von B?“
A: „Bin ich.“
Hier schleicht sich erste Besorgnis in seinen Blick, breitet sich vom linken Augenwinkel langsam über die Iris aus – erst, wenn die Besorgnis die gesamte Iris ausfüllt, weitet sie sich auch auf die Pupille aus und überschattet sie. Man muss allerdings schon recht geübt sein, um sie so genau beobachten zu können.
Ich: „Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen…“
Kunstseufzen. Ich betrachte interessiert Kiefermuskeln As, die sich nun verspannen.
Ich: „… dass Ihre Frau tot ist. Ich komme gerade von der Unfallstelle.“
Im Fernsehen schreien sie dann meist den Namen der Toten, murmeln etwas wie „Nein, das kann nicht sein!“ oder, wenn es ein amerikanischer Film ist: „Mein Gott!“. Das ist pathetischer Blödsinn. A schweigt zumeist. Die Pupille weitet sich, der Schatten, der sich schon bei der Einleitung so ästhetisch manifestiert hat, bekommt eine greifbare Intensität, vielleicht stütz er sich auch mit der Hand am Türrahmen ab – aber er sagt nichts, bis sein Hirn
herausgefunden hat, ob das, was ich sage, überhaupt wahr sein kann.
Zuletzt würgt A dann doch fernsehgerecht heraus:
A: Wie?
Das ist der eigentliche Moment, auf den ich hinarbeite. Mit dieser Frage gesteht er dem Gesagten Wirklichkeit zu. Nie in seinem Leben wird er wieder so sympathisch verletzlich sein. Ich könne ein Stückchen seiner Seele zwischen die Finger nehmen und zerreiben. Für wenige Sekunden erlauben mir diese Beiden, A und B, zwischen ihnen zu sein und, indem ich sein Gesicht lese, ein wenig teilzuhaben an der erstaunlichen Verbindung, zu der manche Tierarten fähig sind. Ein intimer Moment, ein vergnüglicher Moment.

Falls A nicht die gewünschte Reaktion zeigt, was hin und wieder auch vorkommt, lohnt es sich, ein wenig medizinisches Fachwissen zu haben. Erörtern sie beispielsweise, in welchem Winkel sich eine beim Aufprall gelöste Eisenstange durch Bs Leber gebohrt hat. Dass sehr viele Unfallopfer, wenn sie nicht an einer verletzten Wirbelsäule oder einer zerquetschten Lunge sterben, wegen einer Leberverletzung verbluten, ist eines dieser Details, die es sich zu wissen lohnt. Man hätte die gute Frau retten können, eine Leber lässt sich ja schließlich nähen, wenn die Feuerwehr sie nur rechtzeitig herausschneiden hätte können. In wie vielen Tagträumen wird er sich jetzt sämtliche Alternativen durchspielen, indem die Feuerwehr, er, ein Passant, Superman, ein Außerirdischer die Leber mit der sie umgebenen Frau rechtzeitig aus dem Wrack holt?
Falls das Objekt noch immer nicht so reagiert, wie ich will, erwähne ich, dass B durchdringend geschrieen hat.

Ich verabschiede mich höflich, setze mich in ein Café, trinke eine Tasse Darjeeling, mache mir ein paar Notizen.
Von meinem Tisch aus kann ich die Polizei beobachten und die Männer vom Roten Kreuz, die gerade eine Bahre in den Krankenwagen schieben. Haben Sie etwa geglaubt, ich hätte A angelogen?
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Re: Todesnachricht

Beitragvon Spiderman » 17.05.2005, 22:25

Um Himmels willen, Silentium, manchmal mache ich mir Sorgen um Deinen seelischen Zustand. Dann denke ich mir allerdings, "das kann mir doch egal sein, so lange so gute böse Texte dabei rauskommen."

Also, der Text ist gut, die Pointe sitzt gut. Das ist so eine, die langsam den Rücken hochkrabbelt, bevor sie im Gehirn einschlägt.

Allerdings, und jetzt komme ich zur Kritik, der Text ist zu kurz, da kannste noch viel mehr draus rausholen. Eine solche Idee musst Du zelebrieren wie ein 5-Gänge-Menü!

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Re: Todesnachricht

Beitragvon Silentium » 17.05.2005, 22:37

der Text ist zu kurz

Soll ich jetzt zugeben, dass er vorher doppelt so lang war und ich alles überflüssige streichen wollte? 8-o :-D Aber da lässt sich ja dann was machen... Merci!
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Re: Todesnachricht

Beitragvon razorback » 17.05.2005, 23:04

Hmmm... weiß nicht, ob er zu kurz ist. Der Schrecken findet in der Phantasie statt, und ist durch weitere Drehungen m.E. nicht zu steigern.

Silly, Silly ... wann immer Du hier übernachtest, schlafe ich mit einem offenen Auge, wusstest Du das? Vielleicht sollte man Dich doch in die verwaiste Zelle von Dr. Lecter stecken, bevor noch was passiert. Natürlich solltest Du bestens mit Papier und weichen Filzstiften versorgt sein.

