Beitragvon Glaukos » 14.02.2005, 22:22
Sorry, es hat eine Weile gedauert mit den Korrekturen.
Ich will diesmal noch ein paar Worte zu der Struktur des Romans voranschicken, denn sonst ist das 3. Kapitel schwerer zu verstehen.
Der Roman ist in drei Teile gegliedert.
Der erste Teil umfasst etwa 25 Prozent des Textumfangs, er wird vorwiegend aus der Perspektive von Luca erzählt. Er besteht aus 30 Unterkapiteln.
Der zweite Teil umfasst etwa 30 Prozent des Textumfangs, er wird vorwiegend aus der Perspektive von Rebecca erzählt. Auch er besteht aus 30 Unterkapiteln.
Der dritte Teil umfasst etwa 45 Prozent des Textumfangs, und er wird vorwiegend aus der Perspektive von Laura erzählt. Er besteht aus 60 Unterkapiteln.
Jeder der drei Teile enthält zusätzlich drei Kapitel, die sich vom Rest abheben: Die Vorstellungen-Kapitel. Hierin werden Lucas, Lauras und Rebeccas Vorstellungen zum Leben, zur Liebe und zur Freundschaft geschildert. Sie sind in Kursivschrift gesetzt und wählen eine Außenperspektive.
3
Rebeccas Vorstellung von der Liebe: Die Telepathie
Ihr erstes Handy bekam Rebecca zu ihrem achten Geburtstag geschenkt. Ihre Mitschülerinnen waren neidisch und verspotteten sie als ein fernsteuerbares Mündel, das sich an der Kandare seiner kontrollsüchtigen Eltern herumführen ließ. Rebecca aber ließ sich nicht beirren.
Und die Zeit spielte in ihre Hände. In den nächsten Jahren bekam sie oft Gelegenheit, die Handymuffel zu belächeln, die nach und nach zu der wachsenden Gemeinschaft der Handynutzer konvertierten. Irgendwann schlossen sich selbst die härtesten Gegner an, obwohl sie vorher mit bunten Spottshirts herumgelaufen waren: Ich bin wichtig, gebt mir ein Handy.
An Rebeccas Liebe zum Handy aber reichte keiner heran. Sie musste immer das neueste Gerät haben, und ihre Eltern kauften es ihr, ganz gleich was es kostete. Rebeccas Kult ging so weit, dass sie jedem Gerät einen Namen gab. Während andere Mädchen Stofftiere aufreihten, gruppierte Rebecca ihre Handschmeichler nebeneinander. Und jedem von ihnen gab sie ein Geschlecht, ja sie erfand ihm sogar eine eigene Biografie.
Zu jedem Geburtstag kam ein neues Gerät hinzu. Außerdem ging sie über die Trödelmärkte der Stadt und kaufte ausgediente Exemplare, die ein interessantes Design hatten. Die Verträge liefen über ihre Eltern, denen es an Geld nicht mangelte. Und als Rebecca ihr Abitur bestanden hatte und in Potsdam zu studieren begann, versprachen sie ihr, neben der Wohnungsmiete auch die Handyrechnungen zu begleichen.
Rebeccas Vater stammte aus Palästina und hatte in Beirut studiert, wo er eine deutsche Studentin kennen lernte und schließlich auch heiratete. Rebeccas Mutter war in Uelzen aufgewachsen. Nach drei Jahren in Beirut und sieben Jahren in Kairo hatte die Mutter genug vom Ausland: Die junge Familie ließ sich in der Lüneburger Heide nieder.
Ihr Vater verbrachte viel Zeit auf Reisen. Er war ein erfolgreicher Herzchirurg, den seine Patienten einen Herzkünstler nannten. Er arbeitete oft im Ausland und hielt Gastvorlesungen an fernen Universitäten. Weshalb die Telekommunikation die einzige Möglichkeit war, um seiner Tochter nahe zu sein. Dank dem Handy entwickelten sie ein Verhältnis, das inniger war als zuvor. Rebecca durfte ihn jederzeit anrufen, und sofern er sich nicht gerade im Hörsaal oder im Operationssaal aufhielt, nahm er sich immer Zeit für eine kurze Plauderei.
Eigentlich hätte Rebeccas Mutter neidisch werden müssen. Sobald ihr Vater eine schwierige Entscheidung zu treffen hatte, rief er Rebecca an. Zwar konnte sie ihm nur selten weiterhelfen, aber sie hörte ihm zu. Und sie konnte wunderbar zuhören, es funktionierte noch besser als Magie: Schon während er ihr sein Problem schilderte, kam er selbst auf die Lösung.
