Das einzige Mal, das ich mich mit meiner Cousine gestritten habe, ging es um Maibäume.
Behauptete die doch tatsächlich, dass sie schon einen schöneren als unseren gesehen hätte. Als ob! Es gab Dinge, die wusste ich einfach. Hier und jetzt, das ist Frühling. Der Sommer wird glorreich. Und das ist der schönste Maibaum auf der Welt.
Maifest. Sich vor den Maibaum stellen und rückwärst davonrennen, so dass es aussieht, als würde er auf dich niederstürzen und hysterisch kreischen dabei, das Herz bis zum Hals klopfen lassen und sich lebendig fühlen. Herumtoben auf der Festwiese. Sich den Hang zur Pferdekoppel hinunter kugeln lassen. Zucker stehlen, von der Mama, die Kaffe und Kuchen verkauft. Und dann den Zucker den Blasmusikanten heimlich ins Bier geben. (Gar nicht so unschuldig, oh nein, denn durch den Zucker kommt der Alkohol schneller ins Blut.) Stolz sein auf Papa, der das Bierkrug-Stemmen gewinnt. Bratwurst und Sauerkraut, Eis und Kuchen.
Ich geh nicht mehr hin. Wozu auch? Nicht meine Szene. Schon lang nicht mehr.
Aber Mama, wenn sie vom Kuchen Verkaufen zurückkommt, über den Dorfklatsch ausfragen, das muss schon sein. Über den Karnhuber Wilfried zum Beispiel. Der war diesmal mit seiner kleinen Nichte da. Das ist natürlich spannend, dem vom Karnhuber Wilfried heißt es ja, dass er eigentlich keine Kinder mag. Vom Karnhuber Wilfried heißt es überhaupt so einiges. Weil er gar so verdächtig immun ist gegen weibliche Reize. Jeden Sonntag spielt er in der Kirche auf der Orgel. Und wenn er gut drauf ist, gibt’s zum Abschluß als Draufgabe auch noch eine Hymne, Hymnen liebt er. In seiner Freizeit fährt er die Bahnhöfe Österreichs ab und fotografiert sie, bevor sie alle modernisiert werden. Der Karnhuber Wilfried ist als kauziger Junggeselle dorftratsch-technisch fast zu schön um wahr zu sein.
Und an dem Gerücht über Kinderhass ist auch nichts dran, gottlob. In seine kleine Nichte ist er ganz vernarrt, der Wilfried. Nur eines, eines grämt ihn halt: Es wär nämlich die Kleine, fast an „seinem“ Geburtstag zur Welt gekommen. Wenn nicht Wilfrieds Schwester, die Missgünstige, es extra ihm zu Fleiß so lange zusammengehalten hätte, dass es sich eben grad doch nicht ausgeht.
Es gibt keinen Zweifel, wen Wilfried mit „er“ meint. „Er“ ist auch hier aufgewachsen, ganz in der Nähe. Er und ich, wir sind im selben Ort in die Volksschule gegangen, zeitversetzt eben. Seine Eltern und meine Großeltern sind auf dem selben Friedhof begraben. Er hat die Abenteuer seiner Kindheit im selben Wald erlebt wie ich. Er wollte die Juden ausrotten und die Slawen versklaven. Und Deutschland vernichten, bevor es dem Feind in die Hände fällt.
Er ist gescheitert, als Mensch durch und durch, und mit seinen Plänen im Endeffekt auch. Wilfried bedauert das wohl. Denn in die Welt, wie sie jetzt ist, sollte man, meint er, niedliche Nichte, hin oder her, eigentlich doch keine Kinder setzen. Das Abendland ist dem Untergang geweiht. Der Islam wird uns überrollen. Dekadenz und Verfall all überall. Also keine Kinder. Guter Plan, Wilfried. Du solltest dich wirklich nicht fortpflanzen.
Wilfried, der herrlich verschrobene Wilfried – eigentlich ja Monarchist, aber zur Not tut’s auch die Diktatur. Die resolute Erika vom Geschäft, die mir manchmal die Schokolade mit den Prinzessinnenbildchen geschenkt hat, wenn ich die Mama zum Einkaufen begleitet hab – findet, dass alle Politiker am nächsten Laternenmast aufgeknüpft werden sollen. Der lustige alte Herr, dessen Hosenträger ich immer schnalzen lassen durfte, wenn mir der Papa am Sonntag ein Kracherl beim Wirt spendiert hat – war damals Sekretär des Gauleiters.
Das weiß ich doch alles. Ziemlich lange schon. Meistens kommt mir kurz die Galle hoch, wenn ich wieder einmal gezwungen bin, das zur Kenntnis zu nehmen, und dann lebe ich weiter.
Manchmal zerreißt es mir das Herz.
Es ist nicht Masochismus.
Es ist eine Tatsache.
Mein Dorf ist meine glückliche Kindheit.
Mein Dorf ist ein Nazi-Nest.
„Für Reinheit und Einheit“ – das ist das Motto der Burschenschaft, bei der Wilfrieds Neffe Mitglied ist. Ich gebe einen Dreck auf Reinheit und Einheit. Blut muss nicht rein sein.
Und ein Gefühl auch nicht.
Das Nest
Re: Das Nest
Hallo mög
Ich bin mir nicht sicher irgendwie. DAs ist ganz komisch, ich habe den Text jetzt shcon einige male gelesen und ich bin noch immer nich sicher ob er mir gefällt.
allerdings habe ich auch nicht so richtig etwas zu kritisieren.
