hallo stille,
prinzipiell gefällt mir der text gut. aber wie mög stört mich diese bücher sammelei.
es gibt auch sprachlich ein bisschen was, was mich irritiert.
für mich erzeugt dieses gespreizte, das kasparov angemerkt hat eine komik, die sonst weder vom text noch sprachlich durchgehalten wird.
so als würdest du dich nicht trauen das ganz und gar erst zu nehmen.
"Meine Frau Laura rief mich einmal in der Arbeit an, um mir zu sagen, dass sie sich nicht wohl fühle."
warum einmal? danach konnte sie das schlecht nochmal machen
das sterben der frau und des kindes sind so seltsam ferne, als wäre er erst danach wirklich zum leben erwacht. er erinnert sich ja im grunde genommen. wenn er schon an dem punkt angekommen ist, an dem er gemerkt hat wie ihm menschliche sprach und kommunikation fehlt, sollte er sich dann nicht mit mehr.. enthusiasmus an jene erinnern die ihm mal am nächsten standen?
ich glaube auch das bücher menschen nich ersetzen können. mal aussperren, mal besser und lieber sein, aber ich glaube nicht das sie das bedürfnis nach kommunikation befriedigen können. bücher reden vielleicht aber sie neigen ein bisschen zum monologisieren...
so weit erst mal ein wenig gedacht...
Der dritte Aufguss Tee
Re: Der dritte Aufguss Tee
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
sarah kane
Re: Der dritte Aufguss Tee
ein bisserl textarbeit bis zum bibliothekar-break (satzumstellungen, schließlichs, doppler-aus und kleine fehler wie Augenli(e)der eliminiert. bitte mal checken, obs dir so passt:
.... mehr aus Ratlosigkeit denn echter Hoffnung, die Polizei angerufen. Schließlich saß ich nur noch da, hielt ihre Hand und redete mir ein, zusehen zu können, wie sie zusehends an Farbe verlor. Einmal flatterten kurz ihre Augenlider und ich hielt den Atem an, doch sie seufzte nur leise und glitt zurück in die Bewusstlosigkeit – wenn sie denn überhaupt im Begriff gewesen war, aufzuwachen.
Der Sanitäter, der endlich kam, war selbst bleich und verdiente es wohl nicht, dass ich ihn geschlagene fünf Minuten lang anbrüllte, wo er denn gewesen sei und warum, zum Teufel, er alleine komme.
Es ginge nicht nur uns so, sagte er, alle würden sie umfallen, wie die Fliegen.
Was denn "alle" hieße, wollte ich wissen.
Alle eben, meinte er, und zuckte müde die Schultern. Er könne nichts tun. Vier seiner Kollegen sei dasselbe passiert, ein Chefarzt im Krankenhaus sei kollabiert, während er eine Bandscheibenoperation durchführte, was jedoch die Patientin nicht weiter gestört hätte, denn sie sei mysteriöserweise nicht aus der Narkose aufgewacht. Man hätte sich, im Nachhinein betrachtet, sogar die Narkose sparen können.
Eine Seuche, sagte ich.
Eine Seuche, bestätigte er.
Ob es, sagte ich, und leckte mir dabei über die Lippen, die mir plötzlich unangemessen trocken erschienen, schon Tote gegeben hätte?
Er sah mich mit großen Augen an und fragte, ob er eine Tasse Kaffee bekommen könne.
Lg
kasparov
.... mehr aus Ratlosigkeit denn echter Hoffnung, die Polizei angerufen. Schließlich saß ich nur noch da, hielt ihre Hand und redete mir ein, zusehen zu können, wie sie zusehends an Farbe verlor. Einmal flatterten kurz ihre Augenlider und ich hielt den Atem an, doch sie seufzte nur leise und glitt zurück in die Bewusstlosigkeit – wenn sie denn überhaupt im Begriff gewesen war, aufzuwachen.
Der Sanitäter, der endlich kam, war selbst bleich und verdiente es wohl nicht, dass ich ihn geschlagene fünf Minuten lang anbrüllte, wo er denn gewesen sei und warum, zum Teufel, er alleine komme.
