Sternschnuppen # 2
Als der Sturm einsetzt, wird das Spurhalten auf der Autobahn schwieriger. Ich versuche, zwischen den weißen Schneepfeilen durchzustarren, die immer heftiger auf die Scheibe zufliegen, aufklatschen, weggeschoben werden. Science Fiction, denke ich, so fing doch Raumschiff Enterprise an, nur waren es dort die Sterne, die an den Augen der Himmelsfahrer vorbeirasten. Die Scheibe beschlägt innen, ich hasse Autofahren bei schlechtem Wetter, es liegt mir nicht, mich ohne Unterlass auf Verkehr und Witterung zu konzentrieren. Schneeregen also, auf meiner Fahrt hier hinaus. Schneeflocken haben eine fragile Sternstruktur. Schneeregen, da regnet es lauter Sterne.
Klara und ich fuhren damals, als sie im Radio den Sternschnuppenregen angesagt hatten, mit der Vespa über die Höhenstraße in den Wienerwald hinaus. Die meisten Sternschnuppen sieht man in den frühen Morgenstunden. „Du wirst dich erkälten,“ hat sie gemeint, mit dieser vorwurfsvollen Stimme, die sie immer dann benützte, wenn etwas gegen ihren Sinn für Vernunft ging. Unvernünftig fand sie es, mich so daliegen zu sehen, auf der Decke mitten auf der feuchten Wiese, nur mein Kleid und die dünne Wickelweste an, aber dann habe ich mein Verlegenheitslachen gelacht, das immer ein wenig zu maskulin klingt, wie Klara meint. Die Gänsehaut auf meinen Schenkeln hat sie im Dunkeln ganz bestimmt nicht sehen können. „Scheiß drauf, dann bin ich halt morgen verkühlt,“ fügte ich hinzu und mir fiel ein, dass eine Erkältung vielleicht nicht das einzige war, was ich mir heute noch einhandeln könnte. Klara wusste das freilich nicht und so sagten wir nichts und konzentrierten uns beide darauf, den Himmel abzusuchen.
„Wenn ich mich jetzt wegdrehe und die Flasche öffne, dann fliegt sicher die erste und einzige des ganzen Abends,“ sagte ich, ohne mich dabei auch nur einen Zentimeter zu bewegen. „Schon möglich,“ kicherte sie. „Aber dann wünsch’ ich mir einfach was für dich mit. Den Superlover deines Leben, mal so fürs erste.“ Sie zog am Joint und gab ihn mir zurück. „Nein... eigentlich wünsch ich dir jemanden, der auf deiner Seite ist. Und nicht auf der gegnerischen. Wie der Simon, wenn er geglaubt hat, dass er sich ständig verteidigen muss.“
„Hmm,“ ich inhalierte tief und blies den Rauch mit gespitzten Lippen aus. „Komisch, dass du ihn jetzt erwähnst.“ Komisch war auch meine Stimme und Klara hat es sofort gemerkt, ich konnte es an ihrem Atem spüren, der eine Sekunde zu lang aussetzte. Simon, beinahe lag er jetzt neben uns, seine schlaksige Gestalt zwischen unseren Körpern, hier auf der Wiese, mitten auf unserer Decke. Mir fiel das Reden schwer, ich musste zunächst einmal aufstehen, durchatmen. Als ich mich wieder hinsetzte, war die Gestalt zwischen uns weg. Ich schnippte den Stummel in die Dunkelheit. „Du,“ sagte ich hinterdrein, „es gibt da was, worüber ich mit dir reden muss“. Ich ließ mich wieder zurücksinken auf die Decke, den Blick auf das Leuchten über mir gerichtet. Meine Stimme hatte fremd geklungen, als hätte sich zumindest ein Sternenfahrer auf meinen Stimmbändern niedergelassen. Ich schaffte es nicht, die Augen vom Firmament weg zu bewegen, nahm ihren erstaunten Blick aber auch so wahr. Sie antwortete mit einem „Ja, klar...“, aus dem etwas wie unsichere Erwartung sprach. Und dann flog die erste Sternschnuppe dieses Abends und wir vergaßen beide, auch nur den leisesten Hauch eines Wunsches zu formulieren.
