Von den Gefahren des Zähneputzens

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Silentium
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Von den Gefahren des Zähneputzens

Beitragvon Silentium » 05.03.2005, 17:59

Es gibt zwei Sorten von Schwindel: Beim einen betrügt dich jemand, beim anderen erledigt dass dein Körper für dich. Momentan hab ich mit dem zweiten Schwindel zu kämpfen – ich bin heute Morgen aufgestanden, hab nach der Brille gegriffen, bin umgefallen, wieder aufgestanden und hinausgegangen. Dann bin ich wieder aufgestanden, habe die Zimmertür aufgemacht und bin wirklich hinausgegangen. So was kratzt erheblich an der Würde.
Und wie kommt es dazu, dass ich wie ein geköpftes Huhn in der Gegend herumstolpere?

Gestern waren wir im Kino und haben uns einen Horrorfilm angeschaut (nicht besonders horrorig, nicht besonders gruselig, aber ganz unterhaltsam).
Nächtens kehrt man dann heim, hilft noch schnell Lena bei einer recht absurden Hausübung, bei der Taschenrechner und Shakespeare eine Rolle spielen, und geht Zähneputzen. Am Waschbeckenrand hat irgendwer eine Nadel liegen lassen, warum auch immer. Gerade in Horrorfilmstimmung, greife ich danach und fuchtle damit vor meinem Spiegelbild herum, ein schauderliches, gezacktes Dämonentöterschwert imaginierend: „Nimm das, du Unhold!“, rufe ich aus und bin froh, dass mir keiner zuschaut. Fast niemand. Mein Spiegelbild zieht zweifelnd eine Augenbraue hoch und sagt: „Dir ist klar, dass du spinnst, oder?“
Ich strecke dem Spiegelbild die Zunge heraus, das Dämonentöterschwert schrumpft wieder zur Nadel und ich steche mich in den Daumen. Nicht absichtlich, ungeschickt halt. Beim Nadelweglegen den Winkel falsch berechnet oder etwas in diese Richtung.
Ich halte den Daumen hoch. „Das hast du jetzt davon!“, sage ich dem Spiegelbild.
Mein Vater und einer meiner Brüder haben Angst vor Spritzen, was lustig ist, weil Papa immerhin Arzt ist. Einmal hat Mama ihm mit einer Impfung durch das ganze Haus verfolgen müssen. Mei, was haben wir gelacht. Mein Papa und der Bruder können auch kein Blut sehen, das eigene nicht, zumindest. Ein Problem, das ich nie hatte. Ehrlich. Drum finde ich jetzt das rote Tröpfchen auf dem Daumen ganz amüsant, lege den Kopf schief und formuliere in Gedanken eine entsprechende Beschreibung für die Farbe von frischem Blut. Nur für den Fall, dass ich’s mal irgendwo in einem Text verwenden möchte. Das Filmblutrot ist auf jeden Fall falsch, viel zu dunkel.
„Du wolltest Zähneputzen, nicht?“, erinnert mich das Spiegelbild. Ich mag es nicht. Aber was streiten? Ich zahnpastere die Zahnbürste. Allerdings irritiert mich der rote Schmierstreifen auf dem weißen Plastikgriff ebendieser, und ich lege sie noch einmal aus der Hand, um das Blut abzuwischen. Ein, zwei Tröpfchen fallen auf den Waschbeckenrand. Ich zeichne damit einen Smile.
„Du bist kiiiindisch!“, seufzt das Spiegelbild. Der Smilie kriegt noch Haare. Jetzt bekommt das Spiegelbild aber Unterstützung. Mein vegetatives Nervensystem, offensichtlich von Vatergenen gesteuert, plärrt entsetzt auf: „Blut! Mein Gott, Blut! Bist du deppert? Hilfe!“
Das rauscht ein bisschen in den Ohren und mir tanzen kurz schwarze Flecken vor den Augen. Ich male dem Smile Ohren und das vegetative Nervensystem schreit noch lauter und drückt einen Schalter. Verräter, elender!

Papa findet mich wieder zu mir kommend am Badezimmerboden und weiß es besser, als zu lachen. Kollabiert wegen drei Tropfen Blut – PEINLICH!
Bestandsaufnahme: Hinterkopf am Badewannenrand angeschlagen, Oberschenkel am Heizkörper – beinahe-Beule, blauer Fleck. Das Spiegelbild ist papierweiß und schaut vorwurfsvoll. Widerliches Ding. Ich mag es schon zu günstigsten Gelegenheiten nicht, aber jetzt ist es mir zu allertiefst unsympathisch.
Es dauert zehn Minuten, bis ich wieder selbstständig stehen kann. Der Badewannenrand ist hart, auch wenn bei uns ein Dickschädel in der Familie liegt. Der kleine Bruder der Gehirnerschütterung hockt fröhlich winkend auf meiner Schulter. Arsch, der.


