Die Dame mit dem Rückenstring
Ich weiß nicht, was mich damals veranlasst hat, zu dieser Reise nach Tunesien in ein Hotel niedrigster Klasse vollgestopft mit grölenden besoffenen Engländern und ehemaligen DDR-Rentner, die alle die selben Jacken trugen. Ich war mitten in der Nacht um halb vier angekommen, da das Flugzeug an dem Abflugsort Verspätung hatte. Was mich erwartete, war ein gräßlicher Bau mit kleinen Zimmern, deren Balkone bienenwabenartig die gesamte Fassade verschandelten. Ich hatte schrecklichen Durst nach dem Flug und fand nur eine Flasche Rotwein auf dem Zimmer. Das Wasser aus dem Hahn war, wie man mir gesagt hatte, nicht trinkbar. Was blieb mir anderes übrig, als die Flasche zu öffnen? Ein schrecklicher Fussel, der wahrscheinlich die übelsten Kopfschmerzen am nächsten Tag verursachen würde. Zu dem Wein schälte ich mir eine Apfelsine, um den Durst zu stillen. Ich war mir sicher, am nächsten Tag, hätte ich Durchfall.
Ich erwachte um 9.00 Uhr mit einem dröhnenden Schädel. Da ich das Frühstück nicht verpassen wollte, stand ich auf. Im Frühstücksraum war ein Lärm, der mich in den Boden drückte. Die Kellner zogen einem kaum, daß man fertig war, die Teller unter der Kinnlade weg und warfen sie unsanft auf einen der vielen Servierwägen, die im gesamten Raum verteilt waren. Ich stieß ständig gegen dicke Leiber beim Essen- und Trinkenholen. Wie benebelt saß ich unter meiner Dunstglocke und konnte das Geschehen um mich nicht fassen. Als ob die gesamte Unterschicht aus ganz Europa gequetscht in diesen einzigen Frühstücksraum worden wäre. Ich stöhnte und heute war zudem auch noch Silvester. Wo sollte ich bloß diesen Abend verbringen? Mit einem Eisbeutel auf dem Kopf legte ich mich wieder schlafen.
Nach drei Stunden Dämmer zog ich doch los, um die Hotellandschaft zu erkunden. Ich stieß auf ein kleines Lokal neben dem großen Speisesaal und studierte die Karte für heute Abend. Immerhin ein Menü, das nicht schlecht klang. Ich reservierte für eine Person und strolchte in Richtung Strand. An der Bar dort trank ich einen schlechten Weißwein aus einem Plastikbecher. Nichteinmal richtige Gläser gab es hier! Vor mir lagen Horden von Menschen mit Plastikbändern um den Arm. Das waren die All-Inklusive-Gäste. Für sie gab es hier alles umsonst und demenstprechend tranken sie auch. Bestimmt lagen sie mittags schon vollgedröhnt in der tunesischen Wintersonne, die Bildzeitung lesend. Ich setzte mich von ihnen abseits direkt ans Meer und begann in meinem Proust zu lesen. Immer wieder zog eine Wolke durch die Sonne und Wind kam auf. Nicht gerade die gemütlichste Stellung, um sich auf die komplizierten Sätze von Proust zu konzentrieren. Ich schweifte auch immer wieder von dem Sinnzusammenhang ab und machte mir seltsame Gedanken. Was hatte mich bewogen hierher zu fahren? Es mußte doch eine Bestimmung geben. Ich war seit fünf Jahren ohne Beziehung und dies war das erste Mal seit damals, daß ich wieder auf Reisen war. Das erste Mal alleine. All die Jahre ohne ihn, war es mir nicht eingefallen zu verreisen. Wie betäubt saß ich während den Ferienzeiten in meiner Wohnung am Fenster und schaute auf die Straße oder las. Eine Fünfzigjährige mit langsam ergrauendem Haar wie eingekerkert zwischen ihren Büchern, die sie nicht loslassen konnte. Er war nach einem kurzen Leiden plötzlich an einer Lungenentzündung gestorben. Manchmal noch schrak ich selbst aus einem Traum auf, in dem ich erstickt war.
Ich machte mich für das Abendessen fertig. Bedächtig zog ich das alte schwarze Jacket heraus, das ich immer bei besonderen Anlässen, zu denen wir eingeladen waren, getragen hatte. Die Jeans behielt ich an. Wir hatten es immer so gehalten, auch wenn es feierlicher zuging. Jacket und Jeans. Darin waren wir uns immer einig gewesen. Salopp angezogen, aber mit Eleganz gemischt. Ich betrachtete im Spiegel mein kurz geschnittenes Haar. Ich hatte es mir vor der Abreise kurz schneiden lassen, so als ob ich mich von den Sorgen der letzten Jahre entledigen wollte. Es war das erstemal nach zwanzig Jahren, daß ich das Haar so kurz trug und ich konnte mich im Spiegel immer noch nicht daran gewöhnen.