Mittlerweile gibt die Scheibenwaschanlage ihren Geist auf. Verdammt, ich habe wohl doch zuviel Wasser in dieses Frostschutzmittel geschüttet. Klara, warum musst du ausgerechnet im Februar heiraten? Hierzulande kann dir zu dieser Jahreszeit wettermäßig alles passieren, und siehe da, schlimme Prophezeiungen treffen auch gerne ein. Murphy’s Law, it’s dedicated to me. Die Abfahrt zur Raststation wird für 2000m Entfernung angekündigt. Eine Ewigkeit später zieht mein Wagen frische, matschgrau gesäumte Rillen in den Schnee auf dem Tankstellenparkplatz. Ich drehe den Schlüssel herum, der Klang des Motors erlischt gleichzeitig mit der Beleuchtung des Armaturenbretts. Ich drücke den Knopf mit der kleinen Zigarette hinein, ein grüner Leuchtrand wird sichtbar. Der Schnee klatscht aufs Glas wie Kleister. Die Aussicht wird lückenhaft. Ich drehe noch einmal auf, sehe den Wischerblättern zu, wie sie Kreissegmente in die Schneeschicht schneiden. Dann schalte ich aus, die Metallarme bleiben mitten auf der Scheibe stehen. Vor mir der schwarze Wald, Schneewächten auf niedergedrückten Fichtenzweigen. Und Stille. Mitten auf der Autobahn. Ein einzelnes Auto, darin ein einzelner Mensch. Um mich Nacht, nur vom Schnee aufgehellt. Alles scheint so friedlich, ganz gedämpft, in Watte gepackt. Da springt mit einem mechanischen Klicken der Zigarettenanzünder raus.
Klara hat wortlos zugehört, während ich geredet habe. Manchmal bekam ich fast das Gefühl, allein auf der Wiese zu liegen, so still war es neben mir geworden. Ich redete und redete, fügte einen Satz hinter den anderen, Sätze, die ich mir zum größten Teil vorher zurechtgelegt hatte. Über uns: die unser Dasein der Lächerlichkeit preisgebende Weite.
Die Kassierin mit den ausgewachsenen blonden Strähnchen gibt mir versehentlich auf einen Zehn-Euro-Schein raus, obwohl ich den Frostschutz mit einem Fünfer bezahlt hab. Ich stecke die Münzen in die Anoraktasche, habe nicht die leiseste Ahnung, ob ich sie darauf hinweisen soll und suche dann schnell mit fünf Euro Gewinn das Weite. Draußen ist es zu kalt für die Zigarette und meine bestrumpften Beine, also stapfe ich durch die Drehtüre ins Café nebenan. Gulaschsuppendunst, Männerblicke und der Refrain von „Love me tender“ schlagen mir entgegen. Eine Kinderstimme schreit gellend „Maaaama!“ und es reißt mich kurz, wie so oft, wenn ich einen Sekundenbruchteil glaube, es wäre meine eigene Tochter, die ruft. Ich bestelle eine Melange mit Häferl zum Mitnehmen. Rühre zu viel Zucker hinein. Das Obers bildet Fettblasen an der Oberfläche. In zwei Tagen, denke ich. In zwei Tagen heißt sie Kurz. Klara Kurz. Dabei ist sie mindestens fünf Zentimeter größer als ich und ich bin selbst schon einsdreiundsiebzig. Eine Lachnummer eigentlich. Keine Frage, dass Klara Harrys Namen annehmen wird. Klara würde die Idee einer umgekehrten Namensänderung sicher völlig verrückt finden.
