falls noch jemand single ist

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Patina
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falls noch jemand single ist

Beitragvon Patina » 11.01.2006, 23:23

Falls noch jemand single ist

Morgens bin ich meist schon um halb neun im Büro. Oft ist das Licht noch aus und der Drucker ist tot. Kein Mensch weit und breit. Klaus kommt so gegen dreiviertel neun. Er hat dann ein ganz rotes Gesicht von dem Spaziergang von der S-Bahn durch die Kälte und seine kleine behäbige Figur in dem dicken Anorak watschelt an den Arbeitsplatz. Klaus kann total süß lachen, aber er redet mit fast niemandem ein Wort. Ein Arbeitskollege hat mir erzählt, daß er noch mit seiner Mutter zusammen wohnt. Die Mittagspause verbringt er am Bildschirm mit seinem Brot, um bei partnership.de Frauen anzugucken. Ich seh das immer, wenn ich früher aus der Pause komme. Auch während der Arbeitszeit geht er immer wieder auf partnership.de. Ich hab mich schon oft gefragt, ob es ihm nicht peinlich ist, wenn das jemand sieht, aber es scheint ihn nicht zu stören.

Während ich ihn dann so nach rassigen Frauen surfen sehe, baut sich in mir immer ein Bild vor meinen Augen auf. Von meinem Mann. Ich habe das Paradeklischée Deutschlands geheiratet. Großgewachsen. Blaue Augen. Weiße Haare. Schnell braun werdend. Topverdiener als Manager. Mercedes Fahrer. Western-Schauer. Im Stehen-Pinkler. Financial-Times-Leser. Edward Hopper-Fan. Marc Chagall-Liebhaber. Mare-Abonennt. Lufthansa VIP-Lounge-Mitglied. Paul Newman-Fan. Rolling Stones-Fanatiker. Armani Anzug-Träger. Crevetten-Verzeherer. Barolo-Trinker. Segler. Frankophil.

Trotzdem stelle ich mir vor, wie ich Klaus eines Tages frage, ob er Lust hat, die Mittagspause mit mir zu verbringen. Ich möchte, daß er etwas spürt von dem Glitzer, den mein Freund auf mich übertragen hat. Nur einmal möchte ich, daß er richtig glücklich ist, fernab von seinem eintönigen Leben mit seiner Mutter.

Aber insgeheim weiß ich, ich werde ihn nie fragen, trotz seines süßen Lächelns.

Hamburger
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Re: falls noch jemand single ist

Beitragvon Hamburger » 03.02.2006, 14:28

Hallo Patina,

also die ersten beiden Absätze deiner Geschichte gefallen mir richtig gut. Der Schluss der Geschichte gefällt mir hingegen überhaupt nicht. Zuerst also das Gute und da das meiner Ansicht nach die ersten beiden Absätze sind kann ich hier chronologisch vorgehen:

Die Einführung von Klaus gelingt dir. Ich hatte sofort ein Bild im Kopf und insbesondere dieser Satz…


Er hat dann ein ganz rotes Gesicht von dem Spaziergang von der S-Bahn durch die Kälte und seine kleine behäbige Figur in dem dicken Anorak watschelt an den Arbeitsplatz


...erzeugt bei mir sofort eine Identifikation mit der Figur. Du schaffst es bei mir Symphatie für sie auszulösen und vermittelst mir eine gute Vorstellung dieses Menschen. Kleiner Kritikpunkt: „partnership.de“ doppelt kommt nicht so gut. Vielleicht: „Auch während der Arbeitszeit surft er immer wieder dorthin/auf diese Seite“. (?)

Auch der zweite Absatz ist gut. Schön das Gegenbild aufgebaut. Aus den Beschreibungen wird ein Typ ersichtlich, man kann ihn sich vorstellen. Bis dahin hat die Geschichte hohen Reiz. Die Einführung zweier so unterschiedlicher Charaktere – das verspricht interessant zu werden.

