[mein Boot]
in meinen Armen wiege ich ein Boot. ich laufe durch den Schnee.
halte es sicher. mein Boot.
die Flocken knistern. halten ein. warten auf ein morgen.
der Wind spielt auf meinen Zehen.
mein Rauch streift das Segel. es sträubt sich.
meine Finger wärmen das Holz. legen es vorsichtig in die Ferne.
ich schlage Löcher in das Meer. der Wind spielt mit dem Segel.
ich betrachte mein Boot. streife. berühre es. ich setze den Rumpf zu Wasser.
es muss frieren. mein Boot.
die Böhe spielt mit uns. das Boot treibt ab. es findet den Weg!
meine Finger haben nichts zum Wärmen.
das Boot bleibt hängen. an meine Zehen spüre ich die Scholle treiben.
... durchs Meer
... durchs Meer
Mein Ich ist ein Pfogel aus Metall, doch Du hast ihn berührt und beschützt.
-
KamikazeSpatz
- Hydra
- Beiträge: 79
- Registriert: 23.07.2005, 21:23
Re: ... durchs Meer
wie schon etwas angedeutet *nach den vids auf meinem rechner schau* irgendwie erinnert mich das gedicht an das "nothing else matters - cover" von apocalyptica, kann das sein??
Re: ... durchs Meer
Öhm, ja, die Idee mit dem Boot ja, und dem Winter. Aber sonst...
PS: Juhuhuuhuhu, eine Antwort zu meinem Gedicht
PS: Juhuhuuhuhu, eine Antwort zu meinem Gedicht
Mein Ich ist ein Pfogel aus Metall, doch Du hast ihn berührt und beschützt.
-
KamikazeSpatz
- Hydra
- Beiträge: 79
- Registriert: 23.07.2005, 21:23
Re: ... durchs Meer
aber sonst?? kreativität und künstlertum =)))
Re: ... durchs Meer
Hallo kleinervogel.
Ich will schon seit einer ganze Weile etwas zu dem Gedicht sagen, habe es alledings immer wieder aufgeschoben. Ich hoffe, du verzeihst mir die verspätete Antwort.
Das Gedicht gefällt mir sehr gut, besonders die erste Strophe hat es mir angetan. Es wirkt auf den ersten Blick auch gar nicht winterlich auf mich, obwohl der Winter die Kulisse bildet, im Gegenteil das Gedicht ist sehr warm und stimmungsgeladen. Es knistert fast, obwohl das lyrische Ich sehr fragil und zerbrechlich auf mich wirkt in seiner Beziehung zu seinem Boot und der kalten Welt. Mich beeindruckt an diesem Gedicht vor allem der starke allegorische, gleichnishafte Charakter - das gibt sehr viel Spielraum zum Hineindenken, Phantasieren und Interpretieren.
En detail:
In diesen ersten Zeilen wirkt das Boot wie ein Kind. Das lyrrische Ich wiegt es. Es hält es "sicher" im Arm. Unweigerlich musste ich hier an die erste Zeilen der Erlkönig-Ballade denken:
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Aber schon die ersten Zeilen lassen mich als Leser vermuten, dass das Boot weder Boot noch Kind ist. Es ist ein Symbol für etwas anderes, für etwas sehr Privates, das dem LI sehr am Herzen liegt. Das wird durch "mein Boot" betont.
Sehr schön und stimmungsgeladen. Besonders die Flocken, die knistern. Gefällt mir sehr gut. Dann scheint plötzlich alles stillzustehen und eingefroren zu werden.
Barfuss im Winter? Brrrrrrr. Da krieg ich selbst aus Empathie mit dem LI sofort kalte Füße. -- Und dann heißt es auch noch "der Wind spielt AUF meinen Zehen." Was spielt er denn? Klavier? Also diese Zeile verwirrt mich etwas - muss aber nicht unbedingt an der Zeile selbst liegen. Aber ein barfüssiges LI im Winter fände ich ein bissel ... unnötig theatralisch. Das hat das Gedicht gar nicht nötig.
Bei dieser Zeile bekomme ich Gänsehaut. Und das ist eines der größten Komplimente, die ich dir (als dein Leser) machen kann. Das Streifen und Sträuben - an dieser Zeile stimmt sprachlich alles. "MEIN Rauch", heißt es. Brennt das LI? Schwelt etwas in ihm/ihr? In diesen Zeilen steckt ein schmerzvolle Zärtlichkeit, das Streifen ist eine sanfte Berührung und Rauch etwas sehr leichtes, schwaches und flüchtiges. Wirklich sehr schön.