„Agnes,“ hat sie zu mir gesagt, „ich weiß das. Dass er es ist, der Mann zum Heiraten.“ Sie ist ihm aufs Land gezogen. Ein Haus. Zimmer, die nur darauf zu warten scheinen, dass in wenigen Jahren Kinderlachen darin ertönt. „Wenn alles klappt, dann bin ich vor der nächsten Konferenz schon im Mutterschutz,“ hat Klara vor kurzem über ihrer japanischen Nudelsuppe geschnurrt. „Den Stress tu ich mir nimmer lang an.“
Ich rühre in meiner Melange. Auf dem Häferl sind zwei Vögel abgebildet, einander beschnäbelnd, innerhalb eines Herzornaments. Die Strumpfhose juckt an meinen Beinen. An den Stiefelspitzen bilden sich Salzkrusten.
Harry ist mittlerweile ja auch so etwas wie mein Freund geworden. Als es mit Simon dann entgültig vorbei war und ich ein paar Monate lang in einem dunklen Loch verschwunden bin, ist er einmal spätabends mit zwei Flaschen Cabernet bewaffnet in meiner Küche aufgetaucht und hat versucht, meinen Kummer wegzulabern, mir geraten, ich solle ihn doch vergessen, den Trottel, der habe mich ja gar nicht verdient, und das Ganze hätte doch nie länger gut gehen können, dazu seien wir viel zu verschieden gewesen und ich viel zu klug.
„Männer haben ein Problem mit klugen Frauen, Agnes,“ hat er gelacht und nachgeschenkt. „Vor allem, wenn sie dann auch noch deine Beine haben.“
Er hat es definitiv gut gemeint. Immer schon. Ganz zu Beginn ihrer Beziehung, kurz nachdem Klara und er in der selben Kanzlei angefangen haben, habe ich ihn kennen gelernt, und gleich war mir seine Angewohnheit aufgefallen, sich ritterlich um mich kümmern zu wollen. Ich kann gut damit, ich weiß, dass dahinter etwas wie Bewunderung steckt, dass ich es ihm angetan habe, ohne jemals viel dafür gemacht zu haben. Ich mag es, ab und zu Männer um mich zu haben, die mich als ewiges unerfülltes Objekt der Begierde betrachten, mir schmeicheln, mich mit ihren Blicken ausziehen, und dennoch wissen beide Seiten, dass es dabei immer bleiben wird. Es hat genügt, Klaras Freundin zu sein, um dieses Spiel aufrecht zu erhalten. Auch wenn er ein Schwätzer war, ein unbelehrbarer Besserwisser, ich hab ihn immer gemocht. Aber damals, tief drinnen im Simon-Loch, hätte ich große Lust gehabt, ihm einen dieser Sätze à la „es wird schon werden“ zurück in seine Fresse zu schlagen. Doch es wurde nur ein Nicken daraus. Oder ein Grinsen. Ich habe ihm weiter zugehört, ihm recht gegeben und ihn dann irgendwann rausgeworfen. Er ist gegangen, betrunken und verwirrt.
Dann hat Klara ihr Schweigen auf der Sternschnuppenwiese also doch noch gebrochen. Für einen Heulkrampf, der mit einem tiefen Schluchzer angefangen hat und nicht enden wollte, auch als alle meine Taschentücher längst durchgerotzt waren. Ich habe ihr eines nach dem anderen gereicht, begleitet von diesem blöden Lächeln, das mir in ihren Augen wohl als das Heimtückischste auf der Welt erschienen wäre. Obwohl es ehrlich gemeint war. Bin ich grausam, ist mir durch den Kopf geschossen. Ich hätte nicht die Sternschnuppenwiese wählen sollen, um ihrem perfekten Leben etwas entgegenzusetzen, um sie zurück auf die Erde zu holen. Doch es hätte sich als Utopie herausgestellt, auf den richtigen Moment zu warten. Und ein Faible für dramatische Bühnenbilder hatte ich schon als Kind.
„Er hat’s mir erzählt. Der Simon.“ hatte ich gesagt. Weit hinter uns war ein Automotor durch die Kurven geheult. „Die Sache damals. Weißt eh, unsere U4-Zeit. Wie wir uns jede Sonntagnacht weg geshakt haben. Und wie jeder mit jedem herumgeschmust hat.“ Neben mir Totenstille. „Ja, und dann der Abend... also besser gesagt, der Morgen, du weißt schon, der, an dem wir vier bei mir gelandet sind.“ Ich drehte mich zu ihr hinüber. Ihr Profil sah aus wie versteinert, die Augen weit geöffnet, leuchtend helle Jade, auch jetzt, im Dunklen. „Und ich versteh’s ja auch...“
Und dann bin ich selbst wieder dort gewesen, in einem Zeitsprung zurück an jenem Morgen, zurück in meiner kleinen Studentenwohnung, vier Körper, voll mit Glückshormonen.
