Ich schulde Euch noch die beim Treffen versprochene Bundewehrgeschichte. Na dann:
Kreativität
Es muss im Frühling gewesen sein. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich wüsste noch, wann es genau war. Ich erinnere, dass der Tag warm war, aber nicht heiss. Auf den Fotos tragen wir alle Kampfanzugjacken mit aufgerollten Ärmeln, keine Parkas. Im späten Frühling und im Sommer durfte ich nicht mehr unschuldig durch den Wald rödeln, sondern musste wichtige Sachen machen. Wichtige Sachen existieren in Abkürzungen, dort zumindest, also war ich SanKurier, UvD, StOvWa-Fahrer und ähnliches mehr. Schwamm drüber. Es muss also Anfang Frühling gewesen sein, sagen wir März, und die Sicherheitsgefährdendenkräfte, die schon in unserer Grundausbildung dauernd die Heide hinter Harburg unsicher gemacht hatten, waren wieder da. Oh – ich merke, für Leute, die sich an den Sezessionskrieg 1990/91 nicht mehr erinnern, muss ich eine Geschichtsstunde einschieben. Ich mache es so kurz wie möglich, also:
Ende der 80er Jahre kam den Armeen des westlichen Bündnisses kurzzeitig der Feind abhanden. Schon 1990 erbot sich ein onkelhaft aussehender Mann mit einem dicken Schnauzbart, die Rolle zu übernehmen und auch auf dem Balkan braute sich schon einiges zusammen. Kaum jemand aber ahnte, was sich da wirklich zusammenbraute und was den Schnauzbärtigen betraf, so war er in die Planung der Bundeswehr noch nicht eingegangen. Zu weit weg, zu heiss, zu gefährlich. Die Planung hatte bis 1989 etwa so ausgesehen:
„Der Ivan kommt über’n Hügel, und dann druff!“
Dass der Ivan statt dessen nichtmal mehr den Hügel hatte haben wollen, war eine blöde Panne gewesen, denn von nun an konnte der Feind nicht mehr das tun, was er bis dato jahrzehntelang zuverlässig getan hatte: Rotland heissen und von Osten über’n Hügel kommen. Und so kam es zum Sezessionskrieg: Plötzlich kam der Feind ständig von Süden (Orangeland). Das konnte nur eines bedeuten: Die Bayern hatten sich erhoben. Vielleicht zusammen mit den Hessen. Von Norden fiel gleichzeitig Rosaland ein – das konnten nur die Dänen sein, in alter Wikingertradition. Ich sage mit einer gewissen Genugtuung, dass ich bei den beiden entscheidenden Schlachten dabei war: Als wir den Südstaatlern in Niedersachsen ihr Gettysburg bereiteten, gab Funker Razorback die entscheidenden Befehle weiter (und ermahnte einen Wuppertaler Grünschnabel zu Funkdisziplin, der sich das ganze mit einem Atomschlag ziemlich einfach machen wollte), bei der Abwehr der normannischen Horden auf Fehmarn fuhr Fahrer Razorback kreuz und quer über die Insel und äh... rettete so die freie Welt.
Blieben die Sicherheitsgefährdendenkräfte. Wir erfuhren nie, wer sie waren, bayerische Partisanen, Hafenstraßenbewohner (die seinerzeit in den Wahnvorstellungen vieler Unteroffiziere eine ähnliche Rolle spielten wie das FBI in denen amerikanischer Milizionäre) oder doch die fünfte Kolonne der Dänen. Jedenfalls taten sie ständig Dinge von bedrohlicher Sinnlosigkeit. Meistens infiltrierten sie die Heide und nötigten uns, draussen zu campen, um ein Munitionsdepot zu bewachen, welches Tag und Nacht von einer Wachmannschaft bewacht wurde. Doppelt hält besser. Einmal verminten die Schlauberger die Straße zur Kaserne und zwangen uns so, durch den benachbarten Sumpf zu waten. Mein persönlicher Kampfwert wurde dadurch allerdings stark gehoben, da eine Horde Ameisen, die die Innenseite meiner Hose geentert hatte, jämmerlich ersoff. Leider zeigte sich keine Sicherheitsgefährdendekraft, die ich, so dem Leben zurückgegeben, Mores hätte lehren können.