Tja, und dann kippt das Ganze, denn…


Trotzdem stelle ich mir vor, wie ich Klaus eines Tages frage, ob er Lust hat, die Mittagspause mit mir zu verbringen. Ich möchte, daß er etwas spürt von dem Glitzer, den mein Freund auf mich übertragen hat. Nur einmal möchte ich, daß er richtig glücklich ist, fernab von seinem eintönigen Leben mit seiner Mutter.


…dieser Absatz wirkt in meinen Augen sehr überheblich. Der erste Satz nicht. Das geht noch, das wirkt symphatisch. Dann aber stellt sich das LI eindeutig über Klaus. Es überhebt sich über ihn.

Er soll ihren Glitzer abbekommen. Also, ich weiß nicht, da bezweifle ich erstmal ob das erstrebenswert für ihn ist. Das klingt nicht danach, das das LI Klaus etwas Gutes tun will. Das klingt vielmehr nach einer sehr gönnerhaften Frau. Hier, schau mal Klaus, mein Glitzer, ich gebe dir was ab. Zudem ist dieser Glitzer selber fragwürdig. Denn so unsymphatisch wie du im zweiten Absatz deinen Mann, das Paradeklischee Deutschlands, aufbaust, so will ich Klaus gar nicht sehen. Würde er sich dem Männerbild des zweiten Absatzes, wenn auch auf dem Umweg über dich, annähern, es würde die Identifikation mit der Figur bei mir sofort zerstören. Ein Problem ist hier auch, dass du nicht beschreibst was genau diesen Glitzer darstellt. So bleibt mir eben nur der zweite Absatz dafür als Anhaltspunkt.

Was dann allerdings noch unsymphatischer wirkt ist das Urteil, das das LI aufgrund einer Erzählung eines Arbeitskollegen über Klaus` Leben fällt („eintönig“). Es kennt ihn nicht einmal richtig und erlaubt sich dieses Urteil anhand einer wiederholten Beobachtung morgens im Büro und wegen der Erzählung des Arbeitskollegen.

Das klingt nicht danach, als wolle das LI ihn als Menschen kennen lernen. Es klingt eher danach, als stünde es selbst naturgemäß über ihm, sähe sich selbst als etwas Besseres. Nur weil es ein anderes Leben als er geführt hat. Das aber ist kein Stoff aus dem Vertrauen und Freundschaft wachsen können.

Durch die beiden Absätze vorher löst dann auch der letzte Satz bei mir keine Wirkung mehr aus. Denn mir ist das LI bis dahin so unsymphatisch geworden, dass ich nicht gerade hoffe, dass es Klaus anspricht.

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe hier immer über das LI geurteilt, nicht über dich. Mir ist klar, dass diese Geschichte sich wohl so oder so ähnlich zugetragen hat, vielleicht sogar dir passiert ist. Und ich fälle kein Werturteil über dich. Ich sage nur: Das in den letzten beiden Absätzen vermittelte Menschenbild, so wie es sich mir darstellt, gefällt mir nicht.

Liebe Grüße an dich,

Ham
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Re: falls noch jemand single ist

Beitragvon mög » 03.02.2006, 22:12

Klar ist die Erzählerin schwer unsympathisch. Warum hat Hamburger ja hervorragend analysiert, kann ich alles nur unterschreiben.

Ich find jetzt allerdings, dass das überhaupt kein Kritikpunkt ist an der Geschichte. Für mich geht es sowieso nicht darum, dass das arme Muttersöhnchen irgendwie durch die Erzählerin gerettet werden könnte (auf keinen Fall, wie auch?). Für mich sind beide gleich verloren, den super-tollen Klischee-Mann glaub ich ihr sowieso nicht, da fabuliert sie sich doch irgendwie was zusammen. Für mich geht es in der Geschichte darum, wie 2 Leute sich blind von den eigenen Wunschvorstellungen gegenseitig übersehen (er ja auch mit den "rassigen" Frauen und der online-Frauenauswahl à la carte). Und das mit dem "Glitzer abstrahlen" seh ich eindeutig als gewollten ironischen Bruch, der die Erbärmlichkeit der Erzählerin entlarven soll, die es auch nötig hat, sich über den Mann zu definieren, ihn als Status-Symbol zu sehen.

