Die Fremde

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Der Zeitgeist
Kerberos
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Die Fremde

Beitragvon Der Zeitgeist » 31.05.2005, 11:06

Die Fremde

Finster schien das Haus sie anzustarren. Blasse, leere Fensterscheiben. Unverzagt schritt die Fremde dennoch voran und der dunkle Hauseingang verschluckte sie. In ihrem Zimmer im dritten Stockwerk angekommen erfreute sie sich des sicheren Geschmacks ihrer Eltern, die es sich nicht hatten nehmen lassen, dieses bis zu ihrem Einzug wohnlich einzurichten, ohne dass sie dabei zugegen sein durfte. Das war geschehen in den besten Absichten der Überraschung (sie war ein geliebtes Kind) und ihr Vater, ein wohlhabender und angesehener Arzt, hatte alles unternommen, um seiner Tochter den Umzug in die fremde Stadt so angenehm als möglich zu gestalten. Sogar einen Blumenstrauß, der ihr gleich bei ihrem Eintritt ins Zimmer auffiel und ihr giftigrot entgegenstarrte, war als Willkommensgruß auf den dunkelbraunen Schreibtisch gestellt worden. Neue, ihr unbekannte Möbel standen schweigend in den Ecken des Zimmers. Um nichts hatte sie sich kümmern müssen.
Mit diesem Tag also sollte ihr Leben in Selbstständigkeit beginnen, gleich am nächsten Tag würde sie die ersten Vorlesungen der Psychologie besuchen. Angesichts dieser Verän¬derungen in ihrem Leben vermeinte sie, nun eigentlich Aufregung, vielleicht sogar etwas wie Vorfreude oder Euphorie verspüren zu müssen – indes, sie fühlte sich nüchtern und ruhig. Sie setzte sich in einen der beiden dunkelroten Sessel, in dessen Bequemlichkeit sie so tief einsank, dass sie zunächst glaubte, er wolle sie ganz in sich aufsaugen; dann aber gefiel ihr das Gefühl, von ihm rundum geborgen zu sein und sie blickte über den Schreibtisch hinweg aus dem Fenster. Innerhalb der wenigen Minuten seit sie das Haus betreten hatte, war draussen ein dichter Nebel aufgestiegen, der ihr den Eindruck vermittelte, sie sei gänzlich isoliert von der Außenwelt, nur das matte Licht einer Straßenlampe, das immer noch irgendwo von weit her bis zu ihr hindurchdrang, zerstörte diese Illusion.
Sie dachte an ihre Mutter und daran, wie schwer es ihr gefallen war, die Tochter gehen zu lassen. Sie würde jetzt bestimmt sehr alleine sein in dem großen, altertümlichen Gutshaus, das der Vater vor zwei Jahren gekauft hatte. Das Mädchen überkam plötzlich ein unbekanntes Gefühl der Einsamkeit und Angst, sie stürmte hinaus aus dem Zimmer in die abendliche Dunkelheit und durchwanderte im strömenden Regen, der mittlerweile eingesetzt hatte, die Stadt. Dicke Regentropfen durchdrangen ihre Kleidung, ihr dunkles, lockiges Haar; und die nasse Kälte und die Ausdruckslosigkeit ihres margeren blassen Gesichtes ähnelten so sehr dem Anblick einer Wasserleiche, dass manche Passanten tatsächlich die Straße wechselten, wenn sie sie erblickten.
Erst mitten in der Nacht kehrte sie am ganzen Leib zitternd zurück. Nachdem sie das Haus betreten hatte, fiel die Tür hinter ihr ins Schloss und sie floh, erschreckt von dem dumpfen, lauten Geräusch, die Treppen hinauf. Sie schloss die Zimmertür hinter sich zweimal ab, riss sich die nassen Kleider vom Körper, warf sie nachlässig auf den Boden und hastete ins Bett. Es verging keine Minute ehe sie erschöpft einschlief.
In der Nacht wachte sie einmal auf, weil sie schlecht geträumt hatte. Sie war gefangen gewesen in einer kahlen hellblauen Ebene. In ihrer Mitte hatte auf dem einzigen kleinen Hügel weit und breit ein alter Mann gestanden und ihr aus hellen grauen Augen die Freuden der Einsamkeit verkündet. Dann hatte er sich plötzlich in Luft aufgelöst und auf der Suche nach ihm war sie den Hügel hinauf geeilt. Als sie dort aber angekommen war, öffnete sich unter ihren Füßen der Boden und sie fiel in Schwärze. Von irgendwoher erklang das Hohngelächter des Alten.
