Elke erzählt was

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Hilbi
Melpomene
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Elke erzählt was

Beitragvon Hilbi » 20.12.2004, 16:32

und während er mit mir schlief
aber ich nicht mit ihm
und er das nicht bemerkte
zu sehr war er im fluss
der gedankenstrom liess ihn worte
in meinen mund flüstern
die doch eigentlich für mein ohr bestimmt waren
aber ich wollte es ohnehin nicht hören
so oder so
ich stellte mir den morgen vor
nachdem er endlich auf dem rücken lag und so wie ich
die decke betrachtete
etwas vollkommenes
flüsterte er
oder machte ein geräusch
das wie etwas vollkommenes klang
etwas vollkommen unsinniges hätte ich sagen sollen
aber ich blieb stumm
ich stellte mir das erwachen vor
das neben ihm liegen
warten bis er die augen öffnet und ihm sagen
und die türe ist gleich wenn du reinkommst links
nein das ist nicht fair
ich bin nicht fair
ich wollte es doch auch
aber ich wollte es so kurz
es sollte mein kleines orchester in mir beruhigen
etwas in die stille rufen....
ich fürchtete mich nicht vor dem erwachen
es kam mir nicht in den sinn mich für das zu entschuldigen was ich tat
ich tat es weil ich lust drauf hatte
und jetzt war die lust verschwunden
sie war so schnell um die ecke gebogen
ich konnte nicht mal sehen ob sie nen hut trug oder ne mütze
...der nächste morgen....er schlief noch
schnell stand ich auf
zog mir den bademantel über
spazierte in die küche
kochte kaffee
alles war wie immer
alles würde wie immer sein
ich hab mir mein leben so eingerichtet
ich komme ohne beziehung aus
ich brauch das nicht jeden morgen mit den selben sätzen aufzustehen
der kaffee war fertig
er musste es gerochen haben
er kam; sah mich an; wollte mich küssen;
ich wendete mich ab
er stand da
natürlich fragte er
sie fragen ja immer
sie fragen
hab ich was falsch gemacht?
ja du hast alles falsch gemacht
du bist in die küche gekommen
das war nicht besonders gut
du solltest gehen
die erinnerung vergraben
vielleicht schreibst du mir noch den ein oder anderen bösen brief
ruf nicht an
es ist dumm anzurufen
doch er stand vor mir...
verstand nicht....wollte nicht verstehen
dann setzte er sich....
es war so wunderbar mit dir flötete er
du bist eine prinzessin flüsterte er
das ganze programm rauf und runter
vielleicht hatte er wirklich erwartet ich würde dahin schmelzen...
nein das war schwierig
ich musste jetzt ganz gemein sein
ich sagte: hol doch bitte brötchen
er lächelte und schon war er draussen...
schnell packte ich den hausschlüssel ein...
ich wollte auf den dachboden
mich dort verstecken solange bis er weg war...

ich ging schnell raus...
da hörte ich ihn schon wieder kommen
wieso so schnell...
ich würde es nicht mehr bis zum dachboden schaffen..
ich eilte zum nächsten geschoß und setzte mich leise an die treppe
jemand öffnete
es war mein nachbar
er wollte gerade etwas sagen....aber ich legte die finger auf den mund....
er verstand....
er bat mich in seine wohnung.....


nachbar: was ist denn los elke?

: hm

nachbar: da unten klingelt einer bei dir.


: ich weiß


nachbar: was will er?


: frühstücken


nachbar: fein, das will ich auch, holen wir ihn doch hierher


: nein, sitzen bleiben


nachbar: wie du das sagst, sitzen bleiben, das klingt vielleicht.


: wie klingt es denn?


nachbar: irgendwie cool.


: es klingt cool?


nachbar: ja irgendwie passt es gar nicht zu deinen händen


: du fängst jetzt nicht an mich anzubaggern oder?


nachbar: nein, nein...


: puuh


nachbar: hast du das schon mal erlebt, das ein text seinen ort verlässt?


: ein text verlässt seinen ort doch ständig


nachbar: das stimmt doch gar nicht. jeder text bleibt bei der sache. ein gedicht bleibt immer ein gedicht und so weiter...


: hör auf...bagger mich lieber an.


nachbar: das werde ich nicht tun. sag mal, was ist mit dem da unten.


: er hat bei mir übernachtet.


nachbar: ach so.


: ja, ach so.


nachbar: und jetzt magst du ihn nicht mehr


: ich habe ihn schon vorher nicht gemocht, was meinst du eigentlich mit dem text


nachbar: du meinst mit unserem text?



: klar unser text, was meinst du damit, gefällt er dir nicht



nachbar: ich weiß nicht, figuren die in literarischen texten vorkommen, dürfen sich nicht beschweren, denke ich mal, es steht ihnen nicht zu


: es ist aber seltsam, so plötzlich aufzutauchen oder? hast du damit gerechnet?


nachbar: um ehrlich zu sein, nein, wenn dieses haus nicht über deiner wohnung noch ein stockwerk hätte, dann wäre ich nicht hier.


: man muss also dem architekten danken...


nachbar: es gibt keinen architekten, es gibt auch kein stockwerk.

: aber wir sitzen doch in deiner küche


nachbar: hör zu elke, dein dich schreibender sitzt nicht mal in der küche, wie sollen wir da in der küche sitzen.


: er sitzt aber gleich in der küche, er wird weiter tabucchi lesen.


nachbar: was du alles weißt


: ich weiß mehr über ihn als er über mich


nachbar: hör auf


: ja ich hör auf


nachbar nein, so war das nicht gemeint


: nein, das ist besser


nachbar: nein, erzähl mir davon


: wovon


nachbar: von ihm, warum schreibt er dich


: er schreibt mich nicht, alle gedanken die er aufs papier bringt, stammen von mir


nachbar: aber elke du existierst nicht


: das stimmt


nachbar: wie kann er dann deine gedanken aufs papier bringen, wenn du gar nicht existierst.


: das weiß ich nicht.


nachbar: ich fall vom stuhl, was für eine erklärung


: da ist kein stuhl


nachbar: ja du hast recht.


: und jetzt?


nachbar: weiß nicht, wir werden ärger kriegen, wir haben seine ganze geschichte verdorben.


: wird er dich streichen?


nachbar: ich glaube ja


: oh dieser lump :-&
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

Imhotep
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Re: Elke erzählt was

Beitragvon Imhotep » 26.12.2004, 17:06

Das find ich jetzt mal wirklich schön.
autos epha


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