Alkohol. Klaras Lippenstift verwischt. Sie hat so viel gelacht, beim Hereinkommen, dass sie nicht in der Lage gewesen ist, sich die Schuhe auszuziehen. Ich hab die Schnallen geöffnet, ihre Füße befreit. Klara hat mich angesehen, in ihren Augen Begierde. Auch nach mir. Die Vögel waren zu laut, die Morgensonne ebenso, in meinem Wohnzimmer lässt sich das Fenster nicht verdunkeln, also haben wir uns aufs Bett gelegt. Simon. Klara. Simons Freund Robert. Ich. Aufgedreht waren wir, Klara und ich. Geprickelt hat es, gekitzelt, unten in mir, als ich Klaras weiße Haut auf meinen Leintuch gesehen habe. Und dann Simon und Klara. Und Robert und ich. Robert hat meine Schenkel geküsst. Klaras Atem neben mir. Im Augenwinkel hab ich Simons Erektion gesehen. Und dann konnte ich nicht mehr liegen, nicht mehr streicheln oder gestreichelt werden, ich bin aufgestanden, hab durch eine Haarsträhne gegrinst und gemeint, mir sei schlecht.
Klara ist mir in die Küche gefolgt, hat mir wortlos den Kimono über die Schultern gelegt, sich an mich gedrückt. Später haben wir Waffeln gemacht.
Im Wagen ist es mittlerweile fast so kalt wie draußen. Mein Atem bildet Rauchwolken. Als Kind habe ich das geliebt, mir immer vorgestellt, ich würde – ganz elegante Dame - Zigarettenrauch ausblasen. Aushauchen gar. Ich habe noch zirka dreißig Kilometer vor mir. Eine SMS lässt mein Handy piepsen. Ich muss nicht hinschauen, um zu wissen, von wem sie ist.
Sie hat mir nicht glauben können, als ich ihr dann lange versichert habe, dass ich ihr nicht böse sei. Es war ja auch eine mehr als seltsame Sache gewesen, dass ich es überhaupt erfahren hatte. Simon hat sich, kurz bevor wir uns endgültig getrennt haben, wohl noch alles von der Seele reden wollen. Tabula rasa - im verzweifelten Glauben, uneingeschränkte Ehrlichkeit würde unserer Beziehung vielleicht den rettenden Kick verleihen. Er hat gemeint, dass er es hatte wissen wollen. Dass ihn Klaras Anblick nicht losgelassen hatte, nachdem sie aus dem Bett entschwunden war. Und ihr Blick ihn wieder und wieder daran erinnert hatte. Und als ich dann irgendwann zwei Tage aus Wien weg gewesen bin, hat er sie angerufen.
Sie haben sich dann geschworen, niemals mit irgendjemand anderem darüber zu reden. Und trotzdem hat er es mir erzählt. Sechs Jahre danach. Wir sind im Augarten gesessen, im Gartencafé, ein voller Aschenbecher vor uns und Sonne im Nacken. Es war, als hätte mir nur jemand eine spannende Geschichte erzählt. Ich fühlte hinein, fühlte mir und gleichzeitig war nichts, was mich betraf, kein Hass, kein Kummer, kein gar nichts. Ich konnte sie alle höchstens verstehen.
Aber es gab ein Geheimnis, das von diesem Tag an zwischen mir und ihr lag. Als Simon längst Geschichte war, musste ich trotzdem immer wieder daran denken, wenn ich sie sah. Ich fand es gemein von mir, etwas über sie zu wissen, ein schmutziges Detail in ihrem blütenweißen Leben zu kennen, als hätte ich mit einem Fernglas in ein Haus vis-à-vis gestarrt. Dafür habe ich den Sternschnuppenabend gebraucht. Der Sternschnuppenabend, der schließlich mit ihrem verheulten Gesicht in meinem Schoß geendet hat und meiner Hand in ihrem Haar. Alles habe ich rausstreicheln wollen, aber geschafft habe ich es nicht.