Es ginge nicht nur uns so, sagte er, alle würden sie umfallen, wie die Fliegen.
Was denn "alle" hieße, wollte ich wissen.
Alle eben, meinte er, und zuckte müde die Schultern. Er könne nichts tun. Vier seiner Kollegen sei dasselbe passiert, ein Chefarzt im Krankenhaus sei kollabiert, während er eine Bandscheibenoperation durchführte, was jedoch die Patientin nicht weiter gestört hätte, denn sie sei mysteriöserweise nicht aus der Narkose aufgewacht. Man hätte sich, im Nachhinein betrachtet, sogar die Narkose sparen können.
Eine Seuche, sagte ich.
Eine Seuche, bestätigte er.
Ob es, sagte ich, und leckte mir dabei über die Lippen, die mir plötzlich unangemessen trocken erschienen, schon Tote gegeben hätte?
Er sah mich mit großen Augen an und fragte, ob er eine Tasse Kaffee bekommen könne.
Lg
kasparov
„To hell with circumstances; I create opportunities.“ – Bruce Lee
Re: Der dritte Aufguss Tee
hab den restlichen text handschriftlich fertiggegrübelt - nur noch tippen. bist du daran noch interessiert, stille?
je näher ich mich damit beschäftige, desto verständlicher wird mir die beiläufigkeit, mit der du tod und verlust abhandelst. warum soll gleichgültigkeit allem gegenüber, was sich außerhalb der eigenen befindlichkeit abspielt, nicht polarisieren?
zur bücherpflegerin: fahrenheit451 kann eine abgewandelte version vertragen. eine, in der literatur nicht per stillepost sondern originalgetreu in blatt und buch überlebt. wobei sich der risikofaktor wurmdrin natürlich auch irgendwann evolutionär zu wort melden wird. aber das ist eine andere geschichte.
Lg
kasparov
je näher ich mich damit beschäftige, desto verständlicher wird mir die beiläufigkeit, mit der du tod und verlust abhandelst. warum soll gleichgültigkeit allem gegenüber, was sich außerhalb der eigenen befindlichkeit abspielt, nicht polarisieren?
zur bücherpflegerin: fahrenheit451 kann eine abgewandelte version vertragen. eine, in der literatur nicht per stillepost sondern originalgetreu in blatt und buch überlebt. wobei sich der risikofaktor wurmdrin natürlich auch irgendwann evolutionär zu wort melden wird. aber das ist eine andere geschichte.
Lg
kasparov
„To hell with circumstances; I create opportunities.“ – Bruce Lee
Re: Der dritte Aufguss Tee
Bin hochgradig noch dran interessiert!
Sorry, das ich auf die letzten beiden Posts nicht geantwortet hab - war jetzt ein paar Tage lang ziemlich im Stress, weil wir grad unsere Semesterarbeiten drehen und das is ein bisserl Zeitaufwändig.
Bin dir und Ede schwer dankbar für die Anmerkungen und werd sie verarbeiten (auch hirnlich), sobald ich mehr als drei Sekunden Freizeit hab.
Ganz lieber Gruß,
Sarah
Sorry, das ich auf die letzten beiden Posts nicht geantwortet hab - war jetzt ein paar Tage lang ziemlich im Stress, weil wir grad unsere Semesterarbeiten drehen und das is ein bisserl Zeitaufwändig.
Bin dir und Ede schwer dankbar für die Anmerkungen und werd sie verarbeiten (auch hirnlich), sobald ich mehr als drei Sekunden Freizeit hab.
Ganz lieber Gruß,
Sarah
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon
- Ursula Vernon
Re: Der dritte Aufguss Tee
Hallo, Stille.
Hier nun auch noch mein Senf zum Thema.
1. Mir gefällt die Idee sehr gut, fühlte mich erinnert an einen interessanten Fantasyfilm aus den 70ern "Flucht ins 23. Jahrhundert". Aber "Fahrenheit 451" würde auch passen, hat Kasparov recht.