Und dann kam dieser Frühlingstag, die Sicherheitsgefährdendenkräfte holten zum letzten und härtesten Schlag aus – sie fuhren durch den Wald. Also hiess es für den Fernmeldezug des ruhmreichen ältesten Flugabwehrregimentes des Heeres: Sperre bauen! Das ganze lief unter dem Titel „Pionierausbildung“. Ich allerdings musste den ganzen Vormittag Material und Vorgesetzte spazieren fahren und bekam so den wichtigsten Teil der Ausbildung nicht mit. Als ich zu den Kameraden stiess, machten die gerade Mittagspause. Ich fand sie in einem lichten Wäldchen, das durch einen breiten Weg von einem dichteren, dunklen Waldstück getrennt wurde. Quer über den Weg hatten sie aus entrindeten Baumstämmen etwas gebaut, das wie eine Mischung aus Zaun und Mikado im Endstadium aussah. Da ich in die tieferen Tiefen des Sperrenerrichtens nicht eingeweiht worden war, bekam ich eine Aufgabe, mit der ich mich nützlich machen konnte, ohne zu stören: Ich baute Sprengfallen.
Eine übliche NATO-Handgranate besitzt, entgegen landläufiger Meinung, nicht nur eine Sicherung, sondern zwei: Den berühmten Sicherungssplint und den Sicherungshebel. Sie explodiert wenige Sekunden nachdem der Splint gezogen und der Hebel losgelassen wurde. Man nehme also eine Handgranate und stecke sie in einen Plastikbecher, der den Hebel festhält. Dann befestige man einen Faden an der Granate, der stark genug ist, sie aus dem Becher zu ziehen, spanne den Faden und ziehe den Splint, fertig ist die Sprengfalle. Wer immer nun an dem Faden zieht, reisst die Granate aus ihrem Becher – und hat ein ernstes Problem. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Endlich, nach fast neun Monaten Stumpfsinn, war meine Kreativität gefordert. Ich stürzte mich begeistert auf die Aufgabe. Während meine Kameraden an ihrem Mikado bauten, bastelte ich theoretische Höllenmaschinen aus himmelblauen Übhandgranaten. Ich berechnete das Verhalten von Menschen, die sich plötzlich einer solchen Sperre gegenüber sehen. Ihre Laufwege. Ich ließ mir von den beiden Planern des Dings erklären, wie es gebaut war, um zu antizipieren, wie man es einreissen würde. Ich entwickelte nicht nur den Ehrgeiz, die fiktiven Fahrer des aufgehaltenen Konvois mittels kleiner Splitterbomben zuverlässig zu zerhacken, ich wollte auch noch, dass sie sich in ihrem letzten bewussten Moment als lebende Wesen verarscht vorkämen. Verarscht von mir. Ich baute zwei Sprengfallen in die Sperre selbst ein, zwei legte ich in das Gehölz. Für die Fünfte hatte ich mir einen besonders perfiden psychologischen Trick ausgedacht.
Ich darf behaupten, dass dies die Glanzstunde meiner kurzen Militärkarriere war. Durch die Fallen in der Sperre war ein Abbau derselben fast unmöglich. Ich Cleverle hatte sie sogar so gebaut, dass der Versuch, eine zu entschärfen, die andere auslösen musste. Die Granaten in dem Wäldchen fanden selbst die nicht, die mich beim Bau gesehen hatten – bis sie in den Spannfaden liefen. Mit Nummer Fünf sorgte ich allseits für große Heiterkeit, als der zuständige Unteroffizier kam, um unser Werk zu begutachten. Er lobte die feine Sperre und fand für meine Bömbchen viel Anerkennung, ich sonnte mich in der Gnade des Simpels. Dann entdeckte er einen dünnen Stamm, eher einen großen Ast, der sauber etwa zehn Meter vor der Sperre quer über dem Weg lag. Er sah uns tadelnd an: „Was soll denn der Unsinn? Meinen Sie, der hält einen Unimog auf?“ Mit diesen Worten ergriff er das offensichtlich nutzlose Stück, hob es auf – und sah sich meiner Nummer fünf gegenüber die, aus ihrem eingegrabenem Becher gezogen, direkt vor seinen Augen baumelte. Was haben wir gelacht. Und nochmal wurde ich gelobt.