Das Restaurant war schon voller Gäste, als ich meinen Tisch einnahm. Ich schaute mich um und bemerkte ich, daß ich die Einzige war, die alleine an einem Tisch saß. Während ich so saß, schien der Tisch sich zu drehen, da dieses Alleinesein in mein Bewußtsein sickerte. Der Moment war nur kurz und ich fing mich wieder. Der erste Gang war schon aufgetragen und ich hatte endlich etwas zu tun. Ich schaute kurz von meinem Teller auf. Mein Blick fiel auf einen nackten Rücken. Nur ein einziger silbriger Faden folgte dem Rückrat. Darüber halblanges leicht ergrautes Haar. Daneben ein weißes Hemd, leger ohne Krawatte. Ein bißchen zu wenig zugeknöpft. Darüber weißes Haar, das meinem verstorbenen Mann glich. Schnell wandte ich den Blick wieder dem Teller zu. Ich wollte das nicht sehen. Ich wollte ihn nicht sehen. Ich kaute auf dem Lachscarapccio wie auf einem Kaugummi herum. Ich konnte kaum mehr einem Bissen herunterbekommen, als ich noch einen Blick wagte. Vielleicht war er ja Literaturprofessor oder wühlte in Altertümern wie mein Exmann? Er sah ihm so ähnlich, daß ich den Drang fühlte, aufzustehen und ihn zu begrüßen wie einen alten Bekannten. Die Dame mit dem Rückenstring wandte jetzt ihm den Kopf zu und ich war enttäuscht von ihrem Profil. Sie hatte eine entsetzliche Hackennase und trug eine Brille. Was hatte er sich denn für einen Frau gesucht? Ich konnte es kaum glauben. Das Carpaccio wurde abgetragen. Im Augenwinkel sah ich, daß es als nächstes Zitronensorbet geben würde. Viele kleine aufgeschlitzte Zitronen ruhten auf dem Tisch der Kellner. Ich nahm nur drei Bissen von dem Sorbet und ließ den Rest zurückgehen, damit ich ihn konzentrierter beobachten konnte. Aber er war es doch! Die gesamte Mimik, die Gestik. Das konnte nur er sein! Aber er war doch tot! Die Röte schoß mir ins Gesicht über diesen Gedanken. Ich stellte mir vor, wie ich aufstehen, mich zu ihm setzen und seine Hand nehmen würde. Ganz belanglos und ihn dann fragen: Wo warst du nur all die Jahre? Ich habe es kaum ausgehalten ohne dich! Das Rinderfilet lag schon auf meinem Teller und diesmal biß ich kräftig hinein. Es war so, als ob mir sein Anblick alle Kräfte geraubt hätte und ich diese plötzliche Hungerattacke nur mit rohem Fleisch tilgen konnte. Da drehte er sich um und sah mich an, mir direkt ins Gesicht. Beklommen ließ ich meine Augen auf dem Fleisch liegen. Er hatte mich angelächelt! Mich! Die Dame mit dem Rückenstring ließ ihr Fleisch zurückgehen und erhob sich. Sie hatte einen ausladenden fetten Hintern. Auch das noch! Wie konnte man sich mit solch einer Figur in so ein Kleid pressen? So als ob ich mich für sie schämen würde, errötete ich erneut. Und wieder schaute er zu mir hinüber. Diesmal wagte ich ein verhaltenes Lächeln. Er machte Anstalten aufzustehen. Die Dame mit dem Rückenstring war auf der Toilette. Er kam auf mich zu mit dem bezauberndsten Lächeln auf den Lippen, richtig spitzbübisch unter dem weißen Haar.
„Darf ich mich setzen?“ Ich stotterte verdattert und presste dann ein „Ja“ heraus.
„Sie gefallen mir mit Ihrem rasanten Haarschnitt. Ich möchte Sie kennenlernen.“
„Und was ist mit Ihrer Frau?“
„Meine Frau?“
„Sie ist doch gerade auf der Toilette.“
„Achso, das ist meine Schwester.“ Er lachte wieder so nett und mir schmolz das Herz hinweg.
„Ich dachte, ich kenne Sie. Sie sehen meinem verstorbenen Mann so ähnlich.“
„Aber ich bin es nicht.“
„Naja, egal.“ Ich errötete wieder über diesem Geständnis meinerseits.
„Was machen Sie an diesem gottverdammten Ort?“
„Das müßte ich Sie eigentlich fragen.“
„Das erste Mal, das ich so eine Pauschalreise gebucht habe. Einfach gräßlich!“
„Das erste Mal, daß ich nach fünf Jahren eine Reise wage. Ich dachte schon, es wäre der totale Reinfall.“
Am nächsten Morgen tastete ich wie immer neben mich und fand keine leere Seite. Mein Mann schlief neben mir. Ich hatte ihn nur fünf Jahre nicht gesehen. Ich betrachtete ihn, während er tief atmete. Wie seit langem hatten wir keinen Sex mehr, hatten uns eng aneinander gekuschelt und spitz auf den Mund geküsst. Das war alles. Ich lächelte seelig.
Mittags bei einem Glas Wein aus den Plastikbechern beobachteten wir zwei weiße Hunde, wie sie mit dem Weiß des Sandes verschmolzen.