Danach schlief sie bald wieder ein und erwachte erst am nächsten Morgen. Verursacht wahrscheinlich durch ihren abendlichen Ausflug in Kälte und Regen, hatte ein hohes Fieber Besitz von ihr ergriffen, das es ihr unmöglich machte, das Haus zu verlassen: die Universität würde warten müssen. Sie rief ihre Mutter an und berichtete ihr mit kränklich-heiserer Stimme von ihrem Zustand. Als die Mutter von dem nächtlichen Spaziergang erfuhr, schimpfte sie die Tochter wegen ihres unbedachten Handelns, gab ihr dann aber sogleich hilfreiche Ratschläge zur baldigen Genesung, die das Mädchen dankbar annahm. Mit freundlichen Grüßen an den Vater beendete sie das Gespräch.
Sie ging hinüber in die kleine Küche und setzte einen Tee auf. Sie ging zurück ins Bett und schaltete den Fernseher an. Sie schaltete ihn wieder aus und nahm ein Buch zur Hand. Auch das legte sie nach wenigen Sätzen beiseite und starrte auf dem Rücken liegend die Deckenlampe an, die neben einem großen, rostigen Haken hing, der zu einem nicht erkennbaren Zweck - wahrscheinlich vom Vormieter - in das Holz geschlagen worden war. Wie Blei lag die Bettdecke auf ihrer Brust und drohte sie zu ersticken. Schwitzend warf das Mädchen sie von sich und wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Alles an ihrem Körper schien zu kleben, sie bekam Angst, ihre Gliedmaßen könnten mit ihm zusammenwachsen, bis sie sich nicht mehr bewegen könnte und sie hilflos und ausgeliefert daläge.
Von draußen drang kein Laut ins Zimmer und das einzige Geräusch, das zu vernehmen war, war das unablässige Ticken des Weckers auf dem Nachttisch. Sie schlief mehrmals ein an diesem Tag, befand sich ansonsten beständig in einem trüben Dämmerzustand, war kaum einer Regung fähig. Sie wünschte sich nach Hause, wo die Mutter und die Haushälterin sich gewiss um sie gesorgt und sie mit guter Unterhaltung und dem leckersten Essen aufzuheitern gewusst hätten. Ausgerechnet jetzt, zum ersten Mal auf sich alleine gestellt, musste sie krank werden. Aber sie war jetzt schließlich auch selbst für ihre Gesundheit verantwortlich. Zuhause hätte ihre Mutter nie erlaubt, bei solch schlechtem Wetter das Haus zu verlassen.
Der Morgen und der Nachmittag vergingen, schleichend verrannen die Minuten auf dem Zifferblatt des Weckers, wurden zu bedeutungslosen Zahlen inmitten eines kreiselnden, wirbelnden Zeitgefüges, das mit beständiger Sicherheit immer wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehrte, um den eintönigen Ablauf ein um das andere Mal zu wiederholen. Der Kopf des Mädchens wurde heißer und heißer, ganze Bäche bunten Schweißes rannen von ihrer hohen Stirn. Wände und Decke schienen sich zu verschieben, begannen, sich auf sie zu zu bewegen, nahmen ihr schon jetzt die Luft zum Atmen und riefen ein nie gekanntes Gefühl der Pein in ihrer Brust hervor. Flackernde Schatten wurden zu den bösen Fabelwesen ihrer Kindheit, zogen die grünen Augen des Mädchens in ihren Bann und lähmten ihren Blick.
So lag sie lange da, als ob draussen die Welt ihren ruhigen Gang nähme und Generation um Generation aufblühte, welkte und endlich in den verdienten Untergang gerissen würde. Nur mit eiserner Willenskraft und getrieben von namenloser instinktiver Furcht gelang es ihr schließlich, sich aus ihrer Starre zu lösen. Nichts hielt sie jetzt mehr. Von Verzweiflung getrieben sprang sie auf und rötlich-gelber Schwindel umfiel sie. Da war kein Funken eines Gefühls mehr in ihrem Leib. Schlaff hingen die Arme zu ihren Seiten herab, die Beine gaben widerstandslos unter ihr nach. Sie stürzte auf den Boden und kam zwischen Wand und Bett zum Liegen. Mit letzter Kraft richtete sie sich auf, gegen ihr Schicksal aufbäumend, und schlug den Kopf mit den schweißigen, strähnigen Haaren, die ihr ungebändigt ins Gesicht fielen, so fest sie konnte gegen die Wand. Einmal. Zweimal. Ein drittes Mal. Endlich drang wieder ein Gefühl zu ihr durch, ein pochender Schmerz zwar, nichtsdestotrotz ein Gefühl, das sich von vorne nach hinten in ihrem ganzen Schädel ausbreitete. Ein dünnes rotes Rinnsal lief über ihre Stirn, über ihre Nase und tropfte behutsam auf das Parkett. - Wenigstens hatten ihr die Schläge gegen die Wand die Kontrolle über ihren eigenen Körper wiedergegeben, in einem Maße, das ausreichte, um sich an der Bettkante emporzuziehen und aufzustehen. Beinahe nackt wie sie war, nur bekleidet mit einem Nachthemd, stolperte sie aus der Wohnungstür. So schnell sie konnte, eilte sie die Treppe hinab ohne einer Menschenseele zu begegnen und stürzte hinaus ins Freie, wo sie gierig die kalte, feuchte Luft einsaugte. Sie musste weg von hier, musste diesem elenden Zustand entrinnen.