Vielleicht, das der TExt sich für mich ein bisschen sehr nach Überlegung liest. Eine Art Gedankenstrom, eine Assotiationskette. Deshalb hatte er keine so direkte Gefühlsmäßige Wirkung auf mich. Ich würde für ihn auch nicht das Wort Geschichte verwenden, denn es passier ja nicht gerade viel (was ja nicht grundsätzlich was falsches ist)
Ach ja, du siehst ich bin nicht so direkt hilfreich, aber ich wollte ihn auch nicht so unkommentiert da stehen lassen..
Lg
Frl. Ede
Ich bin mir nicht sicher irgendwie. DAs ist ganz komisch, ich habe den Text jetzt shcon einige male gelesen und ich bin noch immer nich sicher ob er mir gefällt.
allerdings habe ich auch nicht so richtig etwas zu kritisieren.
Vielleicht, das der TExt sich für mich ein bisschen sehr nach Überlegung liest. Eine Art Gedankenstrom, eine Assotiationskette. Deshalb hatte er keine so direkte Gefühlsmäßige Wirkung auf mich. Ich würde für ihn auch nicht das Wort Geschichte verwenden, denn es passier ja nicht gerade viel (was ja nicht grundsätzlich was falsches ist)
Ach ja, du siehst ich bin nicht so direkt hilfreich, aber ich wollte ihn auch nicht so unkommentiert da stehen lassen..
Lg
Frl. Ede
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
sarah kane
Re: Das Nest
Danke auch für diesen Kommentar. (Tut mir leid, dass ich so spät erst reagiere.)
Ja, eine Geschichte ist es wirklich weniger. Es sollte eigentlich ein Essay werden, aber dann hatte ich doch keine Lust auf die Diskussion, obwohl mich das Thema sehr wohl sehr beschäftigt hat und so endet es mit Feststellungen.
lg
mög
Ja, eine Geschichte ist es wirklich weniger. Es sollte eigentlich ein Essay werden, aber dann hatte ich doch keine Lust auf die Diskussion, obwohl mich das Thema sehr wohl sehr beschäftigt hat und so endet es mit Feststellungen.
lg
mög
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)
Re: Das Nest
Boah, Mög. Du testest im Moment die schmalen Grade aus, was? Erst Wolfsbilder, jetzt Nazivergangenheit.
Und wieder schaffst Du es - fast. Schaffst es, ein Dorf zu schildern ohne, dass die Klischess stören, schaffst es in zwei Sätzen, Hitler richtig zu bewerten (Du glaubst gar nicht, was DAS für eine Leistung ist - Sebastian Haffner lächelte gewiss milde von seiner Wolke, er hat nicht umsonst gelebt), schaffst das alles... es ist nicht hoch genug anzurechnen. Vielleicht solltest Du Deine literarische Zukunft in die Grenzregionen zwischen Klischee und Tiefgründigkeit verlegen, in der die meisten anderen dauernd versagen. Du schreibst wirklich gut und mutig.
Aber: Gegen Ende wird es zu direkt, zu sehr erhobener Zeigefinger, da kippst Du dann doch einmal in die falsche Richtung. Ich würde alles von:
"Soll es doch (...)" bis "Nazi-Nest" streichen. Der Schluß ist dann wieder gut.
Und wieder schaffst Du es - fast. Schaffst es, ein Dorf zu schildern ohne, dass die Klischess stören, schaffst es in zwei Sätzen, Hitler richtig zu bewerten (Du glaubst gar nicht, was DAS für eine Leistung ist - Sebastian Haffner lächelte gewiss milde von seiner Wolke, er hat nicht umsonst gelebt), schaffst das alles... es ist nicht hoch genug anzurechnen. Vielleicht solltest Du Deine literarische Zukunft in die Grenzregionen zwischen Klischee und Tiefgründigkeit verlegen, in der die meisten anderen dauernd versagen. Du schreibst wirklich gut und mutig.
Aber: Gegen Ende wird es zu direkt, zu sehr erhobener Zeigefinger, da kippst Du dann doch einmal in die falsche Richtung. Ich würde alles von:
"Soll es doch (...)" bis "Nazi-Nest" streichen. Der Schluß ist dann wieder gut.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Re: Das Nest
Tja, ertappt. Ich bin momentan ein wenig am Standard-Themen abarbeiten. Weil ich da gerade eine Phase hatte, wo ich so viel wie möglich schreiben wollte und nicht warten wollte, bis ich die große Inspiration für _das_ neue Thema habe.
Normalerweise kann ich relativ leichten Herzens in meinem Text rumstreichen und ich bin wirklich kurz davor, das auch hier zu tun, aber es fällt mir schon ein bisschen schwerer. Erhobenen Zeigefinger kann ich natürlich auf keinen Fall brauchen, allerdings meinte ich diese beiden Absätze auch wirklich nur als nüchterne Feststellungenen. Klar kommt es auch ohne dieses plakative Aussagen raus und normalerweise bin ich immer fürs möglichst Subtile, nach dem Motto "der Leser checkt das schon". Aber diesmal wollte ich das wirklich nochmal klar und deutlich und von mir aus plump raustreichen, dick und fett, nicht für den Leser, sondern für mich.
Normalerweise kann ich relativ leichten Herzens in meinem Text rumstreichen und ich bin wirklich kurz davor, das auch hier zu tun, aber es fällt mir schon ein bisschen schwerer. Erhobenen Zeigefinger kann ich natürlich auf keinen Fall brauchen, allerdings meinte ich diese beiden Absätze auch wirklich nur als nüchterne Feststellungenen. Klar kommt es auch ohne dieses plakative Aussagen raus und normalerweise bin ich immer fürs möglichst Subtile, nach dem Motto "der Leser checkt das schon". Aber diesmal wollte ich das wirklich nochmal klar und deutlich und von mir aus plump raustreichen, dick und fett, nicht für den Leser, sondern für mich.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)
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