Hat man mehr Hunger, wenn man im Urlaub ist? Diese Frage stelle ich mir, nachdem mir jedes Jahr die gleiche Sache passiert.
Was essen wir eigentlich so über den Tag verteilt? Ja, Dieter und ich eigentlich ganz normal. Normal ist halt, was Dieter und ich essen. Wichtig ist, dass wir drei Stunden am Stück auch mal nichts essen können. Nehmen wir also an, wir frühstücken um acht und essen um zwölf zu Mittag, was ja bei uns durchaus üblich ist, dann liegen dazwischen sogar ganze VIER Stunden.
Wie kommt es dann, dass Dieter, wenn wir verreisen, haufenweise Fressalien einpackt, die wir doch normalerweise gar nicht essen würden? Ich sag euch Leute. Er macht das aus reiner Panik. Jawohl Panik! Männer geraten schnell in Panik.
Dieter und ich fahren jedes Jahr im Sommer zu seinem Freund Markus an den Bodensee. Nun, von München bis zum Bodensee, fährt man so in etwa drei Stunden, vielleicht auch dreieinhalb.
Sind schon mal Menschen innerhalb von dreieinhalb Stunden verhungert? Hat das jemand schon mal mitgekriegt? Aber es könnte – es KÖNNTE – doch passieren, dass man in einen zehn Stunden Stau kommt und dann nichts zu essen dabei hat. Klar doch, Dieter. Sonst noch was? He, Mann, wir können doch jederzeit irgendwo anhalten und was essen gehen. Was soll das? Nein, Dieter besteht auf acht belegten Brötchen für die einfache Fahrt München Bodensee. Für jeden vier Brötchen. Dazu noch zwei Tüten Gummibärchen, die wir extra und ausschließlich für diesen Anlass kaufen, genauso wie das Paket Butterkekse und die Packung Müsliriegel, die garantiert kein Mensch isst. Jedenfalls nicht Dieter. Ich erst recht nicht.
Mensch, Dieter, wann kriegst Du es endlich in deinen Kopf? Ich esse nie, niemals vier Brötchen am Vormittag. Und ich hasse Gummibärchen, verdammt noch mal!
Kurz nach dem Frühstück, um ungefähr drei Minuten nach neun tritt ein plötzlicher, nie gekannte Hunger im Auto auf. Schon mal erlebt? Urplötzlich knurrt der Magen, als wenn er wüsste, dass genau acht Brötchen, zwei Tüten Gummibärchen, Butterkekse und Müsliriegel nur einen Handgreif entfernt auf dem Rücksitz lauern. Ich opfere mich dann also mit einem Seufzer. Schließlich können wir ja nicht die ganzen Brötchen wegwerfen. Denn so wird es garantiert kommen. Hmmm, Salami Brötchen. Das hatte ich schon lange nicht mehr. Passt nicht zu meiner Trennkost Diät. Aber jetzt im Urlaub kann man sich ja mal eins gönnen. Wusste gar nicht mehr, wie gut Salami Brötchen schmecken. Dieter? Auch ein Brötchen? Nein? O.k. ich nehme dann noch eins mit Schinken, wenn ich schon mal meinen Diätplan unterbrochen habe. Mensch, sind die lecker.
Dieter schielt mich von der Seite an. Ich habe den Eindruck, er möchte etwas sagen. „Was?“ frage ich patzig. „Och nix“, sagt Dieter und dreht einen anderen Sender ins Radio.