Sie warf einen Blick zurück auf das düstere Haus, das ihr Zuhause hatte werden sollen, dann drehte sie sich um und floh durch die Stadt. Wie bereits am Tag zuvor, war sie schon bald vom Regen völlig durchnässt, stolperte orientierungs- und gedankenlos durch fremde Straßen und enge Gassen, vorbei an Häuserfassaden, die sich wie zornige, graue Ungeheuer über ihrem Kopfe zu neigen schienen und ihr drohende Flüche entgegenschleuderten. Ihre Augen nahmen dumpfes Neonlicht und riesige Plakatwände wahr und hinter jedem Fenster glotzten seelenlose Fratzen. Gebückte menschliche Kreaturen, hohle Stirnen und Augenhöhlen, aufgeworfene grelle Nutten, alles im Anschein der Biederkeit und des guten Anstands, eine Welt vortäuschend, wie sie niemals gewesen war, wie sie niemals sein würde, traumgetäuscht, lügenverzerrt, dem Verfall preisgegeben. Dabei Sklavenromantik heuchelnd, das gezückte Messer stets hinter lächelndem Mund verborgen. Oh, wie sie diese Welt leidete, welch unsäglicher Hass begann in der Fiebernden aufzulodern, nun da sie sehend war. Wie unsäglich stark schwoll der Wille zu zerstören, zu vernichten, in ihr an, wie sehr verabscheute sie mit einem Mal ihre Eltern, die es gewagt hatten, sie isoliert in einem weißen Raum der Stille, der Isolation, der Behütetheit und der Lüge aufwachsen zu lassen, sie fernhaltend vom Schmerz und Leid der Seins. Ihr war, als ob sie viele Jahre von innen heraus verschimmelt sei, plötzlich wollte sie alles von sich wegwerfen, was ihr bisher bekannt und vertraut gewesen, wollte ausspeien, was sie bisher genährt, ausbluten, was sie bisher geglaubt hatte. Ihre Haut wollte sie sich in Fetzen vom Leibe reißen, ihren Schmerz und ihre Wut in das All hinausschleudern. Verrotten sollte, was sie bis zu diesem Tage war, alles an ihr war würdig, für immer unterzugehen.
Mit einem Male wurde ihr Kopf klarer, das Fieber schien ihr nun überwunden. Eine freudige Erregung ergriff Besitz von ihr und in ihrem Nachthemd eilte sie, die Genesene, gegen den Wind an, lief zurück in ihr neues Zimmer, während der Hagel ihr seine harten Körner gegen den Kopf hämmerte und die wenigen Passanten, die ihr begegneten, gesenkten Hauptes die Straßenseite wechselten. Angekommen und das finstere Gebäude keines Blickes würdigend, stürmte sie durch die Eingangstür und flog die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf, das ihrer - nun aller Macht beraubt - wehrlos entgegenharrte. Doch sie würde keine Gnade walten lassen, plötzlich befreit würde sie Rache nehmen für all die an ihr begangenen Untaten. Den giftigroten Blumenstrauß mit den Rosen riss sie heftig aus der Vase, so dass diese vom Tisch glitt und am Boden zerschellte. Mit beiden Händen brach sie unter Anstrengung die Stengel entzwei und ein Dorn blieb tief in ihrer Handfläche stecken. Das Telefon warf sie durch das Fenster, nie wieder sollte sie mit ihren Eltern reden müssen, alle Erinnerungen und Möglichkeiten des Kontaktes sollten getilgt werden. Sie zerriss das Familienbild auf dem Nachttisch in kleine Fetzen und ließ sie zu Boden fallen, mit den bloßen Fäusten schlug sie gegen den Spiegel, bis er endlich zersplitterte, sie war ihres eigenen Anblicks, ihrer aussagelos geformten blassen Maske überdrüssig, all den darunter verborgen quellenden Ekel und Abschaum, all den Eiter und Gestank, all die Lügen und das lüsternfleischige Sie-Selbst wollte sie nun leben und es jedem, der ihr begegnete ins Gesicht schleudern...