2. Denke, ein Mensch und die Bücher sind ok., allerdings die Sammelei würde ich auch streichen. Bewahren ist auch in Ordnung, immerhin werden irgendwann die Ratten soweit sein und lesen können, dann wäre es doch schön, wenn sie etwas hätten, was an vergangene Zivilisationen erinnert. Vielleicht fangen sie ja auch irgendwann an, Ausgrabungen zu machen, wer weiß...
3. Denke, dass man aus einer Narkose aufwacht, nicht auftaucht.
4.
Denke, so klingt es besser, weniger distanziert.
5.
Lass Angelika doch einfach in die Vorschule gehen, dann könnte sie unverfänglich vom Kindergarten erzählen, denn dort findet Vorschule ja statt und du müßtest nur eine kleine Silbe ergänzen.
Soviel von meiner Seite.
Abendgruß
Flocke
Hier nun auch noch mein Senf zum Thema.
1. Mir gefällt die Idee sehr gut, fühlte mich erinnert an einen interessanten Fantasyfilm aus den 70ern "Flucht ins 23. Jahrhundert". Aber "Fahrenheit 451" würde auch passen, hat Kasparov recht.
2. Denke, ein Mensch und die Bücher sind ok., allerdings die Sammelei würde ich auch streichen. Bewahren ist auch in Ordnung, immerhin werden irgendwann die Ratten soweit sein und lesen können, dann wäre es doch schön, wenn sie etwas hätten, was an vergangene Zivilisationen erinnert. Vielleicht fangen sie ja auch irgendwann an, Ausgrabungen zu machen, wer weiß...
3. Denke, dass man aus einer Narkose aufwacht, nicht auftaucht.
4.
Meine Frau Laura rief mich eines Tages in der Arbeit an
Denke, so klingt es besser, weniger distanziert.
5.
Sie bat mich, unsere Tochter Angelika aus der Vorschule abzuholen und auf dem Heimweg noch ein paar Fallen zu besorgen. Sie habe den Verdacht, bei uns im Keller gäbe es Ratten. Als Angelika und ich heimkamen, sie fröhlich von der Grippewelle im Kindergarten plappernd,
Lass Angelika doch einfach in die Vorschule gehen, dann könnte sie unverfänglich vom Kindergarten erzählen, denn dort findet Vorschule ja statt und du müßtest nur eine kleine Silbe ergänzen.
Soviel von meiner Seite.
Abendgruß
Flocke
...Der den Wind kennt / besser als alle Bücher / den Baum / frag nach Wahrheit...
Re: Der dritte Aufguss Tee
teil zwei getippselt
Ein Bibliothekar sitzt frühmorgens an der Bushaltestelle. Einige Meter entfernt der Bus, dem zwei Scheiben fehlen, die anderen sind trüb, Reifen hat er schon lange keine mehr und auf den Sitzen wächst Moos. Im Rost unterm Lenkrad säugt eine Rättin ihre Jungen.
Lauras Schlaf wurde einfach tiefer und tiefer, bis sie wohl einen Traum fand, der zu wundersam war, als dass sie sich bemüht hätte, ihn je wieder zu verlassen. Ich machte mir nicht die Mühe, wieder irgendwo anzurufen - als Laura um sechs Uhr abends aufhörte zu atmen, lagen schon Tote auf den Straßen und die, die sie fortbringen wollten, legten sich gleich dazu. Ich hätte nicht gewusst, was tun, hätte mir Angelika die Entscheidung nicht abgenommen. Wäre sie am Leben geblieben, ich hätte dafür Sorge getragen, dass sich an diesem Zustand nichts änderte. Als ich aber in ihr Zimmer kam, um sie ein letztes Mal zu ihrer Mutter zu holen, schlief sie schon.
Ich begrub beide im Garten unter dem Kastanienbaum, bei den Türkenbundlilien, mir schien dieser Platz so gut wie jeder andere. Seltsam, dass ich mir überhaupt die Mühe machte. Den Verfall würde es ja nicht verhindern, nur verbergen, und vor wem? War ja keiner mehr da. Denn als ich noch ein paar Tulpenzwiebeln in die Erde über ihren Köpfen legte, war ich schon der letzte Mensch. Ich sprach danach nie wieder. Sicher, ich könnte behaupten: Die Stille lastete schwer auf mir. Aber ich bekam Gelegenheit, einen uralten Irrtum zu erkennen. Der Mensch meinte, ohne ihn herrsche Stille. Er folgerte, dass menschenleer gleich stumm sei. Er war schon beeindruckt, wenn er nur lange genug dem Mund hielt um etwas anderes, als Mensch zu hören.