Auch hier wird wieder betont, wie wichtig das Boot dem LI ist und meine Erinnerung an die erste Strophe aus dem Erlkönig wird durch das Bild des Wärmens nochmals bestätigt. Das mag natürlich Zufalls sein, aber es untermauert meinen Verdacht, dass das Boot, wofür auch immer es stehen mag, den Wert und die Bedeutung eines Kindes hat. Vielleicht handelt es sich dabei um ein geistiges Kind des lyrischen Ichs, einen emotionalen oder kreativen Schatz des LIs. Für den Schreibenden wird häufig die Metapher des Gottes gewählt, der mit der Macht seines Geistes Welten erschafft und Menschen leben und sterben lässt, aber auch die Metapher der Elternschaft, des Mutter- oder Vaterseins ist nicht so weit hergeholt. Bei einem kleinen Modellboot assoziiere ich aber auch ein Kind, das es gebastelt hat und ausprobieren will, wie es schwimmt. Das gefällt mir: Zum einen wird das Boot so sorgsam und liebevoll behandelt wie ein Kind, aber gleichzeitig ist dieses Boot-ins-Wasser-setzen-und-zusehen-wie-es-schwimmt noch eine sehr an die Kindheit erinnernde Handlung. Aber gleichzeitig wirkt das LI in diesem Gedicht, das möchte gleich hinzufügen, alles andere als kindlich. Es macht im Gegenteil einen sehr sorgsamen und ernsten Eindruck auf mich. Etwas in die Ferne legen, deutet erstmals einen bevorstehenden Abschied ab. Das LI ist sich darüber im Klaren, dass es sein/ihr Boot "in die Welt entlassen" muss. Die winterliche Kulisse kontrastiert/verschärft seine/ihre Sorge um die Zukunft des Boots.
"Der Wind spielt auf meinen Zehen" ... und ... "mit dem Segel". Ist diese Wiederholung gewollt? Wenn du den Wind nochmals ins Spiel bringen willst, solltest du vielleicht nach einer alternativen Formulierung suchen. Denke ich.
Gut! Das LI verabschiedet sich, es weiß um den bevorstehenden Verlust. Hier wirkt es sehr erwachsen - im Gegensatz zu einem Kind, das es kaum erwarten kann, sein Boot ins Wasser zu setzen. Es sehnt den Augenblick herbei, wenn es endlich schwimmt und wird sich vorher nicht lange von seinem Boot verabschieden, es noch so eingehend betrachten und berühren. Eine Zeile, die ich sehr tief nachfühlen kann.
Rumpf ist ein schönes Wort.
Das ist eine der wenigen Zeilen des Gedichtes, die mir überhaupt nicht gefällt. Hier ist mir das Boot zu "organisch". Ein Boot, das friert, ist einfach albern. Außerdem wurde durch den Anfang des Gedichtes, durch das Wiegen, Halten und Wärmen ja bereits klar, wie organisch, verletztlich und gefährdet das Boot ist. Die Formulierung "es muss frieren" ist mir einfach zu deutlich, zu aufdringlich, zu eindeutig. Dagegen finde ich das Aufgreifen und Wiederholen von "mein Boot" aus der ersten Strophe sehr sinnvoll und technisch geschickt.
Böhe schreibt sich meines Wissens ohne h. Okay, hier kommt das "spielen" zum dritten Mal. Das ist als lyrisches Mittel vollkommen okay, dann will ich auch nichts gegen die Wiederholung in der zweiten Strophe gesagt haben. Abtreiben und den Weg finden, ist übrigens sehr schön ambivalent. Da kann man viel unterschiedliches hineininterpretieren. Auf das Ausrufezeichen würde ich verzichten.
Hmm, gefällt mir wieder nicht so gut. Finde ich ebenso wie die Zeile "es muss frieren" eher etwas überflüssig. Hier solltest du ein anderes Bild zur Veranschaulichung des Verlustes suchen oder ganz darauf verzichten. Das Motiv des Wärmens kommt bereits in der zweiten Strophe, die Kälte und das Schutzbedürfnis wird bereits in der ersten Strophe sehr eindringlich und nachfühlbar beschrieben. Es ist also vollkommen unnötig, das nochmals auszusprechen. Das hat so was von: und jetzt stupse ich auch den dümmsten meiner Leser noch mal mit der Nase drauf: "Es ist Winter! Es ist arschkalt! Das Boot ist in Wirklichkeit kein Boot! Es friert! Was wird nur aus ihm, wenn ich es nicht warm halte? Hast du's jetzt endlich kapiert!"