Noch bis in die Morgenstunden wütete sie weiter, bis andere Mieter des Hauses, gestört in ihrer nächtlichen Ruhe, entnervt und aufgebracht die Polizei riefen. Als diese eintraf, fand sie die Fremde aufgehängt an einem Haken über dem Bett schwebend: ihr ganzer Körper kotverschmiert.
Cetero censeo, Carthaginem esse delendam.

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Re: Die Fremde

Beitragvon Edekire » 31.05.2005, 15:51

Hallo Zeitgeist,

Willkommen im Forum!

Deine Geschicht lässt sich recht gut nachvollziehen, deshalb nimm meine Kritik jetzt nicht als Grundsätzliche Ablehnung.

Ich habe ein Gewisses Problem mit der Sprache. Sie wirkt so merkwürdig altertümlich, hat das eine spetiellen Zweck? Ich meine damit sowas:
Als die Mutter von dem nächtlichen Spaziergang erfuhr, schimpfte sie die Tochter wegen ihres unbedachten Handelns, gab ihr dann aber sogleich hilfreiche Ratschläge zur baldigen Genesung, die das Mädchen dankbar annahm


"wegen ihres unbedachten Handelns" und "baldige Genesund" klingt so antiquiert. Natürlich kann man sowas mögen, aber ich persönlich sehe den Sinn darin nicht, bei einer Geschichte die durch aus in der Gegenwart spielt. Deshalb klingt das, besonders da die intentität diese Altertümelei schwankt zu weilen eher komisch udn überraschend. ( Am Anfang finde ich das gar nicht so stark)


Dann finde ich du übertreibst manchmal und es klingt dann pathetisch. Ich muss dazu sagen, dass du da an den falschen Menschen gerätst, denn ich mag keinen Pathos :-)

Ich meine damit so etwas:
So lag sie lange da, als ob draussen die Welt ihren ruhigen Gang nähme und Generation um Generation aufblühte, welkte und endlich in den verdienten Untergang gerissen würde. Nur mit eiserner Willenskraft und getrieben von namenloser instinktiver Furcht gelang es ihr schließlich, sich aus ihrer Starre zu lösen.