Das einzige, was mich stört, ist das "süße Lächeln" am Schluß. Das ist so diese Bravo-Photo-Love-Story-Sprache, ich denke dieses letzte Empfindung, die durchaus etwas Wahrhaftiges sein könnte, die Sympathie für den Arbeitskollegen, die verdient auch eine wahrhaftigere Sprache.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)

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Re: falls noch jemand single ist

Beitragvon Hamburger » 06.02.2006, 19:13

Hi mög,

Ich versuche mal etwas tiefer zu gehen mit meinen Gedanken zu Patinas Geschichte.

Zunächst mal finde ich das LI über 2/3 der Geschichte schwer symphatisch.

Erst dann wird es mir – sehr – unsymphatisch. Nun sind Wendungen in einer Geschichte ja nichts Schlimmes (eigentlich eher im Gegenteil :-) ), aber ich sehe für diese plötzlich eintretende Überheblichkeit vorher keinerlei Anzeichen. Sie wirkt auf mich unrealistisch. Denn im Gegensatz zu dir kaufe ich ihr den Traum-Klischee-Mann ab. Ansonsten müssten sich ihre Wunschvorstellungen schon so weit verselbstständigt haben, dass sie sich eine Wunschvergangenheit zurechtzimmert.


Ich habe das Paradeklischée Deutschlands geheiratet.


Ich finde, gerade eine solche extreme Verselbstständigung der eigenen Wunschvorstellungen des LI ist in der Geschichte nicht (gut) angelegt. Ich kann diese Interpretation nach dem zweiten Absatz nur schwer ziehen. Denn das LI scheint eine sehr gute, feinfühlige und realistische Beobachtungsgabe (erster Absatz) zu haben. Mir will das – aber ich bin kein ausgebildeter Psychologe – nur schwer mit einer dermaßen schön fabulierten Vergangenheit zusammengehen. Mag sein, das das geht. Mir erscheint es unpassend.

Ein weiterer Punkt:


Für mich geht es sowieso nicht darum, dass das arme Muttersöhnchen irgendwie durch die Erzählerin gerettet werden könnte (auf keinen Fall, wie auch?).


Hier hast du sehr pointiert formuliert, denn dir wird klar sein, dass ich das so platt nicht gesehen habe. (ich halte eine Entwicklung der Geschichte in viele Richtungen für denkbar)
Ist übrigens kein Vorwurf. Ich mag pointierte Formulierungen. Aber mich überrascht die Deutlichkeit, mit der du eine Annäherung der Beiden ausschließt. Du machst dies so rigoros, als wäre dies prinzipiell unmöglich. Dem widerspreche ich. Ich finde, dass in beiden Figuren viel Potenzial steckt und dieser Stempel des armen, nicht mehr zu rettenden Muttersöhnchens erscheint mir – bei dem was wir als Leser über ihn wissen - sehr simpel.

Wegen all dieser Punkte ergeben sich für mich als Leser dann gleich mehrere Probleme:

1. Wenn es wirklich um Leute geht die sich aufgrund eigener Wunschvorstellungen übersehen - gerade der letzte Satz spricht ja dafür - finde ich die Abstimmung der Absätze 1 und 2 nicht passend. Wegen Absatz 1 sehe ich Absatz 2 nicht als Fabulieren an.

2. Da mir das LI lange Zeit so symphatisch ist, ist mir der gewollte ironische Bruch in Absatz 3, wenn es denn einer ist, viel zu krass. Denn für mich gibt es vorher keine Anzeichen die auf diesen Bruch hindeuten und ich räume einer Beziehung der Beiden prinzipiell Chancen ein.

3. Da ich den Bruch in Absatz 3 krass und unpassend finde wirkt er auf mich nicht wie eine Entlarvung des LI`s, sondern wie ein Fremdkörper, der ohne Vorwarnung ein überhebliches Menschenbild (des LI) etabliert.

