Die Bitte um Verrisse

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Hamburger
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Die Bitte um Verrisse

Beitragvon Hamburger » 24.07.2003, 23:00

Hier spricht Irgendwer. Und irgendwer hat furchtbare Angst. Die Pillen haben noch nicht geholfen und er schafft es nicht, positiv zu denken. Er bemueht sich, aber es geht nicht. Schade, dass du nicht da bist, um ihn zu troesten.

Irgendwer hat Angst. Alle kennen seine Sprueche. Alle wissen, wie sehr er sich bald veraendern wird. Alle laecheln freundlich, wenn er davon spricht. Und die 10.000 Entwuerfe seiner Selbst, die haben nur dazu gefuehrt, dass er nicht mehr weiss, wer er ist. Er weiss, dass er dich liebt und mit diesem Wissen hoert sein Leben schon fast auf. Irgendwer hat sich auf die Suche begeben. Er will herausfinden, wer er ist. Ist er ein Held, ein Kaempfer, einer, der durchs Feuer geht? Warum dann aber diese schrecklichen Gedanken, jede Krankheit wuerde ewig bleiben? Warum dann diese mangelnde Faehigkeit positiv zu denken? Warum dann der mangelnde Glaube an sich selbst?

Irgendwer ueberlegt weiter. Ist er ein Feigling, ein Schwaechling, einer, der immer gleich aufgibt? Wie hat er dann seine Reise bewaeltigt? Wie hat er immer wieder die Kraft zu Neuanfaengen gefunden? (Aber warum brach er sie ab?

Wer ist Irgendwer? Er weiss es nicht mehr. "Alles, was du mit 23 erreicht haben musst, ist, du selbst zu sein?", heisst es in seinem Lieblingsfilm. Aber Irgendwer ist nicht er selbst. Irgendwer ist jeden Abend und jeden Morgen und jeden Mittag ein anderer. Irgendwer ist ein Schauspieler. Er ist der, der sich jeden Sprung als letzte Hintertuer offen laesst und der, der allen zeigt, wie wenig ihm sein Leib ausmacht. Er ist der, der heulend Trost im Fress-Flash sucht und der, der versucht sich selbst anzunehmen. Er verachtet sich so oft und hat doch genug Kraft zu bleiben, nicht wissend, warum er eigentlich bliebt, nicht an eine Wende glaubend, von der er weiss, dass nur er sie einlaeuten kann. Und manchmal, da martern ihn Gedanken. Sie gehen ganz tief und drohen sein Herz zu zersprengen. Dann kommen die Bilder wieder hoch, wie er sie mehr als einmal im Stich liess und er denkt an ihren traurigen, tiefen Blick, als er ging. Er denkt dann, wie sehr er sie getroffen haben muss und dass keine Entschuldigung der Welt das wieder gut machen kann. Dann denkt er, er solle sich damit nicht aufhalten. Er solle das vergessen, sich der Zukunft zuwenden. Doch weiter steigen die Bilder in ihm auf, zum Beispiel das Bild einer ganzen Klasse, die einen Sprechchor auf ihn schiessen. Er vergisst es nicht mehr. Es hat sich eingebrannt und es lenkt ihn.

Dann gibt es wieder Tage, da moechte er die Welt umarmen, so wenn sie ihn anlaechelt oder wenn er ihr etwas Gutes tun kann. Aber diese Tage werden seltener. Er wurde immer gereizter in letzter Zeit und denkt: Warum habe ich sie, die Unschuld, angeschrien? Dann denkt er: Gott, lass es noch einmal irgendwann vorher sein - ich mache alles anders!

Eine Sekunde spaeter der Gedanke: Was labberst du denn? Nichts wuerdest du anders machen.

Irgendwer hat sich gesucht und immer noch nicht gefunden. Er hat seinen Kern nicht entdeckt, er kann seine Widersprueche nicht aufloesen. Er freut sich darueber, dich, die Unschuld zu besitzen. Wo er doch glaubt so schuldig an allem zu sein. Wenigstens etwas Unschuldiges besitzt er.