Jemand macht einen Morgenspaziergang durch eine Birkenallee und wähnt sich von vollkommener Stille umgeben. Aber über seinem Kopf zaust der Wind die Bäume. Ein Blatt raschelt gegen ein anderes, und dieses winzige Geräusch hallt wider im Gemurmel von anderen abertausenden, vom Wind bewegten Blättern. Ein kaleidoskopisches Geräusch, ein labyrinthisches Geräusch, aber der ignorante Narr von Spaziergänger nennt es „Stille“.
In zerbrochenen Straßenlaternen nisteten Vögel, die hörte ich. In verlassenen Häusern huschten Mäuse, hinterließen winzige Fußspuren im Staub, auch die hörte ich. Ich entdeckte die wundervolle Komplexität, die dem Regenrauschen innewohnt. Ich lauschte meinen eigenen Schritten. Eines Nachmittags entdeckte ich in einem Zeitgeschichtemuseum ein Grammophon und einige Schallplatten. Irgendwie brachte ich es in Gang und durch den grauen Nachmittag tröpfelte dunkelvioletter Walzer. Es dauerte nicht lange, da war selbst er mir lästig, schien mir alle Musik trauriges Werkzeug zu sein, um eine Stille zu übertönen, die gar keine war. Es war nicht die Stille, die auf mir lastete, es war das Schweigen und ich lernte jetzt erst, das eine vom anderen zu unterscheiden. Ich vermisste nicht die Stimmen - nein, die Worte. Ich vermutete zwar, dass das Gekeife der Rotkehlchen und das Jaulen der Katzen nach menschlicher Auffassung durchaus Sprachen waren – Information, Tratsch, Liebesschwur, Beleidigung – aber ich konnte sie nicht verstehen. Was mir fehlte, waren Muster menschlicher Sprache, sinngeladene Silben, Kommunikation, wenn man so will. Ich redete zwar mit meinen Katzen, sie neigten aber nicht gerade zu elaborierten Antworten. Mir wurde erst bewusst, was mir fehlte, als ich eines Tages das Zimmer meiner Tochter aufräumte, gedankenverloren fünfmal hintereinander ihr Lieblingsbilderbuch durchblätterte und eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf maulte: „Da fehlt was.“
Vor dem großen Schlaf war es für mich schon etwas Besonderes, einmal mehr als drei Artikel in der Tageszeitung gelesen zu haben, Bücher rührte ich so gut wie nie an. Nicht, dass ich ungebildet gewesen wäre, nur eben nicht belesen.
Ein Bibliothekar sitzt frühmorgens an der Bushaltestelle. Den Bus gibt es nicht mehr und die Nachkommen der jungen Ratten in dreiundfünfzigster Generation werden in einigen Tagen das Feuer erfinden. Wenn man es genau nimmt, gibt es auch die Bushaltestelle nicht mehr. Nun steht dort eine Linde - knorrig, sich selbst umschlingend, als habe sie einen geheimen Kern, den sie vor der Welt verbergen wolle, als ob es reichen würde, ihn dafür nur fest genug zu umarmen.
Ich ging in die Stadtbibliothek und blieb dort. Ich besserte die Mauern aus, die im Laufe der Jahre zu vermodern begannen, putzte einmal die Woche alle Fenster und staubte die Bücher ab, hielt Feuchtigkeit und Schimmel von ihnen fern, half ihnen, die Zeit zu überstehen. Hin und wieder streifte ich durch die Stadt, um noch mehr Bücher zu bergen, bis es eines Tages keine Stadt mehr gab. Jeden Morgen ging ich zum Donauufer, wo ich damals, in einer anderen Welt, jeden Morgen auf den Bus gewartet hatte, sah zu, wie die Sonne aufging, Ich stieg täglich auf das Dach der Bibliothek, der Wald kam immer näher, der wilde Wein legte sich wie Brokat über die Ruinen und die Birken wurden zu weißen Säulen neuer Paläste. Irgendwann war mir, als wären da andere, schönere Wesen in diesen Hallen zu sehen, schob es dann aber auf meine Fantasie, die Evolution oder kürzlich genossener Shakespeare-Lektüre. Bunte Tücher oder Herbstlaub, staubiger Samt oder der Flügel eines Nachtfalters - Dinge sind schön, auch ohne Grund.