Meine Linke tastet nach hinten und bekommt eine knisternde Tüte zwischen die Finger. Ich befördere sie nach vorne. Gummibärchen. Mag ich doch gar nicht. Aber bevor wir wieder alles wegwerfen müssen. Ich reiße die Tüte auf und stecke mir missmutig eine Handvoll davon in den Mund. Hm. Sooo schlecht schmecken die ja gar nicht. Ich halte Dieter die Tüte hin, doch der schüttelt nur stumm den Kopf. Ich nehme noch eine Handvoll. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Dieter mich aus dem Augenwinkel beobachtet. „Was ist?“ frage ich kauend. „Nichts. Gar nichts“, sagt Dieter. Mein prüfender Blick sagt mir, er unterdrückt ein Schmunzeln. Langsam werde ich sauer. Ich meine: Ich esse den ganzen Kram, den er eingepackt hat, nur damit nicht wieder alles weggeworfen werden muss, oder? Ich hasse es, wenn Lebensmittel weggeworfen werden müssen.
Fünf Minuten später fragt Dieter, ob ich ihm einen Kaffee aus der mitgebrachten Thermoskanne einschenken würde. „Klar,“ sage ich Müsliriegel kauend und reiche ihm kurz darauf den Becher. „Magst nen Butterkeks dazu?“ Ich reiße die Packung auf und halte sie ihm hin. „Gern“, sagt Dieter und nimmt einen. Wenn die Packung schon mal offen ist, genehmige ich mir auch einen. Sie sind gut. Sehr gut. Wow, waren die schon immer so gut? Ich esse noch drei und halte dann die Packung wieder in Richtung Dieter. Der schüttelt den Kopf. „Nein, danke.“ Irgendwie habe ich schon wieder den Eindruck ,dass er irgendetwas lustig findet. Ärgerlich esse ich noch einen Butterkeks, während Dieter seinen Kaffee schlürft und gleichzeitig versucht, besonders konzentriert auf die Straße zu schauen.
Langsam wird mir schlecht von den ganzen Süßigkeiten. Ich brauche etwas Herzhaftes. Ich stöbere im Korb hinter mir und finde nach einer Weile das, was ich gesucht habe. Ein Käsebrötchen. Ha! Endlich wieder etwas, dass nicht mit meiner Diät kollidiert. Prüfend hebe ich die beiden Brötchenhälften auseinander und schnuppere am Käse. Ja! Nun brauche ich doch einen Becher Kaffee dazu.
Sag mal – der grinst doch wirklich! „Dieter?“ frage ich warnend. „Jo?“ Er heuchelt Unschuld. Mistkerl!
„Sag mal“, frage ich tückisch. „Wann hast du eigentlich vor, die ganzen Fressalien zu essen, die du überflüssigerweise mitgebracht hast?“
Er antwortet nicht. Schaut auffällig konzentriert auf die Straße. Ich esse schweigend mein Käsebrötchen. Männer!
Eine halbe Stunde später fährt Dieter auf einen Rastplatz. „Was`n jetzt los?“ frage ich. „Willst du etwa was zu essen kaufen?“ Ich grinse höhnisch. „Nee,“ sagt Dieter. „Nur mal kurz für kleine Jungs.“ Er zieht los. Typisch Mann, dauernd müssen die aufs Klo. Und das dauert vielleicht! Aus lauter Langeweile esse ich noch ein Käsebrötchen und beeile mich, es aufzuessen, bevor Dieter wiederkommt. Nicht, dass der denkt, er könnte nächstes Jahr wieder so viele Brötchen einpacken. Trottel....
Dieter kommt wieder. Wir fahren weiter. Endlich fragt er nach einem Brötchen. Ich gebe ihm eins und nehme mir selbst auch noch eins. Damit er nicht allein essen muss.
Ich versuche natürlich, ihm dadurch das schlechte Gewissen zu nehmen, dass er unzweifelhaft haben muss, bei den ganzen Brötchen, die wir letztendlich wegwerfen werden.
Ich schaue tadelnd zu ihm herüber, er scheint guter Laune zu sein.
Am nächsten Parkplatz muss Dieter anhalten. Ich muss dringend aufs Klo.
Wenn er wenigstens mal zu seinen Fehlern stehen könnte. Aber das tun Männer nie. Nie!