Haha! Ich bin erfolgreich aufgestanden und habe die Badezimmertürklinke schon beim zweiten Versuch erwischt.
„Weichling!“ begrüßt das Spiegelbild. „Wär dir Recht geschehen, wenn du dir das Genick gebrochen hättest. Man sieht den gottverdammten Stich nicht einmal und dich haut’s um! Elende Memme!“
„Erblast“, kommentiere ich so würdevoll wie möglich. „Wär aber lustig zu erklären gewesen: Leiche am Boden und einen Blutsmile am Waschbeckenrand.“
Dann spüle ich das Grinsen weg.
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razorback
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Re: Von den Gefahren des Zähneputzens

Beitragvon razorback » 06.03.2005, 23:19

Silly - ich habe das gerade stockend vor Lachen vorgelesen, hinter mir liegt meine Frau am Boden - ein seltener Fall von realem Rolling On Floor Laughing :rofl:

Sie stammelt jetzt noch Sachen wie "Die macht mich fertig", "Respekt", "Hochachtung". Ich schliesse mich an. Um diesen langsam langweiligen Loberguss zu stoppen zitiere ich das absolute Highlight:

Ich zahnpastere die Zahnbürste.


Und vor allem hoffe ich - es geht Dir wieder gut? :comfort:
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Glaukos
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Re: Von den Gefahren des Zähneputzens

Beitragvon Glaukos » 07.03.2005, 10:20

Es gibt zwei Sorten von Schwindel: Beim einen betrügt dich jemand, beim anderen erledigt dass dein Körper für dich.


In einem Anfall von morgendlicher Naivität habe ich das jetzt beim ersten Lesen so verstanden: Es gibt also Leute, denen schwindlig wird, WEIL jemand sie gerade betrügt. So, wie man ja auch Schluckauf kriegt, wenn jemand an einen denkt ...


Silentium, hast du eigentlich bayrische Wurzeln? "Verräter, Elender" ist richtig klasse ;-)

Schwindelgrüße
Tolya

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Re: Von den Gefahren des Zähneputzens

Beitragvon Silentium » 07.03.2005, 11:16

Razor:
Jessas, die Familie Razorback ist leicht zu unterhalten! :-D Grüß Claudia lieb von mir.

Und danke, dem Haupt geht's schon wieder blendend (solang ich den Kopf nicht in den Nacken leg und auf ruckartige Bewegungen verzichte) - was lange an sowas laboriert, das ist mein Ego. :-D

Tolya:
Ist der erste Satz zu unklar? Soll ich ändern?
Und wieso Bayern? Mütterlicherseits eine Müllerdynastie in Vorarlberg, väterlicherseits bis ins 16 Jahrhundert nachgewiesenermaßen Oberösterreich (Schmiede +Donauzollbeamte). Kein einziger Bayer weit und breit... :spin:
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Re: Von den Gefahren des Zähneputzens

Beitragvon Glaukos » 07.03.2005, 12:42

Nee, der erste Satz ist okay, er ist sogar e-x-z-e-l-l-e-n-t. Ich war nur zu morgentranig, um ihn zu verstehen ;)

Beste Grüße südwärts
Tolya

Silentium
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Re: Von den Gefahren des Zähneputzens

Beitragvon Silentium » 07.03.2005, 15:49

*beruhigtsei*
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Re: Von den Gefahren des Zähneputzens

Beitragvon Hamburger » 08.03.2005, 00:57

Und wieder 12 Punkte nach Österreich. Wie kannst du nur so viele gute Texte am Fließband produzieren? *erblasseinEhrfurcht*

Na immerhim ist jetzt klar, dass du dich sehr gut selbst in Gefahr bringen kannst und dafür niemand anders brauchst :-D

Zu kritisieren gibts von mir da nichts: Eigener Stil, sehr guter, harter, unvorhersehbarer Witz (das Spiegelbild ist für mich DAS Highlight der Geschichte) -
köstlich.

Gute Besserung (auch fürs geschundene Ego ;-) )

Ham
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)

Susanne
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Re: Von den Gefahren des Zähneputzens

Beitragvon Susanne » 08.03.2005, 19:32

:fun:

Silentium
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Re: Von den Gefahren des Zähneputzens

Beitragvon Silentium » 08.03.2005, 20:11

:thanx:

Und:

...dass du dich sehr gut selbst in Gefahr bringen kannst und dafür niemand anders brauchst

Sowas nennt man Selbstversorgung. Wir sind nur zweimal im Jahr in Vorarlberg. :-D
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