Generation um Generation blüht auf.. Puh.... das wirkt einfach ein bisschen seeeehhhr überzogen.
An diesem Abschnitt kann ich auch schön meinen letzten Sprchkritikpunkt verdeutlichen. Du wirfst mit andjektiven ganz schön ums dich...
Das ist ein Teil dieser altertümlichen Sprache, klar, aber es sind viele Anjektive die nicht unbedingt notwenig sind, weil eine gute beschreibung nicht unbedingt adjektive benötigt und es sind auch so stereotype wie "eisener Willenskraft" dabei, die recht abgegriffen wirken. Da wüde ich dir empfehlen mit der dem Wortkamm durchzugehen :-)

Ansonsten formutlierst du sehr flüssig, und bringst acuh dein komplizierten schnörkelsätze zu einem richtigen ende ohne dich zu verheddern. Um mal nicht nur zu meckern :-)


So, zum Verlauf. Ich fange jetzt ganz unstruckturiert hinten an. Mir gefällt das Ende nicht so richtig. Ich finde es wirkt wie der Versuch jetzt immer noch mal eins drauf zu setzten und das missfällt mir weil es so effektheischerisch rüberkommt.
Warum hängt sie sich auf? Sie hat doch gerade beschlossen sich abzukapseln...
Dann wäre es doch irgendwie böser, wenn die Polizei kommt und sie dann wieder bei ihren Eltern landet, das fände ich dann schon richtig gemein. sie randaliert ja fröhlich, na gut, aber dieses Schlussbild ist mir viel zu gewollt. Wenn du denn unbedingt dabei bleiben willst würde ich den letzten Teilsatz streichen. einfach nur um kühler zu wirken.

Dann fidne ich es unsinnig, dass sie sich an einem Nagel aufhängt. SChraub doch einfach einen Haken in die Decke, wie soll man denn etwas an einem Nagel befstigen? Abgesehen davon, wir ein rostiger Nagel vermutlich keine Menschen aufhalten, hat er gar nichts um eine Seil oder Band zu halten.

Warum rufen die Mitmieter eigentich nicht eher die Polizei? Wenn sie so lange wütend und die dann endlich kommt und sie ist schon Tod, dann war sie eine länge Zeit vorher mit Sterben (ehe leise Tätigkeit beim erhängen) und vorbeireitung des Erhängens beschäftigt, da war sie bestimmt nicht mehr so laut, da gibt es keine Sinn, dass die erst dann gerufen wird.
Ich frage mich ja auch so ein bsischnen was sie da stundenlang tut..ein Zimmer sollte sich doch eigentlich innerhalb ein halben Stunden Ordentlich ramponieren lassen...aber das ist vermutlich nicht so wichtig...

Das ist natürlich eine Geschmacksgesteuerte Kritik, du musst natürlich selber entscheiden....

MFG

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Re: Die Fremde

Beitragvon Der Zeitgeist » 01.06.2005, 18:43

Hallo, Edekire!

Danke für deinen Beitrag. Zunächst: den Hinweis mit dem Haken, der bei mir ein Nagel war - du hast vollkommen recht, genau das meinte ich auch. Weiß nicht, wie es zu diesem zweimaligen Fehler kommen konnte (hab es auch gleich geändert).