Abends schrieb ich, wie jeden Abend seit knapp zwei Monaten, einen Brief an meine neue Freundin. Während ich von meinem Erfolg berichtete, wurde die Freude mir langsam schal. Ich besah den kleinen Plan, den ich auf einem Notizzettel gemacht hatte, um die Fallen wiederfinden zu können (das gehört zur Prozedur). Meine Kreativität war immer mein größter Schatz gewesen. In Nichts war ich so gut. Mit Nichts war ich so vielen Menschen überlegen. Heute hatte ich sie verkauft – und ich hatte es nicht einen Moment gemerkt. Ich hatte es gerne getan. Meine Kreativität war treu gewesen – sie hatte mir beim Sprengfallenbauen ebenso geholfen wie sie mir stets beim Geschichtenerzählen und Lösungenfinden half. Sie war treu, ich war der Verräter. Nicht, weil ich die Fallen gebaut hatte, ich war mir schon darüber im Klaren, wo ich hier war, und ich war freiwillig hier. Sondern weil ich nicht einen Moment getrauert hatte. Ich sah den guten Befehlsempfänger, der ich war, und ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Angst vor mir.
Heute, fast 13 Jahre später, besitze ich den kleinen Notizzettel mit dem Plan immer noch. Und immer, wenn ich ihn ansehe, bin ich ein wenig... stolz.
Kreativität
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O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
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gelbsucht
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Re: Kreativität
Eine fabelhafte Geschichte, razorback, dafür bekommst du heute auch mal ein: Bravo!
Sehr flüssig erzählt und auch für Zivilisten wie mich sehr unterhaltsam und interessant. Vor allem sehr witzig. Aber auch die moralische Conclusio am Ende wirkt sehr authentisch.
Ein paar Details habe ich nicht kapiert, z.B. das mit dem Rotland, Orangeland und Rosaland – sind das Kartenfarben oder Codes oder fiktive Feinde/Länder? Und wofür stehen jetzt diese Abkürzungen: "SanKurier, UvD, StOvWa-Fahrer"?
Und den Anfang der Geschichte fand ich sprachlich etwas krude:
Auf jeden Fall macht diese Geschichte Lust auf mehr! Du bist hier und bei JL einer der fairsten Kritiker und besten Lektoren, aber wir kommen viel zu selten in den Genuss deiner eigenen kreativen Produkte.
Du brauchst sie uns auch nicht verkaufen – wir nehmen sie auch umsonst!
gelb 
Sehr flüssig erzählt und auch für Zivilisten wie mich sehr unterhaltsam und interessant. Vor allem sehr witzig. Aber auch die moralische Conclusio am Ende wirkt sehr authentisch.
Ein paar Details habe ich nicht kapiert, z.B. das mit dem Rotland, Orangeland und Rosaland – sind das Kartenfarben oder Codes oder fiktive Feinde/Länder? Und wofür stehen jetzt diese Abkürzungen: "SanKurier, UvD, StOvWa-Fahrer"?
Und den Anfang der Geschichte fand ich sprachlich etwas krude:
Es muss im Frühling gewesen sein. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich wüsste noch, wann es genau war. Ich erinnere, dass der Tag warm war, aber nicht heiss.
Auf jeden Fall macht diese Geschichte Lust auf mehr! Du bist hier und bei JL einer der fairsten Kritiker und besten Lektoren, aber wir kommen viel zu selten in den Genuss deiner eigenen kreativen Produkte.
Du brauchst sie uns auch nicht verkaufen – wir nehmen sie auch umsonst!
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)
Re: Kreativität
Hallo gelb, danke für das Lob, es freut! Ich würde gerne öfter hier posten - aber zunächst hatte ich fast ein Jahr mehr oder weniger Schreibblockade, und jetzt schreibe ich schon wieder an einem Roman. (Nein, ich schreibe nicht wahllos und massenhaft Romane, aber ich schreibe eben fast nichts anderes
). Hin und wieder kommt mal eine Kurzgeschichte dabei 'rum...
Zu Deinen Fragen:
Rotland, etc.: Es ist völlig banal, so banal, dass man es vermutlich nicht begreift, weil es so blöd ist. Bis kurz vor Beginn der 90er Jahre hiess der Feind in fast jeder Übung der Bw "Rotland" und grif von Osten an. Dreimal dürft Ihr raten, wer gemeint war. Dann endete der kalte Krieg und plötzlich war es politisch sehr unkorrekt, einen Feind namens Rotland von Osten kommen zu lassen. Den zweiten Schritt hatte man damals allerdings noch nicht gedacht: Wenn es im Osten keinen Feind mehr gibt, der bei und einfällt, wird es wohl in nächster Zeit überhaupt keinen Feind mehr geben, der bei uns einfällt - die ganze Strategie muss sich ändern. Wie gesagt - soweit waren die damals noch nicht. Immer noch musste der Feind einfallen und aufgehalten werden. Aber von Osten kommen konnte er ja nun nicht mehr, und von Westen kam er auch nie - Wiederholungen gefallen nicht. Also musste er von Norden und Süden kommen - wir spekulierten oft darüber, was die Dänen, Schweden, Bayern, Schweizer und Österreicher denn plötzlich so wild und gefährlich gemacht hatte...
