Durchblick
Was das Spotten angeht, habe ich im Prinzip nur zwei Tabus: Katzen und Freunde.
Die Katzen könnten eines Tages beschließen, zurückzuspotten, Freunde sind recht schwierig zu ersetzen, also lohnt es sich nicht, sie für eine Pointe zu vergraulen. Daher war es bis jetzt auch ziemlich unwahrscheinlich, dass ich einen von euch in einer Geschichte verwende – was hab ich mich am Alten Mann’schen Küchentisch zusammengerissen, um nicht im Geiste jeden Dialog auf sein Schreibpotential abzuklopfen. Nun aber sind Razor und Kv gemeinsam mit mir Zeuge eines wahrlich beschreibenswerten Spektakels geworden.
Gern würde ich behaupten, dass die Menge sich respektvoll teilte und zu beiden Seiten die Menschen ehrfürchtig niederknieten, als wir montagmorgens in geschlossener Dreierformation sicheren Schrittes den kölner Bahnhof durchmaßen. Es war dem nicht so, wir wurden ignoriert. Oder: beinahe ignoriert.
Wir diskutieren gerade über die Rucksackbeförderung (Ich: „Du, ich kann das Ding wirklich selber…“ - Jar Jar Razor: „Ich tragen Rucke-sacke!“), als ein in einen perfekt gebügelten, gestärkten und wahrscheinlich auch ehrfürchtig jeden morgen mit einer Zahnbürste abgestaubten Anzug gekleideter Jüngling uns erspäht und Blickkontakt mit Razor sucht, den er offensichtlich für das Alphatier hält. Zu dem Jüngling gehört ein Tischchen, auf dem sich Plastikfläschchen wie eine Herde debiler Schafe drängen, und ein großes Plakat. Auf dem Plakat steht… nun? Ein etwa Zwanzigjähriger, geschniegelt, in grauem Anzug, arabisch angehauchter Physiognomie und zu Stacheln hoch gegelten, blondiertem Haar, der zudem einen Knopf im Ohr trägt, der wie 50% der Ohrenstöpsel eines Discmans aussieht und wahrscheinlich zur Kontaktaufnahme mit der geheimen Basis im Untergrund dient, versucht montagmorgens auf dem Kölner Bahnhof etwas zu verkaufen. Klar: Brillenputzmittel.
Wow. Im Übrigen haben sich die Kelten vor der Schlacht das Haar mit Kalk gebleicht und zu Stacheln aufgestellt – das stelle ich jetzt mal nur zusammenhangslos in den Raum.
„Sollen wir?“, fragt Razor. Kv und ich tauschen einen Blick. „Warum nicht?“
Also steuert das Alphatier auf den Keltenaraberpiefke und seinen Brillenputzmittelstand zu, wir decken seine Flanke.
„Morgen!“, kräht der Knabe: „Haben sie einen Moment Zeit?“
Wahrlich: Sein Auftreten, sein Aussehen, sein makellos-akzentfreies junge-Leute-Deutsch: alles an ihm schreit Junger, erfolgreicher, dynamischer Geschäftsmann!
Razor legt eine Kunstpause ein, scheint kurz im Geiste sämtlichen philosophischen Aspekte zu beleuchten. Natürlich haben wir Zeit, mein Zug kommt erst in zwanzig Minuten, aber man will dem Knaben ja nicht die Spannung verderben. Zuletzt nickt der Alte Mann und über die solariumsbraunen Züge des Anzugmenschen breitet sich Jagdeifer aus.
„Darf ich kurz?“ Er streckt die manikürten Händchen nach Razors Brille aus und erhält sie. Mit der anderen Hand schnappt er sich eines seiner Fläschchen, sprüht Seifenlauge auf die Brillengläser und beginnt dann das Glas zwischen den Fingern zu reiben, als wäre er der Chefarzt des Kaisers von China, dessen kleine Zehe er gerade massiert: routiniert, vorsichtig und mit jeder Fingerbewegung um die Gunst des Kaisers/Razors buhlend.
Anzugmensch: „Womit putzen sie normalerweise?“
Razor: „Einem Taschentuch.“
(Später, als wir am Bahnsteig stehen, meint er, eigentlich hätte er antworten müssen: „Mit dem Blut bei Vollmond um Mitternacht geschächteter Jungfrauen. Haben Sie eine kleine Schwester?“)
Anzugmensch, einen theatralischen Seufzer ausstoßend: „Nun, damit bekommen sie das Glas nie ganz sauber, nicht wahr?“
Ich warte darauf, dass er versucht, Razors Hand mitfühlend zu tätscheln, tut er aber nicht. Nachdem er anscheinend die Durchblutung der Brillengläser weit genug angeregt hat, beginnt er stattdessen, die Brillengläser mit einem weichen Tuch von der Seifenlauge zu befreien.
„Das Mittel verhindert, dass sich die Gläser beschlagen. Hauchen Sie mal!“
Er hält Razor das Brillenglas vor die Nase, der Haucht brav, tatsächlich: das Glas beschlägt sich kaum! Ein Wunder! Oh Freude! Danked alle dem Herrn! Wobei diese Demonstration recht blödsinnig ist, weil Razor ja keine Brille aufhat und gar nicht sehen kann, ob sich was beschlägt oder nicht. So sind nur Kv und ich da, diese Manifestation des Heiligen zu bezeugen.
Jetzt wendet sich der Anzugmensch an uns: „Es reinigt auch Silber! Haben sie einen Ring da? Irgendetwas aus Silber?“ (Was den sonst aus Silber, außer einem Ring? Den Pflock, mit dem ich sonst montags immer Vampire pfähle?)
