jisei

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
shuya
Prometheus
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jisei

Beitragvon shuya » 17.06.2012, 04:13

ich werde krank
auf meiner reise
um ein verwittertes feld
spannt mein herz die hohe stille
das licht am mond gebrochen, zwei minuten alt
wir wissen nicht um seine gegenwart

ein fiebertraum
dünne luft im kamm,
wenn ich noch weiter soll morgen,
dann muss der schlaf noch tiefer dringen
in den hochofen der erinnerung
schmelzen / die zeit
ist sie ein gerades band, wird es noch heute reissen

selbst das feuer
erstickt
hier oben schnell

Perry
Melpomene
Beiträge: 711
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Re: jisei

Beitragvon Perry » 18.06.2012, 13:32

Hallo Shuya,
wenn es ein Text im Sinne eines Todesgedichtes sein soll, hätte ich als erstes eine der japanischen Kurzformen (Waka, Haiku etc.) erwartet. ;-)
Die Bilder scheinen von der letzten Reise eines Todkranken zu erzählen, wobei ich das "verwitterte feld" und "das hier oben" nicht so richtig verorten kann, außer es ist eine Nahtoderfahrung.
LG
Perry
PS: "dünne Luft im Kamm" verspüre ich auch manchmal. ;-)

hginsomnia
Klio
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Re: jisei

Beitragvon hginsomnia » 18.06.2012, 17:40

hallo shuya,

die essenz dieses gedichtes baut auf der ungemeinen poesie des todes auf, und die ist m.e. besonders hier zu sehen:

shuya hat geschrieben:auf meiner reise
um ein verwittertes feld
spannt mein herz die hohe stille


ich würde, glaube ich, noch etwas straffen, also ohne die eher äußerlichen gestaltungen des li beschreiben:

shuya hat geschrieben:ich werde krank


shuya hat geschrieben:wenn ich noch weiter soll morgen,
dann muss der schlaf noch tiefer dringen


shuya hat geschrieben:sogar das feuer
erstickt
hier oben schnell


ich bastel mal ein wenig:

auf meiner reise
um ein verwittertes feld
spannt mein herz die hohe stille
das licht am mond gebrochen, zwei minuten alt
wir wissen nicht um seine gegenwart

ein fiebertraum
dünne luft im kamm,
weit entrückt muss ein verwegener schlaf
in den hochofen der erinnerung
schmelzen / die zeit
ist sie ein gerades band, wird es noch heute reissen


alles natürlich nur so als ausgangspunkt deiner bearbeitung zu verstehen

lg
hginsomnia

shuya
Prometheus
Beiträge: 367
Registriert: 17.04.2010, 13:51

Re: jisei

Beitragvon shuya » 18.06.2012, 21:37

Perry hat geschrieben:Hallo Shuya,
wenn es ein Text im Sinne eines Todesgedichtes sein soll, hätte ich als erstes eine der japanischen Kurzformen (Waka, Haiku etc.) erwartet. ;-)
Die Bilder scheinen von der letzten Reise eines Todkranken zu erzählen, wobei ich das "verwitterte feld" und "das hier oben" nicht so richtig verorten kann, außer es ist eine Nahtoderfahrung.
LG
Perry
PS: "dünne Luft im Kamm" verspüre ich auch manchmal. ;-)


ich lasse mich gerne von dieser rigiden kunstform inspirieren und hole mir anstöße aus tankas und heikus
aber ich komme aus einem anderen kulturellen hintergrund.. es würde vermutlich künstlich anmuten, wenn ich wirklich welche schreiben würde
- hier war es mir allerdings wichtig die referenz aufrecht zu erhalten..
der bezug spannt sich zweierlei, a: habe ich ein furchtbar schönes jisei gelesen und habe daraufhin eine eigene version davon geschrieben, quasi um es mir selbst im schreibprozess zu übersetzen und meine position darin bewusst zu machen
b: die deutschen und die japaner verbindet eine wanderlust wie sie kaum irgendwo in den moderneren kulturen (ab 1700 aufwärts) zu finden ist,
es wird meiner erfahrung nach von keinen völkern mehr gewandert..
wir finden in den ursprüngen der deutschen kunst und lyrik eine unfassbare sehnsucht nach der natur - das selbe gilt natürlich für die kunst der tankas, haikus etc.

eine weite wanderung, eine letzte reise / sehr romantische vorstellungen, die tief in beiden kulturen verankert sind.

ps: haha, ja der satz kam mir auch komisch vor.. ich wusste nur nicht wohin damit.. hab ihn vier mal geändert und am ende doch gelassen wie er war.
//

auf meiner reise
um ein verwittertes feld

das ist aber ein schöner fund.. das wäre mir nicht aufgefallen.
ich danke mal wieder hg (:

vielleicht schaffe ich es mich nachher noch einmal ran zu setzen!
danke für die anregungen, ich schau mal was ich da verwandeln kann.

riemsche
Apollon
Beiträge: 5006
Registriert: 02.11.2006, 21:38
Wohnort: Österreichs milder Westen

Re: jisei

Beitragvon riemsche » 19.06.2012, 22:11

trauriger tenor aber ein positives. ich mag´s in deiner version (auf seine art auch in hginsomnia´s) und grübelte einmal da_
Perry hat geschrieben:wenn ich noch weiter soll morgen,

seufzer oder aufbruch ... wo ich doch weiter soll morgen
_und einmal da:
shuya hat geschrieben:sogar das feuer

ist das feuer im kontext sächlich oder nicht ... selbst das feuer (?)

lGriemsche


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