Dann legt er wieder los und sagt: Wenn ich mich schon nicht finde, dann muss ich den spielen, der ich gerne waere. Und er versucht seinen Traum zu verwirklichen. Eine Traumfigur abzugeben, seine Unbefangenheit, seine Zufriedenheit zu finden. Doch kurz darauf versinkt alles wieder in einer Pizzabestellung. Er glaubt sich selbt kein Wort mehr. Er ist vor sich selbst der groesste Luegner. So oft hat er sich angelogen, dass er jeden seiner Saetze ueberprueft: Fuehle ich wirklich so? Habe ich die Wahrheit gesagt?

Manchmal treibt ihn der Wahn um und er erhofft sich Hilfe, gar Rettung von anderer Seite. Doch er fuehlt: Das ist unmoeglich. Er weiss: Sie wird mich akzeptieren, wie ich bin. Sie wird mich lieben wie ich bin. Und: Ich werde das hassen, was sie liebt. Ausserdem: Ich war noch nie zufrieden mit mir.

Dann versucht er krampfhaft zufrieden zu sein und ist zwei Tage gluecklich. Er treibt auf das Ende seiner Wissenschaft zu, ohne Plan B in der Tasche, ohne jedes Konzept. Und er weiss, er wird immer ueberleben. Irgendwas findet sich immer. Das ist sein Unglueck: Irgendwas findet sich immer. Es wird immer weitergehen. Nichts durchbricht die Gewissheit, dass es immer weitergeht. Keine Erfahrung laesst die Moeglichkeit real erscheinen, dass der Abgrund naht. Es ist alles eingerichtet dafuer, sich auf ewig im Schlamm einzurichten. Ab und zu kommen Menschen vorbei und werfen einen Blick in seine Behausung:"Nett hast du's hier", heisst es dann, oder:"Bist ein bodenstaendiger Mensch. Bist immer auf dem Boden der Tatsachen geblieben." Oder:"Wir lieben deine Natuerlichkeit."

Dann packt ihn die Wut. Entweder siegt in solchen Momenten die Reife und er laechelt nachsichtig, verweist stolz auf den Dreckspiegel, der einen Milimeter abgesunken ist und denkt:"Wartet nur, warte nur."

Oder die Wut ist staerker und er schlagt um sich, verurteilt alle und alles, erzaehlt was er alles anders macht, wenn man erst auf sein Wort hoert. Enttaeuscht erntet er dann Zustimmung. Nichts ist ihm verhasster als Zustimmung. Er saugt die Zustimmung auf wie einen Schwamm und spuelt sie in's Abwasser. Da, wo sie hingehoert. Dann komplementiert er alle Besucher hinaus und troestet sich damit, sich schon veraendert zu haben. Er weiss, dass diese Saetze stimmen: Ich habe mich veraendert. Frueher war alles schlimmer.

Und er schuettelt den Matsch aus seinen Kleidern und betauebt sich mit 2 Tagen gluecklich.
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gelbsucht
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Re: Die Bitte um Verrisse

Beitragvon gelbsucht » 28.07.2003, 23:32

Hallo Hamburger,

zuerst sei dir gesagt: Verrisse gibt es nicht auf Bestellung. Man muss sie sich verdienen und du hast dir einen Veriss nicht verdient. Nein, der Text gefällt mir. Er hat mich berührt. Auch, wenn er – wie ich mit gutem Grund vermuten darf – sehr tief mit deinem Leben verwurzelt ist, so liegt die eigentlich Bedeutung des Textes (für mich) in dem Licht bzw. dem Schatten, die er auf mein eigenes Leben wirft.

Die Sache hat allerdings einen Haken: ich weiß eine ganze Menge über die Hintergründe, mir sind viele der Themen, die in deinem Text zur Sprache kommen oder nur angerissen werden, vertraut. Deswegen frage ich mich, wie dieser Text auf jemanden wirkt, der dich und deine Konflikte nicht so gut kennt? Diese Frage kann ich natürlich nicht beantworten. Ich finde die Rigorosität und die schonungslose Ehrlichkeit, mit der du hier einen Einblick in deine Gefühlswelt und in dein Leben gibst, beeindruckend. Allerdings frage ich mich auch, was diesen Text von einem bloßen Tagebucheintrag unterscheidet? An der ein oder andern Stelle stellte sich mir dann auch die Frage: Warum erzählt er uns das jetzt? Sollte das nicht stärker geläutert werden, sollte das nicht etwas weniger subjektiv und chiffriert sein? Ich kann das nicht beantworten, da mir wiederum die nötige Distanz zum Text fehlt.