Rebeccas Mutter hingegen war eine Schweigekünstlerin. Sie hatte nicht nur Schwierigkeiten mit dem Reden, sie konnte auch nicht zuhören. Sie hatte das Naturell eines eingefleischten Tatmenschen, und deshalb verlangte sie von ihren Mitmenschen ebenfalls Taten anstelle von Worten. Ihre liebsten Sprüche waren: Papier ist geduldig. Und: Worte sind Schall und Rauch.
Rebecca respektierte ihre Mutter, aber eine echte Nähe wie zu ihrem Vater entwickelte sich nie. Mochten sich seine Auslandsaufenthalte oft über Monate erstrecken, er war ihr dennoch näher als ihre Mutter. Und wenn sie bereits im Bett lag und er anrief, wenn sie die Augen schloss und ganz Ohr für seine sanfte Stimme wurde, meinte sie seine Nähe so zu spüren, als hätte man eine Direktleitung zwischen ihren Gehirnen verlegt.
Rebecca sah in dieser Technologie eine übersinnliche Fähigkeit verwirklicht: Die Telepathie. Man konnte die Gehirne direkt vernetzen – und vielleicht sogar die Herzen.
Welches war das wichtigste Sinnesorgan? Rebecca hätte sich sofort für das Ohr entschieden. Und die Evolutionsbiologen gaben ihr Recht: Das Ohr sei als erstes Sinnesorgan entstanden, das Auge hingegen werde überschätzt. Rebecca maß dem Aussehen nur wenig Bedeutung bei, obwohl sie selbst als schön galt und einige Jahre lang sogar der Klassenschwarm gewesen war. Sie achtete bei ihren Mitmenschen viel mehr auf die Stimme. Und wenn sich eine Stimme nicht gut anhörte, dann stimmte auch mit dem ganzen Menschen etwas nicht.
Als die SMS in Mode kam, gewöhnte sie sich einen neuen Spleen an. Die Kurznachrichten nahmen ihr zwar das Vergnügen, eine Stimme zu hören, aber sie hatten auch einen entscheidenden Vorteil: Jetzt konnte sie jedem, an den sie auf ungewöhnliche Weise dachte, sofort ihre Gedanken mitteilen. Davor hatte sie angerufen, aber den eigentlichen Anlass – ein ungewöhnlicher Gedanke oder ein Gefühl – blieb dann in der Regel unkommuniziert. Beim Schreiben hingegen konnte sie diese Intimitäten endlich preisgeben: Sie kommunizierte nicht mehr nur Gefühle (da die Stimme die Stimmungen trug). Die Worte waren Geständnisse.
Am allerliebsten nutzte sie ihr Handy von dem Bett aus. Vielleicht war es nur eine Angewohnheit, oder das Handy war im Laufe der Jahre tatsächlich zu ihrem sprechenden Kuscheltier geworden. Kaum eine Nacht verging, dass sie nicht mit ihm in der Hand einschlief; bis seine Weckmelodie sie am nächsten Morgen aufweckte.
Ihre erste Jugendliebe Richard hatte einmal sein Handy auf ihres gelegt, Display auf Display. Die beiden Geräte sahen aus wie ein Liebespaar. Sie scherzten. Begannen mit ihnen zu spielen, wie mit Puppen. Sie alberten herum. Schließlich malten sie sogar einen Comic, in dem zwei Handies die Hauptrolle spielten. Sie hießen A und B, und sie lernten sich kennen, weil Herr A sich in Frau B verliebte. Erst wurden sie Zeugen von deren Liebschaft, und dann auch Zeugen von deren Streitigkeiten. Und dann, als sich Herr A von Frau B trennte, begannen sie ein heimliches Verhältnis. In jeder freien Minute riefen sie sich an, um schließlich den Entschluss zu fassen, ihren Besitzern auszubüchsen. Um sich nahe zu sein, und um die Geschichte von Herrn A und Frau B an deren Stelle zum Erfolg zu führen ...
Als auch bei Rebecca und Richard die Phase der Abstoßung begann, erinnerten sie sich an den Comic und schrieben sich solch indirekte Nachrichten von Handy A zu Handy B. Die Geräte versuchten, zwischen ihren Besitzern zu vermitteln, was eine Zeitlang sogar funktionierte: So konnten sie sich das sagen, wofür es auf direktem Weg keine Worte gab. Irgendwann half auch das nicht mehr. Und als Rebecca schließlich in Potsdam studierte, schickten sie sich nur noch diese Art von Nachrichten. Jetzt wünschte das Handy A dem Handy B alles Gute zum Geburtstag oder schöne Weihnachten.