Zu Sprache und Pathos: Der Text ist zugegebenermaßen sehr beeinflusst durch den expressionistischen Erzählband "Die Ermordung einer Butterblume" von Alfred Döblin, welcher ich mich am Wochenende begeistert hingab. Ich denke sogar, dass ich noch verständlicher als Döblin geblieben bin: ein oftmaliges Charakteristikum in seinen Texten ist, dass einzelne Passagen sehr unverbunden nacheinander folgen; was dazwischen passiert, kann man manchmal nur schwer nachvollziehen.
Die etwas altertümliche Sprache ist ganz einfach daher gewählt, um der Sprache zur Zeit des Expressionismus etwas näher zu kommen. (Zudem mag ich sie sehr.)
Typische Elemente des Expr., die ich ebenfalls aufzunehmen versuchte waren z.B. der Anti-Held, die Farbsymbolik, die Thematik der Großstadt und natürlich die Verlorenheit des Menschen in der Moderne. Lösung kann (wie auch in meiner Erzählung) oft nur im Tod bestehen, real können viele existenzielle Probleme nicht gelöst werden. Das ist eine natürlich an sich schon etwas pathetische Auffassung, deren Ursprung ist allerdings nicht bei mir zu suchen, ich habe sie lediglich aufgegriffen, obwohl auch ich denke, dass viele Problematiken keine reale Lösung besitzen, ohne ungekünstelt zu wirken.
Der Loslösungsprozess der Protagonistin meiner Erzählung geschieht natürlich auch in radikal gekürzter Form. Schon die Beschreibung des Zimmers und des Hauses soll ja eine gewisse Beklemmung der Fremden beschreiben, das Fieber weist (denke ich) einige Parallelen zum Wahnsinn auf, der dann schließlich auch zum Suizid führt. Die Fremde ist vollkommen unselbstständig, kommt mit dem Alleinesein nicht zurecht - irgendwo ist sie ein kleines Kind geblieben, daher finde ich den Schluß mit dem Kot (evtl. Rückkehr in die anale Phase?) durchaus angemessen.
Deine Frage allerdings, was sie bis in die frühen Morgenstunden getrieben hat, ist berechtigt. Um es mir einfach zu machen, könnte ich sagen, das ist ein typisch expr. Zeitsprung - das wäre aber nicht logisch für den bisherigen Verlauf der Erzählung. Um ehrlich zu sein: ich wußte selbst während des Schreibens nicht, was sie noch hätte tun sollen... vielleicht hätte ihr Tod tatsächlich früher stattfinden können, ihr Prozess der Selbsterkenntnis war schließlich abgeschlossen.
Diesen letzten Punkt werde ich mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen, ansonsten fand ich die Kritik angesichts meiner Intention nicht ganz angemessen. Trotzdem vielen Dank!!!


Cetero censeo, Carthaginem esse delevam.
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Re: Die Fremde

Beitragvon Edekire » 01.06.2005, 19:24

Wenn du meine Kritik nicht angemessen fandest, was stellst du dir dann vor?

Ich habe es nicht unterlassen deutlich zu machen, dass ich natürlich von meinem eigenen Standpunkt aus Kritisiere, und natürlich nach meinem eigenen Geschmack.

Ich kenne deine Intention nicht, wenn ich die Geschichte, so wie ich sie sie hier vor mir habe, lese. Also kann ich sie schlecht diese entsprechend kritisieren.

Ich muss sagen: ich will deine Intention beim ersten lesen auch gar nicht wissen. Ich möchte nämlich wissen, ob die Geschichte für mich als heutigen leser von einem heutigen Autor funktioniert. An dieser Stelle kommt mir die Sprache dann natürlich komisch vor.
Das ist sicher eine Interessante Idee, sich in den Stil, Inhalt und auch Gestus einer Epoche hineinzudenken und so zu schreiben.
Ich muss aber sagen das ich dann, wenn ich das weiß für mich zwischen zwei Möglichkeiten entscheide:

entweder ich nehme das a) als Experiment udn bewundere es als Experiment, das man bestimmt als gelungen betrachten kann
oder ich verusche es b) als moderne literatur zu betrachten und kann da nur feststellen das es mir nicht gefällt, ewil es altmodisch daher kommt.