Die Dame mit dem Rückenstring
Re: Die Dame mit dem Rückenstring
Hallo Patina,
für meine Begriffe leitest du deine Kurzgeschichte sehr abrupt in den Schlussteil über. Der Übergang sollte fliessend sein. Ausserdem ist die Pointe sehr schwach herausgearbeitet und nicht mit dem Titel der Geschichte abgestimmt.
Aus den dargelegten Gründen erlaube ich mir kein Gesamturteil über deine Geschichte.
Herzliche Grüsse
Halil
für meine Begriffe leitest du deine Kurzgeschichte sehr abrupt in den Schlussteil über. Der Übergang sollte fliessend sein. Ausserdem ist die Pointe sehr schwach herausgearbeitet und nicht mit dem Titel der Geschichte abgestimmt.
Aus den dargelegten Gründen erlaube ich mir kein Gesamturteil über deine Geschichte.
Herzliche Grüsse
Halil
Re: Die Dame mit dem Rückenstring
servus patina -
ich muss ehrlich sagen, dass ich den text -wenn nicht du als autor und die kenntnis von "dixie chicks" her bereits erwartungshaltungen geweckt hätten- wahrscheinlich nicht fertig gelesen hätte.
die drei intro-worte "ich weiß nicht" reizen mich als leser eigentlich nicht zum weiterlesen. entweder will ich bei einer kurzgeschichte so rasch wie möglich in einen handlungsstrang verstrickt werden oder von anfang an das gefühl haben, etwas zu lesen, von dem der autor eine ihm eigene sichtweise und dazu neues zu sagen hat.
ich finde auch den aufbau über eine allgemein bekannte beschreibung eines low-budget-all-inklusive-hotels mit allen bei der buchung eines solchen in kauf genommenen mängeln und gästespektren nicht glücklich gewählt, um daraus die wahrscheinlich eigentlich wichtige restaurantszene mit dem morgenszenarium danach zu entwickeln.
ich bin daher auch nicht bereit, eine beurteilung abzugeben oder i-tüpfle-mäßig auf rechtschreibfehlern rumzureiten, da -wie ich meine- bis jetzt keine klaren strukturen zu erkennen sind. so, wie sich mir das werk bis jetzt darstellt, sagt es mir bestimmt nicht das, was du wahrscheinlich damit ausdrücken wolltest - sorry.
kasparov
ich muss ehrlich sagen, dass ich den text -wenn nicht du als autor und die kenntnis von "dixie chicks" her bereits erwartungshaltungen geweckt hätten- wahrscheinlich nicht fertig gelesen hätte.
die drei intro-worte "ich weiß nicht" reizen mich als leser eigentlich nicht zum weiterlesen. entweder will ich bei einer kurzgeschichte so rasch wie möglich in einen handlungsstrang verstrickt werden oder von anfang an das gefühl haben, etwas zu lesen, von dem der autor eine ihm eigene sichtweise und dazu neues zu sagen hat.
ich finde auch den aufbau über eine allgemein bekannte beschreibung eines low-budget-all-inklusive-hotels mit allen bei der buchung eines solchen in kauf genommenen mängeln und gästespektren nicht glücklich gewählt, um daraus die wahrscheinlich eigentlich wichtige restaurantszene mit dem morgenszenarium danach zu entwickeln.
ich bin daher auch nicht bereit, eine beurteilung abzugeben oder i-tüpfle-mäßig auf rechtschreibfehlern rumzureiten, da -wie ich meine- bis jetzt keine klaren strukturen zu erkennen sind. so, wie sich mir das werk bis jetzt darstellt, sagt es mir bestimmt nicht das, was du wahrscheinlich damit ausdrücken wolltest - sorry.
kasparov
„To hell with circumstances; I create opportunities.“ – Bruce Lee
Re: Die Dame mit dem Rückenstring
tja schade, einige leute fanden den text richtig gut, andere haben ihn total verrissen. wie immer ecke ich überall an. woran das wohl liegt? 
Re: Die Dame mit dem Rückenstring
am leser natürlich
scherzerl beiseite - keine ahnung ...
andererseits gibt es briefe, die sich ihre empfänger selbst aussuchen. anecken ist immer besser wie verstecken - logins in der warteschleife eine wahrscheinlich auch dich nicht wirklich befriedigende kompromisslösung.
also patina -attackeeeeeeee!!! überrasche uns und dich selbst am meisten. gutes hat ecken und kanten und du davon mehr, als dir vielleicht lieb und wert ist
.... für eine oft schweigende mehrheit dafür worte zu haben, learning by doing.
scherzerl beiseite - keine ahnung ...
andererseits gibt es briefe, die sich ihre empfänger selbst aussuchen. anecken ist immer besser wie verstecken - logins in der warteschleife eine wahrscheinlich auch dich nicht wirklich befriedigende kompromisslösung.
also patina -attackeeeeeeee!!! überrasche uns und dich selbst am meisten. gutes hat ecken und kanten und du davon mehr, als dir vielleicht lieb und wert ist
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