Als Rebecca sich mit Laura anfreundete, war das Handy erneut von zentraler Bedeutung. Sie lebten mehrere Autostunden voneinander entfernt. Es verging kein Tag, an dem sie sich nicht miteinander austauschten. Sie schufen eine Nähe, die sich sensationell anfühlte, obwohl sie sich manchmal für ganze Monate nicht sahen. Irgendwo dort draußen schwebte jemand im Äther und sandte seine telepathischen Botschaften. Rebecca entwickelte eine sentimentale Vorstellung: Laura hatte ihre Welt mit einem gigantischen Satellitennetz überwoben.
Diese telepathische Nähe reichte tiefer als Verbundenheit. Diese Nähe entsprach ihrer Vorstellung vom Lieben und Geliebtwerden – weil es hier keine Grenzen mehr gab. Der Geist war flexibler als der Körper. Rebecca war irritiert, dass in dieser Liebe die Sexualität keine Rolle spielte. Diese Liebe berührte an eine sensible Stelle, die auf keinem anderen Weg berührt werden konnte. Sie meinte, diese Stelle sei die Mitte ihres Wesens.
Ja, es war Liebe.
Eigenartig nur, dass die Jungs, in die sie sich verliebte, für diese sensible Stelle nur wenig Interesse aufbrachten. Sie schienen auf die geheimen Stellen ihres Körpers fixiert zu sein, betrieben bloß ihren verzweifelten Kult um die Innigkeit der Schleimhäute. Auch Rebecca konnte das Fleisch lieben. Auch Rebeccas Gedanken waren von diesem Thema oft geradezu besessen. Aber mit der Lust eines Mannes konnte sie dennoch nicht konkurrieren. Sie benötigte auch das Andere. Das, was in die anderen Höhlungen eindringt. Das Fluidum, den Äther, den Geist. Vielleicht war sie noch zu jung, um zu akzeptieren, dass jeder, der von einem einzigen Menschen alles haben wollte – sein Glück, seine Liebe, seine Erfüllung, Alles – die Götter herausforderte. Und eine solche Gnade wurde nur den wenigsten gewährt.
Rebecca meinte, dass man diese geistige Intimität nur dann entwickeln konnte, wenn der Eros nicht den Weg verstellte. Wie hatte es sie entsetzt, wenn ihre Geliebten sich beklagten, dass sie ihr Handy nachts im Bett nutzte. Das kam ein andermal doch auch ihnen zu Gute? Warum wollten sie ihr das nehmen? Wollten sie ihre Gedanken beherrschen, nur weil sie gerade neben ihr lagen? Es war schon peinlich genug, wenn sie fragten: A penny for your thoughts. Und jetzt hätten sie am liebsten ihre Kurznachrichten mitgelesen!
Rebecca ließ sich nicht einschränken. Wenn jemand an sie dachte, wollte sie es wissen.
Sofort.
Gut möglich, dass sie ihrer Zeit voraus war. Gut möglich, dass auch die anderen eines Tages diese Sinnlichkeit und Liebe dieses Mediums empfinden lernten. Gut möglich, dass sie sich in Geduld üben musste.
Als Rebeccas Bruder Ismael starb, erschloss das Handy noch eine weitere übersinnliche Funktion: Jetzt diente es sogar der Geisterbeschwörung. Da Rebecca in Potsdam studierte, würde sie sein Grab in Uelzen nur selten besuchen können. Weshalb sie ihren Vater zu einer ganz besonderen Grabbeigabe überredete. Und so kam es, dass Ismael ein riesiges Handy mit einem Spezialakku in den Sarg gelegt wurde. So konnte der Verblichene auch unter der Erde Anrufe empfangen.
Aber wem Rebecca auch davon erzählte, jeder fand diese Idee geschmacklos und morbide. Nein, direkt in das Ohr eines verwesenden Leichnams zu sprechen, das konnte sich keiner vorstellen. Und so blieb es Rebecca vorbehalten, Ismael anzurufen.
Und sie tat es oft. Immer, wenn sie etwas tief bewegte, wählte sie Ismaels Nummer und erzählte ihm ihren neuesten Tratsch oder ihren quälendsten Kummer.