Begegnung bei Autoteile Ungerer

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Patina
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Begegnung bei Autoteile Ungerer

Beitragvon Patina » 08.01.2006, 20:42

Begegnung bei Autoteile Ungerer

In dem Laden roch es nach neuen Gummireifen und diesen Parfümbäumchen, die man sich an den Autospiegel hängt. Saß da rum mit meinem Intellektuellen-Roman zwischen all den Männern, die alle die gleichen Jacken trugen und wartete darauf, daß die Batterie an meinem Auto ausgetauscht wurde. In den ganzen eineinhalb Stunden, die ich dort war, habe ich keine einzige Frau gesehen.

Der Roman langweilte mich tödlich. Wieder eine dieser Britinnen, die sich über 300 Seiten einen dabei abejakulieren können wie sich Alkohoiker-Protagonisten auf Selbstsuche begeben. Natürlich, die übliche Liebesromanze darf nicht fehlen. Uahh. Gähn! Ich stand dann auf und ging zu Aldi nebenan. Dort kaufte ich mir Käsestänglis. Hab dann noch aus Zeitvertreib in schrecklichen Acrylpullis gewühlt. Gottseidank war keiner in meiner Größe dabei.

Wieder zurück langweilte ich mich weiter mit meinem Roman und sah hin und wieder zu diesem großgewachsenen ADAC-Menschen, der blonde Strähnen in den Haaren und an den Füßen - die waren ziemlich groß - sowas ähnliches wie Cowboystiefel trug. Immer wieder stand ich auf und suchte mein Auto. Es stand die ganze Zeit am gleichen Platz. Nichts. Die Batterie war noch nicht ausgetauscht. Schließlich war die Käsestängli-Packung leer und mir war ganz schlecht von dem Zeug. Also aufgestanden und sich endlich mal in dem Laden umgeschaut.

Was es da alles gab! Jugendromane, alte Klassiker, billig aufgelegt. Tom Saywer und so ein Käse. Liest das heute überhaupt noch ein Jugendlicher? Die stehen doch alle auf Playstation und sowas. Verschiedene Tatoos fürs Auto. Ich versteh das ja noch irgendwo, wenn man sich sowas auf die Haut macht, aber aufs Auto? Einen Ganzkörperkondom -ne Garage nannten sie das- fürs Auto. Ich hab tatsächlich jemand an der Kasse mit so einem Ding gesehen. Und schließlich die Weihnachtsbäume. Ja all sowas gibts bei Ungerer. Ich war platt. Und setzte mich wieder. Schaute wieder den ADAC-Menschen an.

Er grinste jetzt herüber. Ich zückte demonstativ mein Handy und telefonierte mit meinem Freund. Er meinte Rouladen habe man mit Gürkchen und Speck zu kochen. Ich posaunte demonstrativ durch den Laden, nein mit Schinken und Petersilie. Ich dachte, dieses Gespräch hätte den Menschen davon abgehalten, das Gespräch zu suchen, aber nein, er kam herüber.

„Und sind Sie geschieden?“
Ich etwas verwirrt. Wahrscheinlich wagt sich eine Frau alleine nicht zu Ungerer.
„Ja, und?“
„Ich bin es auch, seit zwei Jahren. Was mach ich jetzt mit meinem Ehering?“
„Ich hab meinen verkauft. 5000 Euro, oder nein 2500 Euro. Ich denke immer noch in DM.“
„Vielleicht sollte ich ihn verpfänden?“
Was wollte der Typ eigentlich von mir? Ständig hackte er auf seinem komischen Ehering herum.
Mir fiel nichts ein. Außerdem nuschelte er entsetzlich. Also sagte ich:
„Verkaufen Sie ihn oder wollen Sie ihn zur Erinnerung behalten?“
Der Geräuschpegel in dem Laden war extrem hoch und ich verstand überhaupt nicht, was er zu mir sagte.
Aber da winkte schon einer dieser Ungerer-Männer, mein Auto sei fertig. Ich erhob mich und ließ in einfach stehen, diesen ADAC-Menschen. Bezahlte und ging nach draußen. Als ich mein Auto anließ, stand er draußen, rauchte eine und schaute mir hinterher. Und ich hab ihm nicht einmal gewinkt. Ich Arsch.

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Re: Begegnung bei Autoteile Ungerer

Beitragvon razorback » 09.01.2006, 10:33

Patina, diese Geschichte gefällt mir gerade jetzt, da meine Frau vermutlich mit unserem Familienauto auf dem Hof des Herrn Augner steht, besonders gut. Herr Augner betreibt eine freie Werkstatt und soll unseren Wagen von plötzlichen Stotter- und Stinkanfällen heilen und außerdem TÜV-fit machen. Mich hat Herr Augner, der seit Jahren der Monteur unseres Vertrauens ist, erst einmal in seinem Leben gesehen, glaube ich. Vermutlich denkt er, meine Frau sei geschieden :-D .

Aber die Geschichte finde ich nicht nur aus einer sentimentalen Anwandlung heraus gut. Du machst auf sehr sympathische Weise die Verzewiflung der Fremden im fremden Land sichtbar. Und die Verzweiflung darüber, dass es keinen Ausweg gibt - außer dem zu Aldi. Und das Du es schaffst, den einsamen Herrn trotz blonder Strähnchen im Stiefel nicht zu denunzieren, ist eine herausragende Leistung. Schön.

P.S.: Und ich verstehe Deine Abneigung gegen Autotattoos. Ich erinnere mich an eine gemeinsame Autofahrt mit Stevo und meiner Liebsten, während der wir zum ersten Mal auf das Phänomen des Arschgeweihs fürs Auto stiessen. Es stürzte uns in grosses Entsetzen und tiefe populärpsychologische Erörterungen. Was sowas soll...
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

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Re: Begegnung bei Autoteile Ungerer

Beitragvon Patina » 09.01.2006, 21:02

superkommentar, razor. deine arme geschiedene frau. :-D
schon komisch, daß sich atu neben aldi ansiedelt. ob das zufall ist?
arschgeweih gabs bei atu nicht, scheint aber trotzdem der knaller zu sein.
was es nicht alles gibt! da möchte man doch fast einpacken und in die kiste liegen. :-D


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