Der Unterschied war, dass Klara ihr Wort gehalten hat, denke ich und starte. Sie wollte mir nicht wehtun damit. Der Schneepflug hat die Raststation passiert und die erste Spur freigeräumt. Sie hat nur ein einziges Mal einen Fehler für ihr System gebraucht. Vielleicht war ich einfach die Möglichkeit dazu. Klara hat immer ein Musterleben gelebt. Nesthäkchen, Tochter gutbürgerlicher Eltern. Vorzugsschülerin. Sauberer Sex mit sauberen Freunden. Als ich sie in London kennen gelernt habe, waren wir beide Au-Pairs. Sie trug eine Bluse mit rosa Hahnentrittmuster. Tussi, hab ich mir gedacht und sie nicht leiden können. Später, in Wien, an der Uni wiedergetroffen, waren es die Gegensätze, die uns anzogen. Sie konnte sich fürchterlich manche Verrücktheit ärgern, die mein Studentenleben begleitet hat, hat Exzesse aber irgendwie gebraucht. In Second Hand… Irgendwie waren wir für einander die Ausnahme, die die Regel bestätigt, eine Freundschaft wie Grüße aus einer fremden Welt. Und haben uns all die Jahre gerade dafür geliebt.
Insgeheim habe es ja geahnt, seit letztem Sommer auf der Wiese. Wie stark das Schuldgefühl auf ihr gelastet hat, ist mir erst an ihrem Polterabend klar geworden. Vergangenen Samstag. Klara, die sonst nie zu viel trinkt, ist gegen vier Uhr morgens sehr blass aus dem Roxy gerannt, ein „Agnes, weißt du was?“ heraus stoßend. Sie starrte mich an, mich fröstelte beim Anblick ihrer nackten Schultern. Zwischen ihren Brüsten hob sich ein Schweißfleck ab. „Du wirst dich erkälten,“ murmelte ich, heiser vom vielen Gegen-die-laute-Musik-Anschreien. „Dann bin ich morgen eben krank,“ sagte sie trotzig. Das Grinsen passte nicht dazu. Ihre Locken klebten an der Stirn. Sie beschrieb mit der Hand einen Halbkreis vor meinem Gesicht, als würde sie feststellen wollen, ob ich noch wach war.
„Warum warst du mir eigentlich nicht böse?“ Sie stieß die Stiefelspitze gegen die Bushaltestellentafel. „Warum tust du mir das an?“ Sie fixierte mich erneut, mit einem irren Blick, der sich durch mich durchbohrte. „Es zieht mich so runter, dieses Ungleichgewicht.“ Sie taumelte. „So kann ich nicht heiraten.“ Dann kotzte sie in den Rinnstein, etwas, das ich nie zuvor von ihr erlebt habe.
Der Sturm hat etwas nachgelassen, das Schneetreiben ist dünner geworden. Ein LKW rauscht vorbei, der ganze nasse Dreck landet auf meiner Scheibe, wieder sehe ich nichts, schalte fluchend die Wischer auf maximale Geschwindigkeit. Die Sicht auf die Welt kommt scheibchenweise zurück. Eine halbe Stunde noch, wenn es in diesem Tempo weitergeht.
Klara. Klara – Klara - Klara. Sie hat es nicht vergessen, in der Katerstimmung des nächsten Tages. Trotz der Hochzeitsvorbereitungen stand sie abends in der Tür. „Magst du mitessen,“ hab ich gefragt. „Du kannst schon wieder essen?“ hat sie gelacht. Die Bitterkeit in ihren Worten war schlecht versteckt.