Ein Bibliothekar bleibt eines Tages länger dort am Ufer sitzen und die Sonne geht auf, tränkt das Wasser mit Licht. Im Hintergrund hört er das Gelächter der Rattenkinder, die von der Schule heimkommen und Fangen spielen. Er weiß natürlich längst, was es ist, das die Linde umarmt.
Lg
kasparov
Ein Bibliothekar sitzt frühmorgens an der Bushaltestelle. Einige Meter entfernt der Bus, dem zwei Scheiben fehlen, die anderen sind trüb, Reifen hat er schon lange keine mehr und auf den Sitzen wächst Moos. Im Rost unterm Lenkrad säugt eine Rättin ihre Jungen.
Lauras Schlaf wurde einfach tiefer und tiefer, bis sie wohl einen Traum fand, der zu wundersam war, als dass sie sich bemüht hätte, ihn je wieder zu verlassen. Ich machte mir nicht die Mühe, wieder irgendwo anzurufen - als Laura um sechs Uhr abends aufhörte zu atmen, lagen schon Tote auf den Straßen und die, die sie fortbringen wollten, legten sich gleich dazu. Ich hätte nicht gewusst, was tun, hätte mir Angelika die Entscheidung nicht abgenommen. Wäre sie am Leben geblieben, ich hätte dafür Sorge getragen, dass sich an diesem Zustand nichts änderte. Als ich aber in ihr Zimmer kam, um sie ein letztes Mal zu ihrer Mutter zu holen, schlief sie schon.
Ich begrub beide im Garten unter dem Kastanienbaum, bei den Türkenbundlilien, mir schien dieser Platz so gut wie jeder andere. Seltsam, dass ich mir überhaupt die Mühe machte. Den Verfall würde es ja nicht verhindern, nur verbergen, und vor wem? War ja keiner mehr da. Denn als ich noch ein paar Tulpenzwiebeln in die Erde über ihren Köpfen legte, war ich schon der letzte Mensch. Ich sprach danach nie wieder. Sicher, ich könnte behaupten: Die Stille lastete schwer auf mir. Aber ich bekam Gelegenheit, einen uralten Irrtum zu erkennen. Der Mensch meinte, ohne ihn herrsche Stille. Er folgerte, dass menschenleer gleich stumm sei. Er war schon beeindruckt, wenn er nur lange genug dem Mund hielt um etwas anderes, als Mensch zu hören.
Jemand macht einen Morgenspaziergang durch eine Birkenallee und wähnt sich von vollkommener Stille umgeben. Aber über seinem Kopf zaust der Wind die Bäume. Ein Blatt raschelt gegen ein anderes, und dieses winzige Geräusch hallt wider im Gemurmel von anderen abertausenden, vom Wind bewegten Blättern. Ein kaleidoskopisches Geräusch, ein labyrinthisches Geräusch, aber der ignorante Narr von Spaziergänger nennt es „Stille“.