In Gedanken versunken reiße ich die zweite Tüte Gummibärchen auf. Dieter presst die Lippen aufeinander und räuspert sich. Ich merke es nicht. Ich esse Gummibärchen. Die roten mag ich am liebsten. Ich fange an, nur die roten rauszusuchen. Bald sind keine roten mehr da, aber die grünen sind auch gut. Butterkekse. Wo sind die Butterkekse? Leer? Unmöglich, doch scheint es so...Müsliriegel. Die sind gesund...Keine Brötchen mehr da?
„Maria?....Maria!“ Ungläubig drehe ich den Kopf. Die Beifahrertür steht offen. Dieter reicht mir seine Hand. „He, Süße! Wir sind da!“ Benommen schaue ich ihn an. Dann antworte ich. „Ach nee. Wär ich nicht drauf gekommen.“ Und erhebe mich etwas unsicher aus meinem Sitz. Dieter packt unser Gepäck aus, und dann kommt auch schon Markus aus dem Haus, ihm tragen zu helfen.
„Ey, alter Freund!“ ruft Markus und klopft Dieter auf die Schulter. Ich greife nach unserem Proviantkorb und dann kommt Sonja, Markus` Freundin, aus dem Haus gestürmt.
Während Dieter noch mit Markus unser Gepäck hineinträgt, frage ich Sonja nach dem Mülleimer, in den ich unsere Proviantreste entsorgen kann. Männer nehmen immer viel zu viel mit! Sonja lächelt verständnisvoll. Klar. Sie kennt das Problem. Genau das gleiche passiert ihr jedes Mal mit Markus, wenn sie verreisen. Ich lästere ausführlich über die Mengen, die Dieter eingepackt hat und versuche, die leeren Papiertüten so aufzupuschen, dass sie noch voll aussehen . Dann entleere ich sie theatralisch in die Mülltonne hinter dem Haus, tausche wissende Blicke mit Sonja.
Sonja hat gekocht. Es gibt Käsecremesuppe. Danach Schweinefilet im Blätterteigmantel auf Blattspinat und zum Nachtisch eine hausgemachte Mousse au Chocolat.
Ich muss mich hinlegen. Autofahrten vertrage ich nicht so gut. Zum Glück hat Sonja Verständnis.
Dieter bringt mich ins Bett und ich habe den Verdacht, dass er grinsend das Zimmer verlässt. Scheisskerl!
Nur so am Rande....
Re: Nur so am Rande....
Hallo Susanne,
nun einmal - hoffentlich nicht nur so am Rande - eine Kritik zu deinem Text.
Er liest sich flüssig, ist amüsant, es gibt keine Stolperstellen, er hat ein zwar vorraussehbares (Fressalien sind alle)
, aber dennoch in der Umsetzung gelungenes Ende, spielt ziemlich gut mit Männer- und Frauenklischees und er tut dies - seufz, am DLC-Wochenende habe ich zwei Kilo zugenommen
- indem er sich mit dem Thema Essen beschäftigt.
Besonders schön an diesem Text ist, dass er mit einem ständigen Augenzwinkern geschrieben zu sein scheint. Vordergründig kommt Dieter richtig schlecht weg, aber diese Nachkatze Maria, die sich ständig über ihn aufregt und durch ihr Verhalten ständig ihren Anspruch widerlegt lässt uns Männern auch ein bisschen Raum zum Lästern
Und dennoch hab ich mich mit ihr sofort identifizieren können. Hab mir immer vorgestellt, wie sie trotzig kauend dasitzt...
Der absolute Höhepunkt jedoch ist der Schluss. Die Schauspielerei bei der Tütenentleerung, das leckere Abendessen...ich meine, irgendwie war klar dass Maria die Fressalien vernichtet, aber du hast echt ein gutes Ende gefunden, um mich selbst da noch zum Lachen zu
bringen.