Eine nach der anderen hat sie an diesem Abend geraucht. Ich dachte an ihre Aussage, vor einiger Zeit: „Ich muss aufhören, mindestens zwei, drei Monate vor der Hochzeit, glaubst du nicht, mein Teint, der müsste sich doch bis dahin bessern, nicht wahr?“ Jetzt hat sie es wieder zunichte gemacht. Oder auch einfach nur geopfert. Für etwas anderes, das ihr wichtiger war.
Musst du unbedingt im Februar heiraten, Klara? Weiß ist die Landschaft, weiß dein Kleid. Weiß soll auch dein Gewissen sein. Ich betätige den Blinker, warte, bis der Gegenverkehr passiert hat und biege nach links in die kleine Straße ein. Einfamilienhaus reiht sich an Einfamilienhaus. Thujenhecke an Thujenhecke. Klaras und Harrys Haus hebt sich ab in dieser Gegend. Schlichte klare Linien im Kontrast zu rustikalen Rundungen, in die Pastellpalette haben die beiden auch nicht gegriffen. Trotzdem wirkt der Unterschied ein wenig gewollt. Das Haus ist dunkel, doch der Lichtsensor springt sofort an, als ich in der Einfahrt anhalte. Irgendwo rührt sich ein Hund, schickt nebeliges Gebell in die Nacht. Ich ziehe den Schlüssel raus. Würde gern mitheulen. Warte. Wieder wird es still. Nur dunkel nicht. Vielleicht sollte ich jetzt einfach umdrehen. Wenden, den Weg zur Hauptstraße nehmen, zurück auf die Autobahn. Da geht die Tür auf.
Harrys Gesicht spiegelt immer noch sein Erstaunen wieder, als er die Türe hinter uns schließt. Wortlos lächelnd reiche ich ihm meine Jacke. Er hängt sie auf einen Kleiderbügel, in die Vollholzgarderobe.
„Sie ist gar nicht da.“ Er hebt entschuldigend die Brauen.
Ich zippe meinen zweiten Stiefel auf, ziehe auf einem Bein stehend am Absatz, stelle den Stiefel akkurat neben den anderen. Mache langsam die Weste auf, nestle an meiner Bluse und strahle ihn an.
„Ich weiß, Harry. Ich weiß.“
Dringend...
Re: Dringend...
Hallo Charis,
Ich habe jetzt die neue Version nicht gelesen, weil ich noch über die alte nachgedacht habe. Eigentlich immer noch über das Ende.
Ich sehe das Ende so: Sie verführt Klaras Mann, damit diese keine Schuldgefühle mehr haben muss, damit sozusagen Gleichstand herrscht.
Das habe ich als Motivation angenommen, denn schließlich macht sie recht deutlich, dass sie ihn nicht besonders Attraktiv findet (Schwätzer)
Ich glaube meine Problem ist doch nicht so recht die Tat selber sonder doch mehr die Art, wie du es beschreibst.
Ich glaube ihr keineswegs so albere Motivation geht ein bisschen unter, weil das Ende so überdeutlich ist. Mir gefällt z.B. "Ich strahlte ihn an" nicht.
Wenn du das vielleicht ein bisschen mehr andeuten würdest, anstatt es so klar zu sagen. Z.B. einfach "Ich weiß, Harry" nach dem Stiefelausziehsatz.
Das wäre nicht so ein Wink mit dem Zaunpfahl.
Allerdings, ich denke die Lesung ist sowieso vorbei, aber wenn du den TExt Lesen noch mal Lesen willst, ist ein bisschen Zaunpfahl wink nicht schlecht, weil dann alle das auch mitbekommen und der Text dann gut ankommt. Zum selber Lesen reicht es anders, finde ich.
Lg
Edekire
Ich habe jetzt die neue Version nicht gelesen, weil ich noch über die alte nachgedacht habe. Eigentlich immer noch über das Ende.
Ich sehe das Ende so: Sie verführt Klaras Mann, damit diese keine Schuldgefühle mehr haben muss, damit sozusagen Gleichstand herrscht.
Das habe ich als Motivation angenommen, denn schließlich macht sie recht deutlich, dass sie ihn nicht besonders Attraktiv findet (Schwätzer)
Ich glaube meine Problem ist doch nicht so recht die Tat selber sonder doch mehr die Art, wie du es beschreibst.