Ich meine das als Kompliment.
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Re: Todesnachricht

Beitragvon Silentium » 17.05.2005, 23:23

Jeijeijei... ich überleg die ganze Zeit, was von dem Gestrichenen sich wieder dazutun lassen würde ... aber alles nimmt entweder die Pointe vorweg oder ist pathetisch oder effekthascherisch... *grübel*. Das einzige, was sich mehr oder weniger ungestraft dazutun lassen würde, wären noch ein paar medizinische Details, aber das könnte auch wieder aufgesetzt wirken. *grübel*

Was den Dr.Lecter angeht... Vegetarierin bin ich ja eigentlich nur geworden, weil das Tierfleisch so fad schmeckt, wenn man mal was anderes kennt... ]:-)
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Re: Todesnachricht

Beitragvon charis » 24.05.2005, 10:50

liebe stille,

also auch ich finde die story sehr großartig, oarg, was du für ideen hast! 8-o :-D
zur pointe: sorry, vielleicht bin ich dumm, aber wie funktioniert das von der logik her? der/die erzählerIn sieht einen unfall und weiß dann aus irgendeinem grund, wer die partner-person ist, und weiß auch wo die wohnt, und kann dort schneller als die polizei aufkreuzen?
oder stellt der/die erzählerIn im vorfeld recherchen an und führt irgendwie den unfall herbei?
oder ist der/die erzählerIn doch die öffentliche stelle, die benachrichtigt?
oder ist hier was überirdisches im spiel.

ich kapiers nicht ganz.

insgesamt sehr schön geschrieben und toll formuliert. ich finde allerdings auch, dass die idee auf so wenig zeilen quasi "hergeschenkt" ist. daraus kannst du eine prächtige kurzgeschichte à la Roald Dahl machen, find ich.

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Re: Todesnachricht

Beitragvon Silentium » 24.05.2005, 17:50


oder stellt der/die erzählerIn im vorfeld recherchen an und führt irgendwie den unfall herbei?


Das war's eigentlich, wie ich's mich gedacht hab - obwohl man von mir aus auch gern an göttliche Intervention glauben kann. Das Problem ist nur: wie bring ich das dezent unter, ohne zu früh die Pointe (sie is wirklich hinüber) zu verraten? Ich kann ja schlecht ein Buch "Marderschaden fälschen für Anfänger" auf den Tisch legen. Grübel.

...dass die idee auf so wenig zeilen quasi "hergeschenkt" ist

Hmhmhm. Ich weiß noch immer nicht, was ich ohne Effekthascherei dazutun kann, aber da jetzt ja ein langes Wochenende kommt...
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Re: Todesnachricht

Beitragvon Flocke » 24.05.2005, 18:31

Hi, Stille.

Böse, böse, was du da so zusammenschreibst. Aber gut! ]:-)

...ist eines dieser Details, die es sich zu wissen lohnt.


Vorschlag: ...die zu wissen sich lohnt.

Ich trage eine Polizeiuniform, das wirkt glaubhafter. Ich habe einen ganzen Schrank verschiedener Uniformen.


Polizeiuniform nur für diesen Fall oder generell? In letzterem Fall würde ich vorschlagen, entweder "am glaubhaftesten" zu schreiben oder zu erwähnen, dass er verschiedene probiert und letztlich bei der Polizeikluft gelandet ist. Kommt mir nicht so ganz klar rüber, kann aber an mir liegen.

Andere Frage: Überbringen Menschen mit göttlicher Intention Todesnachrichten? Versuchen die nicht eher, zu retten, was noch zu retten ist? Insofern tendiere ich eher zu der Variante: Unglückliche Ereignisse zur eigenen Unterhaltung inszeniert.

Lieber Gruß
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Re: Todesnachricht

Beitragvon razorback » 24.05.2005, 18:40

Überbringen Menschen mit göttlicher Intention Todesnachrichten?


Kommt auf den Inspirierten an, würde ich sagen. Und den Gott. Wäre sehr interessant, sich eine entsprechende Person auszumalen.
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Re: Todesnachricht

Beitragvon Silentium » 24.05.2005, 20:29

Also... die details die man wissen sollte - hast recht.

Die Intention ist InteRVEntion und damit erklärt sich die Sache. Ich könnte keine Hauptfigur haben, die sich für göttlich inspiriert hält, weil ich für jeden erfundenen Charakter wenigstens ein bissi krude Zuneigung aufbringen muss, um über ihn zu schreiben. :-D
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Re: Todesnachricht

Beitragvon razorback » 24.05.2005, 21:41

Watt soll'n dieser atheistische Klumpatsch jetzt schon wieder, hä? :-[]

Göttlich Inspirierte geben GANZ WUNDERBARE Serienkiller ab.
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Re: Todesnachricht

Beitragvon Silentium » 24.05.2005, 21:52

Eh - nur könnt ich über keinen schreiben. Kein Fehler der göttlich Inspirierten, Unvermögen meinerseits. Gott möge mir vergeben...

Klumpatsch ist ein unheimlich süßes Wort! :-D
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Re: Todesnachricht

Beitragvon Flocke » 25.05.2005, 10:18

@Stille

Die Intention ist InteRVEntion und damit erklärt sich die Sache.


Arrrggh, wer des Lesens mächtig, ist entschieden im Vorteil... :autsch:

Lieber Gruß
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Re: Todesnachricht

Beitragvon Silentium » 25.05.2005, 15:31

Schau, so hast du mir eine Gelegenheit geboten, den O livro-bible-belt zu ärgern. :-D
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Re: Todesnachricht

Beitragvon razorback » 25.05.2005, 16:28

Im Biblebelt wohnen aber nur lauter Protestanten, die Bush wählen und den Gedanken, Serienkiller könnten religiös motiviert sein gänzlich ablehnen, es sei denn, sie sind selber welche :-D .
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