Subtiler ist besser.
Schönes, mehrdeutiges Ende. Korrektur: an meineN Zehen.
Alles in allem ein gelungenes Gedicht, das mich innerlich wirklich bewegt und meine Phantasie anregt. Well done, kleinervogel, well done. :ja:
MfG,
[) i r k
Ich will schon seit einer ganze Weile etwas zu dem Gedicht sagen, habe es alledings immer wieder aufgeschoben. Ich hoffe, du verzeihst mir die verspätete Antwort.
Das Gedicht gefällt mir sehr gut, besonders die erste Strophe hat es mir angetan. Es wirkt auf den ersten Blick auch gar nicht winterlich auf mich, obwohl der Winter die Kulisse bildet, im Gegenteil das Gedicht ist sehr warm und stimmungsgeladen. Es knistert fast, obwohl das lyrische Ich sehr fragil und zerbrechlich auf mich wirkt in seiner Beziehung zu seinem Boot und der kalten Welt. Mich beeindruckt an diesem Gedicht vor allem der starke allegorische, gleichnishafte Charakter - das gibt sehr viel Spielraum zum Hineindenken, Phantasieren und Interpretieren.
En detail:
in meinen Armen wiege ich ein Boot. ich laufe durch den Schnee.
halte es sicher. mein Boot.
In diesen ersten Zeilen wirkt das Boot wie ein Kind. Das lyrrische Ich wiegt es. Es hält es "sicher" im Arm. Unweigerlich musste ich hier an die erste Zeilen der Erlkönig-Ballade denken:
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Aber schon die ersten Zeilen lassen mich als Leser vermuten, dass das Boot weder Boot noch Kind ist. Es ist ein Symbol für etwas anderes, für etwas sehr Privates, das dem LI sehr am Herzen liegt. Das wird durch "mein Boot" betont.
die Flocken knistern. halten ein. warten auf ein morgen.
Sehr schön und stimmungsgeladen. Besonders die Flocken, die knistern. Gefällt mir sehr gut. Dann scheint plötzlich alles stillzustehen und eingefroren zu werden.
der Wind spielt auf meinen Zehen.
Barfuss im Winter? Brrrrrrr. Da krieg ich selbst aus Empathie mit dem LI sofort kalte Füße. -- Und dann heißt es auch noch "der Wind spielt AUF meinen Zehen." Was spielt er denn? Klavier? Also diese Zeile verwirrt mich etwas - muss aber nicht unbedingt an der Zeile selbst liegen. Aber ein barfüssiges LI im Winter fände ich ein bissel ... unnötig theatralisch. Das hat das Gedicht gar nicht nötig.
mein Rauch streift das Segel. es sträubt sich.
Bei dieser Zeile bekomme ich Gänsehaut. Und das ist eines der größten Komplimente, die ich dir (als dein Leser) machen kann. Das Streifen und Sträuben - an dieser Zeile stimmt sprachlich alles. "MEIN Rauch", heißt es. Brennt das LI? Schwelt etwas in ihm/ihr? In diesen Zeilen steckt ein schmerzvolle Zärtlichkeit, das Streifen ist eine sanfte Berührung und Rauch etwas sehr leichtes, schwaches und flüchtiges. Wirklich sehr schön.
meine Finger wärmen das Holz. legen es vorsichtig in die Ferne.
Auch hier wird wieder betont, wie wichtig das Boot dem LI ist und meine Erinnerung an die erste Strophe aus dem Erlkönig wird durch das Bild des Wärmens nochmals bestätigt. Das mag natürlich Zufalls sein, aber es untermauert meinen Verdacht, dass das Boot, wofür auch immer es stehen mag, den Wert und die Bedeutung eines Kindes hat. Vielleicht handelt es sich dabei um ein geistiges Kind des lyrischen Ichs, einen emotionalen oder kreativen Schatz des LIs. Für den Schreibenden wird häufig die Metapher des Gottes gewählt, der mit der Macht seines Geistes Welten erschafft und Menschen leben und sterben lässt, aber auch die Metapher der Elternschaft, des Mutter- oder Vaterseins ist nicht so weit hergeholt. Bei einem kleinen Modellboot assoziiere ich aber auch ein Kind, das es gebastelt hat und ausprobieren will, wie es schwimmt. Das gefällt mir: Zum einen wird das Boot so sorgsam und liebevoll behandelt wie ein Kind, aber gleichzeitig ist dieses Boot-ins-Wasser-setzen-und-zusehen-wie-es-schwimmt noch eine sehr an die Kindheit erinnernde Handlung. Aber gleichzeitig wirkt das LI in diesem Gedicht, das möchte gleich hinzufügen, alles andere als kindlich. Es macht im Gegenteil einen sehr sorgsamen und ernsten Eindruck auf mich. Etwas in die Ferne legen, deutet erstmals einen bevorstehenden Abschied ab. Das LI ist sich darüber im Klaren, dass es sein/ihr Boot "in die Welt entlassen" muss. Die winterliche Kulisse kontrastiert/verschärft seine/ihre Sorge um die Zukunft des Boots.