Mache langsam die Weste auf, nestle an meiner Bluse und strahle ihn an.
„Ich weiß, Harry. Ich weiß.“
Ich glaube ihr keineswegs so albere Motivation geht ein bisschen unter, weil das Ende so überdeutlich ist. Mir gefällt z.B. "Ich strahlte ihn an" nicht.
Wenn du das vielleicht ein bisschen mehr andeuten würdest, anstatt es so klar zu sagen. Z.B. einfach "Ich weiß, Harry" nach dem Stiefelausziehsatz.
Das wäre nicht so ein Wink mit dem Zaunpfahl.
Allerdings, ich denke die Lesung ist sowieso vorbei, aber wenn du den TExt Lesen noch mal Lesen willst, ist ein bisschen Zaunpfahl wink nicht schlecht, weil dann alle das auch mitbekommen und der Text dann gut ankommt. Zum selber Lesen reicht es anders, finde ich.
Lg
Edekire
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
sarah kane
Re: Dringend...
Liebe edekire,
werde über das, was du sagst, nachdenken. vermutlich hast du recht - es beruhigt mich, dass die motivation der erzählerin klar ist, dass klar wird, dass es nicht um rache oder was ähnliches geht. es ist vermutlich schwer abzuwägen, wieviel zaunpfahl lesende / hörende brauchen. habe die geschichte z.b so wie sie ist, meinem freund vorgelesen und er hat das ende eigentlich überhaupt nicht verstanden...
vielleicht kann ich aber das "anstrahlen" wirklich ersetzen. wenn es bleiben sollte, dann wäre damit jedenfalls ein "zähnefletschendes" anstrahlen gemeint, dass nicht mit einer inneren begeisterung zu tun hat.
lieben gruß
charis
werde über das, was du sagst, nachdenken. vermutlich hast du recht - es beruhigt mich, dass die motivation der erzählerin klar ist, dass klar wird, dass es nicht um rache oder was ähnliches geht. es ist vermutlich schwer abzuwägen, wieviel zaunpfahl lesende / hörende brauchen. habe die geschichte z.b so wie sie ist, meinem freund vorgelesen und er hat das ende eigentlich überhaupt nicht verstanden...
vielleicht kann ich aber das "anstrahlen" wirklich ersetzen. wenn es bleiben sollte, dann wäre damit jedenfalls ein "zähnefletschendes" anstrahlen gemeint, dass nicht mit einer inneren begeisterung zu tun hat.
lieben gruß
charis
Re: Dringend...
ich werd da jetz keine grosse HIlfe sein, da ich gleicher ansicht bin wie Edekire, aber Rhia meinte, wär ganz gut...oda wichtig fürn Autor...wenn m,an seine Meinung sagt...
mir hat das ende auch nicht so gefallen, vor allem dieses "anstrahlen" war..irgendwie merkwürdig.
klasse war dieser wechsel von vergangenheit zur gegenwart, dieses hin und her.
und warum der hauptchara so handelt, kommt auch einigermassen gut rüber.
nur das ende ist aprupt, könnte man vielleicht ein bisschen mehr ausbauen?
ansonsten ist es ganz gut^^
mir hat das ende auch nicht so gefallen, vor allem dieses "anstrahlen" war..irgendwie merkwürdig.
klasse war dieser wechsel von vergangenheit zur gegenwart, dieses hin und her.
und warum der hauptchara so handelt, kommt auch einigermassen gut rüber.
nur das ende ist aprupt, könnte man vielleicht ein bisschen mehr ausbauen?
ansonsten ist es ganz gut^^
..., oda.
Re: Dringend...
oh ja, da hat rhia recht...
)
danke auch für deine hinweise und meinungen! ich werde eure hinweise wohl aufnehmen und mich mit dem ende noch etwas auseinandersetzen...
greetz
danke auch für deine hinweise und meinungen! ich werde eure hinweise wohl aufnehmen und mich mit dem ende noch etwas auseinandersetzen...
greetz
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