Trotz meiner anderen Sichtweise ist mir die Geschichte durch unsere Diskussion aber nun schon etwas wertvoller geworden. Denn deine Interpretation der Geschichte hatte ich vorher so nicht gesehen. Ich kann sie zwar in der Geschichte immer noch nicht so wieder finden und nachempfinden, aber meine Perspektive auf die Geschichte ist nun schon mal eine breitere.

Das ist doch auch was. ;-)

Herzliche Grüße ins Nachbarland,

Ham
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Re: falls noch jemand single ist

Beitragvon mög » 06.02.2006, 19:47

Hm, das bin ich ja wohl wirklich etwas zu forsch los geprescht und gerade was den Fabulier-"Vorwurf" (ich meinte es ja nicht als Vorwurf) betrifft, wars wohl vor allem meine eigene Wahrnehmung, die sich da ein bisschen verselbstständigt hat. (Du hast recht, das ist im Text wirklich nirgends angedeutet).

Ansonsten:
Mir ist die Erzählerin zuerst mal gar nix, ich brauch immer ein wenig, bis ich mir mein Bild mache. Die Anteilnahme, die sie ja am Beginn für Klaus zeigt, kann natürlich zu ihren Gunsten gewertet werden, muss aber nicht, denn es ist ja noch lang nicht raus, ob das jetzt echte Anteilnahme ist oder Pseudo-Anteilnahme. Unsere Greißlerin im Ort nimmt auch immer ganz furchtbar viel Anteil an meinem Leben - klar, damit sie was zum tratschen hat. Außerdem schwingt schon ein bisschen Mitleid durch und das ist meiner Meinung durchaus eine wichtige menschliche Regung (ich seh das ja nicht wie Nietzsche), aber es gibt halt auch gewisse Mitmenschen, die das Mitleid empfinden ein bisschen zu sehr genießen, weil sie sich dann so großherzig fühlen können.

Und ein bisschen milde Herablassung ist ja da möglicherweise auch immer dabei. Selbst das positive Attribut, das sie ihm zugesteht - süß -, sowie ihre gesamte Darstellung seines Auftretens, die ihn so entzückend hilflos wirken lässt, ist doch irgendwie verniedlichend = also verkleinernd.

Und schließlich auch die Empfindung, dass ihm sein Verhalten eigentlich peinlich sein müsste.

Spricht alles nicht für eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe.

Aber grundsätzlich halte ich es durchaus nicht für unmöglich, dass die beiden zusammen finden könnten. Was ich bezweifle ist nur die Möglichkeit, ob sie sich dadurch auch gegenseitig retten. Ob sich 2 Menschen überhaupt gegenseitig "retten" können. Vor allem, wenn es um Kämpfe geht, die irgendwann jeder für sich allein ausfechten muss. (Gegen die Mutter , gegen die eigene Angst zB).

Du kannst jetzt übrigens einwenden, dass ihre Schilderung eingangs dann doch zu liebevoll ist für meine Interpretation. Und ich gebe zu bedenken, dass ich die Variante, dass es sich um echte Anteilnahme handelt, ja durchaus nicht komplett ausschließe. (Vielleicht, wer weiß, ist es sogar eine Mischung aus allem? Die niedrigsten und edelsten Regungen haben gleichzeitig Platz in der gleichen Brust). Ich wollte nur erklären, warum für mich der Bruch im Charakter nicht ganz so unvermittelt kommt, zumindest nicht so unvermittelt, dass er den Text schadet.

lg
mög
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Re: falls noch jemand single ist

Beitragvon Patina » 07.02.2006, 05:02

hallo ihr,
so ein kleiner dahingeschriebener text und ihr interpretiert so viel hinein. ich kenne diesen klaus überhaupt nicht, habe aber in der zwischenzeit herausgefunden, daß er nicht wegen kontakten auf die partnerseiten geht, sondern um positionen abzuzeichnen. das wäre vielleicht ein moment, um den text kippen zu lassen. trotzdem, ich mag meinen klaus. und den parademann deutschlands gibts doch überhaupt nicht. habt ihr ihn schon irgendwo gesehen? bohlen wäre vielleicht eine alternative. :-D
lg pati


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