Wilde Hummeln

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Patina
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Wilde Hummeln

Beitragvon Patina » 30.05.2005, 22:38

1

Es geschah in jenen Sommerferien, als meine Mutter ihre Solian-Tabletten zertrümmerte und den Ameisen zu fressen gab. Während ganze Karawanen von Ameisen über unsere Terasse marschierten, beladen mit weißen Bröseln, die wie Kokain aussahen, spielte ich mit einem Wurf kleiner Kätzchen. Immer wieder nahm ich sie hoch, streichelte sie und ließ sie dann wieder fallen. Jedesmal war ich überrascht darüber, wie schnell sie wieder auf die Beine kamen.

Wenn ich nach Stunden müde des Spiels war, kehrte ich auf die Terasse zurück, knabberte trockenes Weißbrot und beobachtete meine Mutter dabei, wie sie in einer rotweinbefleckten Biographie über Vincent van Gogh las, in Sardellenfilets herumstocherte und eine Gauloises nach der anderen rauchte.

Meine Mutter war gerade an ihrem fünften Abszeß operiert worden. Der Arzt hatte ihr eingeschärft, das Rauchen sei Gift. Sie schien das Rauchen trotz der Operationen nicht lassen zu können.

Das Highlight für meine Mutter in jenen Tagen war die Straßenkatze. Wenn sie auf die Terasse kam und miaute, legte meine Mutter Buch und Zigaretten weg, um Milch verdünnt mit Wasser zu holen. Sie fütterte das schreckliche Vieh mit einer Selbstverständlichkeit, die mir bis heute nicht klar geworden ist. Das Tier war fast schwarz, hatte einen buschigen dreckigen Schwanz, am linken Hals fehlte das Fell und die Augen schauten klein, fies und hellgrün aus dem dunklen Fell. Unter dem Fell verbargen sich Zecken, wie mir meine Mutter berichtete. Ich traute mich nicht, das Tier anzurühren.

Wenn mein Vater auf der Terasse war, verscheuchte er das Vieh, solange bis es auf den Stufen seinen Platz fand. Mein Vater hatte meiner Mutter verboten, die Katze mit Wurst, Fleisch oder Fisch zu füttern. Die Milch ließ er gerade noch zu. Ich kenne meinen Vater nicht anders, als daß er mich, meinen kleinen Bruder und meine Mutter sich selbst überließ. Und wenn er da war, so doch stets geistig abwesend. Er las über das Altertum, Politik und Geschichte, wühlte morgens in seinen Zeitungen und ich war froh, wenn ich hier und da ein anerkennendes Wort von ihm erhaschen konnte. Ich hatte keinen Vater zum Herumtollen, sondern einen verkopften Intellektuellen, der mich, wenn es ihm gerade gefiel, in die Schranken wies.

2
Nachts, wenn meine Eltern ihren Rotweinrausch ausschliefen, ging ich ins Bad, onanierte vor dem Spiegel und dachte an die kleinen Brüste von Gabriella an der Rezeption. Beim Höhepunkt verschmolzen jedesmal ihre kohlrabenschwarzen großen Augen mit den grünen Schlitzaugen der Straßenkatze. Am Morgen wunderte ich mich, warum das Kloloch nach Fisch stank. Ob der Geruch wohl von meiner Ejakulation stammte oder von der Kanalisation? Wenn ich das fensterlose Bad verließ, machte ich die Lüftung an.

3
Eines Tages saß mein kleiner Bruder in der Mittagszeit am Rande des Schwimmerbeckens und ließ seine Beine im Wasser baumeln. Als sich die Sonne verdunkelte, fiel er in den Pool. Ich saß untätig auf dem Sprungbrett und beobachtete seine rudernden Bewegungen. Erst dann schaute ich in den dunklen Himmel. Er war voller schwarzer riesiger Hummeln. Sie surrten in der Luft so laut wie kleine Hubschrauber. Ich sprang auf und flüchtete in das kleine Häuschen, die Rezeption, wo Gabriella am Telefon hinter dem Desk saß. Ich setzte mich ruhig an den Tisch, bestellte eine Cola und beobachtete, wie draußen Nacht wurde.

4
Ich erfuhr von dem Tod meines Bruders am Abend. Meine Mutter kotzte schwarze Galle. Gabriella hatte ihn im Pool gefunden. Da mein Vater bei meiner Mutter war, ging ich hinaus auf die Terasse, gab der schwarzen Katze etwas Milch und streichelte sie an der Stelle, wo sie kein Fell mehr hatte. Ich schaute in den Himmel, er war wieder klar. Dann gähnte ich solange, bis das Weiß der Lampe im Dunkel erlosch.