Hab ich was zu kritisieren? Nööö, eigentlich nicht, nur noch zwei Anmerkungen:
1. Da ich in einer Langzeitbeziehung lebe kenne ich auch einige kuriose Verhaltensweisen von meiner Freundin zum Thema - Beispiel:"Lass uns doch was bei Smileys bestellen. Du nimmst ja ab. Du kannst dir ja einen Salat bestellen. Aber ohne dich komme ich nicht über die Bestellgrenze." Dann bestellt sie sich Pizzabröztchen - mit Käse überbacken, grrr - die mit ihrem Duft die ganze Wohnung füllen und isst mir was vor...)
2. Es gibt eine geniale Satire von Ephraim Kishon, an die mich dein Text erinnert hat, die muss ich dir mal raussuchen und schicken. Werde mal meine Bücherkammer durchforsten.
Beleibte Grüße,
Hamburger
nun einmal - hoffentlich nicht nur so am Rande - eine Kritik zu deinem Text.
Er liest sich flüssig, ist amüsant, es gibt keine Stolperstellen, er hat ein zwar vorraussehbares (Fressalien sind alle)
, aber dennoch in der Umsetzung gelungenes Ende, spielt ziemlich gut mit Männer- und Frauenklischees und er tut dies - seufz, am DLC-Wochenende habe ich zwei Kilo zugenommen
Besonders schön an diesem Text ist, dass er mit einem ständigen Augenzwinkern geschrieben zu sein scheint. Vordergründig kommt Dieter richtig schlecht weg, aber diese Nachkatze Maria, die sich ständig über ihn aufregt und durch ihr Verhalten ständig ihren Anspruch widerlegt lässt uns Männern auch ein bisschen Raum zum Lästern
Und dennoch hab ich mich mit ihr sofort identifizieren können. Hab mir immer vorgestellt, wie sie trotzig kauend dasitzt...
Der absolute Höhepunkt jedoch ist der Schluss. Die Schauspielerei bei der Tütenentleerung, das leckere Abendessen...ich meine, irgendwie war klar dass Maria die Fressalien vernichtet, aber du hast echt ein gutes Ende gefunden, um mich selbst da noch zum Lachen zu
bringen.
Hab ich was zu kritisieren? Nööö, eigentlich nicht, nur noch zwei Anmerkungen:
1. Da ich in einer Langzeitbeziehung lebe kenne ich auch einige kuriose Verhaltensweisen von meiner Freundin zum Thema - Beispiel:"Lass uns doch was bei Smileys bestellen. Du nimmst ja ab. Du kannst dir ja einen Salat bestellen. Aber ohne dich komme ich nicht über die Bestellgrenze." Dann bestellt sie sich Pizzabröztchen - mit Käse überbacken, grrr - die mit ihrem Duft die ganze Wohnung füllen und isst mir was vor...)
2. Es gibt eine geniale Satire von Ephraim Kishon, an die mich dein Text erinnert hat, die muss ich dir mal raussuchen und schicken. Werde mal meine Bücherkammer durchforsten.
Beleibte Grüße,
Hamburger
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: Nur so am Rande....
Hallo Susanne,
habe sehr viel gelacht, sehr lustige geschcihte besonders an diese stelle, "Aber bevor wir wieder alles wegwerfen müssen." kenn ich doch irgend wo, wenn die Michelle wieder nicht essen will wo meinst du landet das befüllte teller
habe sehr viel gelacht, sehr lustige geschcihte besonders an diese stelle, "Aber bevor wir wieder alles wegwerfen müssen." kenn ich doch irgend wo, wenn die Michelle wieder nicht essen will wo meinst du landet das befüllte teller
Wenn ich mein Schatten auf dem Asphalt sehe,
denke ich, "Du Armer Poet, bist schon wieder auf dem Boden!"
F.A. "Tanz des Todes"
denke ich, "Du Armer Poet, bist schon wieder auf dem Boden!"
F.A. "Tanz des Todes"
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