im minenfeld

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
Perry
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im minenfeld

Beitragvon Perry » 11.09.2009, 18:49

wir laufen auf spitzen, springen wie böcke,
verharren wie geckos vor dem stolperdraht.
wir kriechen auf vieren, winden uns schlangen-
gleich, schnüffeln wie riesenratten nach
tretminen (die erhalten zur belohnung bananen).

wir stochern da, sticheln dort, pusten vorsichtig
staub von zündern, bis wir hochschrecken,
wenn nachts eine mücke im mozitrap knallt.
weigern uns schließlich weiterzusuchen, bis
der regierungsbeamte den neuen scheck bringt,

der irgendwie nach banane riecht.

hginsomnia
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Re: im minenfeld

Beitragvon hginsomnia » 13.09.2009, 06:15

Hallo Perry,

Ich sehe in deinem Gedicht durchaus vielversprechende Ansätze. Gerade deshalb möchte ich mit dem beginnen, was mir überhaupt nicht gefällt.

Was gestrichen werden sollte:

Perry hat geschrieben:(die erhalten zur belohnung bananen)


Perry hat geschrieben:bis
der regierungsbeamte den neuen scheck bringt,


Perry hat geschrieben:der irgendwie nach banane riecht.


Warum?

Diese Zeilen erklären natürlich alles, aber Erklärung ist nicht immer gut. Hier wirkt sie, als würdest du schreiben: "Achtung, alle aufgepasst, ich vergleiche jetzt." Mit diesen Textstellen wird dem Leser alles aufs Auge gedrückt, jeglicher Spielraum, jegliche Möglichkeit der Interpretation wird genommen. Außerdem wird das Gedicht deswegen eine Lehrformel, mit Betonung auf 'Leer', nach dem Motto: "Ach ja, unser Leben - was tun wir nicht alles des schnöden Mammons wegen."

Was verändert werden sollte:

Perry hat geschrieben:weigern uns schließlich weiterzusuchen


Warum?

Diese Textstelle ist semantisch zu nahe an der Oberfläche. Ich habe jetzt gerade keine konkrete Alternative parat, die den gleichen Sinn (im Übertragenen) liefert, aber du solltest meiner Meinung nach keine Probleme haben, hier eine im Tier- und / oder Minenfeldbereich zu finden.

Dann solltest du teilweise das Versmaß ändern. Hier komme ich nämlich zu dem, was mir gut gefällt:

Das Versmaß des 1. und das des 2. Verses der 1. Strophe gefällt mir ausgesprochen gut, weil es den Text rhythmisch gestaltet. Im 3. Vers nimmst du das Versmaß des 1. wieder auf, was ich ebenfalls gut finde. Leider verliert es sich danach. Es wäre gar nicht so schwer, einen runden Vierzeiler (,für den ich nach dem Streichen des 5. Verses ja plädiere,) zu gestalten. Ich gebe dir hier mal ein Beispiel, wie dieser aussehen könnte:

"wir laufen auf spitzen, springen wie böcke,
verharren wie geckos vor dem stolperdraht.
wir kriechen auf vieren, winden uns schlänglich,
beschnüffeln wie riesenratten minenland."

Kleine Anmerkung:
Wittern Geckos Fallen?
Ich weiß es nicht, in Bio hab' ich immer gepennt :-o .
Es muss aber so sein, wenn der Vergleich funktionieren soll (- heißt natürlich nicht, dass sie konkret vor Stolperdrähten verharren müssen, aber die Fähigkeit des Erkennens von Fallen sollten sie schon haben. Das weißt du sicher besser als ich; wie gesagt, da habe ich keine Ahnung).

Zurück zum Versmaß: In der 2. Strophe verliert es sich doch sehr, obwohl du es bis "... sticheln dort" noch parallel zur 1. Strophe führst. Mit etwas Überarbeitung könntest du hier für den 1. und 3., sowie für den 2. und 4. Vers ein einheitliches Versmaß einführen, welches nicht notwendigerweise identisch mit der ersten Strophe sein muss, aber die Spiegelung doch enthalten sollte.

lg
hginsomnia

Perry
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Re: im minenfeld

Beitragvon Perry » 13.09.2009, 16:47

Hallo hginsomnia,
freut mich, dass du auch diesen Text so ausführlich analysiert hast.
Um uns eventuelle künftige Besprechungenn zu erleichtern, ich arbeite bei meinen Texten nicht (bewusst) mit Versmaß oder sonstigen formalen Vorgaben. Bei mir entwickeln sich die Bilder frei nach meinem eigenen inneren Sprechrhythmus.
Wenn du die Andeutung "(die erhalten zur Belohnung Bananen)" weglässt, raubst du dem Text die gesamte Ironie, die gerade in dem Vergleich der Riesenratten und der Minensucher liegt. Dass dir das zu offensichtlich vorkommt kann ich nicht ändern, aber ich will hier nicht nur beschreiben sondern auch satirisch hinterfragen.
Geckos sind dafür bekannt, lange stillstehen zu können und genau auf diese Eigenschaft kam es mir hier an.
Riesenratten werden tatsächlich zum Minenaufspüren eingesetzt und erhalten dafür Bananen.
"weigern uns schließlich weiterzusuchen" ist die zusammenfassende Aussage der nervlichen Anspannung ständig mit dem Tod konfrontriert zu sein, dafür gibt es keinen Tiervergleich. Dass sie sich durch Geld doch zum Weitermachen überreden lassen, zeigt wie "krank" unsere Gesellschaft ist.
Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig aufzeigen wie ich ticke. ;-)
LG
Perry

hginsomnia
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Re: im minenfeld

Beitragvon hginsomnia » 14.09.2009, 14:11

Hallo Perry,

habe kurz Zeit. Nur soviel:

Perry hat geschrieben:Um uns eventuelle künftige Besprechungenn zu erleichtern, ich arbeite bei meinen Texten nicht (bewusst) mit Versmaß oder sonstigen formalen Vorgaben. Bei mir entwickeln sich die Bilder frei nach meinem eigenen inneren Sprechrhythmus


Das war mir schon klar. Als Leser ist es mir aber egal, wie du einen Text erstellst. Es kommt mir aufs Ergebnis an. Bei diesem Text ist nunmahl das Versmaß, wenn auch zufällig vorhanden, dominant. Ich denke, ich habe klar gemacht, warum es hier eine Rolle spielen sollte.

Perry hat geschrieben:Wenn du die Andeutung "(die erhalten zur Belohnung Bananen)" weglässt, raubst du dem Text die gesamte Ironie, die gerade in dem Vergleich der Riesenratten und der Minensucher liegt


Nein, die Ironie liegt im Vergleich selbst. Du solltest zumindest über einen Kompromiss nachdenken, denn sonst hinterfragst du nicht satirisch, sondern gibst alles vor (siehe anderer Kommentar).

lg
hginsomnia

Perry
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Re: im minenfeld

Beitragvon Perry » 14.09.2009, 23:09

Hallo hginsomnia,
bei Satire ist es im Gegensatz zu Metaphern meiner Meinung nach notwendig, dem Leser eine gewisse Vorgabe zumachen, damit die Pointe auch wirkt. Ich sehe im Moment noch keinen Weg, wie ich hier mit weniger auskommen soll. Aber ich werde gern mit etwas Abstand noch einmal daran gehen.
Danke und LG
Perry


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