Glaukos
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Re: Wilde Hummeln

Beitragvon Glaukos » 31.05.2005, 03:57

Ganz schön böse ;)
- Betonung sowohl auf Schön als auch auf Böse ... hast du fein beschrieben. Wenngleich ich irgendwo einen Lichtblick vermisse. Das aber ist nur persönlicher Geschmack, und vermutlich ist der Text so - gnadenlos - wie er ist, auch besser von seiner Wirkung. Ich denke, dass du das erzielen willst: Dass der Leser Position bezieht. In diesem Fall gegen die krude Familie.
Wenngleich ich den Eindruck gewinne, dass hiermit kundgetan wird, die Sozialisation determiniert das Schicksal des Protagonisten. Das würde ich wiederum nicht so unterschreiben, wenn es denn so wäre.

Aber insgesamt ein rundes Textlein, schön eingedampft auf das Wesentliche.
Lieben Gruß an dich ;)
Tolya

Edekire
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Re: Wilde Hummeln

Beitragvon Edekire » 31.05.2005, 15:20

Mir gefällt der Text auch. Böse trifft es ziemlich gut...
Der TExt wirkt sehr direkt auf sein grausige Art, was du vermutlich acuh erreichen wolltest.

Sprachlich finde ich nur eines nicht so glücklich:
Der Arzt hatte ihr eingeschärft, das Rauchen sei Gift. Sie schien das Rauchen trotz der Operationen nicht lassen zu können.


Die dopplung von das Rauchen hat mich an der stelle ein bsischen gestört. Ich würde das zweit einfach durch Es ersetzen..oder war das Absicht?

Lg

Edekire
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
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Patina
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Re: Wilde Hummeln

Beitragvon Patina » 31.05.2005, 20:11

tja ihr beiden. ja, richtig böse wollte ich sein. eine richtig unsympathische familie beschreiben. ein bißchen endzeitstimmung durch die wilden hummeln und einen tod, den wohl der protagonist verschuldet hat. ich habe hier aus der sicht eines jungen ers geschrieben, ein dummer teenager. ich hab den text im urlaub geschrieben. als ich ihn meinem freund zu lesen gab, sagte er nur: wie kannst du nur? ist das kein urlaub für dich? hihi
lichtblicke gibts wohl keine, die passen nicht zur endzeit.
das mit dem doppelten rauchen war keine absicht. das nehme ich wohl raus.
herzlichen dank euch beiden.
lg patina

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Re: Wilde Hummeln

Beitragvon Spiderman » 02.06.2005, 22:53

Es gibt doch einen Lichtblick: die Brüste von Gabriella!

Patina, der Text ist wiedermal - wie viele Texte von Dir - sehr sehr gut. Allein das Bild mit den Solian und den Ameisen ist grandios!
Freilich ist das alles ziemlich abgründig, was Du schreibst. Aber es ist auch ziemlich genau beobachtet, präzise seziert. Das Problem ist doch: es gibt diese Familien und gar nicht mal selten.

Gruß

Spiderman
Die nette Lyrik-Spinne von nebenan!

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Re: Wilde Hummeln

Beitragvon razorback » 08.07.2005, 11:33

Ich finde den Text nicht besonders direkt und böse... ja, wenn dann wirklich sehr, sehr tief.
Ich finde, Spiders Bewertung trifft es am besten: Abgründig. Und zwar nicht so, wie heute alles abgründig genannt wird, wo jemand die ersten drei Kapitel nett ist und ihm vierten jemanden umbringt, sondern wirklich:

Abgründig.

Und selbstverständlich sehr, sehr gut. Die Sprache, Patina, diese emotionslose Ruhe, dieses wahnsinnige Staunen... herrjeh, ich schreibe in Adjektiven :-D . Wirklich sehr gut. Eine einzige Stelle fällt etwas ab:

Meine Mutter war gerade an ihrem fünften Abszeß operiert worden. Der Arzt hatte ihr eingeschärft, das Rauchen sei Gift. Sie schien das Rauchen trotz der Operationen nicht lassen zu können.


Die ist nicht schlecht, aber ein wenig zu sehr einfach nur Erklärung. Sagen wir mal so: Die Stelle ist okay. Der Rest ist herausragend.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

Patina
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Re: Wilde Hummeln

Beitragvon Patina » 10.07.2005, 22:52

uhii razor meldet sich mal wieder zu meinen texten. das ist ja ein halbes jahrhundert her. hihi.
jedenfalls schön, daß du wieder da bist. ich mag die hummeln auch lieber als die tauben sind wie ratten. wahrscheinlich waren die tauben sind wie ratten nur so ein abklatsch.

lg pati (die nicht nach wien reisen kann, da sie kein geld hat... schade. :-| )


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