Ich denke, was dem Text vor allem fehlt, ist eine Struktur. Das ist alles sehr chaotisch, ein Stimmungsbild, eine Momentaufnahme, ein Wirbel von Gedanken, ein Tanz um die eigene Achse. Ich sehe hier keine Handlung, keine Entwicklung, keine Auflösung. Du rollst dir ein paar Steine von der Seele. Da liegen sie jetzt. Der eine oder der andere bekleckert mit etwas Selbstmitleid. Wenn es hochkommt, fühlt man sich an eigene Konflikte erinnert. Jede Menge Fragen purzeln uns vor die Füße. Peinlich berührte, betreten oder ratlos dreinblickende Gesichter bleiben zurück. Was ist also die Intention dieses Textes? Was leistet er, was ein Tagebucheintrag nicht hätte auch leisten können?

Diese kritischen Gedanken sollten dich aber nicht dazu verführen, zu glauben, der Text sei schlecht und dies sei eigentlich ein Verriss. Auf so engem sprachlichen Raum so viel bedeutsamen Inhalt unterzubringen, halte ich für die eigentliche und bewundernswerte Leistung, die du hier vollbracht hast.

Respekt! :ja:

Hätte ja fast der erste Beitrag zum Wettbewerb "Große Erwartungen" sein können! Wenn du nicht ein Mitglied der Jury wärest - ebenso wie ich.

;-) gelbe grüße :-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

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Re: Die Bitte um Verrisse

Beitragvon Hamburger » 07.08.2003, 12:08

Hallo gelbsucht!

Danke erst einmal für deine Antwort. Deiner Kritik kann ich mich anschliessen. Dennoch: Der Text ist nun zwei Wochen alt und hat seinen Zweck erfüllt. Es ging tatsächlich darum, sich ein paar Steine von der Seele zu rollen. Aber es sollte öffentlich vonstatten gehen.
Aus zwei Gründen:

1. Ein Tagebucheintrag gerät mir meistens immer noch selbstmitleidiger als ein Forumstext.

2. Ich wollte mich zum letzten Mal für lange Zeit schriftlich mit den darin angesprochenen Problemen in dieser Form auseinandersetzen. Gleich am Tag danach habe ich begonnen zu handeln. Endlich zu handeln. Und irgendwie ist es motivierend, dachte ich mir, dass du immer wenn du bei O livro in Gedichtforum reinschaust wissen wirst, wann du angefangen hast zu handeln.

Das ist auch ein Grund, warum man diesen Text zerreissen könnte. Er erfüllt vor allem einen Selbstzweck. Über die positiven Bemerkungen war ich zwar eher überrascht, doch sie haben mir dennoch Auftrieb gegeben.

MFG,

Hamburger
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Re: Die Bitte um Verrisse

Beitragvon razorback » 07.08.2003, 12:39

Hallo Hamburger!

Ich habe gelbsuchts Antwort bis zu dem Punkt "ich weiss eine Menge über die Hintergründe" gelesen und dann nicht weiter (auch Deinen Kommentar nicht), da ich nichts über irgendwelche Hintergründe weiss und mir diese Perspektive (die übliche Leserperspektive) nicht verderben will. Entschuldige also bitte, wenn ich etwas ausführe, was schon gesagt worden ist.

Jeder einzelne Absatz dieses Textes ist gut, manche sind geradezu grossartig in ihrer Präzision, Tiefe und Klarheit. Dei Stil ist entsprechend, jeder einzelne Absatz ist nachfühlbar und bedenkenswert.

Ich betone "jeder einzelne Absatz" so, weil sie in der Kombination stark verlieren. Gerade weil sie für sich jeder so viel Tiefe haben, überfordert die Masse (mich zumindest). Ich kann keine Struktur und oftmals kaum einen Zusammenhang erkennen. Daher vergesse ich beim Lesen und Bedenken von Absatz Z schon wieder, was in Absatz X stand, was natürlich zum Eindruck der Zusammenhanglosigkeit noch beiträgt.

Wenn ausser mir niemand dieses Problem hat, wird es an mir liegen und sollte Dich nicht weiter stören. Wenn aber andere Leser ähnliche Probleme haben, würde ich äussere Strukturelemente einführen. Überschriften, Zwischensätze, solche Dinge. Nicht viel Änderung am eigentlichen Text, der ist, wie gesagt, Absatz für Absatz gelungen!

Lobloblob!!!
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You


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