ich schlage Löcher in das Meer. der Wind spielt mit dem Segel.
"Der Wind spielt auf meinen Zehen" ... und ... "mit dem Segel". Ist diese Wiederholung gewollt? Wenn du den Wind nochmals ins Spiel bringen willst, solltest du vielleicht nach einer alternativen Formulierung suchen. Denke ich.
ich betrachte mein Boot. streife. berühre es.
Gut! Das LI verabschiedet sich, es weiß um den bevorstehenden Verlust. Hier wirkt es sehr erwachsen - im Gegensatz zu einem Kind, das es kaum erwarten kann, sein Boot ins Wasser zu setzen. Es sehnt den Augenblick herbei, wenn es endlich schwimmt und wird sich vorher nicht lange von seinem Boot verabschieden, es noch so eingehend betrachten und berühren. Eine Zeile, die ich sehr tief nachfühlen kann.
ich setze den Rumpf zu Wasser.
Rumpf ist ein schönes Wort.
es muss frieren. mein Boot.
Das ist eine der wenigen Zeilen des Gedichtes, die mir überhaupt nicht gefällt. Hier ist mir das Boot zu "organisch". Ein Boot, das friert, ist einfach albern. Außerdem wurde durch den Anfang des Gedichtes, durch das Wiegen, Halten und Wärmen ja bereits klar, wie organisch, verletztlich und gefährdet das Boot ist. Die Formulierung "es muss frieren" ist mir einfach zu deutlich, zu aufdringlich, zu eindeutig. Dagegen finde ich das Aufgreifen und Wiederholen von "mein Boot" aus der ersten Strophe sehr sinnvoll und technisch geschickt.
die Böhe spielt mit uns. das Boot treibt ab. es findet den Weg!
Böhe schreibt sich meines Wissens ohne h. Okay, hier kommt das "spielen" zum dritten Mal. Das ist als lyrisches Mittel vollkommen okay, dann will ich auch nichts gegen die Wiederholung in der zweiten Strophe gesagt haben. Abtreiben und den Weg finden, ist übrigens sehr schön ambivalent. Da kann man viel unterschiedliches hineininterpretieren. Auf das Ausrufezeichen würde ich verzichten.
meine Finger haben nichts zum Wärmen.
Hmm, gefällt mir wieder nicht so gut. Finde ich ebenso wie die Zeile "es muss frieren" eher etwas überflüssig. Hier solltest du ein anderes Bild zur Veranschaulichung des Verlustes suchen oder ganz darauf verzichten. Das Motiv des Wärmens kommt bereits in der zweiten Strophe, die Kälte und das Schutzbedürfnis wird bereits in der ersten Strophe sehr eindringlich und nachfühlbar beschrieben. Es ist also vollkommen unnötig, das nochmals auszusprechen. Das hat so was von: und jetzt stupse ich auch den dümmsten meiner Leser noch mal mit der Nase drauf: "Es ist Winter! Es ist arschkalt! Das Boot ist in Wirklichkeit kein Boot! Es friert! Was wird nur aus ihm, wenn ich es nicht warm halte? Hast du's jetzt endlich kapiert!"
Subtiler ist besser.
das Boot bleibt hängen. an meine Zehen spüre ich die Scholle treiben.
Schönes, mehrdeutiges Ende. Korrektur: an meineN Zehen.
Alles in allem ein gelungenes Gedicht, das mich innerlich wirklich bewegt und meine Phantasie anregt. Well done, kleinervogel, well done. :ja:
MfG,
[) i r k
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: Baidu [Spider], Google [Bot] und 18 Gäste