Kv zieht einen Ring vom Finger, der, soweit ich das einschätzen kann, blitzblank ist, von der allfälligen, sich nach zehn Sekunden ohnehin bildenden, Oxidschicht mal abgesehen. Der Anzugjüngling schnappt ihn ihr, ein dankbar-triumphierendes Grinsen im Gesicht, aus der Hand, reibt ihn mit dem Mittelchen ein und wirft ihn dann in eine Schüssel mit der Seifenlauge.
„Normalerweise müsste man ihn ja über Nacht drinlassen, aber jetzt haben wir nicht soviel Zeit.“
Während er noch redet, fischt er den Ring schon wieder heraus und beginnt, ihn mit einer Zahnbüste zu bearbeiten.
„Silber, Computerbildschirme, Brillen- bleibt alles spürbar länger sauber – bis zu zwei Tage!“
Spürbar ist süß. Was ist, wenn ich gar nicht will, das meine Brille zwei Tage lang sauber ist? Wenn man während einer Diskussion nicht seine Brille abnehmen und sie bedeutungsschwer mit dem Pulloversaum putzen kann, ist man doch eines wichtigen Ausdrucksmittel, einer Urgeste, einer elementaren Übersprungshandlung, beraubt! Zwei Tage!
Der Ring wird an Kv zurückgereicht – immerhin, er ist noch immer sauber.
„Kann ich Ihre Brille auch noch haben?“, fragt er mich und ich beschließe, dass er das mit der Urgeste nicht verstehen würde und rücke die Gläser raus. Ich vermute – hier kann ich mich nur auf die Geräusche und die Zeugenaussagen von Kv und dem Alten Mann stützen – dass er mit ihnen ebenso umgegangen ist wie mit Razors.
„Fettlösend, antistatisch, antibeschlagend, ohne Chemie!“
Soll ihm jemand erklären, dass alles Chemie ist? Sogar wenn es nur Wasser ist, ist’s Chemie - Jessas!
Ich kriege die Brille zurück und, nachdem alles polier- und putzbare an uns poliert und geputzt ist, schaut er das Alphatier erwartungsvoll an.
Ich warte auf Razors ausgefeilte Nicht-Kauf-Begründung… und mein Unterkiefer wird Raub der Schwerkraft, als der Alte Mann tatsächlich sagt: „Ich nehm eine Flasche. Wieviel?“
„Normalerweise 29 Euro, aber weil wir hier ja werben und SIE es sind, nur 20 Euro die Flasche! Sie kommen zwei Jahre damit aus!“
„20 Euro?“
„Sie bekommen sogar noch eine Flasche GRATIS drauf!“
Es gibt diese Menschen, die in Großbuchstaben sprechen können. Das bewundere ich immer.
„Soviel habe ich nicht mit“, sagt Razor, was gelogen ist.
„Wieviel haben Sie denn mit?“
„10.“
„Weil Sie es sind! Sie bekommen sogar noch einen Gutschein drauf!“
Der Anzugmensch lächelt und sein Lächeln sagt: „Mein Gott, ich habe einen Menschen gefunden, der bereit ist, einen Zehner für eine Flasche Seifenwasser zu zahlen! Das Ende der Menschheit ist nahe, doch ich werde glücklich sterben!“
Razor kriegt ein Plastikfläschchen in einem Plastiksäckchen und einen Gutschein, wir verabschieden uns, nehmen die Rolltreppe zum Gleis hinauf, stellen fest, dass wir am falschen Gleis sind, nehmen die Rolltreppe wieder hinunter, diskutieren, wer an der Gleisfehlorientierung Schuld ist, gehen noch mal am Plastikflaschenstand vorbei – der Anzugmensch hat eine alte Dame in die Enge getrieben – nicken ihm zu, benützen eine andere Rolltreppe, sind am richtigen Bahnsteig.
„Wisst ihr, warum ich ihm die Flasche jetzt abgekauft hab?“, fragt Razor.
Mir fallen akut drei Möglichkeiten ein:
a) Razor ist unerklärlicherweise wahnsinnig geworden
b) Razor ist von Außerirdischen gekidnappt worden und wir haben es mit einem Doppelgänger zu tun
c) Razor ist Mitglied einer geheimen Sekte, die am Montag Abend immer einem Gott in gestalt einer ätherischen Brille ein Weiheopfer bringt.
Alle drei Möglichkeiten haben ihre Schwachstellen, also schüttle ich einfach nur den Kopf.
„Für die Show.“ sagt Razor: „Der Knabe hat sich kein einziges Mal auf seinen Anzug gekleckert und das ist mir zehn Euro wert.“
Ich atme erleichtert auf. Razor ist kein extraterrestrisches, wahnsinniges Sektenmitglied.
Kv untersucht ihren Ring: „Da ist Seifenwasser in den Rillen.“
„Echt?“, erkundige mich und versuche mittels Pulloversaum die Schmierstreifen von meiner Brille zu entfernen.
Später sitze ich im Zug, zerdrücke eine Träne im Augenwinkel (eher will ich mich in der Donau ersäufen, als dass ich wegen einem Abschied, noch dazu von Piefkes, zu heulen anfange!) und lese mir den Brillenputzmittelgutschein durch, den Razor mir als Gedächtnisstütze für die Geschichte mitgegeben hat. Unter anderem kann man da ankreuzen:
Ich möchte OPTIK, den ultimativen Brillenreiniger, weiterempfehlen und bestelle 18 Flaschen für 198 Euro plus Porto!
sowie
Ich möchte am Weiterempfehlungsprogramm teilnehmen; Bitte nehmen Sie mich als Vertriebspartner in Ihre Kartei auf!
Das hat er angekreuzt, der Anzugmann. Wetten?