In zerbrochenen Straßenlaternen nisteten Vögel, die hörte ich. In verlassenen Häusern huschten Mäuse, hinterließen winzige Fußspuren im Staub, auch die hörte ich. Ich entdeckte die wundervolle Komplexität, die dem Regenrauschen innewohnt. Ich lauschte meinen eigenen Schritten. Eines Nachmittags entdeckte ich in einem Zeitgeschichtemuseum ein Grammophon und einige Schallplatten. Irgendwie brachte ich es in Gang und durch den grauen Nachmittag tröpfelte dunkelvioletter Walzer. Es dauerte nicht lange, da war selbst er mir lästig, schien mir alle Musik trauriges Werkzeug zu sein, um eine Stille zu übertönen, die gar keine war. Es war nicht die Stille, die auf mir lastete, es war das Schweigen und ich lernte jetzt erst, das eine vom anderen zu unterscheiden. Ich vermisste nicht die Stimmen - nein, die Worte. Ich vermutete zwar, dass das Gekeife der Rotkehlchen und das Jaulen der Katzen nach menschlicher Auffassung durchaus Sprachen waren – Information, Tratsch, Liebesschwur, Beleidigung – aber ich konnte sie nicht verstehen. Was mir fehlte, waren Muster menschlicher Sprache, sinngeladene Silben, Kommunikation, wenn man so will. Ich redete zwar mit meinen Katzen, sie neigten aber nicht gerade zu elaborierten Antworten. Mir wurde erst bewusst, was mir fehlte, als ich eines Tages das Zimmer meiner Tochter aufräumte, gedankenverloren fünfmal hintereinander ihr Lieblingsbilderbuch durchblätterte und eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf maulte: „Da fehlt was.“
Vor dem großen Schlaf war es für mich schon etwas Besonderes, einmal mehr als drei Artikel in der Tageszeitung gelesen zu haben, Bücher rührte ich so gut wie nie an. Nicht, dass ich ungebildet gewesen wäre, nur eben nicht belesen.
Ein Bibliothekar sitzt frühmorgens an der Bushaltestelle. Den Bus gibt es nicht mehr und die Nachkommen der jungen Ratten in dreiundfünfzigster Generation werden in einigen Tagen das Feuer erfinden. Wenn man es genau nimmt, gibt es auch die Bushaltestelle nicht mehr. Nun steht dort eine Linde - knorrig, sich selbst umschlingend, als habe sie einen geheimen Kern, den sie vor der Welt verbergen wolle, als ob es reichen würde, ihn dafür nur fest genug zu umarmen.
Ich ging in die Stadtbibliothek und blieb dort. Ich besserte die Mauern aus, die im Laufe der Jahre zu vermodern begannen, putzte einmal die Woche alle Fenster und staubte die Bücher ab, hielt Feuchtigkeit und Schimmel von ihnen fern, half ihnen, die Zeit zu überstehen. Hin und wieder streifte ich durch die Stadt, um noch mehr Bücher zu bergen, bis es eines Tages keine Stadt mehr gab. Jeden Morgen ging ich zum Donauufer, wo ich damals, in einer anderen Welt, jeden Morgen auf den Bus gewartet hatte, sah zu, wie die Sonne aufging, Ich stieg täglich auf das Dach der Bibliothek, der Wald kam immer näher, der wilde Wein legte sich wie Brokat über die Ruinen und die Birken wurden zu weißen Säulen neuer Paläste. Irgendwann war mir, als wären da andere, schönere Wesen in diesen Hallen zu sehen, schob es dann aber auf meine Fantasie, die Evolution oder kürzlich genossener Shakespeare-Lektüre. Bunte Tücher oder Herbstlaub, staubiger Samt oder der Flügel eines Nachtfalters - Dinge sind schön, auch ohne Grund.
Ein Bibliothekar bleibt eines Tages länger dort am Ufer sitzen und die Sonne geht auf, tränkt das Wasser mit Licht. Im Hintergrund hört er das Gelächter der Rattenkinder, die von der Schule heimkommen und Fangen spielen. Er weiß natürlich längst, was es ist, das die Linde umarmt.
Lg
kasparov
„To hell with circumstances; I create opportunities.“ – Bruce Lee
Re: Der dritte Aufguss Tee
Du, danke dir erneut vielmals und entschuldige mich für die Verzögerte Antwort. Ich hatte jetzt irgendwie die letzten Tage was am Hals, das mit Stress nur noch unzureichen, will fast sagen: verharmlosend, zu bezeichnen ist. Wertschätze aber deine Korrekturen zutiefst und werde sie, so ich Zeit finde, überdenken und - zumindest zum Teil, bei ein paar Dingen bin ich stur
- einarbeiten.
Lieber Gruß,
Sarah
Lieber Gruß,
Sarah
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