Vermutlich ist acuh Expressionismus (indem ich mich zugegebener Maßen nicht besonders gut auskenne, die Merkmale die du aufzählst sind mir zwar schon mal begegnet, aber außer ein paar wenigen Gedichten habe ich da nicht viel Gelsesn) nicht die richtige Epoche für mich. Ich mag wirklich keinen Pathos. ;-)

Ich wäre sehr gespannt, wenn du eine Geschichte posten würdest, in der du dich eher vorwärts wendest nicht so sehr an vergangenes anlehnst.

MFG

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Re: Die Fremde

Beitragvon Der Zeitgeist » 02.06.2005, 12:49

Hallo!

Klang etwas, als fühltest du dich angegriffen, durch meine Antwort. Das war aber keineswegs so gemeint gewesen. Natürlich muss man (zu einer "angemessenen" Interpretation in meinem Sinne) auch meine Intention kennen. Man mag aber durchaus (wie z.B. Kurt Pinthus, der eine expressionistische Sammlung von Gedichten namens "Menschheitsdämmerung" herausgab) argumentieren wie folgt: "[...]Dennoch rate ich den Enkeln nicht, das im Buch ´Menschheitsdämmerung´ Gebotene oder Wiedergebotene nachzuahmen. Ich glaube nicht, dass die heutige Dichtung bewusst eine Brücke zurückschlagen solle zu dem, was geretter wurde aus der ´Zerstörung der deutschen Literatur´". Herbert Jhering in einer Rezension von Else Lasker-Schülers "Die Wupper" hingegen betont: "Selbstverständlich ist ein Werk, unabhängig von der Richtung, der es angehört, vortrefflich oder schlecht aus sich. Eine literarische Mode kann es hochwerfen und fortspülen - werten und entwerten kann sie es nicht."

Wie auch immer, ich werde demnächst etwas Moderneres ins Forum stellen. Bin gespannt auf deine Kritik!!!

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Re: Die Fremde

Beitragvon razorback » 02.06.2005, 13:54

Natürlich muss man (zu einer "angemessenen" Interpretation in meinem Sinne) auch meine Intention kennen.


Nicht "kennen", Zeitgeist, sondern "erkennen"! Wenn Dir das aber so wichtig ist, liegt es bei Dir als Autor, sie so deutlich zu machen, dass jeder sie sofort erkennen kann.

Wobei ich da eher skeptisch bin. Ich bin weder der Meinung, dass ein Autor explizit eine Intention haben muss (wenn man mal von Grundlagen wie "erzählen wollen" etc. absieht), noch dass er - wenn er eine hat - derjenige ist, der sie unbedingt am besten kennen bzw. erkennen kann. Eine Geschichte, deren Intention einen zweifelsfrei anspringt, kann eigentlich nur extrem geschlossen und gezwungen und daher schlecht sein (Ausnahmegenies mag es geben). Ein guter Text ist für unterschiedliche Interpretationen - auch der Intention des Autors (dieses unausrottbaren Gespinstes :vomit: )- offen. An Deiner Stelle würde ich es begrüssen, dass der Text offenbar nicht eindimensional und platt ist. Das ist doch auch ein Kompliment. :-D
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

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Re: Die Fremde

Beitragvon Der Zeitgeist » 02.06.2005, 14:06

Hallo, Razorback!

Du hast natürlich Recht (und stimmst damit wohl auch mit den meisten Literaturwissenschaftlern überein), dass man einen Text zunächst per se (ohne Wissen über einen Autor) lesen u. interpretieren sollte, um nicht vielleicht etwas hineinzuinterpretieren, nur weil es gerade mit der persönlichen Biographie eines Autors übereinstimmt. Daher verzichtete ich beim Hineinstellen meines Textes in das Forum auch auf den Hinweis der Entstehungsgeschichte. Wenn Edekire mich allerdings nach dem Grund für den altertümlichen Sprachstil fragt, so habe ich ihm lediglich darauf geantwortet und meine ganz persönlichen Gründe genannt. Daher schrieb ich auch etwas wie "angemessene Interpration in meinem Sinn", was natürlich auch nichts weiter ist als eben meine ganz eigene Sichtweise. Thank you anyway!
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