Tja, und die Farbe - irgendwie hatten sich die Übungsplaner wohl nicht ganz von Rotland verabschieden wollen, vielleicht hatten sie auch einfach noch 3 Millionen rote Stifte im Lager oder so - jedenfalls waren die Bösewichter, die uns anfielen nun verwandte Farben: Rosa, Orange. Meistens Orange, niemals Pink... warum nur nicht?
Abkürzungen: SanKurier bedeutet "Sanitäts-Kurier", UvD "Unteroffizier vom Dienst", StOvWa-Fahrer "Stellvertretender Offizier vom Wachdienst - Faher". Was genau diese Bezeichnungen und Posten bedeuten ist eigentlich gar nicht wichtig für die Geschichte. Ich habe sie hier vor allem genannt, da diese Abkürzungen recht gut versinnbildlichen, was die Bundeswehr ist: Eine seltsame, reglementierte Welt voller fremdartiger Rituale und eben auch mit einer teilweise fremden Sprache. Dass ich nun diese Posten hin und wieder innehatte, hing nur damit zusammen, dass ich eben gegen Ende meiner Dienstzeit ein erfahrener Mannschaftsdienstgrad war, und ausserdem Fahrer in Erstverwendung. Es gab eine Menge Dienste dieser Art, sie waren recht begehrt, da sie mit Freizeitausgleich und weniger ödem Dienst verbunden waren, und ich hatte eben das Glück, als Fahrer mehr davon machen zu können als andere.
Zu Deinen Fragen:
Rotland, etc.: Es ist völlig banal, so banal, dass man es vermutlich nicht begreift, weil es so blöd ist. Bis kurz vor Beginn der 90er Jahre hiess der Feind in fast jeder Übung der Bw "Rotland" und grif von Osten an. Dreimal dürft Ihr raten, wer gemeint war. Dann endete der kalte Krieg und plötzlich war es politisch sehr unkorrekt, einen Feind namens Rotland von Osten kommen zu lassen. Den zweiten Schritt hatte man damals allerdings noch nicht gedacht: Wenn es im Osten keinen Feind mehr gibt, der bei und einfällt, wird es wohl in nächster Zeit überhaupt keinen Feind mehr geben, der bei uns einfällt - die ganze Strategie muss sich ändern. Wie gesagt - soweit waren die damals noch nicht. Immer noch musste der Feind einfallen und aufgehalten werden. Aber von Osten kommen konnte er ja nun nicht mehr, und von Westen kam er auch nie - Wiederholungen gefallen nicht. Also musste er von Norden und Süden kommen - wir spekulierten oft darüber, was die Dänen, Schweden, Bayern, Schweizer und Österreicher denn plötzlich so wild und gefährlich gemacht hatte...
Tja, und die Farbe - irgendwie hatten sich die Übungsplaner wohl nicht ganz von Rotland verabschieden wollen, vielleicht hatten sie auch einfach noch 3 Millionen rote Stifte im Lager oder so - jedenfalls waren die Bösewichter, die uns anfielen nun verwandte Farben: Rosa, Orange. Meistens Orange, niemals Pink... warum nur nicht?
Abkürzungen: SanKurier bedeutet "Sanitäts-Kurier", UvD "Unteroffizier vom Dienst", StOvWa-Fahrer "Stellvertretender Offizier vom Wachdienst - Faher". Was genau diese Bezeichnungen und Posten bedeuten ist eigentlich gar nicht wichtig für die Geschichte. Ich habe sie hier vor allem genannt, da diese Abkürzungen recht gut versinnbildlichen, was die Bundeswehr ist: Eine seltsame, reglementierte Welt voller fremdartiger Rituale und eben auch mit einer teilweise fremden Sprache. Dass ich nun diese Posten hin und wieder innehatte, hing nur damit zusammen, dass ich eben gegen Ende meiner Dienstzeit ein erfahrener Mannschaftsdienstgrad war, und ausserdem Fahrer in Erstverwendung. Es gab eine Menge Dienste dieser Art, sie waren recht begehrt, da sie mit Freizeitausgleich und weniger ödem Dienst verbunden waren, und ich hatte eben das Glück, als Fahrer mehr davon machen zu können als andere.
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